Gaza ist ganz nah: Der Krieg erschüttert palästinensische Künstler:innen in Amman. Wie reagieren sie auf Tausende von Toten?
Eine Frauenfigur in Schattierungen zwischen Grau und Schwarz, sie trägt etwas auf dem Kopf, vielleicht ein Gepäckstück, vielleicht auch ein Kind. Oder was davon übrig ist. Die Frau ist auf dem Bildschirm des Laptops von Zaid Alshurbaji zu sehen. Bilder von Körpern, die von Bomben zerfetzt worden sind, sieht er oft in diesen Tagen.Zaid Alshurbaji, Ende 30, freischaffender Künstler, sitzt auf einem Hocker an einem großen, hellen Holztisch. Um ihn herum schweben die Klänge eines Bossa Nova und der Duft von Kaffee. Auf dem Laptop vor ihm seine neueste Kreation, noch nicht ganz fertig. Er betrachtet sie durch gelb getönte Brillengläser, die die Farben der Frauenfigur leicht ins Sepiabraun verschieben. Durch diese Brille sehe er die Welt wie durch die Kamera von Quentin Tarantino, sagt Alshurbaji, und das gefalle ihm.
Zaid Alshurbaji in seiner Wohnung im Zentrum von Amman. Hier lebt er mit seinen Katzen. | © Laila Sieber
Wir sehen uns in „Dali“
Er wird in seiner Arbeit unterbrochen, eine Frau und ein Mann kommen an seinen Tisch. Der Mann trägt einen Kapuzenpulli mit dem Schriftzug „Dali“. So heißt das Café im Zentrum der jordanischen Hauptstadt Amman, in dem sich Hipster, Musiker:innen und Kreative treffen. Wäre es an diesem Novembertag nicht 20 Grad warm unter strahlend blauem Himmel, könnte man sich hier fühlen wie im Berliner Szeneviertel Prenzlauer Berg.Der Mann mit dem Kapuzenpulli und Alshurbaji kennen sich, sie sehen sich fast jeden Tag. Beide arbeiten oft im Dali, Alshurbaji als espressotrinkender Künstler, der andere als Kellner. Die Frau hingegen kennt Alshurbaji noch nicht, der Kellner möchte sie einander vorstellen. Denn sie bereitet gerade eine Kunstausstellung vor. Um Spenden zu sammeln für Gaza.
Zwischen Gaza und Amman liegen nur 145 Kilometer – weniger als zwischen Berlin und Dresden. Ohne Grenzkontrollen und Blockaden könnte man die Strecke in drei Stunden mit dem Auto zurücklegen. Die beiden Orte sind sich nicht nur geografisch nah: Für viele Jordanier:innen ist die Geschichte des sogenannten Nahost-Konfliktes zugleich Familiengeschichte. Über die Hälfte der Bevölkerung stammt aus Palästina oder hat Eltern oder Großeltern, die dort geboren sind.
Die jüngste Kreation von Alshurbaji heißt „Fragmente der Heimat - Die Last eines Überlebenden“. | © Laila Sieber
Von Albträumen geplagt
Seit dem siebten Oktober ist selbst die theoretische Möglichkeit eines Heimatbesuchs in weite Ferne gerückt. An diesem Tag war Alshurbaji zu Hause; er las die Nachricht vom Angriff der Hamas auf seinem Smartphone – und verfolgte in den Stunden danach wie gebannt den Strom der Bilder und Meldungen vom aufflammenden Krieg. "Ich war an mein Telefon gefesselt.“ Er wollte mehr wissen, wollte verstehen, fragte sich: "Was wird jetzt passieren?"
Palästinenser im Herzen, Jordanier auf dem Papier: Alshurbaji beschreibt sich selbst als Mann in der Identitätskrise. | © Laila Sieber
Die Galerie plant um
Mit dem siebten Oktober kam erst der Schock, dann die Aktion. Wir mussten etwas tun, sagt die Mitarbeiterin eines Kulturzentrums, in dem jetzt Aktivist:innen Vorträge über die politische Situation halten. Wir mussten etwas tun, sagt die Kuratorin einer Galerie, die jetzt einen Teil ihrer Einnahmen nach Gaza spendet. Wir mussten etwas tun, sagt der Verantwortliche einer Kunststiftung. Und lässt die geplante Ausstellung über akustische Kunst verschieben, um stattdessen Fotos und Videos aus Palästina zu zeigen. Es scheint, als hätten die Raketen der Hamas und die israelischen Bomben auch die Kunstszene Ammans von Grund auf erschüttert.Es folgen die Namen aller Opfer der israelischen Bombardierungen, die das palästinensische Gesundheitsministerium in Gaza bis zum 29. Oktober bekanntgegeben hatte. Die Papierrolle ist auf dem Boden ausgebreitet, teils gefaltet, teils in Schichten gestapelt. 15 Meter ist sie lang. Alshurbaji hätte sie gerne noch länger gehabt, aber er hat an dem Tag keine Druckerei in der Stadt gefunden, die einen so langen Bogen hätte bewältigen können.
Es stehen schon etwa 7.000 Namen darauf. Inzwischen ist die Zahl der Opfer auf fast 15.000 gestiegen.
Das Kunstwerk heißt “Just a Number”.
Alshurbaji steht in der Mitte einer Reihe von Staffeleien mit Leinwänden, auf denen junge Menschen sprayen oder malen. Fast alle Motive haben einen Bezug zum aktuellen Geschehen: palästinische Flaggen, geballte Fäuste und Ketten. Vor den Staffeleien, in der Mitte des Parks, sind Tische und Stühle aufgestellt worden, Kinder rennen hin und her. Das Kunstevent ist von der National Gallery organisiert worden, anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „We are all for Gaza“.
„Wir müssen etwas für Gaza tun!“
Die Ausstellung ist in der dritten Etage des Museums zu sehen: Gemälde, Zeichnungen, Collagen. Teils bunt, teils schwarz, teils fröhlich, teils düster und beunruhigend. Abstrakte Werke sind ebenso vertreten wie figurative. Sie zeigen Musiker, Landwirte, schwangere Frauen und spielende Kinder, aber auch Kinder auf der Flucht – die ganze Brandbreite des Lebens in Gaza. Zwischen den kleinen Besuchergruppen schwebt Dina Halaseh auf Stöckelschuhen umher. Ihr langer Rock wogt um sie herum. Sie hat die Ausstellung kuratiert.Halaseh beantwortet Fragen zu den Kunstwerken auf Arabisch, Englisch und Französisch. Vor etwa einer Woche habe sie einen Anruf von Prinzessin Wijdan Al Hashemi bekommen, erzählt Halaseh. Die Prinzessin leitet die National Gallery, und auch sie habe den Satz ausgesprochen, den jetzt so viele auf den Lippen haben: „Wir müssen etwas für Gaza tun!“
Also hat Halaseh in wenigen Tagen eine komplette Ausstellung zusammengestellt. Das konnte sie nur schaffen, weil die zu zeigenden Kunstwerke schon bei ihr zuhause lagerten. Seit über zehn Jahren arbeitet sie mit Künstler:innen aus Gaza zusammen. Halaseh ist Jordanierin und Christin, Palästina hat sie nur einmal besucht. Aber das mache keinen Unterschied, sagt sie: „Es geht um Menschen.“
Wege aus der Blockade
Von den 60 Künstler:innen, deren Werke ausgestellt sind, kennt Halaseh nur vier persönlich. Sie hat sie 2012 bei einer Ausstellung in Ramallah getroffen. Mit allen anderen hatte sie bislang nur via Smartphone Kontakt. Schon vor dem Krieg war es für die Künstler:innen schwierig bis unmöglich, Gaza zu verlassen. Nur ihre Werke schafften es gelegentlich aus dem rundum abgeriegelten Gebiet heraus. Auf welchen Wegen genau, möchte Halaseh lieber nicht erzählen, nur dass es keine legalen waren. Andere, sagt sie, ermögliche die israelische Verwaltung nicht.In den Tagen nach Eröffnung der Ausstellung versucht Halaseh, einige Künstler:innen anzurufen – oft vergebens. Seit Ausbruch des Krieges ist die Kommunikation mit Gaza noch schwieriger geworden als zuvor. Einige der ausgestellten Künstler:innen reagieren weder auf Nachrichten noch auf Anrufe. Sie gelten als vermisst. Einer von ihnen ist tot: der Maler Khaled Issa. „Märtyrer“ steht auf dem Schild neben seinem Bild.
Das Gemälde in der National Gallery zeigt die Tierkreiszeichen inmitten eines abstrakten, farbigen Zeichenrahmens: ocker, gelb, rot, schwarz. Al-Hawajri hat es damals mit Gewürzen gemalt, weil er sich Ölfarben nicht leisten konnte. Wegen der israelischen Blockade des Gazastreifens, die den Zugang zu allen Waren kontrolliert, sind sie teuer und schwer aufzutreiben.
Auf das Honorar aus dem Verkauf seines Werks wird Al-Hawajri noch warten müssen, denn nach dem Terroranschlag vom siebten Oktober hat Israel den Gaza-Streifen komplett abgeriegelt. Wasser ist knapp, Strom auch, Bankgeschäfte sind nicht möglich.
Leben in Trümmern
Als Dina Halaseh den Künstler über eine wacklige Messengerverbindung erreicht, hält Al-Hawajri sich im Zentrum des Gaza-Streifens auf; soeben hat er sich dort mit seiner Frau und seinen vier Kindern in eine Schule geflüchtet. „Schrecklich“ sei die Lage in Gaza, berichtet er, „schrecklich“ – er wiederholt das Wort immer wieder. Seit Beginn des israelischen Bombardements hat er mehrere Menschen im Bombenhagel sterben gesehen, darunter seine Cousinen. Er selbst wurde bereits einmal unter den Trümmern eines Gebäudes hervorgezogen. Halaseh versichert, dass sie ihm sein Honorar überweisen wird, sobald das wieder möglich ist. Oder seiner Familie, falls er dann nicht mehr am Leben sein sollte.Als er kurz nach dem siebten Oktober mit seiner Familie die Flucht ergriff, musste er alle seine Bilder – einen Großteil seines Lebenswerks – in seinem Studio in Gaza Stadt zurücklassen. Ob das Studio heute noch steht, bezweifelt er.
Wenn er einen Wunsch jetzt hätte, was wäre es?
„Mit meinen Kindern sprechen zu können, ohne die Angst in ihren Gesichtern zu sehen.“