Alkoholismus unter „High Performern“
Nie genug

Nie genug Foto: hp koch via unsplash | CC0 1.0

Alkohol enthemmt, ist Stimmungsmacher, verändert die Wahrnehmung. Und man bekommt ihn zu fast jeder erdenklichen Tages- und Nachtzeit. Für manche Menschen aber gibt es einfach kein letztes Glas, Alkohol macht sie krank und süchtig. Besonders für Menschen, die gesellschaftlich weit oben stehen, können Prävention, Therapie und Neubeginn voller Hürden sein.

Nach Silvester oder einem heftigen Kater hat ihn fast schon jede*r mal gefasst: Den Vorsatz, die Finger vom Alkohol zu lassen. Viele merken aber auch schnell, wie schwer es ist, eine Woche oder einen Monat überhaupt nichts zu trinken. Denn Alkohol gibt es fast immer und fast überall: zum Essen, auf Partys, als Absacker oder „Konter“ am Morgen danach. Alkohol ist ein Anlassgetränk – und wo es nichts zu feiern gibt, wird das genussvoll zelebrierte Trinken selbst zum Anlass. Alkohol entspannt, baut Hemmungen ab und stellt Kontakte her. Und wer nicht trinkt, ist schnell die Spaßbremse. Na denn: Prost.
 
Dass Alkohol und Sucht eng zusammengehören, ist den meisten klar. Doch das gängige Bild von Alkoholabhängigen ist eher geprägt von Männern in der zweiten Lebenshälfte, alleinstehend, wenig erfolgreich im Leben – und schon morgens mit einer Pulle billigem Schnaps in der Hand. Champagnerfrühstück, Feierabendbier oder Drinks in der Geburtstagsrunde passen nicht in dieses stereotype Bild vom „Elendsalkoholismus“. Zudem ist Alkoholabhängigkeit komplex – sie kann sich vermischen mit der Sucht nach anderen (illegalen) Drogen, Shopping, Essen oder Glücksspiel. Nicht selten spielen auch Angststörungen und Depressionen eine Rolle bei Abhängigkeit. Die Verläufe können völlig unterschiedlich aussehen: Einige schaffen es, viele Jahre als funktionale Alkoholiker*innen mit der Sucht zu leben. Andere stürzen nach nur wenigen Monaten tief ab, sind körperlich völlig am Limit.

Damals dachte ich: Ich kann nicht mehr, ich muss mich totsaufen“

„Ich weiß nicht, wie ich es damals mit dem Zug von Berlin nach Frankfurt geschafft habe“, sagt die 42-jährige Franziska heute. 2018 erlebt die PR-Managerin einen schweren Rückschlag beim Versuch, den Alkohol hinter sich zu lassen. „Ich habe mich dann drei Tage im Keller meiner Eltern eingesperrt, habe nur gesoffen. Dann wurde ich mit knapp vier Promille in eine Psychiatrie eingeliefert – und konnte noch laufen. Drei Wochen lang habe ich einen krassen Entzug gemacht und dachte, ich sterbe.“ Es war ihr fünfter und letzter Entzug. Seitdem ist Franziska nach intensiver Therapie und mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker (AA) trocken.
 
Schon mit elf Jahren kam Franziska im Internat mit Alkohol in Berührung, mit 13 gehörten Trinken und Kiffen irgendwie dazu. Viele Jugendliche und junge Erwachsene testen ihre Grenzen in Sachen Alkohol und Drogen, ohne dass sie langfristig abhängig werden. Auch Franziska bleibt erst einmal unauffällig: sie beendet die Schule, es folgt eine Ausbildung und mit Anfang 20 eine Festanstellung in der Musikbranche – sie erfüllt sich ihren Traumjob als TV-Promoterin. Zwar hat sie viel Stress, aber auch eine eigene Wohnung, Auto, Geld, Erfolg. Und Alkohol. Der gehört in der Branche einfach dazu: „Man säuft manchmal schon um 17 Uhr – wenn man einen Charterfolg hatte, wurde der Sekt aufgemacht“, erinnert sie sich. „Ich war immer die, die als letzte ins Bett gegangen ist. Ich bin aber immer aufgestanden, immer um 8 Uhr am Bus gewesen oder im Flieger – habe nie einen verpasst.“
 

Gerade während des Corona-Lockdowns haben viele das Gefühl, sie trinken mehr als sonst. Wer einen Überblick über den eigenen Konsum bekommen will, kann es mit einem Selbsttest versuchen (z.B. bei kenn-dein-limit.de). Auch die App „Trinktagebuch“ kann beim ersten Check helfen. Verantwortlich für die App ist die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen. Leider sind Selbsttest und App in Sachen Design und Aufbau nicht perfekt, aber bieten eine gute Basis-Einschätzung.
 
Wer den ersten Schritt wagen möchte für ein bis zwei Wochen oder sogar einen ganzen Monat ohne Alkohol, der kann sich auf Instagram oder Pinterest ein bisschen Motivation abholen. Unter Hashtags wie #soberlife und #sobriety finden sich Inspirationen, Storys und Rezepte für einen Lifestyle ohne Alkohol. Wer sich eingehender mit einem Leben ohne Alkohol beschäftigen will, sollte in den Podcast Ohne Alkohol mit Nathalie der Journalistin Nathalie Stüben reinhören. Stüben ist trockene Alkoholikerin und erzählt selbst oder mit Gästen junge, zeitgemäße Geschichten von Sucht und Loslassen. Solltest du das Gefühl haben, Alkohol nimmt bereits zu viel Platz in deinem Leben oder dem eines anderen Menschen ein, dann kannst du mit deinem Hausarzt sprechen. Auch die Anonymen Alkoholiker, die Guttempler und das Blaue Kreuz sind gute Anlaufstellen – coronakonform derzeit übrigens auch überall online präsent.

Gut 6,7 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren in Deutschland konsumieren laut Bundesgesundheitsministerium Alkohol in riskantem Ausmaß. Aus dieser Gruppe gelten wiederum 1,6 Millionen Menschen als alkoholabhängig. Im internationalen Vergleich ist Deutschland ein Hochkonsumland: Laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) trank im Jahr 2017 jede*r Deutsche ab 15 Jahren etwas mehr als zehn Liter reinen Alkohol. Männer sollten laut DHS täglich nicht mehr als 24 Gramm reinen Alkohol trinken, Frauen nicht mehr als zwölf Gramm. Zur groben Orientierung: 200 Milliliter Bier oder 100 Milliliter Wein enthalten jeweils bereits rund zehn Gramm reinen Alkohol. Klar ist also – zu vielen Gelegenheiten trinken wir mehr Alkohol, als unser Körper langfristig verträgt.
 
Trailer zum Dokumentarfilm „Alkohol - Der globale Rausch“ von Andreas Pichler. Der komplette Film kann in der ARD-Mediathek angesehen werden.

Mit ihrer Sucht vertraute sich Franziska erstmals 2017 einer Ärztin an. Damals konnte sie nicht einmal mehr sagen, wie viel sie eigentlich jeden Tag trank: „Ich habe nachts geschwitzt, nicht mehr geschlafen, die Leber arbeitet so krass.“ Morgens kämpft sie mit Zittern und starkem Suchtverlangen. Sie steht dann schon nachts auf, trinkt Wein, aber weil sie eine Alkoholfahne vermeiden will, wechselt sie zu Wodka. Den kauft sie morgens im Späti – nie im gleichen, um nicht aufzufallen. Ihre Sucht wird von einem komplexen Gerüst gestützt: „‚Legal‘ durfte ich ja ab 17 Uhr trinken im Büro, ich habe mir dann auch immer schon mein Feierabendbier aufgemacht“, erinnert sie sich. „In meinem Büro stand auch der Kühlschrank mit den ganzen Alkoholvorräten.“ Als Franziska sich immer häufiger krankmeldet und sie ihr Chef irgendwann auf den Alkohol anspricht, wehrt sie ab: Sie sei nie zu spät, ließe keine Termine platzen, beantworte täglich Hunderte E-Mails und sei immer erreichbar. Sie funktioniere – was denn noch?!

„Niemand kann in allen Lebensbereichen Top-Leistung bringen“

Einen konkreten, wissenschaftlichen Begriff gibt es für diese Gruppe   nicht – deshalb heißen sie an dieser Stelle „High Performer“. Es sind Menschen wie Franziska, die unter großem Druck souverän funktionieren und privat wie beruflich eine Menge einstecken können – Managerinnen, Ärzte, Anwältinnen, Athlet*innen, Mütter und Väter. Doch sie können einfach nicht in allen Lebensbereichen Top-Leistung erbringen, sagt Dr. Bastian Willenborg. Er ist Facharzt für Psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie sowie Ärztlicher Direktor der Oberberg Fachklinik Berlin Brandenburg. Um abzuschalten, sich zu beruhigen oder nach einem stressigen Tag zu belohnen, greifen Leistungsträger*innen dann zum „guten Glas Wein“ oder ähnlichem.
 
Dieses Muster treffe vor allem auf Männer sowie Single-Frauen in Leitungspositionen zu, so Willenborg. Frauen, die berufliche wie familiäre Verantwortung managen müssen, tränken eher, um ihre Aufgaben überhaupt bewältigen zu können: „Extreme Leistung auf der Arbeit zu bringen, dann noch die Top-Mutter zu sein, im Elternbeirat zu sitzen und sich noch Zeit für sich selbst zu nehmen. Das geht in der Regel aus zeitlichen Gründen nicht“, sagt er. Der Facharzt beobachtet , dass sich zunehmend Frauen als Suchtpatientinnen in seiner Klinik melden. „Etwas unwissenschaftlich formuliert: Frauen ziehen mit Männern gleich“, so Willenborg.
 
War es vor Jahrzehnten noch verpönt, dass Frauen öffentlich Alkohol tranken, sei es heute normaler geworden. Dies hat auch mit der Emanzipation zu tun.  Frauen sind heute sichtbarer, verdienen ihr eigenes Geld, sind beruflich unabhängig – und entscheiden selbst, ob und wie viel sie alleine oder in Gesellschaft trinken wollen. Untersuchungen belegen zudem: Frauen in gehobenen sozialen Schichten trinken mehr Alkohol als Frauen in weniger herausragender Position. Nicht zuletzt hat auch das Marketing Frauen als Konsumentinnen entdeckt und inszeniert den Alkoholkonsum in attraktive Lebenswelten vom Sektbrunch mit Freundinnen, dem Cocktail beim Date bis hin zum Rotwein in der Badewanne.

Dr. med. Bastian Willenborg Dr. med. Bastian Willenborg: „Alkoholabhängigkeit ist eine Erkrankung und keine Charakterschwäche.“ | Foto: © oberbergklinken.de

Alkoholentgiftung als High Performer: Schwieriger Rollenwechsel

Franziska hat seit ihrem Tiefpunkt 2018 keinen Alkohol mehr getrunken. Ihre Festanstellung hat sie gekündigt, ist mittlerweile selbstständige PR-Managerin. Sie steht täglich mit den Anonymen Alkoholikern in Kontakt, baut im Alltag bewusst Pausen und Zeit für sich selbst ein. Doch die Rückkehr in ein gesünderes Leben ist nicht leicht – paradoxerweise vor allem für High Performer. So berichtet Facharzt Willenborg, dass in seiner Klinik auch Ärztinnen, Richterinnen und Anwälte behandelt werden. Diese erleben dort einen ungewollten Rollenwechsel, müssen sich auf Hilfe einlassen: „Wenn dann der erste körperliche Entzug überstanden ist, dann kommen häufig so Ideen: Ok, ich muss übermorgen fertig sein, weil dann muss ich ins Büro, in die Praxis oder die Kanzlei“, sagt Willenborg. Er habe Verständnis für den Druck, dem die Menschen ausgesetzt seien. Im gemeinsamen Gespräch versuche man dann zu klären, wie die Therapie ablaufen könnte, denn „wenn die Sucht nicht ordentlich behandelt wird, besteht die Gefahr, dass viele langfristig gar nicht mehr leistungsfähig sind.“
 
Manche brauchen dann ein paar Tage, um sich an die neue Situation und Rolle als Patient*in zu gewöhnen, lassen sich dann aber doch häufig auf eine dreiwöchige qualifizierte Entgiftung ein. Damit ist es aber nicht getan, denn nach der Therapie müssen die High Performer ihr Beruf- und Privatleben neu ordnen – und darauf seien viele Anlaufstellen nicht vorbereitet. So fühlte sich Franziska damals alleingelassen, sagt heute, dass der sozialmedizinische Dienst ab einer gewissen Gehalts- und Arbeitsklasse nicht mehr genau Bescheid weiß, wie er beraten soll. Auch seien nicht alle Selbsthilfegruppen für Leistungsträger*innen geeignet, sagt Dr. Willenborg. Ehemalige Patient*innen der Oberberg-Kliniken haben deshalb Selbsthilfegruppen gegründet, in denen sie sich auf Augenhöhe austauschen können.
 
Was von außen vielleicht wie ein „Luxusproblem“ anmutet, ist jedoch keines: High Performer haben spezielle Ansprüche an Diskretion und Planbarkeit einer Therapie, erleben nicht selten aufreibende Widersprüche zwischen Autonomieempfinden, Verantwortungsgefühl und Verletzlichkeit. High Performer nehmen Hilfe oft nicht rechtzeitig in Anspruch, meinen, mit Selbstdisziplin das Problem in den Griff kriegen können. Manchmal deckt sie ihr Umfeld viel zu lange, schützt sie vor Bloßstellung und schmerzvollen Konsequenzen – oder schaut einfach weg. In öffentlichen Präventionskampagnen tauchen High Performer praktisch nicht auf und schon eine einfache Suche im Internet nach passenden Therapieangeboten ist meist eine Sackgasse. „Da ist tatsächlich eine Lücke“, bestätigt Willenborg.

Leben ohne Alkohol – aber wie?

Franziska lebt heute ohne Alkohol – und arbeitet immer noch in derselben Branche. Anfangs kommunizierte sie bei Terminen ihre Abstinenz vorsichtig: sie sei lange krankgeschrieben gewesen, müsse Medikamente nehmen und würde deswegen nicht trinken oder rauchen. Mittlerweile hat sie festgestellt, dass die klare Ansage für sie der beste Weg ist: „Wenn man da sehr bestimmend auftritt und sagt: ‚Nee, ich trinke nicht.‘ Dann ist das ok. Oder ich gehe auch einfach schon um 22 Uhr nach Hause.“ Ein gesunder Lebensstil fände zwar meist Anklang, so Franziska, aber gänzlich auf Alkohol wolle ihr Umfeld nicht verzichten. Dies spürt sie auch im Privatleben: „Ich gehe wieder auf Dates mit Männern – und einer ist offensichtlich ein Alkoholiker“, so die 42-Jährige. „Er muss sich einmal die Woche zur Entspannung richtig abschießen, da sage ich: Du hast definitiv ein Problem. Das schreckt mich eher ab, weil mir das zu viel Arbeit ist.“
 
Mit ihrer Offenheit zum Thema Alkoholismus will Franziska künftig anderen High Performern helfen. Dafür plant sie eine Ausbildung zum Coach im Bereich Recovery Coaching und möchte damit vor allem Menschen aus der Musik- und Medienbranche ansprechen. Denn Alkoholismus ist noch immer in allen gesellschaftlichen Schichten stark stigmatisiert, die meisten empfinden eine große Scham, sich das Problem einzugestehen und Hilfe zu holen – und wer eine gewisse Bekanntheit hat, steht noch einmal unter besonderem Druck und öffentlicher Beobachtung. Auch Dr. Willenborg kennt Ärzt*innen, die ihre Suchttherapie nicht in seiner Klinik vollziehen möchten. Zu groß sei für sie die Gefahr, dort einer Kollegin oder Kollegen über den Weg zu laufen oder Bekannte zu treffen.
 
Alkoholabhängigkeit ist immer noch von der Vorstellung geprägt, dass die Abhängigen selbst Schuld hätten, sich einfach nur mal richtig zusammenreißen müssten. „Keiner entscheidet sich, abhängig zu werden“, so Dr. Willenborg. „Genauso wenig, wie ich mich entscheide, mir das Bein zu brechen. Das ist ganz wichtig: Alkoholabhängigkeit ist eine Erkrankung und keine Charakterschwäche.“

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