Wider den Erfolg
Der Club der polnischen Versager

Versagen als Vereinszweck: Piotr Mordel und Adam Gusawski vom Club der Polnischen Versager Foto: Darek Gontarski

Die Mitglieder des Clubs der polnischen Versager in Berlin widmen sich mit ganzer Inbrunst der Untersuchung des Misserfolgs. Sie analysieren das Scheitern und stellen dessen positive Seiten heraus – und haben freilich niemals Erfolg. Unser Autor und Kollege Michael Thoss aus Havanna erzählt ihre Geschichte.

Michael M. Thoss

„Unseresgleichen gibt es nicht viele in der Stadt. Ein paar nur, vielleicht einige zehn. Der Rest, das sind Menschen des Erfolgs, kühle und kaltblütige Spezialisten – was immer sie auch tun, das tun sie bestens.“ beginnt Leszek Oswiecimski das „Kleine Manifest der polnischen Versager“, das dem im Jahr 2001 gegründeten Club seinen Namen gab. Seinen Ursprung hatte er in einem Stammtisch polnischer Künstler, die in den 1980er-Jahren nach Berlin gekommen waren. Das Manifest ist bis heute Programm des Clubs geblieben. Gegenüber dem Kult des Erfolgs postulieren seine Mitglieder eine Kultur des Scheiterns:

„Wir lassen den Terror der Vollkommenheit jener Anderen über uns ergehen. Ihre Gegenwart schüchtert uns ein. Denen ist es nur recht so, denn sie leben in der Angst, das Schaffensmonopol, das sie für sich reklamieren, zu verlieren.“

Allerdings hat das aus dem Polnischen übersetzte Wort „Versager“ dort noch eine positive Nebenbedeutung: Ein „nieudacznik“ kann jemand sein, der nichts zustande bringt, weil er rastlos ist. Dem rasenden Neubeginn, dem Sich-ständig-neu-Erfinden und der permanenten Selbstoptimierung um eines zweifelhaften Erfolgs willen setzen die polnischen Versager die Reflexion über das notwendige Scheitern entgegen, das fester Bestandteil des Lebens ist. Schließlich kann es keinen wahren, dauerhaften Erfolg ohne Misserfolg geben, meinen sie, und diesen zu untersuchen, zu analysieren und dessen positive Seiten herauszustellen, widmen sie sich mit ganzer Inbrunst, seit sie ihren Club 2001 als gemeinnützigen Verein eintragen ließen.

„Umgefragt“ – Wieviel wissen Brandenburger über polnische Kultur?

2007 zog der Club, den die Gründungsmitglieder Piotr Mordel und Adam Gusawski bis heute ehrenamtlich betreiben, in Berlin Mitte von der Torstraße in die Ackerstraße um. Ihren Club definieren sie selbst als „eine Plattform für analoge Kommunikation, eine Versuchsanordnung für alle Willigen“. In ihrem Veranstaltungssaal mit 70 bis 100 Plätzen standen vor der Coronakrise regelmäßig Konzerte, Lesungen, Talks und Parties auf dem Programm. Die Website des gemeinnützigen Vereins gibt als Amtssprache „Deutsch und alle anderen Fremdsprachen“ an.

Viele Jahre traten die polnischen Versager auch in einer eigenen Radiosendung des WDR-Kanals Funkhaus Europa auf und in Live-Veranstaltungen wie „Die Schizonationale“ und „Leutnant Show“. Auf ihrem Youtube-Kanal findet man über hundert Folgen von „Gespräche mit einem interessanten Menschen“ und etwa 30 Folgen der Interviewreihe „Umgefragt in Bernau“. Die 38.000 Seelen zählende Kleinstadt Bernau, im Brandenburgischen zwischen Berlin und der polnischen Grenze gelegen, war jahrelang Schauplatz ihrer skurrilen Umfragen, mit denen sie die Defizite im deutsch-polnischen Kulturaustausch aufdeckten und ihre Frustrations-Resilienz trainierten. Auf alle Fragen zur polnischen Kultur mussten die Bernauer passen – außer eine Straßenpassantin, die selbst aus Polen kam. Obwohl Mordel und Gusawski einzelnen Befragten bis zu 1.000 Euro dafür boten, sich mit ihnen einen polnischen Film anzuschauen, nahm kein Bernauer das Angebot an. Trotzdem kamen die polnischen Versager 2017 auf den dritten Platz des Preises „Blauer Bär“, den die Berliner Senatsverwaltung gemeinsam mit der EU-Kommission in Deutschland „Menschen hinter den Kulissen“  für ihr europäisches Engagement verleiht.

„Wir stolpern auf geradem Weg“ – Scheitern als Programm

Auch mit ihrem Versuch, 2018 eine proeuropäische „Polnische Partei Deutschlands“ (PPD) zu gründen und mit Satireshows den Rechtspopulismus zu bekämpfen, scheiterten sie. Als die Anschubfinanzierung der Bundeszentrale für Politische Bildung aufgebraucht war, lösten sie ihre Partei in einem neugegründeten „Bund der europäischen Polen in Deutschland ehemals Polnische Partei Deutschlands“ auf.

War das Scheitern vorauszusehen, vielleicht sogar das heimliche Ziel der PPD? – Das Konzept des Clubs der polnischen Versager, das zwischen freiwilliger Erfolgsverweigerung und unfreiwilliger Erfolgslosigkeit oszilliert, legt es nahe. Auch die Selbstbeschreibung der Clubmitglieder im Manifest lässt es erahnen: „Wir – die Schwachen, weniger Begabten, können kaum etwas erwirken; die Milch versuchen wir in Apotheken zu kaufen und beim Friseur ein halbes Kilo Käse. Autos hupen uns an, wir stolpern auf dem geraden Weg, immer wieder treten wir in die Hundescheiße, bloß es will und will uns kein Glück bringen.“

Wenn Mordel und Gusawski manchmal von polnischer Schwermut übermannt werden und sie bedauern, mit ihrem Club nicht mehr Geld und Ruhm erreicht zu haben – so wie einige aktuell gefragte und telegene Multikulti-Comedians, – dann weiß man nicht genau, ob es Ausdruck von Selbstmitleid oder Koketterie ist. Denn wer ihre Strategie des Versagens nach Parametern für langfristigen Erfolg und nachhaltige Wirkung beurteilt, wird erstaunt feststellen, dass ihre (Über)Lebensphilosophie mehr als erfolgreich war und ist.

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