Annex I
WIE KANN MAN EINE COMMUNITY AUFBAUEN UND ERHALTEN?
In diesem Abschnitt erklären wir, wie der Aufbau von Beziehungen zu Communities Bibliotheken dabei hilft, relevant zu bleiben und die Lebensrealitäten der Menschen nicht aus den Augen zu verlieren.
Mit einer Zielgruppe zu arbeiten ist nicht dasselbe wie mit einer Community zu arbeiten. Wenn du mit Communities arbeitest, ist die Bibliothek nicht länger das „Zentrum“, das Wissen und Expertise bereitstellt. Stattdessen wird sie zu einem Ökosystem, das bestehende lokale Netzwerke oder Communities identifiziert und unterstützt, ganz gleich, ob es sich um etablierte Partner, grassroots-Initiativen oder neue Stimmen handelt. Die Bibliothek „erschafft“ dabei keine Community; Communities existieren unabhängig von unserer Arbeit. Community-Building bedeutet vielmehr, einen gemeinsamen, kollaborativen Wissensraum zu schaffen, in dem Mitglieder ihr Wissen teilen und gemeinsam reflektieren. In diesem Kontext muss ein*e Bibliothekar*in beispielsweise kein*e KI-Expert*in sein, sondern wird zur moderierenden und unterstützenden Person eines bereits bestehenden Peer-to-Peer-Austauschs im eigenen Wirkungsbereich.
EINIGE GRUNDLEGENDE ERKENNTNISSE
Da jeder Kontext einzigartig ist, gibt es keine universellen Lösungen für Community-Arbeit in Bibliotheken. Jede Bibliothek agiert in einem spezifischen Umfeld mit eigenen Lernenden und kulturellen Bedingungen, die individuelle Ansätze erfordern. Diese Arbeit verlangt, über die eigenen institutionellen Grenzen und vorab definierte Zielgruppen hinauszugehen.
Der Versuch, alle gleichermaßen anzusprechen, führt in der Regel zu einem Verlust an Wirkung. Für nachhaltiges Community-Building ist daher ein strategischer Fokus entscheidend. Das bedeutet auch, Verantwortung zu teilen und die Bibliothek gezielt für bestimmte Communities zu öffnen. Wenn Community Building gelingt, entsteht daraus eine langfristige Beziehung zwischen Bibliothek und Community – in beide Richtungen. Genau das ist entscheidend, um als Bibliothek heute und in Zukunft relevant zu bleiben. Aber lasst uns ganz von vorn beginnen.
BEGINNE MIT BESTEHENDEN COMMUNITIES
Erfolgreiches Community-Building beginnt mit Beobachtung und Kartierung. Anstatt neue Gruppen zu erfinden, identifizieren wir bestehende Netzwerke (sei es beruflich, informell oder lokal), die mit unseren Zielen in Einklang stehen. Eine Community ohne ein gemeinsames, wichtiges Anliegen aufzubauen, funktioniert selten. Wichtige Fragen sind dabei:
- Wer ist bereits aktiv?
- Wo finden Austausch und Begegnung bereits statt?
- Wer wird bislang nicht erreicht?
Unsere Aufgabe ist es nicht, diese Communities zu „besitzen“, sondern sie zu unterstützen und miteinander zu verbinden, sodass ein Raum für gemeinsames Wachstum entstehen kann. Im LIBRA.I.-Projekt zeigte sich beispielsweise, dass sich KI sehr schnell von einem gehypten Thema zu einer alltäglichen Technologie entwickelt und dadurch sowohl theoretische als auch praktische Fragen aufwirft. Da fokussierte Arbeit zu größerer Wirkung führt, hat jede beteiligte Bibliothek eine bestehende Community ausgewählt: ältere Menschen in Riga, Storytelling-Interessierte in Łódź und junge Podcaster*innen in Brüssel.
FINDE ODER WERDE COMMUNITY-BUILDER*IN
Die Community-Builder*in übernimmt in diesem Prozess eine Schlüsselrolle. Idealerweise stammt diese Person selbst aus der Community und verfügt dort über hohe Glaubwürdigkeit, Vertrauen und eine starke Verankerung als Community-Mitglied. Sie kennt die vorhandenen Kompetenzen und Wissensressourcen innerhalb des Netzwerks und besitzt die Fähigkeit, sinnvolle Gespräche anzustoßen und zu moderieren. Im Rahmen von LIBRA.I. haben wir gezielt nach anerkannten Mitgliedern der jeweiligen Communities gesucht, die zugleich über ein gewisses Maß an Wissen über KI im jeweiligen Themenfeld verfügten (z. B. Storytelling oder Podcasting).
Community-Building besteht nicht nur aus organisatorischen Aufgaben oder Kommunikation. Es geht vielmehr darum, gemeinsame Sinnstiftung zu schaffen: aufmerksam zuzuhören, Muster zu erkennen und geteilte Erfahrungen in kollektives Lernen und gemeinsames Handeln zu überführen. Community-Builder*innen bewegen sich dabei stets an der Schnittstelle zwischen Praxis und Strategie. Dies ist für alle Beteiligten von Vorteil, denn Menschen engagieren sich stärker in einer Community, wenn sie ihre eigenen Lebensrealitäten und Interessen in deren Ausrichtung wiedererkennen. Community-Builder*innen müssen daher in der Lage sein, Erkenntnisse aus Gesprächen sowohl in kurzfristige Aktivitäten als auch in langfristige strategische Entwicklungen zu übersetzen.
Als Community-Builder*in moderierst du den Austausch zwischen Menschen mit unterschiedlichen Niveaus digitaler Kompetenz und förderst gegenseitiges Lernen sowie gemeinsame Reflexion. In dieser Rolle erkennst du an, dass wertvolles Wissen bereits innerhalb der Community vorhanden ist: Die Teilnehmenden bringen ihre eigenen Erfahrungen mit, in unserem Fall etwa aus dem Einsatz von KI-Tools im Beruf, im Alltag oder in kreativen Projekten. Indem du Raum für diesen Erfahrungsaustausch schaffst, trägst du dazu bei, praktische Erkenntnisse, Fragen und informelles Wissen sichtbar zu machen, die sonst möglicherweise verborgen blieben. Jemand, der bereits mit generativer KI zum Schreiben experimentiert, kann beispielsweise hilfreiche Hinweise geben, die anderen helfen, die Möglichkeiten dieser Technologie besser zu verstehen. Gleichzeitig können andere Teilnehmende wichtige Fragen zu Datenschutz, Bias oder der Verlässlichkeit von KI-Systemen aufwerfen. Auf diese Weise wird die Community zu einem kollaborativen Wissensraum und nicht zu einem Ort, an dem Informationen ausschließlich in eine Richtung vermittelt werden.
FANGE KLEIN AN UND STEIGERE DICH BEWUSST
Starke Communities entstehen nicht über Nacht, sondern entwickeln sich Schritt für Schritt. Wie bereits in BLOCK #3 vorgeschlagen, kannst du mit einer klar definierten Zielgruppe oder Persona beginnen. Konzentriere dich zunächst darauf, für diese erste Community eine möglichst relevante und positive Erfahrung zu schaffen. Nutze die Gelegenheit, Annahmen zu überprüfen und deinen Ansatz auf Basis von Feedback weiterzuentwickeln. Erst wenn diese Gruppe aktiv und engagiert ist, solltest du darüber nachdenken, die Community zu erweitern oder neue Personengruppen einzubinden.
Ehrliches Engagement wirkt dabei in beide Richtungen: Je mehr Zeit, Aufmerksamkeit und Unterstützung du in die ersten Mitglieder investierst, desto stärker fällt in der Regel auch ihre Bindung an die Bibliothek als Partner aus. Achte besonders auf jene Personen, die ihr Wissen freiwillig teilen, andere unterstützen und Menschen sowie Ideen miteinander vernetzen. Diese frühen Mitglieder können zu Botschafter*innen der Community werden und ihre Werte sowie ihre Kultur aktiv mitprägen.
Biete ihnen exklusive Inhalte, besondere Austauschmöglichkeiten oder Gelegenheiten an, die Weiterentwicklung der Community mitzugestalten. Vor allem aber solltest du ihrem Feedback aufmerksam zuhören und dieses in deine Entscheidungen einfließen lassen. In Brüssel führte beispielsweise das LIBRA.I.-Experiment „KI-Toolkit für Podcaster*innen“ zu einer Veranstaltungsreihe mit kuratierten Gesprächen zum Thema „KI vs. Kreativität“. Zwei Community-Mitglieder moderierten dabei Diskussionen mit weiteren Mitgliedern über die Frage, welchen Einfluss KI auf kreativen Ausdruck hat oder eben nicht hat.
Behalte außerdem im Hinterkopf: Community-Engagement lebt von Regelmäßigkeit. Beständigkeit schafft Vertrauen, während Vielfalt das Interesse aufrechterhält. Entwickle deshalb einen klaren Veranstaltungsrhythmus, der unterschiedliche Formate miteinander verbindet, etwa praktische Workshops, Vorträge von Künstler*innen oder Designer*innen, die mit KI arbeiten, kreative Experimente, Diskussionen über KI und Desinformation oder Demonstrationen konkreter Werkzeuge. In der Lettischen Nationalbibliothek gab es beispielsweise bereits das Format „Senior Wednesdays“, das sich an ältere Menschen richtet. Dieses bestehende Format ließ sich problemlos um Themen rund um KI erweitern (mehr dazu in BLOCK #5).
Die kontinuierliche Auseinandersetzung mit KI durch verschiedene Formate, Perspektiven und Themen in regelmäßigen Angeboten etabliert die Bibliothek als einen Ort, an dem Menschen KI auf verständliche und sichere Weise kennenlernen können.
Durch die Einbindung unterschiedlicher Referent*innen und die Erprobung verschiedener Formate wie Podcasts, Videos, Ausstellungen oder Online-Beiträge bleiben Communities neugierig und motiviert, sich weiter in der Bibliothek mit KI und ihren Auswirkungen auseinanderzusetzen. Gleichzeitig vermitteln klare ethische Leitlinien, transparente Erklärungen zu den eingesetzten Werkzeugen und vertraute Veranstaltungsformate den Eindruck, dass die Bibliothek das Thema KI verantwortungsvoll und reflektiert behandelt.
MESSEN, LERNEN, ANPASSEN
Community-Building sollte sich nicht allein auf Intuition stützen. Analysiere regelmäßig die Aktivität innerhalb deiner Community, die Teilnahmequoten und die Resonanz auf unterschiedliche Inhalte und Formate. Nutze diese Erkenntnisse, um deinen Ansatz weiterzuentwickeln. Communities verändern sich ständig. Um relevant zu bleiben, solltest du deshalb regelmäßig Gelegenheiten schaffen, zuzuhören und Feedback einzuholen. Solche Austauschmomente helfen dabei, neue Bedürfnisse frühzeitig zu erkennen und Verbesserungen gezielt zu priorisieren. Veränderung kann bedeuten, neue Formate, Werkzeuge, Governance-Modelle oder Partnerschaften auszuprobieren. Wichtig ist, diese Entscheidungen gemeinsam mit den Mitgliedern der Community zu treffen. Wenn Menschen an der Gestaltung der zukünftigen Entwicklung beteiligt werden, wächst ihr Gefühl der Mitverantwortung und Zugehörigkeit. Denke immer daran: Eine Community ist kein statisches Gebilde. Mit der Zeit verändern sich Menschen, Interessen und auch die Personen, die eine Community prägen und tragen.
Möchtest du mehr über den Umgang mit Veränderungen erfahren? Dann wirf einen Blick in BLOCK #8!