Der groß angelegte russische Krieg gegen die Ukraine ist bereits im fünften Jahr. Der eigene Körper scheint für manche ukrainische Frauen die einzige Ressource zu sein, die sie im Austausch für ihr Überleben anbieten können. Doch wo verläuft im Krieg die Grenze zwischen freier Entscheidung und Zwang?
Lisa arbeitet am liebsten mit Soldaten. Sie sagt, sie verstehe sehr gut, was sie durchmachen, und respektiere sie für das, was sie für die Ukraine tun. Mit Zivilisten könnte sie nicht arbeiten – das würde bei ihr einen inneren Konflikt auslösen. Lisa ärgert sich darüber, dass manche Männer ihr Leben an der Front riskieren, während andere sich in ihren Wohnungen vor der Mobilisierung verstecken. „Sogar ich habe genug Mut, hierherzukommen und irgendwie zu helfen“, sagt sie.Lisa – das ist ihr Pseudonym. Sie bietet intime Massagen in Kramatorsk im Donbas an, nur zehn Kilometer von den russischen Stellungen entfernt.
Über dem Salon, in dem Lisa arbeitet, weht die Flagge der Europäischen Union. Es gibt keine Schilder, die darauf hinweisen, dass hier Massagen angeboten werden – erst recht keine mit „Happy End“. Von außen wirkt der Ort eher wie ein Zentrum für humanitäre Hilfe. Solche Salons arbeiten in der Ukraine meist im Verborgenen. Doch ähnlich wie die Stützpunkte der „Volontyor“ (Ukrainisch: Freiwillige) gibt es auch sie entlang der Front in großer Zahl.
Die Salonverwalterin mustert uns und bietet zunächst eine intime Massage für zwei Personen an. Als wir erklären, dass wir Journalist*innen sind und über Sex und Intimität an der Front recherchieren, reagiert sie kaum überrascht. Nachdem die Zeit bezahlt sei, sagt sie nur, könne man sie verbringen, wie man wolle. Viele Soldaten kämen nicht nur wegen sexueller Dienstleistungen hierher, erzählt sie, sondern auch, um zu reden oder einfach im Arm eines anderen Menschen einzuschlafen.
Drei Frauen hören unserem Gespräch aufmerksam zu, darunter auch Lisa. Sie wirkt am interessiertesten daran, uns mit in ihr Arbeitszimmer zu nehmen. Es scheint, als wolle sie nicht nur des Geldes wegen mit uns sprechen.
Links: Kramatorsk bei Nacht, eine Stadt, die regelmäßig von russischen Truppen beschossen wird. | Rechts: Lisas Arbeitszimmer im Salon. | Foto links: © Denis Vėjas | Foto rechts: © anonym
Das Netzwerk der Erotikmassagesalons erstreckt sich über die gesamte Ukraine. Lisa lebt und arbeitet weiterhin in Kyjiw, doch Kramatorsk ist für sie eine Art Dienstreise. Je näher die Front rückt, desto größer wird die Nachfrage.
Der Salon ist rund um die Uhr geöffnet, und es sind fast immer Männer dort. Laut Lisa sind die meisten von ihnen Soldaten. Sie beschreibt die düstere Realität an der ukrainischen Front: Die Männer stehen unter enormem Druck, bekommen selten Urlaub und erleben täglich den Tod ihrer Kameraden. „Manche brauchen einfach Sex, um Spannungen abzubauen“, sagt sie. „Anderen reicht es schon, wenn ihnen jemand zuhört, Musik spielt oder mit ihnen tanzt.“ Manchmal, erzählt Lisa, schalten die Frauen Musik ein und veranstalten kleine improvisierte Partys für die Soldaten, damit sie für einen Moment abschalten können.
Gleichzeitig untergräbt diese Arbeit Lisas Vertrauen in Männer. „Es fällt mir schwer zu verstehen“, sagt sie. „Auf dem Handybildschirm sieht man seine Frau und seine Kinder – und trotzdem kommt er hierher.“ Viele Soldaten wollten ihre Partnerinnen nicht nach Kramatorsk holen, erzählt sie, weil sie Angst um deren Sicherheit hätten. Stattdessen kaufen sie Nähe bei den Frauen, die bereits hier lebten.
Wenn Kunden mehr als nur eine intime Massage verlangen, werden die Frauen von Sicherheitskräften geschützt. Deshalb fühlt sich Lisa im Salon vergleichsweise sicher. Hier trägt sie ein kurzes schwarzes Kleid; auf der Straße würde sie sich jedoch niemals so kleiden. Sie sagt, dass es für Frauen in Kramatorsk gefährlich sei. Deshalb trägt sie stets Pfefferspray bei sich und kleidet sich bewusst unauffällig, um keine Aufmerksamkeit von Männern auf sich zu ziehen. Sie habe Angst, verfolgt zu werden. Lisa erzählt, dass sie Männern misstraut, weil sie sehe, welche Traumata viele von ihnen durch den Krieg erlitten haben und wie sich diese auf ihr Verhalten auswirken. Manche Soldaten kommen bewaffnet in den Salon, gelegentlich geraten sie auch untereinander in Schlägereien.
Eine Straße in Kramatorsk. In den vergangenen zehn Jahren hat sich das frühere Industriezentrum zu einem militärischen Logistikknotenpunkt und zu einem Ort entwickelt, an dem sich Soldaten nach den Kämpfen an der Front erholen. | Foto: © Denis Vėjas
Die Geschichte militärischer Konflikte zeigt, dass häusliche Gewalt in Kriegsgebieten häufig zunimmt – betroffen sind vor allem Frauen und Kinder. Begünstigt wird dies durch dauerhaften Stress, Traumata und posttraumatische Belastungsstörungen.
Seit der Eskalation des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine steigt auch dort die Zahl der Fälle häuslicher Gewalt. Daten aus dem Jahr 2024 zeigen, dass zwei von drei Frauen psychische, körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt haben. Besonders gefährdet sind Witwen, alleinerziehende Mütter, Partnerinnen von Kriegsveteranen sowie Frauen, die in Armut leben. Frauenrechtsorganisationen betonen zudem, dass viele Betroffene keine Hilfe suchen. Manche betrachten Gewalt als Privatsache, andere relativieren ihr eigenes Leid mit Blick auf die Erfahrungen ihrer Männer an der Front, nach dem Motto: „Mein Schmerz ist nichts im Vergleich zu dem, was mein Mann im Krieg erlebt hat.“
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Bahnhof Kramatorsk, August 2025. | Foto: © Denis Vėjas
„Wir wollen uns ausruhen und das Leben genießen, solange wir noch können“, sagt Maksym, dessen Freundin Katja aus Kyjiw angereist ist, um ihn zu besuchen. Das Paar sieht sich nur einmal im Monat und verbringt dann drei oder vier Tage zusammen.
Heute sind solche Szenen am Bahnhof nicht mehr zu sehen. Seit November 2025 verkehren aus Sicherheitsgründen keine Züge mehr nach Kramatorsk. Immer häufiger treffen russische Drohnen und ballistische Raketen die Stadt. Erreichbar ist Kramatorsk nur noch mit dem Bus – ein weiterer Umstand, an den sich die Menschen hier anpassen mussten.
Am Bahnhof von Kramatorsk holt Maksym seine Freundin Katja ab. | Foto: © Denis Vėjas
In dieser Zeit verließen viele Einwohner die Stadt, kehrten zurück und flohen erneut. Vor Februar 2022 lebten hier rund 150.000 Menschen, heute ist nur noch etwa ein Drittel geblieben. Der Krieg brachte die meisten großen Fabriken in Kramatorsk zum Stillstand. Übrig geblieben sind vor allem Dienstleistungen, die sich an Soldaten richten – darunter Salons für erotische Massagen, Bordelle sowie Angebote, Sexarbeiterinnen direkt an die Frontstellungen zu bestellen.
Anzeige am Eingang des Bahnhofs von Kramatorsk: „Ankauf von Drohnen in jedem Zustand.“ | Foto: © Denis Vėjas
Sexarbeit ist – ähnlich wie sexuelle Gewalt – häufig von Gerüchten, Andeutungen und Erzählungen aus zweiter Hand umgeben. Die betroffenen Frauen sprechen nur selten öffentlich über ihr Leben: weil das Thema tabuisiert ist, weil ihre Arbeit illegal ist, weil sie Angst haben und weil ihnen Öffentlichkeit weder Schutz noch Vorteile verspricht. So zirkulieren die Geschichten meist im Verborgenen, in privaten Gesprächen – etwa in den zahlreichen Schönheitssalons der Stadt.
Über Julia Dorokhova von der Organisation Legalife-Ukraine, die Frauen beim Ausstieg aus der Sexarbeit unterstützt, erhalten wir den Kontakt zu Lena. Sie erklärt sich bereit, ihre Geschichte zu erzählen. Doch am vereinbarten Tag kehrt Lena gerade von einem Einsatz an der Front zurück. Zunächst beantwortet sie unsere Nachrichten nicht, später meldet sie sich weder bei Julia noch bei der Sozialarbeiterin Natalija. Natalija sagt, das komme häufig vor. Wahrscheinlich habe Lena, während sie auf den Zug wartete – im August fuhren diese noch –, beschlossen, unterwegs noch Geld zu verdienen. An diesem Abend erscheint sie nicht zum Treffen. Erst später erfahren wir von Natalija, dass Lena wohlbehalten zurückgekehrt ist: Auf dem Weg nach Kramatorsk hatte sie in Slowjansk noch Kunden besucht.
Lisa, Natalija und andere Frauen erzählen immer wieder, dass der Krieg besonders Frauen aus kleinen Städten und Dörfern in existenzielle Not gebracht habe. Fabriken wurden geschlossen, viele Männer starben an der Front, zurück blieben Witwen und alleinerziehende Mütter. Für manche von ihnen wird Sexarbeit zu einem Mittel des Überlebens. Nach Angaben von Legalife-Ukraine begann 2023 etwa jede zehnte Sexarbeiterin erst nach Beginn des Krieges mit dieser Arbeit. „Ich glaube, Plattformen wie OnlyFans sind für viele Frauen zu einem Rettungsanker geworden“, sagt Lisa. Intimität auf Distanz ermögliche Einkommen und biete zugleich mehr Sicherheit. In der ukrainischen Politik gab es inzwischen sogar Vorschläge, Pornografie zu entkriminalisieren, damit die Ukraine Einnahmen aus der Besteuerung von OnlyFans-Produzent*innen erzielen und so die vom Krieg schwer getroffene Wirtschaft stützen könne.
Natalija berichtet, dass viele Frauen nach Kramatorsk kommen, um Geld zu verdienen. Verlässliche Statistiken existieren nicht. Sie schildert ihre Eindrücke aus der Arbeit mit drogenabhängigen Frauen: Rund 15 Frauen kämen regelmäßig zu ihr, um Spritzen, Kondome und Gleitmittel abzuholen. „Manche verlassen das Zentrum und gehen direkt auf die Straße“, sagt sie. „Kurz darauf hält ein Auto mit Soldaten, die sie mitnehmen.“ Daneben gebe es auch sogenannte „Elite-Mädchen“ – Frauen, die höhere Preise verlangen, regelmäßig auf sexuell übertragbare Krankheiten getestet werden und meist finanziell besser abgesichert seien. Auch ihre Kunden seien überwiegend Soldaten. Betreut würden sie von einer Zuhälterin, die „Mütterchen“ genannt werde und die bei Natalija Kondome und Gleitmittel „kistenweise“ abhole.
Bushaltestelle in Kramatorsk. | Foto: © Denis Vėjas
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Auch bei Wiktorija Sjemtschenko, der Koordinatorin der Wohltätigkeitsorganisation Positive Frauen (Позитивні жінки) in der Region Donezk, taucht regelmäßig das „Mütterchen“ auf. Das Wort „positiv“ bezieht sich hier auf eine HIV-Diagnose.
Laut Wiktorija holt sich das „Mütterchen“ „immer wieder Kondome“ bei ihrer Organisation ab. Außerdem nimmt sie Tests auf Syphilis, HIV und Hepatitis mit. Ob es sich um dieselbe Frau handelt, die Natalija erwähnt hat, wissen wir nicht. Wiktorija bestätigt jedoch, dass die Nachfrage in Kramatorsk groß sei: „Es gibt dort doch viele Soldaten.“ Ihr zufolge betreibt das „Mütterchen“ ein Bordell und sucht Frauen jeden Alters. Entscheidend sei nicht das Aussehen, sondern dass die Frauen „mit dem Kopf dabei“ seien.
Wiktorija erzählt, das Bordell des geheimnisvollen „Mütterchens“ stehe unter dem Schutz der Polizei. Polizisten, Taxifahrer und Zuhälterinnen bildeten offenbar ein eingeschworenes Dreigespann, das dafür sorgt, dass das Geschäft ununterbrochen weiterläuft: Die Polizei greift ein oder schaut weg, Taxifahrer bringen die Frauen zu den Kunden und vermitteln Kontakte, während die „Mütterchen“ die Arbeit organisieren und sich um Tests sowie Schutzmaßnahmen kümmern.
Wiktorija Sjemtschenko, Koordinatorin der Organisation „Positive Frauen“ in der Region Donezk. | Foto: © Denis Vėjas
Wiktorija selbst lebt seit 30 Jahren mit HIV. Früher war sie abhängig von „Schirka“, eine billige harte Ersatzdroge, die sie selbst kochte. Zwölf Jahre lang konsumierte sie die Droge, bis sie wegen Drogenherstellung im Gefängnis landete. Nach ihrer Entlassung ersetzte sie harte Drogen zunächst durch Wodka und Marihuana. Später, wie sie sagt, „fand sie zu Gott und lebte etwa 18 Jahre lang ohne Rückfälle“. Doch der Krieg durchbrach diese Stabilität. Der permanente Stress führte dazu, dass sie erneut abhängig wurde – diesmal von Promorphine, das sie zusammen mit Methadon während einer Substitutionstherapie erhielt. „Nachts heulten die Sirenen“, erzählt sie. „Und wenn man nicht schlafen kann, bricht man sich ein Stück ab, legt es unter die Zunge – und plötzlich wird alles ruhig. Eine alte Gewohnheit. Das Verlangen ist zurückgekommen.“
Wiktorija wirkt erschöpft vom Leben an der Front. Sie sagt, dass die Menschen in Kramatorsk psychisch ausgelaugt seien. Im Bus höre sie ständig Gespräche darüber, dass wegen des Beschusses wieder niemand schlafen konnte. „Alle warten nur darauf, was als Nächstes passiert, wo etwas einschlägt, wie schlimm es wird. Man spürt diese Angst überall in der Stadt.“ Trotzdem will sie Kramatorsk nicht verlassen. Sie sagt, niemand würde sie mit ihren 14 Katzen aufnehmen – und sie könne die Tiere nicht zurücklassen. „Aber wenn die [Russen] wirklich bis hierher kommen“, sagt sie, „dann muss ich gehen.“
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Swetlana bezeichnet sich selbst als „Callgirl“, sagt jedoch, dass ihre Arbeit oft auch darin bestand, traumatisierten Männern emotionalen Beistand zu leisten. | Foto: © Denis Vėjas
Die ganze Zeit über arbeitete Swetlana als Sexarbeiterin, denn, wie sie selbst sagt, war das das Einzige, worin sie gut war. „Gut“ bedeutete, dass sie viele wiederkehrende Kunden hatte; angeblich hätten sich sogar die Ehefrauen einiger Männer bei ihr bedankt, dass sie „die Ehe gerettet“ habe. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, brauchte Swetlana jedoch „sehr viele Kunden“ – den bescheidenen Verdienst musste sie mit der „Saunameisterin“, der Zuhälterin und dem Taxifahrer teilen.
Swetlanas Arme mit Narben, die von Selbstverletzung und Drogenabhängigkeit zeugen. | Foto: © Denis Vėjas
In ihrer Geschichte vermischen sich Gewalt, Missbrauch, Abhängigkeit von harten Drogen, Suizidversuche, Gefängnis, Betrug, Diebstahl, chronische Krankheit und Krieg – ein Krieg, den Swetlana zweimal in Mariupol erlebt hat. 2014 brachte sie ihren ersten Sohn zur Welt – mitten unter Explosionen, zu Hause, ohne ärztliche Hilfe und anderthalb Monate zu früh. Später wurde bei ihm eine Zerebralparese diagnostiziert. Der Vater war ein Kunde, doch Swetlana weiß nicht, welcher. 2022 versteckte sie sich während der Belagerung von Mariupol mit ihrem Sohn und ihrer Tochter vor dem Beschuss im Hafen – auf dem Deck eines Schiffes. Auch bei ihrer Tochter wurde später eine Behinderung festgestellt. Ihr Vater war ebenfalls ein Kunde. Ein anderer Kunde, ein Seemann, überredete Swetlana damals, das Kind nicht abzutreiben. „Er hat mich sehr geliebt“, sagt sie. Der Mann habe ihr geholfen, erzählt sie, „aber als ich im Krankenhaus lag und bei mir Tuberkulose diagnostiziert wurde, stach er wieder in See.“
Swetlana im Zimmer ihrer Kinder in Polen. | Foto: © Denis Vėjas
2023 kam Swetlana als Kriegsgeflüchtete nach Polen, in den sogenannten Suwałki-Korridor, wo sie bis heute lebt. Dort arbeitet sie als Zimmermädchen in einem Hotel und erhält Unterstützung für Kriegsgeflüchtete. Dort, in Polen, haben wir Swetlana getroffen.
Etwa jeder zehnte Soldat habe sich ihrer Einschätzung nach „wie ein Tier“ verhalten. Andere wiederum hätten gar keinen Sex gewollt, sondern nur die Gesellschaft einer Frau gesucht – „um zusammenzusitzen, Wodka zu trinken und über gefallene Freunde, die Schützengräben oder die Explosionen zu reden“.
Wie auch Lisa beschreibt Swetlana ihre Arbeit oft als emotionale Unterstützung für traumatisierte Männer. Wie man mit solchen Situationen umgeht, brachte sie sich selbst über YouTube bei. „Es gab solche Hysterie, solche Schreie, dass ich überhaupt nicht wusste, was ich tun sollte“, erzählt sie. „Die Männer weinten wie Kinder. Ich sagte ihnen nicht, dass alles gut wird – das bringt nichts. Ich saß einfach neben ihnen, trank mit ihnen, umarmte sie und streichelte sie.“
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Feier zum Unabhängigkeitstag der Ukraine in Kyjiw, 2025 | Foto: © Denis Vėjas
Die Kriegsgeschichte kennt zudem zahlreiche Beispiele dafür, dass Frauen gezwungen wurden, die sexuellen Bedürfnisse von Soldaten zu befriedigen – oder dies tun mussten, um selbst zu überleben. In früheren Jahrhunderten begleiteten sogenannte camp followers die Armeen: Unter ihnen Frauen, die kochten, wuschen, Verwundete versorgten, die Moral der Truppen aufrechterhielten und zugleich für sexuelle Dienste verfügbar waren. Ihre Körper gehörten zum Alltag des Krieges wie Waffen und Uniformen. Feministische Forschungen weisen darauf hin, dass dies meist keine freie Entscheidung war, sondern eine Überlebensstrategie in Situationen extremer Not.
Während des Zweiten Weltkriegs wurden etwa 200.000 sogenannte „Trostfrauen“ (comfort women) aus verschiedenen asiatischen Ländern gezwungen, in Militärbordellen japanische Soldaten sexuell zu bedienen – ein Fall, der später als Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkannt wurde. In Südkorea wiederum bedienten Ende der 1960er Jahre rund 20.000 registrierte Sexarbeiterinnen mit Wissen der Behörden etwa 62.000 im Land stationierte US-Soldaten. Die meisten dieser Frauen stammten aus armen Verhältnissen. Die Liste solcher Beispiele ließe sich fortsetzen. Gut dokumentiert sind allerdings meist nur Fälle aus Ländern, zu denen Forschende Zugang hatten. Vergleichbare Praktiken in der sowjetischen oder heutigen russischen Armee sind deutlich schlechter erforscht, obwohl einzelne Berichte existieren – etwa über sogenannte „Feldfrauen“ unter russischen Soldaten.
Der Tausch von Sex gegen Geld, Unterkunft, Lebensmittel oder Medikamente gehört auch zu den Realitäten moderner Kriege. Für Frauen in extrem prekären Lebenslagen bleibt dies oft die einzige Möglichkeit, das eigene Überleben oder das ihrer Kinder zu sichern. Wissenschaftler*innen und Hilfsorganisationen sprechen in solchen Fällen von survival sex – Überlebenssex. Der Begriff macht deutlich, dass die betroffenen Frauen keine wirkliche Wahl haben. Sie sind meist genötigt durch Armut, Flucht, Kriegstraumata, Witwenschaft oder strukturelle Ungleichheit. Solche Fälle wurden unter anderem in Bergkarabach, nach dem Völkermord in Ruanda, in Bosnien und Herzegowina, in der Demokratischen Republik Kongo sowie in zahlreichen Geflüchteten- und Vertriebenenlagern dokumentiert.
Der Begriff „Überlebenssex“ entstand auch, um diese Form der Ausbeutung von freiwillig gewählter Sexarbeit abzugrenzen. In der Praxis bleibt die Grenze jedoch oft unscharf. Gerade in bewaffneten Konflikten ist schwer zu bestimmen, wann Frauen tatsächlich eine Wahl haben – und wann nicht. Deshalb bewegen sich viele Fälle von Überlebenssex in einer Grauzone und werden rechtlich oder gesellschaftlich nicht immer als sexuelle Gewalt anerkannt.
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Die Feministin und Frauenrechtsaktivistin Marija Dmitrijewa arbeitet seit mehr als drei Jahrzehnten im Bereich der Prävention sexueller und reproduktiver Ausbeutung. | Foto: © Denis Vėjas
Seit mehr als drei Jahrzehnten setzt sich Marija für Frauenrechte ein und kämpft gegen Patriarchat und Frauenfeindlichkeit. Sie organisiert Schulungen, hält Vorträge und berät Politiker*innen bei der Ausarbeitung von Gesetzen. Den größten Teil ihrer Arbeit widmet sie dem Kampf gegen sexuelle und reproduktive Ausbeutung – darunter versteht sie Sexarbeit, Pornografie und Leihmutterschaft. „Meine Arbeit – sowohl die bezahlte als auch die unbezahlte – dient dem Schutz und der Stärkung der Frauenrechte. Denn ohne Frauenrechte kann Demokratie nicht funktionieren.“
Wie andere Gesprächspartnerinnen weist auch Marija darauf hin, dass es keine verlässlichen offiziellen Statistiken zur Sexarbeit in der Ukraine gibt. In offiziellen Dokumenten wird meist von „kommerziellem Sex“ gesprochen. Ihren Schätzungen zufolge gab es bis 2018 etwa 100.000 Frauen in diesem Bereich. „Das ist eigentlich weniger, als man erwarten würde, wenn man bedenkt, wie viele Menschen in der Ukraine unterhalb der Armutsgrenze leben – besonders in den Frontregionen“, sagt sie. Dabei seien aber Frauen, die nur gelegentlich sexuelle Dienstleistungen anbieten, ebenso wenig erfasst wie Minderjährige.
Schon vor der groß angelegten russischen Invasion arbeitete Marija mit Frauen und Jugendlichen in den Regionen Donezk und Luhansk. Dort organisierte sie Schulungen zu Frauenrechten und stärkte Führungs- und Selbstschutzkompetenzen. Wenn sie die Frauen nach alltäglichen Gefahren fragte, nannten diese viele Probleme – doch sexuelle Belästigung erwähnte zunächst niemand. „Als ich nachfragte, warum, antworteten sie: ‚Ach, das passiert ständig. Wir nehmen das gar nicht mehr wahr.‘“ Marija erzählt, dass junge Frauen in Frontregionen regelmäßig von Erwachsenen – Taxifahrern, Verkäufern, manchmal sogar Verwandten – dazu gedrängt würden, mit Soldaten zu schlafen und dafür Geld zu nehmen. Viele der Frauen nähmen dies nicht einmal als sexuelle Belästigung wahr.
Während des Krieges dokumentierten ukrainische Behörden vor allem sexuelle Gewalt, die von russischen Soldaten in besetzten Gebieten verübt wurde. Die ukrainische Staatsanwaltschaft untersucht diese Fälle systematisch; speziell ausgebildete Ermittler reisen in befreite Orte, um Aussagen von Betroffenen zu sammeln. Offiziell wurden bislang 376 Fälle konfliktbezogener sexueller Gewalt (conflict related sexual violence) registriert. Die tatsächliche Zahl dürfte jedoch deutlich höher liegen. In den Statistiken sind zudem auch Männer als Opfer erfasst – darunter Kriegsgefangene, gegen die ebenfalls sexuelle Gewalt angewendet wurde.
„Als der groß angelegte Krieg begann, fielen die Ukrainerinnen nicht auf die Knie und sie blickten nicht flehend zum Himmel mit den Worten: ‚Rettet uns.‘ Sie taten das, was sie immer tun – sie krempelten die Ärmel hoch und machten sich an die Arbeit“, sagt Marija Dmitrijewa. | Foto: © Denis Vėjas
Gleichzeitig kritisiert Marija, dass die öffentliche Debatte selektiv geführt werde. „Wenn russische Soldaten Ukrainerinnen vergewaltigen, spricht man darüber. Wenn ukrainische Soldaten Frauen für Geld, Drogen oder Medikamente sexuell ausnutzen, bezeichnet man es plötzlich mit dem sterilen Begriff ‚Überlebenssex‘ – obwohl es ebenfalls Gewalt ist.“ Marija setzt sich dafür ein, jede Form von Sexarbeit als Gewalt gegen Frauen anzuerkennen. Frauen, die solche Gewalt erlebt haben, sollten ihrer Meinung nach Unterstützung erhalten, während sowohl Käufer als auch Zuhälter*innen bestraft werden müssten. „Viele Politiker stimmen uns grundsätzlich zu“, sagt sie. „Aber sobald wir konkrete Gesetze fordern, heißt es immer wieder: Die Zeit sei noch nicht reif. Das trifft mich jedes Mal aufs Neue.“ Auch innerhalb feministischer Kreise bleibt diese Position umstritten. Andere Feministinnen vertreten die Auffassung, dass Sexarbeit unter bestimmten Bedingungen eine freiwillige Entscheidung von Frauen sein könne.
Ein noch schwierigeres Thema ist der sogenannte „Überlebenssex“ in den besetzten Gebieten. Für viele Frauen, die dort geblieben sind, werden sexuelle Dienstleistungen für russische Soldaten zur einzigen Möglichkeit, sich und ihre Familien zu versorgen. Die Ursachen gleichen denen in anderen Kriegsgebieten: geschlossene Geschäfte, Armut, Witwenschaft oder die Verantwortung für kranke und behinderte Angehörige. Marija weiß aufgrund ihrer Arbeit in den befreiten Gebieten, dass sich der Hass der Bevölkerung oft stärker gegen Frauen richtet, die russischen Soldaten sexuelle Dienstleistungen verkauft haben, als gegen Kollaborateur*innen, die lokale Aktivist*innen verraten oder militärische Stellungen preisgegeben haben.
„Ich habe Angst davor, dass nach dem Krieg niemand mehr über diese Frauen sprechen will“, sagt sie. „So wie in Frankreich nach der Befreiung von den Nazis: Bestraft wurden nicht die Männer, die das Land verwüsten ließen, sondern die Frauen, die versucht hatten zu überleben.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in vielen europäischen Ländern Frauen öffentlich gedemütigt, weil sie Beziehungen zu Soldaten der Besatzungsmächte gehabt hatten. Ihnen wurden die Köpfe geschoren, manche verloren sogar ihre Staatsbürgerschaft. Marija fordert deshalb, dass auch Frauen, die russischen Soldaten sexuelle Dienstleistungen erbrachten, Zugang zu Hilfsprogrammen erhalten. Theoretisch könne Sex in besetzten Gebieten unter die Definition konfliktbezogener sexueller Gewalt fallen, doch in der Praxis sei die Grenze oft schwer zu ziehen. „Es ist unglaublich schwer, Sozialarbeiter oder Beamte davon zu überzeugen, dass diese Frauen Unterstützung verdienen und nicht einfach Verräterinnen sind“, sagt sie.
Vor einem Jahr erklärte der damalige Chef des ukrainischen Militärnachrichtendienstes, Kyrylo Budanow, dass ukrainische Geheimdienste Sexarbeiterinnen in besetzten Gebieten rekrutierten, um Informationen über russische Truppen zu sammeln. Männer würden im Versuch, Macht und Stärke zu demonstrieren, häufig selbst sensible Informationen preisgeben. Laut Budanow nutze auch Russland dieselbe Methode, um ukrainische Sexarbeiterinnen als Informantinnen anzuwerben. Zudem gebe es Fälle von Doppelagentinnen.
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Gerade diese Organisationen richten Krisenzentren ein, leisten psychosoziale Unterstützung und bieten Rechtsberatung für Frauen an, die Gewalt erlebt haben. Aktivistinnen haben zudem Gesetzesänderungen zur Bekämpfung sexueller und häuslicher Gewalt angestoßen – und kämpfen weiterhin für deren Umsetzung. Nach Einschätzung von Frauenrechtsorganisationen ist die Ukraine im Bereich der Aufarbeitung konfliktbezogener sexueller Gewalt heute weiter als viele andere Länder, die Konflikte erlebt haben. Dennoch bleibt die praktische Umsetzung schwierig: Es fehlt häufig an ausreichender Unterstützung für Betroffene sowie an funktionierenden Mechanismen, um Hilfe langfristig zugänglich zu machen.
Natalija Wyschnewecka arbeitet seit Beginn des Krieges im Donbas mit Frauen, die geschlechtsspezifische Gewalt erlebt haben. | Foto: © Denis Vėjas
Laut Natalija interessierte sich vor dem Krieg kaum jemand ernsthaft für häusliche Gewalt und sexuelle Gewalt in ihren verschiedenen Formen. Erst seit der groß angelegten russischen Invasion steht das Thema stärker im öffentlichen Fokus. Das sei einerseits positiv, sagt sie, habe aber auch eine problematische Seite: Gewalt im familiären Umfeld werde oft nur dann ernst genommen, wenn sie direkt mit dem Krieg in Verbindung gebracht werden könne. Frauen, die „gewöhnliche“ häusliche Gewalt erleben, erhielten deshalb häufig weniger Aufmerksamkeit und Unterstützung. Auch Gewalt durch Kriegsveteranen gegen ihre Partnerinnen werde nicht immer als konfliktbezogene Gewalt anerkannt – obwohl der Krieg oft eine zentrale Rolle dabei spiele.
In den Jahren 2022 und 2023 führte Natalijas Organisation eine Umfrage unter Partnerinnen von Soldaten durch. Die Frauen wurden gefragt, welche Schwierigkeiten sie erwarteten, wenn ihre Männer von der Front zurückkehren würden. Die häufigste Antwort lautete: Alles werde gut werden, sobald die Männer wieder zu Hause seien. „Viele haben gar nicht darüber nachgedacht, dass es schwierig werden könnte“, sagt Natalija. „Dass ihre Männer verändert zurückkehren könnten – und dass sie selbst sich ebenfalls verändert haben.“ Viele Frauen hofften, dass die Männer nach ihrer Rückkehr wieder Teil der Verantwortung im Alltag übernehmen würden. Gleichzeitig unterschätzten sie oft, dass die Veteranen dazu psychisch womöglich gar nicht in der Lage seien. „Dann entstehen Konflikte“, sagt Nataliya. „Weil beide Seiten einander nicht mehr verstehen.“
Ein Paar küsst sich in Kyjiw am Unabhängigkeitstag der Ukraine. | Foto: © Denis Vėjas
Dieser Artikel erschien zuerst im litauischen Onlinemagazin NARA, einer unserer Medienpartner für PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES
Februar 2026