Suchtprävention Weniger Partys = weniger Drogen?

Weniger Partys = weniger Drogen? Foto: Reza Heydar via unsplash | CC0 1.0

Es wird mehr Alkohol konsumiert seit dem Beginn der Corona-Pandemie. Das zeigen bundesweite Studien. Ein verändertes Suchtverhalten — sowohl bei den legalen als auch bei den illegalen Drogen – beobachtet man auch in der Berliner Fachstelle für Suchtprävention. Dort arbeitet die Soziologin Anna Freiesleben. Im Interview spricht sie unter anderem darüber, wann die Grenze zum riskanten Konsum überschritten ist, und warum wir in unserer Einschätzung von Cannabis einem verbreiteten Irrglauben unterliegen.

Wie steht es um Süchte, denen man im Lockdown weniger gut nachgehen kann? Findet da bei den Betroffenen eine Verlagerung hin zu anderen Drogen statt?

Das ist individuell unterschiedlich. Glücksspiel zum Beispiel kann man ganz leicht online nachgehen, auch wenn das in Deutschland meist nicht legal ist. Man weiß auch, dass es Suchtverlagerungen gibt, wenn bestimmte Dinge oder Präparate nicht mehr zugänglich sind. Gleichzeitig kann es natürlich auch sein, dass manche Menschen jetzt beispielsweise weniger Alkohol trinken, weil die gesellschaftlichen Anlässe fehlen. Andere trinken vielleicht mehr, weil die soziale Kontrolle fehlt. Speziell in Berlin, wo Partydrogen ein großes Thema sind, kann es natürlich auch sein, dass der Wegfall von Partys dazu führt, dass die üblichen Konsumenten jetzt ganz aufhören, diese Drogen zu nehmen.

Stichwort soziale Kontrolle — lässt sich das auch in der Suchtprävention einsetzen?

Es ist zumindest hilfreich, Rückmeldung zu bekommen, von Freunden, Angehörigen, die beispielsweise sagen: „Ich merke, du konsumierst viel. Du hast dich verändert.“ Andererseits haben wir auch gerade jetzt Anfragen von Angehörigen, die Suchtverhalten in ihrer Familie erst jetzt festgestellt haben, weil sie eben mehr zu Hause waren.
 

Die Anzahl der Alkoholabhängigen in Deutschland wird auf mehr als eine Million Menschen geschätzt, jedes Jahr sterben über 120.000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Das schafft keine illegale Droge.“

Woran merke ich selbst, ob ich ein Abhängigkeitsproblem habe — gerade bei so einer gesellschaftsfähigen Droge wie Alkohol?

Dafür gibt es medizinische Kriterien: Wie groß ist der Wunsch oder das sogenannte craving zu konsumieren? Wie hoch ist die Toleranzentwicklung, gibt es Entzugssymptome, wie groß ist die Menge, die man konsumiert? Vernachlässigt man anderes, um zu konsumieren, kann man nur noch an Konsummöglichkeiten denken? Ein Kriterium ist auch Kontrollverlust. Wenn eine bestimmte Anzahl dieser Kriterien über einen bestimmten Zeitraum gegeben ist, sprechen wir von Abhängigkeit. Allerdings gibt es davor ganz viele Zwischenstufen. Gerade bei Alkohol konsumieren laut Schätzungen 6,7 Millionen Menschen in Deutschland riskant. Das heißt, die konsumieren regelmäßig zu viel, sind aber noch nicht abhängig. Dieses System kann aber schnell kippen, gerade in Krisen wie einer Pandemie. Die empfohlenen Mengen für Alkohol liegen noch weit unter dem, was als riskanter Konsum definiert wird.

Muss ich mir Gedanken machen, wenn ich regelmäßig mehr als die empfohlene Menge an Alkohol konsumiere?

Bei Gewohnheitskonsum kann man schon mal hingucken und sich überlegen, mal eine Auszeit zu nehmen. Viele machen das zum Beispiel in Form des Dry January. Wenn einem das richtig schwerfällt, wäre das der Moment, sich mal Gedanken zu machen.

Soziologin und Präventionsexpertin Anna Freiesleben Soziologin und Präventionsexpertin Anna Freiesleben | Foto: © Fachstelle für Suchtprävention Berlin gGmbH

Ist sich die Gesellschaft der Risiken von Drogen bewusster, wenn sie illegal sind?

Das ist schon möglich. In Deutschland verursachen die legalen Drogen Alkohol und Tabak die größten Schäden. Die Anzahl der Alkoholabhängigen in Deutschland wird auf mehr als eine Million Menschen geschätzt, jedes Jahr sterben über 120.000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Das schafft keine illegale Droge. Gleichzeitig ist es so, dass sich beispielsweise bei Tabak viel verändert. Da wird sehr viel auf Risiken verwiesen, unter anderem mit den Bildern auf den Zigarettenschachteln. Es ist statistisch klar bemerkbar, dass ein ganzes Maßnahmenbündel dazu geführt hat, dass weniger junge Menschen heute rauchen. Andererseits haben wir Cannabis als illegale Droge, die gesellschaftlich total verbreitet ist. Da sind sich viele der Risiken nicht bewusst. Immer wieder hört man die Aussage: Das macht ja gar nicht abhängig. Das stimmt so aber nicht.

Cannabis kann körperlich abhängig machen?

Klar. Man kann auch körperliche Entzugserscheinungen haben. Diese falsche Annahme, dass dem nicht so sei, kommt auch daher, dass das Cannabis, das früher konsumiert wurde, nicht so stark war. Heute hat das ganz andere Potenzen und ist viel psychoaktiver. Es gibt zwei hauptsächlich wirksame Inhaltsstoffe von Cannabis — THC und CBD. Das psychoaktive THC hat inzwischen den höheren Anteil.

In Deutschland gibt es eine sehr heftige Debatte um die Legalisierung von Cannabis. Wie ist diese Debatte aus Präventionssicht zu bewerten?

Das ist eine total wichtige Debatte, weil Cannabis ein so großes gesellschaftliches Thema ist. Wir sprechen aber von einer Regulierungsdebatte, also davon, dass es eine staatliche Regulierung geben kann mit einer kontrollierten Abgabe an Volljährige. Außerdem kann das nur Teil eines ganzen Bündels an Maßnahmen sein, und dazu müsste dann auch gehören, Präventions- und andere Experten einzubeziehen. Jede Maßnahme muss immer mit einer Stärkung der Prävention einhergehen, um eben über die bestehenden Konsumrisiken aufzuklären.

Welche Vorteile hätte so eine staatliche Regulierung aus präventiver Sicht?

Zum Beispiel würde überhaupt mal ein Jugendschutz erfolgen. Der Dealer fragt ja nicht, wie alt der Mensch ist, der bei ihm etwas kauft. Zugleich könnte sie auch dazu führen, dass auch an Schulen offener über Cannabis gesprochen werden kann. Bisher ist die Diskussion einfach stark polarisiert, dabei ist die Sache nicht schwarz-weiß.
 

Suchtprävention braucht politisches Gewicht und finanzielle Unterstützung.“

Gibt es regionale Unterschiede im Konsumverhalten?

Aus Krankenhausstatistiken geht hervor, dass zum Beispiel im ländlichen Raum Rauschtrinken weiter verbreitet ist als in den deutschen Stadtstaaten. In Berlin ist der Partydrogen-Konsum unter jungen Erwachsenen vergleichsweise weit verbreitet. Als Fachstelle für Suchtprävention haben wir selbst eine Erhebung gemacht zu Konsum bei Schülerinnen und Schülern und dabei festgestellt, dass das Einstiegsalter für Cannabis in Berlin mit 14,6 Jahren deutlich unter dem bundesweiten Einstiegsalter von 16,4 liegt — hier ist also Präventionsarbeit zum Thema Cannabis besonders gefragt.

Gibt es Vorbilder in der Suchtprävention?

International ist die Schweiz das, wo alle hinschauen. Das hat viele Gründe. Suchtprävention braucht politisches Gewicht und finanzielle Unterstützung. In der Schweiz ist man da ganz gut aufgestellt. Außerdem werden dort auch Themen und Trends gesetzt, beispielsweise ist man dort ganz vorne dabei bei der Verknüpfung von Lebenskompetenz und Suchtprävention.
 
Die Soziologin und Präventionsexpertin Anna Freiesleben arbeitet seit 2016 in der Berliner Fachstelle für Suchtprävention. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind Prävention im Bereich digitale Medien und soziallagenbezogene Suchtprävention.

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