Sie haben die Geburt hinter sich, puh, aber paradoxerweise beginnt die wahre Hölle oft erst auf der Wochenbettstation. Warum hat die Wochenbettbetreuung in Tschechien einen so schlechten Ruf, und warum sind Frauen in immer noch mit Verharmlosung, passiver Aggression und Gaslighting durch das medizinische Personal konfrontiert?
Die Geburt und die Tage danach gehören zu den verletzlichsten Momenten im Leben einer Frau. Ich selbst und einige Frauen in meinem Umfeld haben die Erfahrung gemacht, dass uns gerade in dieser schwierigen Zeit leider das nötige Verständnis und die angemessene Betreuung seitens des medizinischen Personals fehlten. Ich frage mich schon länger, woran es eigentlich liegt, dass das Personal auf der Wochenbettstation einen so schlechten Ruf hat? Und hat das nicht auch Auswirkungen auf die Geburtenrate?Mein Ziel ist es, eine Diskussion über systemische Mängel in der Kommunikation mit den Patientinnen anzustoßen und auf verschiedene Formen von Gaslighting in der Geburtshilfe hinzuweisen. Ich möchte betonen, dass es nicht meine Absicht ist, das medizinische Personal an den Pranger zu stellen. Ich danke allen von Herzen, die auch unter schwierigen Arbeitsbedingungen einen individuellen und einfühlsamen Umgang pflegen. Hier geht es um die Analyse eines systemischen Problems.
Gaslighting im Gesundheitswesen
Eine mir nahestehende Person hat mir anvertraut, dass sie aufgrund ihrer schlechten Erfahrungen auf der Wochenbettstation beschlossen hat, kein weiteres Kind mehr zu bekommen: „Aus der Schwesternstation war Gelächter zu hören, aber als ich um Hilfe bat, sagte man mir, sie hätten zu viel zu tun und ich solle mir irgendwie selbst helfen. Im Zimmer schrien zwei hungrige Babys, und wir wussten nicht, was wir mit ihnen machen sollten. Dieses Gefühl der Verzweiflung werde ich nie vergessen.“ In dem Moment, als sie jemanden gebraucht hätte, der ihr erklärt, wie das Stillen funktioniert, warum ihr Kind ständig weint und warum auch sie selbst so oft weint, fehlte ihr diese Fürsorge. Stattdessen erlebte sie Verharmlosung, passive Aggressivität, Infantilisierung („Aber Mutti, das sollten Sie können“) oder anderen Formen psychischer Manipulation.Die Verbindung zwischen Mutter und Kind wird somit regelrecht durch die Systemkonfiguration unterbrochen.
Reagiert der Körper nicht wie in den Tabellen angegeben, wird dies der Patient*in angelastet – es handelt sich um eine Art medizinisches Gaslighting, bei dem man nur danach beurteilt wird, wie leicht einem Blut abgenommen werden kann oder wie gut eine Narbe heilt. Man beginnt dann, an der eigenen geistigen Gesundheit oder der Unversehrtheit des eigenen Körpers zu zweifeln, was der Genesung definitiv nicht zuträglich ist. Im Gegenteil.
Die Wochenbettstation verwandelt sich oft in einen Ort, an dem das Personal und andere Mütter aggressiv die einzig akzeptierte Art der Pflege durchsetzen, während jede Abweichung mit passiver Aggression bestraft wird. Anstelle fachlicher Unterstützung greift ein toxischer Mythos vom „natürlichen Instinkt“, der die Solidarität unter Frauen missbraucht, um Gefühle des Versagens und der Schuld zu schüren. Die Wochenbettstation ist in dieser Hinsicht aus weiteren Gründen noch anspruchsvoller. Es geht nicht nur darum, dass ein Kind aus deinem Körper geschlüpft ist und du dich erholst, sondern du musst auch sofort in deine Rolle schlüpfen und dich um ein vollkommen neues Wesen kümmern.
Hier kommt es zu einem einzigartigen Kompetenzkonflikt, der Spannungen hervorrufen kann. Auf der Wochenbettstation können sich die Hebammen meist nur um den Zustand der Frau nach der Geburt kümmern, die Kinderkrankenschwestern wiederum nur um das Neugeborene, dessen Entwicklung und die Unterstützung beim Stillen. Die eine Person kümmert sich also um die Rückbildung der Gebärmutter und eine eventuelle Wundheilung, die andere wiederum nur um das Kind, das Wiegen und Füttern, aber kaum jemand fragt, wie es der Frau gesamtheitlich geht. Die Verbindung zwischen Mutter und Kind wird somit regelrecht durch die Systemkonfiguration unterbrochen.
Für Gefühle bleibt keine Zeit
Bei einer meiner Schwangerschaftsuntersuchungen lernte ich die Hebamme und Stillberaterin Anna Hrabánková kennen. Erst später fand ich heraus, dass sie Mitbegründerin der Initiative Jak se kde rodí [etwa Wo wie geboren wird] ist und einen wichtigen Kampf für die tschechische Geburtshilfe geführt hat – dank ihres fast siebenjährigen Rechtsstreits muss das Institut für Gesundheitsinformationen (Ústav zdravotnických informací) nun Statistiken über medizinische Eingriffe bei Geburten veröffentlichen.Hrabánková schilderte mir im Gespräch, dass die Wochenbettstation für die Patientinnen ein sehr hektisches Umfeld und für das Personal zugleich ein eintöniger Arbeitsplatz sei, und sie bewundere alle, die es schafften, dort unter Wahrung des Respekts gegenüber allen Beteiligten zu arbeiten. Sie selbst habe gespürt, dass ein so hoher Patientinnendurchlauf ihrem Naturell nicht gut tun würde, und sie widme sich daher lieber ihrer Privatpraxis, wo sie die Frau beziehungsweise die Familie und das Kind während der Schwangerschaft und der Geburt, aber auch danach kontinuierlich betreut.
Der Verwaltungsaufwand und ein etwaiger Personalmangel können dazu führen, dass die Krankenschwestern (und „Krankenbrüder“, wobei es für diesen Beruf im Tschechischen noch immer keine offizielle männliche Bezeichnung gibt) in einen Sparmodus schalten und sich nur noch um das kümmern, was erledigt werden muss: Tabellen und Tagesberichte. Für Emotionen bleibt keine Zeit. Dann tut das Stereotyp sein Übriges, und selbst wenn Zeit und Energie für Emotionen vorhanden wären, würden sie diese vielleicht nicht mehr in ihre Arbeit einfließen lassen, weil sie festgestellt haben, dass es auch ohne geht.
Eine große Rolle kann dabei auch die Atmosphäre am jeweiligen Arbeitsplatz spielen, was mir eine Kinderkrankenschwester aus der Prager Entbindungsklinik Institut für Mutter und Kind (Ústav pro matku a dítě) bestätigte: „Wenn man hier anfängt und idealistische Vorstellungen davon hat, alles perfekt zu machen, wird man möglicherweise bitter enttäuscht. Auch wenn man sich bemüht, wird man von der allgemeinen schlechten Stimmung einfach mitgerissen. Deshalb bin ich auf eine andere Station gewechselt, von der ich wusste, dass dort ein nettes Team ist und ich dort nicht als Sonderling dastehe, wenn ich versuche, freundlich mit den Frauen umzugehen.“
Innerhalb weniger Dutzend Stunden nach der Geburt sinkt der Östrogen- und Progesteronspiegel auf einen Bruchteil der Werte aus der Schwangerschaft, was sich direkt auf die Chemie des Gehirns auswirkt.
Für Erstgebärende ist diese Lebenssituation oft völlig neu, und sie müssen sich möglicherweise mit einem hormonell bedingten postnatalen Gefühlswirrwarr auseinandersetzen: Innerhalb weniger Dutzend Stunden nach der Geburt sinkt der Östrogen- und Progesteronspiegel auf einen Bruchteil der Werte aus der Schwangerschaft, was sich direkt auf die Chemie des Gehirns auswirkt. Anna Hrabánková ergänzt: „Es setzt auch die sogenannte Matreszenz ein – eine neurobiologische Umwandlung, vergleichbar mit der Pubertät, die das Gehirn strukturell und irreversibel umgestaltet. Dabei kommt es zu einem Rückgang der grauen Substanz in den Bereichen des sozialen Gehirns, was zwar beängstigend klingt, in Wirklichkeit aber eine natürliche Optimierung und Anpassung des Nervensystems an die Bedürfnisse des Neugeborenen darstellt. Diese adaptive Veränderung stärkt die Verbindung zwischen den Gehirnhälften und steht in direktem Zusammenhang mit der zukünftigen Fähigkeit der Mutter, eine emotionale Bindung zu ihrem Kind aufzubauen.“
Man könnte es besser machen, aber
An dieser Stelle ist es wichtig, den historischen Hintergrund dieser Art der Betreuung zu erwähnen. Bis zum Jahr 1951 führten Geburtshelferinnen – oder, wie man damals im Tschechischen sagte, „Geburtsweiber“ – die Betreuung bei physiologischen Geburten und im Wochenbett eigenständig durch. Durch ein Gesetz aus dem Jahr 1951 kam es zu einer Umstrukturierung des Gesundheitswesens, die zur Institutionalisierung der Geburtshilfe führte. Hausgeburten wurden zur Ausnahme. Im Jahr 1966 wurde die Berufsbezeichnung in „Frauenkrankenschwester“ geändert, und die Geburtsbetreuung wurde zunehmend unter die Leitung von Geburtsärzten gestellt.Erst nach der Revolution begannen Hebammen, sich um die Rückgewinnung ihrer Autonomie zu bemühen. Dieser Prozess geht mit langwierigen Kompetenzstreitigkeiten einher, in denen Hebammen eine Rückkehr zum Modell der eigenständigen Betreuung physiologischer Geburten und der Wochenbettpflege anstreben. Demgegenüber steht eine starke Tradition der tschechischen Geburtshilfe, die auf ärztliche Kontrolle und eine hierarchische Steuerung der Versorgung ausgerichtet ist und die die Hebamme in erster Linie als assistierende Krankenschwester betrachtet. Geburtshäuser sind noch in weiter Ferne.
Hrabánková nennt weitere Aspekte des Themas: Das Gesundheitswesen sei durch Hierarchien und Disziplin geprägt, Empathie sei etwas, das man entweder von sich aus mitbringe oder gar nicht: „Hebammen und Krankenschwestern sollen sich einfühlsam verhalten, doch während ihres Studiums, in der Praxis und später am Arbeitsplatz erleben sie Empathie nur selten.“ Sie fügt hinzu, dass Empathie im tschechischen Gesundheitswesen oft als selbstverständliche „Pflicht“ der Krankenschwester angesehen wird, aber nicht thematisiert wird, woher die Krankenschwester die Energie dafür nehmen soll. Solange sich also die Arbeitskultur nicht ändert und die Krankenschwestern keine Unterstützung durch die Führungsebene, keine angemessene Anerkennung durch die Gesellschaft, aber auch keine bessere finanzielle Vergütung erfahren, bleibt ihre Empathie nur eine erschöpfende Selbstaufopferung.
Darüber hinaus erweitert Hrabánková meinen Horizont, indem sie mir das als „The Know-Do Gap“ bekannte Phänomen erklärt – dabei handelt es sich um die Kluft zwischen den vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnissen und ihrer tatsächlichen Umsetzung in der täglichen medizinischen Praxis. Die durchschnittliche Dauer dieser Verzögerung beträgt alarmierende 17 Jahre, was bedeutet, dass Patient*innen oft jahrzehntelang nicht die bestmögliche Versorgung erhalten. Diese zeitliche Verzögerung ist auf eine Kombination aus bürokratischen Prozessen, fehlenden finanziellen Mitteln, aber auch auf den psychologischen Widerstand des Gesundheitspersonals gegen eine Änderung der Gewohnheiten zurückzuführen.
Man muss bedenken, dass es in der tschechischen Geburtshilfe nicht nur um eine „Verzögerung von 17 Jahren“ geht, sondern um den aktiven Widerstand des Systems gegen eine Schwächung der ärztlichen Dominanz. Während die Wissenschaft sagt „weniger ist mehr“, ist das tschechische System auf „Kontrolle ist Sicherheit“ ausgerichtet, was ein Umfeld schafft, in dem moderne Erkenntnisse oft als Bedrohung für die Sicherheit oder das Ansehen der Ärzteschaft wahrgenommen werden.
Für das Wohl des Kindes
In Gesprächen mit Frauen unterschiedlichen Alters aus meinem Umfeld höre ich immer wieder, wie sehr sich die Geburtshilfe bei uns verbessert hat – die Generation der Großmütter ist begeistert davon, dass Väter nun mit ins Entbindungszimmer dürfen und man ihnen die Kinder nicht mehr durch das Fenster zeigen muss. Die Generation der älteren Schwestern beneidet (oft) die schöne Umgebung, die große Anzahl an Zimmern mit gehobener Ausstattung und die Möglichkeit, einen Geburtswunschzettel zu haben, in den sie heute schreiben würden, dass niemand auf ihren Bauch drücken soll. Doch den Frauen, die heute im gebärfähigen Alter sind, reicht das meist nicht mehr aus.„Die Geburtshilfe hat sich dank der Frauen verändert, denn wir treten mehr für uns selbst ein. Weil Frauen ihre Bedürfnisse geäußert haben, haben wir begonnen, ihnen zuzuhören. Aber in dem Moment, in dem eine Frau ihr Kind zur Welt bringt und auf die Neugeborenenstation verlegt wird, beginnt es schwierig zu werden. Plötzlich können Ärzte und Krankenschwestern sagen, dass etwas zum Wohl des Kindes sei. Und die Frau ist sich nicht sicher“, sagt die Hebamme Milada Barešová in einem Interview mit dem Nachrichtenportal Seznam Zprávy. Es ist jedoch offensichtlich, dass wir uns als Patient*innen im Allgemeinen immer noch nur in Ausnahmefällen zu Wort melden.
Die meisten Menschen aus ihrem Umfeld sagen ihnen: ‚Sei froh, dass du ein gesundes Kind hast und lebst.‘“
„Feedback zu geben – sowohl positives als auch negatives – sollte meiner Meinung nach üblicher sein. Davon gibt es immer noch viel zu wenig. In der Geburtshilfe geht es dabei doch darum, dass diese Menschen nicht krank sind und leider immer noch erleben, dass ihre Rechte verletzt werden. Nur wenige haben jedoch die Kraft, sich zu Wort zu melden und in den ersten sechs Wochen nach der Geburt oder während der Betreuung eines kleinen Kindes einen Erfahrungsbericht zu schreiben – auch wenn man weiß, dass es für einen selbst nichts mehr bringt, sondern man es für andere tut. Die meisten Menschen aus ihrem Umfeld sagen ihnen: ‚Sei froh, dass du ein gesundes Kind hast und lebst‘“, beschrieb Hrabánková bereits früher gegenüber der Zeitschrift Heroine die typische Verharmlosung, mit der Frauen bei der Formulierung ihrer Beschwerden oft konfrontiert sind.
Supervision hilft
Ich frage sie, was die Situation auf der Wochenbettstation verbessern würde. Mir würde etwa einfallen, die gynäkologische Betreuung und die Kinderkrankenpflege in einer Person zu vereinen, was theoretisch kein Problem sein dürfte, da Hebammen über eine dafür ausreichende Ausbildung verfügen. Im Ausland ist dies übrigens üblich, da dort Wert auf die Kontinuität der Betreuung durch eine einzige Person gelegt wird. Das Problem liegt also in den eingebrannten Gewohnheiten. Hrabánková beschreibt, dass es vielmehr darum gehen sollte dass das System den Hebammen erlaubt, das zu tun, was sie können und wozu sie ausgebildet sind – nämlich Mutter und Kind auch nach der Geburt als Einheit zu betreuen. Sie fügt hinzu, dass dies in einigen Einrichtungen angeblich bereits so umgesetzt wird – sie erwähnt beispielsweise das Institut für Mutter und Kind (Ústav pro matku a dítě). Meinen Recherchen zufolge findet diese Art der Betreuung nur auf einer von vier Wochenbettstationen sowie in Zimmern der gehobenen Kategorie statt (also für Patientinnen, die einen Aufpreis zahlen). Das Bestreben, den Trubel auf den Zimmern der Wochenbettstation zu minimieren, ist offensichtlich vorhanden, nur ist es noch nicht flächendeckend umgesetzt.Als weitere Herausforderung sieht Hrabánková konkrete Instrumente zur Burnout-Prävention – die Möglichkeit psychologischer Unterstützung, die das Personal beispielsweise nach einem belastenden Arbeitsereignis in Anspruch nehmen kann, unterstützende Supervision oder Weiterbildungen in diesem Bereich, die in den letzten Jahren leider nicht mehr überwacht werden und bei denen es an Fördermaßnahmen für die Entwicklung in den einzelnen Arbeitsbereichen mangelt. Während beispielsweise im tschechischen Sozialwesen die Supervision bereits verpflichtend ist, ist sie im Gesundheitswesen bislang eher eine Seltenheit: „Möglicherweise weckt sie Assoziationen mit Kontrolle und Aufsicht, dabei geht es um einen Überblick und eine Einschätzung, bei der ich in einer sicheren Umgebung besprechen kann, was bei meiner Arbeit geschieht und ob ich Zweifel habe, dass alles richtig abgelaufen ist. Es ist auch ein Instrument der Selbstentwicklung“, kommentiert Hrabánková.
Im tschechischen Gesundheitswesen stößt das Bedürfnis nach Supervision auf einen tief verwurzelten Kult der Unfehlbarkeit, bei dem jedes Zögern als berufliches Versagen wahrgenommen wird und nicht als Chance zur Weiterentwicklung. In einem streng hierarchischen System wird anstelle von konstruktivem Feedback nach wie vor eher eine Kultur der Schuldzuweisung und der öffentlichen Zurechtweisung praktiziert, was beim Personal einen natürlichen Widerstand gegen jede Form des offenen Austauschs von Zweifeln hervorruft. Das medizinische Personal interpretiert das Wort „Supervision“ dann fälschlicherweise als ein weiteres Instrument der Kontrolle und Bestrafung, da in einem leistungs- und disziplinorientierten Umfeld Aufrichtigkeit und die Reflexion der eigenen Emotionen als Ausdruck gefährlicher Schwäche angesehen werden. In einigen Gesundheitseinrichtungen funktioniert die Supervision bereits (zum Beispiel im Universitätsklinikum Brno), es wäre jedoch sinnvoll, wenn sie im Gesundheitswesen zur Regel würde. Ja, auch für das medizinische Personal!
Unsicherheit der Patient*innen gezielt reduzieren
Eine Bekannte erzählte mir von sehr positiven Erfahrungen mit einer Entbindung im Ausland, und zwar dank der Tatsache, dass in dem betreffenden Krankenhaus verbindliche Standards für die Kommunikation mit den Patient*innen eingeführt worden waren – das medizinische Personal informierte stets darüber, warum sie zu den Patient*innen kamen und was sie vorhatten.Leider ist das tschechische Gesundheitssystem oft auf „Leistung und Kontrolle“ ausgerichtet, was Adrenalin freisetzt.
Die standardisierte Kommunikation fungiert zudem als Sicherheitsprotokoll, das bis zu 60 Prozent der Kommunikationsstörungen beseitigt, die weltweit die häufigste Ursache für medizinische Fehler sind. Im Ergebnis erhöht die Aufklärung der Patient*innen deren Schmerzschwelle und ihre Kooperationsbereitschaft. Leider ist das tschechische Gesundheitssystem oft auf „Leistung und Kontrolle“ ausgerichtet, was Adrenalin freisetzt. Moderne Pflege sollte jedoch wie ein „Oxytocin-Inkubator“ wirken, in dem Ruhe, Wärme und ein Gefühl der Sicherheit im Vordergrund stehen, damit sich der Hormonhaushalt so schnell wie möglich zugunsten der Regeneration und des Stillens stabilisieren kann. Die Emotionen der Frau in dieser Zeit zu ignorieren, ist ebenso unprofessionell wie eine offene Wunde nicht zu versorgen – es ist eine Vernachlässigung grundlegender physiologischer Sicherheit, die sich früher oder später auf die Gesundheit von Mutter und Kind auswirkt.
Als ich in tschechischen Entbindungskliniken nachfragte, wie es dort mit Kommunikationsleitfäden aussieht, stellte sich heraus, dass vieles zwar auf dem Papier steht, die Praxis aber hinterherhinkt. Tschechische Gesundheitseinrichtungen haben in ihren Aktenordnern oder im Internet Ethikkodizes für Mitarbeiter*innen sowie Kodizes zu den Rechten von Patient*innen und deren Angehörigen, am Schwarzen Brett hängen die zehn Gebote zum Schutz der Privatsphäre von Patient*innen, und so manche*r hat einen Kurs absolviert, wie man mit ihnen spricht. Standards gibt es zwar, doch oft kollidieren sie mit der institutionellen Kultur.
Wenn eine ältere Krankenschwester jüngere Kolleginnen nach dem Motto „So haben wir das bei uns schon immer gemacht“ anleitet, bleiben ethische Grundsätze auf der Strecke. Oft fehlt es auch an Rückmeldung – Krankenhäuser ahnden selten „mangelnde Menschlichkeit“ beim Personal, solange die medizinische Arbeit in Ordnung ist. In dieser Hinsicht ist es notwendig, die Patientinnen dazu aufzurufen, sich über schlechte Behandlung zu beschweren, auch wenn es verständlich ist, dass wir nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus meist viele andere Sorgen haben. Aber etwas zu verbessern bedeutet, sich zu Wort zu melden. Ohne all jene, die für eine bessere Geburtshilfe in Tschechien gekämpft haben, wäre diese immer noch in einem Zustand, in dem es üblich ist, Frauen bei der Geburt zu ohrfeigen und hysterisch zu nennen und Väter aus „hygienischen Gründen“ lieber gar nicht zur Geburt zuzulassen.
Hochwertige Pflege endet nicht mit einem fehlerfrei durchgeführten Eingriff. Sie beginnt mit gegenseitigem Respekt, der genauso wichtig ist wie sterile Instrumente. Die Verbesserung des Krankenhausumfelds ist kein Kampf der Patient*innen gegen das Gesundheitswesen, sondern ein gemeinsames Anliegen von uns allen – damit wir uns in einem System, in dem früher oder später jede*r von uns landet, vor allem als Menschen fühlen und nicht nur als Diagnosen auf einem Blatt Papier.
Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES
Juni 2026