Frauen in der Kirche  Tragen wir unser Kreuz

Frauen in der Kirche Foto: Waldemar Brandt via Unsplash | CC0 1.0

Während der Vatikan in seinen jüngsten Verlautbarungen die Diakonatsweihe für Frauen kategorisch ablehnt, sind es auf dem tschechischen Land gerade Frauen wie Věra, die die Pfarreien am Leben erhalten und in Momenten der Schwäche der Priester ganz selbstverständlich die Leitung der Gottesdienste übernehmen. Eine Kurzgeschichte über den stillen Widerstand gegen ein rigides System, das Angst vor der eigenen Realität hat.

Die Äußerung prophetischer Eingebungen ist nämlich dem Willen der Propheten unterworfen. Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern ein Gott des Friedens. Wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist, sollen die Frauen in den Versammlungen schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden: Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. Wenn sie etwas lernen wollen, dann sollen sie zu Hause ihre Männer fragen; denn es gehört sich nicht für eine Frau, in der Versammlung zu reden. Ist etwa das Gotteswort von euch ausgegangen? Ist es etwa nur zu euch gekommen? Wenn einer meint, Prophet zu sein oder geisterfüllt, soll er in dem, was ich euch schreibe, ein Gebot des Herrn erkennen. Wer das nicht anerkennt, wird nicht anerkannt. Strebt also nach dem prophetischen Reden, meine Brüder und Schwestern, und verhindert nicht das Reden in Zungen! Doch alles soll in Anstand und Ordnung geschehen.
(1Kor 14, 32–40.)
Wie jeden Donnerstag im Mai schloss Věra mit einem großen, schweren Schlüssel die Tür der Dorfkapelle des Heiligen Gorazd von Mähren auf. Aus dem kleinen gemauerten Gebäude, von dessen Wänden der Putz recht stark abblätterte, wehte ihr eine angenehme Kühle entgegen. Die Maiabende waren immer noch frisch, doch an manchen Tagen, besonders wenn es längere Zeit nicht geregnet hatte, spürte Věra dieselbe Trockenheit, unter der die ungepflegten Raine am Feldweg hinter ihrem Haus litten, auf denen nun wild und weiß Schlehen und Mirabellen blühten.

Sie goss etwas Weihwasser aus dem Plastikkanister, auf dem das Bildnis der Jungfrau Maria von Međugorje prangte, in die Gießkanne. Die dunkelblauen Linien, die Marias Nase und ihr sanftes Lächeln nachzeichneten, waren bereits verblasst. Auch diesen Kanister hatte Věra einige Jahre nach der Revolution direkt aus dem Wallfahrtsort mitgebracht.

Den ganzen Weg von Bosnien und Herzegowina hatte sie ihn damals auf dem Schoß gehalten. Zwei Liter Weihwasser aus dem Städtchen, in dem das Wunder geschehen war, verteilte sie an ihre Familie, ihre Töchter, Schwestern und eine Nachbarin, die zwar bis 1989 in der Partei gewesen war, sich aber unter den neuen Verhältnissen einer solchen Aufmerksamkeit nicht verwehrte. Das Weihwasser bewahrte sie auch weiterhin in dem Kanister auf, obwohl es nur vom örtlichen Priester stammte. Es reichte genau für ein ganzes Jahr, in dem Plastikbehälter wurde das Wasser nie muffig und fror auch nicht ein.

Manchmal dachte Věra an jene Zeit der plötzlich gewonnenen Freiheit; sie war damals fünfundvierzig Jahre alt gewesen, musste sich nicht mehr um ihre Töchter kümmern und hatte endlich das Gefühl, frei atmen zu können. Neben der Nervosität darüber, wie sie und die ihr Nahestehenden den Übergang in die neue Welt bewältigen würden, verspürte sie große Genugtuung darüber, ihr ganzes Leben lang auf der richtigen Seite gestanden zu haben, obwohl ihr Umfeld ihr ständig einzureden versuchte, dass sie ihr eigenes Glück und das ihrer Familie mit Füßen trete, weil sie sich an diese „Schwarzröcke“ hielt. Die damalige Reise zu dem berühmten Wallfahrtsort hatte sie mit Hoffnung erfüllt und die Konfrontation, mit der vom andauernden Kriegskonflikt gezeichneten Mittelmeerlandschaft hatte bei ihr Demut und Dankbarkeit ausgelöst, auch für die Couponprivatisierung.

„Gelobt sei Christus“, grüßte Věra den Ort und tauchte ihre Hand in das Weihwasserbecken.

Mit drei Schritten stand sie vor dem Altar, so klein war die Kapelle. Sie breitete eine frischgewaschene Tischdecke auf dem Altartisch aus und sammelte die geschliffenen Vasen ein. Sie wechselte das Wasser darin aus, ersetzte die verblühten Blumen durch frische aus dem Garten und verteilte Sitzkissen auf die Holzstühle. Anfang des Monats hatte Líba zehn neue Kissen für die Kapelle genäht, Maruška hatte am Mittwoch in der Kapelle staubgesaugt – all das hakte Věra im Geiste ab. Auf die Mädels war Verlass.

Wie jede Woche trafen sie sich kurz vor sechs zur Maiandacht; vielleicht kam noch Božena, eventuell sogar mit ihrem Mann, und Ivana mit ihrer Tochter, sofern sie diese Woche früher als sonst aus der Tageseinrichtung mit der Werkstatt für behinderte Menschen nach Hause kam. Věra markierte sich die Lieder für das heutige Treffen im Gesangsbuch mit einem Bildchen aus Křtiny und einer Postkarte aus Lourdes.
 
Tragen wir unser Kreuz,
haben wir den Glauben,
dass uns geholfen wird, es zu tragen.
In dieser vergänglichen Welt
gibt es keinen Frieden,
lassen wir uns nicht in den Schlaf verführen!

Sie ließ ihren Blick über den von den Schriften Teresa von Ávilas inspirierten Refrain gleiten und überlegte dann, dass zum heutigen Anlass ein Marienlied besser passen würde. Sie musste wieder an Ivanas Tochter denken; es schien, als ginge es ihr in den letzten Jahren nicht gut. Ihre zierliche, kleine Gestalt wurde allmählich immer runder; als Biologielehrerin wusste Ivana nur zu gut, dass das Down-Syndrom weitere gesundheitliche Komplikationen mit sich bringen kann, Schilddrüsenstörungen, angeborene Herzfehler oder Leukämie. Deshalb beobachtete sie die Veränderungen am Körper ihrer Tochter aufmerksam.
Der Priester lud sie zu sich in den alten Škoda-Felicia ein.
Věra rieb sich die Augen und empfand tiefe Dankbarkeit dafür, dass ihre Kinder ebenso wie ihre Enkelkinder, gesund waren. Ivana beschwerte sich nie über ihre Tochter, dafür konnte sie umso mehr über die Ärzte und Sozialarbeiterinnen schimpfen, denen sie ihre Tochter zur Betreuung anvertraute. Věra verstand das; manchmal musste sie sich jedoch auf die Unterlippe beißen, wenn Ivana nach dem gemeinsamen Gebet in der Kapelle giftige Worte versprühte.

Věra konnte all die Bitterkeit nachvollziehen und würde Ivana niemals zurechtweisen wollen; es reichte schon, dass man ihr den Zugang zu den Sakramenten verwehrte hatte, weil sich ihr Mann kurz nach der Geburt des behinderten Babys von ihr scheiden ließ. Tief im Inneren war Věra nicht damit einverstanden, sagt es aber nicht laut. Als es jedoch so aussah, als wolle der hiesige Seelsorger auch Ivanas Tochter von den Sakramenten ausschließen, passte ihn Věra einmal nach der Messe in der Kapelle ab und bat ihn um die Beichte. Der Priester lud sie zu sich in den alten Škoda-Felicia ein.

„Ich bekenne vor Gott, dass ich diese Sünden begangen habe; beim Beten bin ich unkonzentriert, ich habe mich mit meinen Geschwistern wegen Kleinigkeiten gestritten, ich habe meine Faulheit nicht überwunden und mich nicht ausreichend zu Wort gemeldet, als meinen Mitmenschen Unrecht und Ungerechtigkeit widerfuhr.“

Věra ahnte, dass der Priester sich zu jeder ihrer Verfehlungen mit ein paar allgemeinen Phrasen äußern würde. Er sprach über die Bedeutung des Gebets, über Demut und Liebe, deren Trägerinnen in der Familie gerade Frauen sein sollten, über das Beispiel von Maria und Marta und die Notwendigkeit zu unterscheiden, wann es bedeutet, faul zu sein und wann man besonnen innehalten und sich geistig erfrischen sollte. Zum Schluss betonte er noch, dass wir alle versagen können, dass aber der Mut, für andere einzustehen, insbesondere für diejenigen, denen Unrecht widerfährt, auch jetzt, nach dem Regimewechsel, noch immer eine große Herausforderung sei.

„Genau, Vater“, sagte Věra anstelle des zu erwartenden „Amen“ und ließ den Prieser nicht weiterzusprechen, um ihr die Absolution zu erteilen. „Womit soll die Kleine denn verdient haben, die Sakramente nicht empfangen zu dürfen. Sie war doch zusammen mit meinen Mädchen bei der Erstkommunion, nie habe ich sie so glücklich gesehen, wie damals, als sie in ihrem weißen Kleid vom Altar zurückkam. Sie weiß nicht, wie man beichtet, das ist ja kaum verwunderlich, was kann denn so eine reine Seele im Gegensatz zu uns schon für Verfehlungen haben?“ Der Priester blickte in den Rückspiegel, ihm war klar, worauf sie hinauswollte. Der Widerstand und die Raffinesse, mit der sie ihn ansprach, überraschte ihn jedoch.

„Und sonst haben Sie alle ihre Sünden gebeichtet?“
„Vermutlich schon.“ Věra zuckte mit den Schultern.
Der Mann mit dem weißen Kragen am Hals zögerte einen Moment, nickte dann und sagte streng und distanziert: „Lesen Sie als Buße mindestens zwei Kapitel aus dem Buch der Sprichwörter gründlich durch. Zum Beispiel die Verse 16 bis 18 und die folgenden.“

Nachdem sie die Beichte abgelegt hatte, schlug Věra die Autotür vielleicht etwas heftiger zu, als nötig gewesen wäre.
Hoffart kommt vor dem Sturz / und Hochmut kommt vor dem Fall.
(Sprichwörter 16,18)
Hochmut erniedrigt den Menschen, / doch der Demütige kommt zu Ehren.
(Sprichwörter 29,23)
Vater Vojtěch musste vor der Fahrt zum Wortgottesdienst noch tanken. Er blickte auf den Rücksitz seines Autos und dachte, er sollte dort wirklich mal ein bisschen aufräumen. Er fand zehn Kronen und fuhr nach dem Tanken an die Säule mit dem Staubsauger. Er warf einige Verpackungen, Dosen von Energy-Drinks und leere Becher vom Automatenkaffee weg, griff nach einer alten Zeitung – schon lange hatte er keine Zeit mehr gefunden, sie in Ruhe von vorne bis hinten durchzulesen – und blätterte sie noch einmal kurz durch, bevor er beschloss, sie zum Container zu bringen.
Die offizielle Befugnis für Frauen, am Altar zu dienen, die Papst Franziskus erteilt hat, bringt die Institution mit der pastoralen Praxis in Einklang. Die Möglichkeit des Diakonats für Frauen untersucht bereits die zweite päpstliche Kommission.

Im Laufe der Moderne, die besonders von der Faszination für „klare und deutliche“ Ideen geprägt ist, ist auch die Kirche zuweilen in die Falle getappt, die Treue zu den Ideen für wichtiger zu halten als die Aufmerksamkeit gegenüber der Wirklichkeit.“ schrieb Papst Franziskus im Vorwort zum Buch Frauen und Ämter in der synodalen Kirche.
Vojtěch starrte einen Moment lang auf den Leitartikel und blätterte dann zweimal durch die vergilbten Seiten. Von wann waren wohl diese Nachrichten? Letztendlich würde doch nichts dabei herauskommen und alles bleiben wie bisher. Er war es, der mehrmals pro Woche durch alle Dörfer der Pfarrei ziehen musste, wegen einer Handvoll Leute, die ihn mit Fragen zur Reparatur ihrer Kapelle löcherten. Gerade heute hatte er sich kaum aufraffen können, das Treffen mit der Katechismus-Lehrerin am Nachmittag hatte auch seinen Anteil daran. Sie waren auf dem Weg von der Grundschule aufeinandergetroffen.

Während er sich wie jedes Jahr den Drittklässler*innen und ihrer Vorbereitung auf die Erstkommunion widmete, unterrichtete die Katechismus-Lehrerin die anderen Kinder bis zur fünften Klasse in Religion. Im Laufe des Gesprächs erwähnte er, dass es für die Schülerinnen und Schüler kein gutes Vorbild sei, wenn selbst die Lehrerin die Messe vorzeitig verlasse. Die junge Frau wurde sichtlich blass. „Sie denken wie ein Inquisitor, Vater“, zischte sie. Vojtěch blieb stehen, sie ging ihm ein paar Schritte voraus, drehte sich abrupt um und sah ihm ins Gesicht. „Sie leiden sicher nicht jeden Monat unter schrecklichen Menstruationsbeschwerden. Dysmenorrhö. Latein können Sie wohl“, sagte sie wütend und ging, ohne sich zu verabschieden.
Und geht jemand zur Kommunion?“, wagte Vater Vojtěch erneut einen Blick in den Raum.
Jetzt saugte Vojtěch Staub und freute sich, dass das Dröhnen des technischen Gerätes für den Moment auch seine eigenen Gedanken übertönte.

Knapp vierzig Minuten später ließ er seinen Blick über fünf die Frauen gleiten, die vor ihm standen.
„Sind wir schon vollzählig?“
„Eine meiner Töchter hat Spätschicht und die andere hat ein krankes Kind zuhause“, informierte ihn Věra.
Božena verspürte kein Bedürfnis, ihren Mann zu entschuldigen, als ob die Pflicht zur heutigen Versammlung ihn nicht beträfe.
„Übernimmt jemand das Lesen?“
„Wir haben uns das schon aufgeteilt“, sagte Věra.
„Und die Fürbitten?“
„Die kann ich übernehmen“, lächelte sie.
„Und geht jemand zur Kommunion?“, wagte Vater Vojtěch erneut einen Blick in den Raum. Ivana wandte den Blick ab und schaute aus dem Fenster, ihre Tochter griff nach ihrer Hand.
„Wir gehen alle“, sagte Věra entschlossen.

Der Wortgottesdienst hätte auf den ersten Blick routinemäßig ablaufen können. Božena sang langsam und mit hoher Stimme vor, die Frauen in der Kapelle setzten sich, standen auf und knieten sich gemäß den Gepflogenheiten hin, nur Ivanas Tochter hing mit den Abläufen gelegentlich etwas hinterher und lachte jedes Mal herzlich darüber. In dem kleinen Raum duftete es intensiv nach Flieder. Bei Vater Vojtěch setzte eine allergische Reaktion ein, der schwere Duft machte ihn benommen. Er dachte über die Anrede „Vater“ nach. Besonders unpassend wirkte es, wenn er so von den weiblichen Gemeindemitgliedern angesprochen wurde, die eher seine Mütter hätten sein können, wie es heute der Fall war. Ihm fiel auf, dass sie die Bezeichnung oft gar nicht benutzen oder eine gewissen Ironie in ihre Intonation legten.

Deutlich jüngere Frauen und Mädchen genierten sich meist, die Anrede zu verwenden. Er musste an Situationen aus dem Beichtstuhl denken. Den Menschen konnte er dabei nicht ins Gesicht sehen, meist waren es nur die Hände, die er deutlich erkennen konnte, oder eine Stimme, die ihn verwirrte. Sanft und zerbrechlich vertraute ihm jemand an, dass sie ihre kleinen Kinder schlug, dass sie mit ihnen nicht zurechtkam und dass sie es hasste, wie sie mit allem allein gelassen wurde und ihr Mann dann am Wochenende auch noch Sex von ihr wollte.

Er sah schwarz lackierte Fingernägel und roch den Geruch von Zigaretten, Alkohol und Blaubeer-Vape, hörte sich Beschwerden über die Eltern an und den Drang, sich etwas anzutun und vor dem verdammten Abitur alles hinzuschmeißen. In beiden Fällen versuchte er zu reagieren, suchte nach Worten, die voller Hoffnung, aber auch erzieherisch sein sollten, und verwies auf das Beispiel der Jungfrau Maria.

„Na dann, vielen Dank auch, Alt… Vater“, hatten damals die schwarzen Fingernägel erwidert. Warum war sie damit überhaupt zu ihm gekommen? Offensichtlich handelte es sich um die aufrichtigste Form der Beichte. Seitdem hatte er nichts Vergleichbares mehr gehört, aber Vojtěch war sich sicher, dass in diesem Fall eher eine Psychologin oder eine Familienberaterin hilfreich wäre. Doch auch Gott ist unser Vater und Jesus Christus sein Sohn, anscheinend konnte selbst ein im Zölibat lebender Priester das Thema Familienbeziehungen nicht aus seinem Repertoire streichen. Er erinnerte sich aus der Bibelkunde oder vielleicht aus dem Hebräisch, dass das „Abba“, mit dem Jesus im Neuen Testament Gott anspricht, viel herzlicher und persönlicher war als das tschechische „otče“. Angeblich ähnelte es eher der Anrede „daddy“, also „Papa“.

Sollte er versuchen, ein gütiger geistiger Papa zu sein? Mit den Drittklässler*innen im Religionsunterricht wäre das vielleicht möglich – mit manchen –, doch wie sollte das mit der Gemeinde seiner Pfarrei gehen, die eher aus alternden Erwachsenen und einer deutlich kleineren Handvoll ihrer erwachsenen Kinder bestand? Es waren noch keine ganz alten Menschen, von denen er sich vorstellte, dass sie nach und nach ebenso hilflos und abhängig würden wie Kinder. Zu diesen hätte er vielleicht väterlich sein können, da wäre ihm schon etwas eingefallen. Seine Gemeinde war jedoch eine Gemeinschaft von Erwachsenen, von denen die meisten den Eindruck vermittelten, dass sie ihre besten Jahre hinter sich hatten und kein Raum mehr für einschneidende Lebensveränderungen bestand. Genauso war es bei ihm. Er war ein zurückhaltender Verwalter, er wusste nicht, wie man ein richtiger Vater wird. Doch was bedeutete das eigentlich? Er erinnerte sich an seinen Vater, einen stolzen und gestrengen Mann, der Disziplin über Zärtlichkeit gestellt hatte.

In manchen Fällen war auch von männlicher und weiblicher Spiritualität die Rede. Es gab schließlich Ordensschwestern, die bis zu einem gewissen Grad von ihren Pflichten abweichen können, um mit Frauen, die Unterstützung brauchen, über weibliche Angelegenheiten zu sprechen, grübelte Vojtěch. Auch Mutter Teresa hatte sicherlich ihre Periode, ebenso wie die heilige Katharina von Siena und bestimmt auch die Jungfrau Maria, selbst wenn ihre Empfängnis aus Gottes Willen geschah. Und dann kam ihm seine Bekannte und Namensvetterin in den Sinn, Schwester Vojtěcha aus der Ordensgemeinschaft der Don Bosco Schwestern, die als Erzieherin in einem nahegelegenen Kinderheim tätig war. Im Vergleich zu ihr erschien ihm sogar sein eigener Vater als ein entspannter, liebevoller Freidenker. Was wusste er eigentlich über Frauen? Abgesehen von seiner eigenen Mutter, die ein gutes Beispiel für eine tugendhafte, stille Ehefrau sein mochte, auch wenn sie Vojtěch in seiner Erinnerung rückblickend eher als eine Person ohne Persönlichkeit erschien.

Eine seltsame Müdigkeit und eine schwere Benommenheit überkamen ihn. Lag es an dem schweren Duft und dem Pollen, der seine Nase und Augen reizte und Atemnot verursachte? Als Allergiker und Asthmatiker hatte er die diesjährige Saison unterschätzt. Er spürte ein unangenehmes Trockenheitsgefühl im Mund, während die Antwort der Gläubigen ausklang. Wie lange saß er eigentlich schon so da? Er konnte sich nicht erinnern, welchen liturgischen Akt er zuletzt vollzogen hatte, aber der Gottesdienst verlief auch ohne sein Zutun. Er rieb sich die Augen, die daraufhin noch mehr brannten als vorher. Er konzentrierte sich, wollte den Mund öffnen, um die Worte zu sagen, auf die die Gemeinde im Gottesdienst die repetitive Antwort geben muss, doch alles erklang ohne sein Zutun. Er blinzelte und erkannte, dass im Moment seiner Schwäche Věra die Leitung des Gottesdienstes übernommen hatte. In der Vergangenheit war ihm schon öfter aufgefallen, dass sie auch das vorsprach, was eigentlich vom Priester kommen sollte, doch er hatte es als Reflex abgetan, als das Bedürfnis, Worte zu wiederholen, die man schon tausendmal gehört hatte. Sie betrat den Altarraum nicht, sie stand sogar wie die anderen Frauen mit dem Gesicht zum Altar gewandt, doch sie stand an ihrer Spitze und verhielt sich ganz natürlich und selbstbewusst. War das Frechheit? War es Rebellion?

Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil stand der Priester ebenfalls mit dem Gesicht zum Altar und die Menschen hinter ihm. Věra wusste das ganz bestimmt, auch wenn sie sich nicht an diese Zeit erinnerte. Was taten die Frauen dieser Gemeinde eigentlich den ganzen Monat lang, bis sie wieder an der Reihe waren und er sie besuchte? Zur Kapelle und den liturgischen Gegenständen hatten sie freien Zugang. Vojtěch zuckte zusammen. Versagte er, wenn er sie nicht kontrollierte? Würden sie ihn dafür zur Rechenschaft ziehen?
 
2 Ich lobe euch, dass ihr in allem an mich denkt und an den Überlieferungen festhaltet, wie ich sie euch übergeben habe. 3 Ihr sollt aber wissen, dass Christus das Haupt eines jeden Mannes ist, der Mann aber das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi.
– schreibt der Heilige Paulus an die Korinther, eine der ersten christlichen Gemeinden, an die er eine ganze Reihe von ermahnenden und ermutigenden Texten richtete. Denn in der dortigen Gemeinschaft spielten auch Frauen, die über die Gabe der Prophetie verfügten, eine große Rolle. Doch nicht nur diese Auserwählten nahmen an den Versammlungen teil, sprachen bei den Zusammenkünften und trugen dabei ihr Haar sogar unbedeckt, was Paulus beunruhigen sollte, da ihr Verhalten an Anhängerinnen ekstatischer heidnischer Kulte erinnerte. Vojtěch kannte alle Argumente dafür, dass in der Kirche der Status quo in Bezug auf die Stellung der Frauen beibehalten werden sollte, denn sonst könnte es ja so werden wie bei den Evangelikalen, Lutheraner*innen oder Hussit*innen. Oder wie bei den unkontrollierten charismatischen Sekten, wie einst in Korinth.

Mein Gott, ich denke ja wirklich wie so ein verrückter Inquisitor, wurde Vojtěch plötzlich bewusst. Vor ihm stand doch keine wahnsinnige Vestalin, sondern eine sympathische Frau im Rentenalter, die versuchte, diese winzige Gemeinschaft von Gläubigen beisammenzuhalten. Sie hätte diese schrecklichen Fliederblüten nicht herbringen sollen, aber mehr konnte er ihr wirklich nicht vorwerfen. Er blickte zu Věra hinüber, die mit geschlossenen Augen betete. Als sich dann ihre Blicke trafen, lächelte sie ihn wieder selbstbewusst an.

„Ist alles in Ordnung, Vater?“
„Ja, natürlich. Fahren Sie fort.“
 
Zum ersten Mal in der Geschichte wird eine Frau, Sarah Elisabeth Mullally, die anglikanische Kirche leiten.

Zum ersten Mal in der Geschichte wird eine Frau, Sarah Elisabeth Mullally, die anglikanische Kirche leiten. | Foto: © Roger Harris via wikimedia

Während im Jahr 2026 zum ersten Mal in der Geschichte der anglikanischen Kirche eine Frau an die Spitze gewählt wurde, die 63-jährige Sarah Mullally trat im Frühjahr 2026 das Amt der Erzbischöfin von Canterbury an, ist es Frauen in der katholischen Kirche sogar verwehrt, selbst die niedrigste Stufe des Weihesakraments – das Diakonat – zu empfangen. Dieses Amt können in der katholischen Kirche weiterhin nur Männer bekleiden; entweder angehende Priester oder ständige Diakone, die eine Ehe eingehen dürfen.

Quelle: irozhlas.cz
„Der Status quaestionis in Bezug auf die historische Forschung und die theologische Untersuchung […] schließt die Möglichkeit aus, in Richtung einer Zulassung von Frauen zum Diakonat als Stufe des Weihesakraments voranzuschreiten.“ (Zitat aus dem Bericht der Kommission zur Untersuchung des Diakonats der Frau)
 
Die Kommission unter Kardinal Petrocchi hat das Diakonat der Frau abgelehnt, auch wenn diese Entscheidung nicht endgültig ist. Die von Kardinal Giuseppe Petrocchi geleitete Studienkommission zur Prüfung der Frage der Möglichkeit eines Diakonats für Frauen hat einen Bericht veröffentlicht, wonach es nicht möglich sei, Frauen zum Diakonat zuzulassen, das als erste Stufe des Weihesakraments verstanden wird. Gleichzeitig wird jedoch betont, dass zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine endgültige Schlussfolgerung gezogen werden kann, wie sie die Kirche im Falle der Priesterweihe getroffen hat. Die Kommission empfiehlt vielmehr die Schaffung neuer pastoraler Dienste, die die Zusammenarbeit von Männern und Frauen unterstützen.

Das Pressezentrum des Heiligen Stuhls veröffentlichte am 4. Dezember 2025 den Bericht der Kommission zur Untersuchung des Diakonats für Frauen, den ihr Vorsitzender, Kardinal Petrocchi, an Papst Leo XIV. übermittelt hatte. Diese Kommission wurde 2020 von Papst Franziskus eingesetzt, nachdem die ursprüngliche, 2016 eingesetzte Kommission zu keinem Ergebnis gelangen konnte. Mit dem Dienst von Frauen in der Kirche befasst sich auch die Studiengruppe 5, die im Rahmen des Synodalprozesses eingerichtet wurde. Der vollständige Bericht der Kommission ist auf der Website des Bollettino della Sala Stampa zu finden.
Quelle: America - The Jesuit Review
* Die Bibelzitate im Text stammen aus: Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, vollständig durchgesehene und überarbeitete Ausgabe. © 2016 Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart .

Perspectives_Logo Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES

Das könnte auch von Interesse sein

Empfehlungen der Redaktion

Meistgelesen