Ayahuasca & Kakao Von Schamanen und Scharlatanen

Zubereitung des Ayahuasca-Suds in Iquitos, Peru Foto: Apollo, CC BY 2.0

Immer mehr Großstädter begeben sich in schamanischen Ritualen auf die Suche nach sich selbst. Aber wie gefährlich sind Ayahuasca und Co. – und sollten wir als Europäer diese Rituale überhaupt nachahmen?

In eine Wolldecke eingekuschelt liege ich auf meiner Yogamatte. Um mich herum stehen alle Menschen in einem Kreis, die mir in meinem Leben wichtig waren und sind: Meine Familie, enge Freunde, gute Bekannte, Kollegen. Auch meine Großeltern und mein Vater, alle seit vielen Jahren tot, haben sich eingereiht. Sie halten sich an den Händen, nicken mir zu, in ihren Blicken liegt unendlich viel Zuneigung. Mir laufen Tränen über die Wangen, gleichzeitig breitet sich ein warmes Glücksgefühl in meinem Körper aus. Wie könnte ich auch traurig sein, wenn mich so viel Liebe umgibt? Das alles passiert vor meinem inneren Auge – während der Meditation, die sich für gewöhnlich einem Kakao-Ritual anschließt.
 
Zeremonien mit „Mama Cacao“ haben in den letzten Jahren vor allem in der spirituellen Szene Berlins stark an Popularität gewonnen. In einem Kreis auf dem Boden sitzend, flüstern die Teilnehmer*innen ihre Wünsche und Intentionen in die mit der zähen Flüssigkeit gefüllte Tasse. Dabei handelt es sich nicht um einfache heiße Schokolade, sondern um 100 Prozent Kakao. Wer dieses Getränk, das meistens mit pflanzlicher Milch und Gewürzen zusammen erhitzt wird und eine bewusstseinserweiternde Wirkung haben soll, zu sich nimmt, macht nichts Illegales. Ganz legal, heißt es, tue man Körper und Geist sogar etwas Gutes: Durch die enthaltenden Stoffe werde die Ausschüttung von Endorphinen angeregt, es komme zu einer „herzöffnenden“ Wirkung und emotionale Blockaden könnten gelöst werden. „Cacao stärkt die Verbindung zu dir selbst, zu den Menschen um dich herum und auch zur Natur. Meiner Meinung nach ist es genau das, was gerade gebraucht wird. Die Menschen haben den Wunsch, sich selbst besser kennenzulernen und auch im Außen wieder in eine tiefe, authentische Verbindung zu gehen.“, sagt Leni Glapa, die in ihrem Berliner Unternehmen CacaoLoves.Me Kakao verkauft und Kakao-Rituale anbietet.
 
Diese Wirkung war den Menschen in Südamerika bereits vor vielen Jahrhunderten bekannt. In den Kulturen der Olmeken, Maya und Azteken nutzte man die braune Kakaobohne als Zahlungsmittel; mit Wasser erwärmt ergab sie außerdem ein Getränk, das den Herrschern vorbehalten war und bei  schamanischen Zeremonien zur Huldigung der Götter und zur Heilung eingesetzt wurde. Die Azteken nannten den Trunk „Xocolatl“ (xoco heißt bitter und atl Wasser) – und gaben der heute auch bei uns so beliebten Schokolade damit ihren Namen. Aber was wissen die Menschen, die zwischen Räucherstäbchen und Meditationskissen in eine warme Tasse murmeln, eigentlich über diese Tradition? Und ist es nicht eine Anmaßung, mitten in Europa uralte schamanische Rituale nachzuahmen?

Kakaozeromie Kakaozeromie | Foto: Maria Derevianko via unsplash | CC0 1.0

Von schamanischer Heilarbeit zum Tourismus-Faktor

Eine Frage, die vor allem im Zusammenhang mit einer anderen bewusstseinserweiternden Substanz auftaucht: Ayahuasca. Der Name, der übersetzt „Seelenranke“ bedeutet, bezeichnet ein flüssiges Gemisch aus der Ayahuasca-Liane (Banisteriopsis caapi) und der Chacruna-Pflanze (Psychotria viridis), das in Südamerika konsumiert wird. Ursprünglich wurde es ausschließlich von den Heilern einer Gemeinschaft getrunken, um eine Verbindung zu den Göttern herzustellen und dadurch Krankheiten der Bewohner*innen beseitigen zu können. Seit wann die Pflanze für diese Zwecke eingesetzt wird, ist unklar, denn bis zur Ankunft der Spanier im 16. Jahrhundert gab es in Südamerika keine schriftlichen Aufzeichnungen; In Chile und Ecuador fand man jedoch Schalen, die Reste der Pflanze aufwiesen und auf das 8. Jahrhundert datiert werden.
 
Mittlerweile hat sich um den bitter schmeckenden Sud eine Tourismus-Industrie entwickelt, die völlig aus dem Ruder gelaufen zu sein scheint: Tausende Menschen strömen jedes Jahr nach Peru, Ecuador oder Kolumbien, um in teilweise Tage andauernden Zeremonien zu sich selbst zu finden. Dass Ayahuasca nach der Einnahme zunächst zu heftigem Erbrechen und Durchfall führen kann und danach einen psychedelischen Trip auslöst, liegt vor allem an dem in der Chacruna-Pflanze enthaltenen Dimethyltryptamine (DMT). „Ich wusste auf einmal ganz genau, wie alles auf der Welt und in meinem Leben zusammenhängt“, berichtet ein Freund, der im peruanischen Dschungel in einer Einzelsitzung mit einem Heiler Ayahuasca eingenommen hat. Eine Bekannte hingegen kämpft seit ihrer Begegnung mit der Pflanze mit Angstzuständen. Weil man sich nicht aussuchen kann, was alles an die Oberfläche kommt, wenn man die Tür zum Unbewussten öffnet, kann Ayahuasca die schönsten Erinnerungen, aber auch tiefsitzende Traumata hervorholen – und im schlimmsten Falle sogar Psychosen auslösen.
 
Damit dies nicht passiert, sollte das Ritual nur in Anwesenheit eines erfahrenden „Curandero“, eines Heilers oder einer Heilerin, durchgeführt werden – doch in Peru haben längst Scharlatane den Nutzen der Sinn suchenden Europäer und Nordamerikaner für sich erkannt. Immer wieder kommt es, aufgrund von mangelnder Erfahrung oder dem unterlassenen Hinweis, dass Ayahuasca starke Nebenwirkungen unter anderem mit Antidepressiva haben kann, zu Todesfällen unter den Teilnehmern. Und zu Gewalt: 2018 ermordete ein Kanadier in Peru die 81-jährige Heilerin Olivia Arévalo Lagos und wurde kurze Zeit später von den wütenden Bewohnern des Dorfes gelyncht; 2019 fand man die Heilerin Lucinda Mahua Campos angeschossen auf.

Ranke der Ayahuasca-Liane Ranke der Ayahuasca-Liane | Foto: Apollo, CC BY 2.0

Wo fängt kulturelle Aneignung an?

In Deutschland werden Rituale mit Ayahuasca ebenfalls immer bekannter und beliebter. Nicht immer wird dabei die kulturelle Herkunft gewürdigt und die Zeremonie von ausgebildeten Heilern durchgeführt; auch wenn der bittere Geschmack und die Effekte wohl kaum Lust auf täglichen Konsum machen, trinken manche den Sud, um sich einfach mal so richtig zuzudröhnen: Ayahuasca hat eine weitaus stärkere Wirkung als andere Drogen, wenn es das bereits erwähnte DMT enthält.
 
Weil letzteres in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz fällt und der Einsatz strafbar ist, weichen viele Anbieter der Rituale auf einen – nicht minder wirksamen – Ersatz aus: „Wir verwenden die wirkmächtige, Syrische Steppenraute ohne zusätzliche Beigabe von DMT und nutzen deren einmalige Fähigkeit, in unserer speziellen hohen Dosierung unser körpereigenes DMT, also direkt unser eigenes spirituelles, jedem innewohnendes Potential zu entdecken“, steht auf der Homepage von Ayahuasca in Deutschland. Ursprünglich, heißt es dort weiter, habe der Ayahuasca-Trunk gar kein DMT enthalten – und an dieser uralten Tradition orientiere man sich.

Respekt zeigen

Um Nicht-indigene Menschen für Nutzung und Bedeutung der Pflanzen zu sensibilisieren und die kulturelle Herkunft der Zeremonie wieder für sich zu beanspruchen, taten sich vor drei Jahren unter dem Titel „Shipibo-Konibo-Xetebo Association of Ancestral Healers“ Heiler*innen verschiedener Stämme aus Peru zusammen. In einem Aufruf deklarieren sie: „Wir sind es leid, unser Wissen und die Praktiken unserer Vorfahren durch ein kannibalistisches westliches System vereinnahmt zu sehen“ und fordern alle Nicht-Indigenen, die finanzielle Vorteile aus der indigenen Medizin und spirituellen Heilarbeit ziehen, aktiv die kulturelle und politische Selbstermächtigung der Shipibo-Konibo-Xetebo zu unterstützen. Doch das wird bisher eher spärlich getan.
 
Sollten wir, als Europäer, also lieber die Finger von schamanischen Ritualen lassen, um uns nicht der kulturellen Aneignung schuldig zu machen? Nicht unbedingt. Doch eine intensive Auseinandersetzung mit der Bedeutung der Rituale sowie Respekt gegenüber der Kultur, aus der sie stammen, sollte das Mindeste sein. Dann klappt auch die „Zusammenarbeit“ mit den Heilern, so Leni Glapa: „Sie sehen wie nötig es ist, dass Cacao auch hier geteilt wird, um die Menschen wieder in ihr Herz zu bringen. Letztlich leben wir alle auf der gleichen Erde, und je mehr Menschen damit bewusster umgehen, um so besser ist es für alle. Und wenn das bedeutet, die eigene ‚Medizin‘ mit ‚Fremden‘ zu teilen, wird das oft sogar positiv gesehen und gefördert.“
 

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