Millionen Ukrainer*innen leiden unter Angstzuständen, Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen. Viele weitere werden diese erst nach Kriegsende voll zu spüren bekommen. Über die Kluft zwischen Bedarf und Inanspruchnahme von Hilfe, die Reform des psychosozialen Versorgungssystems und die „aufgeschobene Welle“ von Traumata nach dem Krieg spricht Iryna Pinchuk, Direktorin des Instituts für Psychiatrie der Taras-Schewtschenko-Nationaluniversität Kyjiw und Vorsitzende der Vereinigung der Psychiater der Ukraine.
Im letzten Jahr litten über 70 Prozent der Ukrainer und Ukrainerinnen unter Symptomen von Angst, Depressionen oder starkem Stress, doch nur jede*r Fünfte suchte professionelle Hilfe auf. Diese Zahlen stammen aus einer Bedarfsanalyse der WHO (nationale Umfrage im Frühjahr 2025) und betreffen nicht nur diejenigen, die im Land geblieben sind: Millionen Ukrainer*innen, insbesondere junge Menschen, leiden unter denselben Angstzuständen, Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen in Deutschland, Tschechien, Polen und anderen EU-Ländern, wo der Zugang zu Hilfe oft an Sprachbarrieren und langen Warteschlangen scheitert.Das Paradoxe daran ist, dass die Ukraine in den mehr als vier Jahren des Krieges in diesem Bereich einzigartige Erfahrungen gesammelt hat – weitaus mehr als viele ihrer europäischen Nachbarn.
Iryna Pinchuk, Direktorin des Instituts für Psychiatrie der Taras-Schewtschenko-Nationaluniversität Kyjiw und Präsidentin der Vereinigung der Psychiater der Ukraine. | Foto: © privat
Die WHO stellt fest, dass über 70 Prozent der Ukrainer*innen im letzten Jahr Symptome von Angstzuständen, Depressionen oder starkem Stress hatten. Doch nur jede*r Fünfte nimmt Hilfe in Anspruch. Warum ist diese Kluft so groß – liegt es am Stigma, am Mangel an Fachkräften oder am Unglauben daran, dass Therapien wirken?
Die Kluft ist so groß, weil gleichzeitig mehrere Hindernisse wirken. Das erste ist das Stigma. Viele Menschen haben nach wie vor Angst, sich an einen Psychiater oder Psychologen zu wenden, da sie befürchten, dadurch abgestempelt zu werden oder dass ihnen dies in ihrer Arbeit oder ihrem Dienst schaden könnte. Gleichzeitig belegen Daten aus ukrainischen Studien einen Rückgang der Stigmatisierung während des Krieges.Angesichts der Kriegsbedingungen in der Ukraine lautete die zentrale Botschaft an die Bevölkerung – insbesondere im Rahmen des landesweiten Programms „Wie geht’s dir?“ (Ти як?) –, dass die Menschen auf ihre psychische Gesundheit achten und sich bei Bedarf an einen Psychologen wenden sollen. In der gesellschaftlichen Wahrnehmung wird dies jedoch oft als Mittel dargestellt, „nicht zum Psychiater zu müssen“. Dies verstärkt ungewollt die Stigmatisierung – sowohl gegenüber Psychiatern als auch gegenüber Menschen, die eben eine spezifisch psychiatrische Behandlung benötigen. Ein solcher Ansatz läuft Gefahr, die Vorstellung zu verfestigen, die Psychiatrie sei nur ein letzter, unerwünschter Ausweg, anstatt sie als gleichberechtigten und notwendigen Teil der psychosozialen Gesundheitsversorgung zu betrachten.
Das zweite Hindernis ist der eingeschränkte Zugang zu Dienstleistungen. Ein Teil der Fachkräfte hat das Land verlassen, ein Teil wurde eingezogen und die Infrastruktur in vielen Kommunen ist zerstört. Derzeit findet eine Reform des Systems der psychischen Gesundheitsversorgung in der Ukraine statt. Diese sieht eine Abkehr vom postsowjetischen Modell der psychiatrischen Großkliniken hin zu einem in Europa üblicheren Modell vor, bei dem Hilfe ortsnah geleistet wird: durch den Hausarzt, die Kommune oder spezialisierte Zentren. Selbst wenn Betroffene Hilfe suchen wollen, fehlt es oft an Anlaufstellen. Zudem mangelt es an einer ausreichenden Aufklärung über die geplanten und bereits laufenden Reformen.
Drittens ist da das historisch gewachsene Misstrauen gegenüber dem System. Die Psychiatrie wurde jahrzehntelang eher mit Kontrolle als mit Unterstützung in Verbindung gebracht. Und obwohl sich das System grundlegend wandelt, verändern sich die Vorstellungen der Menschen nur langsam. Der Staat unterstützt den Ausbau der psychischen Gesundheitsversorgung sowie die Rolle und das Ansehen von Psychologen mittlerweile in erheblichem Maße.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist Erschöpfung. Wenn man permanentem Stress ausgesetzt ist, fehlt oft schlichtweg die Kraft, den Schritt zu wagen und Hilfe zu suchen.
Es handelt sich also nicht um einen einzigen Grund, sondern um eine Kombination aus Stigmatisierung, mangelnder Erreichbarkeit, Misstrauen und Dauerstress. Diese Kluft lässt sich nur ganzheitlich überwinden: durch den Ausbau des Angebots, einen gesellschaftlichen Einstellungswandel und den Nachweis, dass Hilfe tatsächlich wirkt – und dass der Psychiater eine koordinierende Schlüsselrolle im Gesamtsystem einnimmt, anstatt isoliert am Rande nur für schwerste Fälle zuständig zu sein.
Millionen Ukrainer*innen, darunter viele junge Menschen, leben in Deutschland, Tschechien, Polen und anderen EU-Ländern. Mit welchen psychischen Problemen sehen sich die Geflüchteten konfrontiert und erhalten sie dort angemessene Hilfe?
Wissenschaftliche Studien in den EU-Ländern zeigen ein sehr ähnliches Bild des psychischen Zustands ukrainischer Geflüchteter. In den genannten Ländern werden in großen Stichproben hohe Werte bei Angstzuständen, Depressionen und Symptomen von Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) verzeichnet. Der stärkste Prädiktor für diese Zustände sind traumatische Erlebnisse wie Kampfhandlungen, Verluste und Gewalt. Gleichzeitig spielt der Anpassungsstress eine bedeutende Rolle, insbesondere die Sprachbarriere, der unsichere Aufenthaltsstatus, finanzielle Instabilität und der Verlust sozialer Bindungen.Die Jugend in der Ukraine gehört heute zu den vulnerabelsten Gruppen. Studien zeigen ein hohes Maß an Angstzuständen, Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen und sogar Suizidgedanken bei Jugendlichen und Studierenden.“
Junge Menschen bilden eine eigene Risikogruppe: Dazu gehören Jugendliche, die in einem von Ängsten geprägten Umfeld aufgewachsen sind, Studierende und Kriegsveteran*innen. Was wissen wir über ihre Situation und inwiefern unterscheiden sich ihre Bedürfnisse von denen älterer Generationen?
Die Jugend in der Ukraine gehört heute zu den vulnerabelsten Gruppen. Studien zeigen ein hohes Maß an Angstzuständen, Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen und sogar Suizidgedanken bei Jugendlichen und Studierenden. Ihre besondere Verletzlichkeit erklärt sich dadurch, dass die Kriegstraumata in sensible Entwicklungsphasen fallen – wie Ausbildung, Sozialisation und den Start ins Berufsleben.Uns liegen die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie zum psychischen Befinden von Studierenden an Universitäten sowie ein vorgeschlagenes Modell zur Unterstützung und Wiederherstellung der psychischen Gesundheit junger Menschen in der Ukraine vor.
Die Situation bei Jugendlichen ist besonders komplex: Laut Daten in der Fachzeitschrift JAMA Pediatrics (2026) weisen diejenigen, die die zweite Phase der Invasion (nach dem 24. Februar 2022) erlebt haben, deutlich höhere Raten an posttraumatischen Belastungsstörungen und Depressionen auf. Das Suizidrisiko steigt dabei proportional zur Anzahl der erlebten traumatischen Ereignisse. Dies erfordert langfristige Unterstützung, schulische Programme sowie die Zusammenarbeit mit Eltern und Lehrkräften.
Studierende sehen sich mit Akkulturationsstress, finanziellen Schwierigkeiten und emotionalem Burnout konfrontiert, insbesondere, wenn sie ihr Studium mit Arbeit oder ehrenamtlichem Engagement verbinden. Sie benötigen flexible akademische Rahmenbedingungen, psychologische Beratungsstellen direkt auf dem Campus und Peer-to-Peer-Initiativen.
Junge Menschen unterscheiden sich von älteren Generationen dadurch, dass der Krieg ihre Identität in einer Phase aktiver Entwicklung prägt. Sie reagieren empfindlicher auf Isolation und die Ungewissheit der Zukunft und ihre Bedürfnisse gehen weit über Kriseninterventionen hinaus.
Kann man bereits von einer „Chronifizierung“ des Kriegsstresses sprechen? Wie verändert sich das Krankheitsbild im vierten und fünften Jahr der Vollinvasion im Vergleich zu 2022?
Ja, im vierten bis fünften Jahr beobachten wir bereits eine Chronifizierung des Kriegsstresses. Dominierten 2022 noch akute Belastungsreaktionen wie Panikattacken, akute Ängste und kurze depressive Episoden, so diagnostizieren wir heute immer häufiger chronische Formen der PTBS, anhaltende Depressionen, generalisierte Angststörungen und psychosomatische Folgeerkrankungen. Um die Folgen chronischen Stresses für die Gesellschaft zu mindern, muss das System der psychischen Gesundheitsversorgung von Kriseninterventionen zu langfristigen, systematischen und kultursensiblen Programmen zur Unterstützung, Rehabilitation und Prävention übergehen.Was wird nach dem Krieg passieren? Ist mit einer „verzögerten Welle“ des posttraumatischen Syndroms zu rechnen, und wie sollte sich das System schon jetzt darauf vorbereiten?
In Fachkreisen wird immer deutlicher gewarnt, dass die Ukraine nach Kriegsende mit einer „verzögerten Welle“ des posttraumatischen Syndroms konfrontiert sein wird. Dies ist ein bekanntes Phänomen: Solange die Gefahr besteht, bleiben die Menschen mobilisiert und auf das Überleben konzentriert, während die Psyche eine tiefgreifende Reaktion zurückstellt. Der ukrainische Kontext verschärft dieses Risiko massiv, da Millionen Menschen traumatische Erfahrungen mit Verlusten, Beschuss, Okkupation und Flucht gemacht haben.Um die Folgen chronischen Stresses für die Gesellschaft zu mindern, muss das System der psychischen Gesundheitsversorgung von Kriseninterventionen zu langfristigen, systematischen und kultursensiblen Programmen zur Unterstützung, Rehabilitation und Prävention übergehen.“
Im Jahr 2025 wurde ein Gesetz über das System der psychischen Gesundheitsversorgung verabschiedet, das einen Übergang zu einem gemeindeorientierten Modell vorsieht. Was bedeutet das konkret und praktisch für die Menschen, sagen wir, in irgendeiner Kreisstadt in der Region Poltawa?
Dieses Gesetz betrifft primär die Rolle von Psychologen, deren Zertifizierung und die Schaffung einer neuen Koordinationsbehörde – des Nationalen Dienstes für psychische Gesundheit. Der Übergang zu einer gemeindeorientierten Versorgung basiert auf den internationalen Empfehlungen der Lancet Psychiatry Commission.Das bedeutet zum Beispiel für einen Einwohner einer Kreisstadt in der Region Poltawa konkret: Wer unter Symptomen von Angst oder Depression leidet, kann sich künftig zunächst direkt an seinen Hausarzt wenden. Nach einer Erstberatung kann der Patient an einen Psychologen vor Ort oder an ein mobiles psychosoziales Team überwiesen werden. Die Hilfe wird sowohl in Kliniken als auch ambulant oder direkt zu Hause geleistet. Dadurch wird das System zugänglicher, menschlicher und effektiver.
Die psychosoziale Unterstützung wurde in das Grundleistungspaket der Hausärzt*innen aufgenommen. Sind die Hausärzt*innen tatsächlich bereit, mit Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen zu arbeiten, oder handelt es sich dabei bislang nur um eine Absichtserklärung?
Ja, Hausärzte sind nun offiziell in das System der psychischen Gesundheitsversorgung eingebunden, doch ihre Bereitschaft, mit Depressionen und PTBS zu arbeiten, erfordert weitere abgestimmte Schritte.Die Hausärzte sind selbst der Ansicht, dass sie mit Angstzuständen und Depressionen umgehen können. Mit psychotischen Zuständen fühlen sie sich jedoch nicht ausreichend vertraut. Diskutiert wird in der Fachschaft der Hausärzte derzeit vor allem darüber, inwieweit sie in der Lage sind, Patienten mit PTBS, Demenzerkrankungen oder Suchterkrankungen adäquat zu diagnostizieren und therapeutisch zu begleiten.
Die Ukraine könnte nach Kriegsende mit einem Anstieg psychischer Störungen konfrontiert sein – nicht, weil sich die Lebensumstände verschlechtern, sondern weil die Psyche erst dann die Kapazität hat, das Erlebte zu ‚spüren‘.“
Wie groß ist der Mangel an Psychiater*innen, Psychotherapeut*innen und klinischen Psycholog*innen in der Ukraine – und wer soll diese Lücke füllen?
Zunächst einmal sind sich heute alle der Bedeutung der psychischen Gesundheit und ihrer Förderung bewusst. Das landesweite Programm „Wie geht es dir?“ setzt stark auf evidenzbasierte Selbsthilfe. Wir alle müssen evidenzbasierte Praktiken der Selbst- und gegenseitigen Hilfe erlernen. Zweitens ist der staatliche Bedarf an Fachkräften im Bereich „Klinische Psychologie“ gestiegen. Zudem wurde das Gesetz über psychische Gesundheit verabschiedet, welches die Tätigkeiten, die Ausbildung, die Zertifizierung und die Supervision speziell von Psychologen regelt. Zudem übernehmen die Hausärzte im Rahmen ihrer Möglichkeiten immer mehr Aufgaben in der Primärversorgung.Darüber hinaus möchte ich darauf hinweisen, dass die Zukunft in einem System der psychischen Gesundheitsprävention liegen sollten, nicht in der reinen Schadensbegrenzung. Bislang stellt die Ukraine jedoch keinen einzigen Groschen gezielt für das Präventionssystem bereit.
Derzeit sind viele traumatische Reaktionen „eingefroren“: Die Menschen befinden sich im Überlebens- und Mobilisierungsmodus und schieben die Verarbeitung ihrer Erlebnisse auf später auf. Was geschieht mit der Psyche, wenn die Bedrohung nachlässt? Laufen wir Gefahr, in einer relativ ruhigeren Phase einen Anstieg von Störungen, Suchterkrankungen und Suiziden zu erleben?
Tatsächlich zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, dass die Psyche im Krieg in einen Mobilisierungsmodus schaltet. Unter den Bedingungen einer anhaltenden Bedrohung unterdrücken Menschen ihre Emotionen, um funktionsfähig zu bleiben. Wenn die Lebensgefahr vorüber ist, wird der Mechanismus der aufgeschobenen Verarbeitung ausgelöst: Das Trauma „taut auf“, und es können gerade in einer relativ sicheren Phase Flashbacks, Angstzustände oder depressive Episoden auftreten. Das kennen wir aus Studien über Veteranen der Kriege im Irak und in Afghanistan, bei denen der Peak der PTBS-Fälle nicht während der Kampfeinsätze, sondern erst nach der Heimkehr auftrat.Ukrainische Daten bestätigen diesen Trend. Die AUDRI-Studie (Adolescents of Ukraine During the Russian Invasion) zeigt, dass Jugendliche, die mehrere Phasen des Krieges durchlebt haben, weitaus höhere Werte bei PTBS und Depressionen aufweisen als diejenigen, die nur einmal traumatisiert wurden – dies deutet auf einen kumulativen Effekt des Traumas hin. Auch die Berichte der Lancet Psychiatry Commission von 2024 und von 2026 unterstreichen, dass nach langwierigen Konflikten die Fälle verzögerter PTBS, schwerer Depressionen, Suchterkrankungen und psychosomatischer Störungen zunehmen.
Genau aus diesem Grund könnte die Ukraine nach Kriegsende mit einem Anstieg psychischer Störungen konfrontiert sein – nicht, weil sich die Lebensumstände verschlechtern, sondern weil die Psyche erst dann die Kapazität hat, das Erlebte zu „spüren“. Um eine neue Welle des Leidens abzufedern, hat das System bereits heute damit begonnen, sich vorzubereiten: Die Primärversorgung wird gestärkt, das Netzwerk mobiler Krisenteams ausgebaut und es werden spezialisierte Angebote für die Hauptrisikogruppen – Jugendliche und Veteranen – eingerichtet.
September 2026