Fußball und Solidarität  Wie hat die WM weltweite Unterstützung für Ägypten und Marokko ausgelöst?

Eine Cartoon-Abbildung: Eine Gruppe von Menschen schaut sich ein Fußballspiel an. Sie sind von hinten zu sehen und gestikulieren in Richtung Bildschirm. © Redaktion RUYA / Canva

Für viele ging es bei der Unterstützung der ägyptischen und marokkanischen Nationalmannschaften nicht nur um das Geschehen auf dem Spielfeld, sie war tief in kulturellen und emotionalen Bindungen verwurzelt. Was erklärt diese weitverbreitete Verbundenheit? Layal Timany untersucht die kulturellen und emotionalen Faktoren, die es bestimmten Sportereignissen ermöglichen, die Grenzen des reinen Wettbewerbs zu überschreiten.

WM-Geschichten enden nicht mit dem Schlusspfiff, manchmal beginnen sie erst dann. Genau das zeigte sich nach Ägyptens Sieg über Australien bei der Weltmeisterschaft 2026. Die Feierlichkeiten beschränkten sich nicht auf Kairo, sondern erstreckten sich von Palästina bis in die Golfregion – ein Schauspiel, bei dem die siegreiche Mannschaft mehr als nur eine einzige Flagge zu tragen schien. Im selben Turnier festigte Marokko seinen Status in der Weltspitze und bewies, dass sein Erfolg keine Ausnahmeerscheinung mehr ist.

Angesichts des Turnierverlaufs von Marokko und des Wiedererstarkens Ägyptens ging die Teilnahme der Mannschaften aus der Region weit über bloße Spielergebnisse hinaus. Sie warf eine Frage auf, die immer dann aufkommt, wenn ein Team aus dieser Region auf der Weltbühne glänzt: Warum empfinden Millionen von Fans den Sieg einer Mannschaft aus einer anderen arabischen Nation auch als ihren eigenen Erfolg? Kann der Fußball nach wie vor ein Zusammengehörigkeitsgefühl schaffen, das über nationale Grenzen hinwegreicht?

Auch wenn die Ergebnisse der Mannschaften aus der Region bei der WM 2026 unterschiedlich ausfielen, spiegelten sie doch deutlich den Wandel im Fußball sowie die Leistungsentwicklung dieser Teams in den vergangenen Jahren wider. Während einige Mannschaften achtbare Leistungen zeigten, ohne zählbare Erfolge zu erzielen, schieden andere trotz hoher Ambitionen früh aus. Marokko und Ägypten jedoch entwickelten sich zu den herausragenden Geschichten des Turniers.

Hervorragende Leistung von Marokko und Ägypten

Für die marokkanische Nationalmannschaft ist das Erreichen der K.o.-Phase längst keine Überraschung mehr. Die Mannschaft, die bei der Weltmeisterschaft 2022 die Welt begeistert hatte, baute auf diesem Erfolg weiter auf und erreichte bei der Ausgabe 2026 das Viertelfinale. Damit bewies sie, dass ihr Erfolg nicht nur ein flüchtiger Moment der Brillanz war, sondern das Ergebnis eines Fußballprojekts, das auf Stabilität, Talentförderung und dem festen Glauben an die eigene Fähigkeit, mit den Giganten des Sports mitzuhalten, beruhte.

Marokkos Klasse zeigte sich nicht nur in den Ergebnissen, sondern auch in der Spielweise. Das Team bewahrte die defensive Disziplin, für die es in den letzten Jahren bekannt geworden war, und demonstrierte zugleich eine deutliche Weiterentwicklung im Umschaltspiel nach vorne sowie bei der schnellen Nutzung freier Räume. Trainer Mohamed Ouahbi setzte auf eine Defensivstrategie mit mittlerem Block, bei der das Schließen der zentralen Räume im Vordergrund stand, kombiniert mit intelligentem Pressing im Mittelfeld, um Ballgewinne zu erzielen und rasche Angriffe einzuleiten. Zudem gewährte er seinen Spielern große Freiheit beim Positionswechsel – und verzichtete dabei auf einen klassischen Zielspieler –, was die gegnerischen Abwehrreihen vor Probleme stellte. Dies zeigte sich besonders im Spiel gegen Brasilien, in dem Brahim Díaz und Ismael Saibari glänzten, während der junge Ayyoub Bouaddi durch seine Fähigkeiten im Spielaufbau und bei der Balleroberung auf sich aufmerksam machte. Die Mannschaft bewies zudem große Reife im Umgang mit Spielen, in denen viel auf dem Spiel stand. Dabei erwies sich die Klasse von Torhüter Yassine Bounou in entscheidenden Momenten als ausschlaggebend.

Letztlich zeigte Marokko, dass sie nicht mehr nur eine Überraschungsmannschaft ist, sondern ein Team mit einer fest etablierten fußballerischen Identität. Selbst nach dem WM-Aus durch eine 0:2-Niederlage gegen Frankreich betonte Ouahbi: „Wir sind uns der enormen Liebe und Unterstützung, die wir genießen, sehr wohl bewusst. Wir spielen nicht für uns selbst, sondern für die Menschen und die Sache, die wir vertreten. Trotz der bitteren Enttäuschung über das Ausscheiden müssen wir daraus lernen und weiter voranschreiten, denn diese Mannschaft ist auf dem richtigen Weg und in der Lage, die Marokkaner weiterhin zu begeistern und in Zukunft Titel zu gewinnen.“

Für die ägyptische Nationalmannschaft hingegen hatte die Qualifikation für das Achtelfinale eine andere Bedeutung. Abgesehen vom sportlichen Wert dieses Erfolgs blieb das Team erstmals in der Gruppenphase ungeschlagen und erzielte in fünf aufeinanderfolgenden Spielen insgesamt acht Tore – die höchste Trefferausbeute bei einem einzigen WM-Turnier.

Die Bedeutung dieser Leistung lag jedoch nicht allein in den Statistiken, sondern in der taktischen Identität, die die Mannschaft während des gesamten Turniers an den Tag legte. Hossam Hassan setzte auf eine flexible 4-2-3-1-Formation, die sich durch ausgeprägte defensive Disziplin und enge Abstände zwischen Mittelfeld und Abwehr auszeichnete, um Räume zu schließen. Die Strategie priorisierte schnelles Umschaltspiel, nutzte die Schnelligkeit der Außenspieler und setzte auf Standardsituationen, anstatt auf langen Ballbesitz zu vertrauen. Besonders bemerkenswert war, dass dieser Erfolg trotz eines anspruchsvollen Turnierverlaufs und unterschiedlich starker Gegner erzielt wurde. Dies erforderte vom Trainerstab, die Spielweise von Partie zu Partie anzupassen, ohne dass die Mannschaft dabei ihre Balance verlor.

Die Erfahrung von Mohamed Salah, die Dynamik von Omar Marmoush im Angriff und die Rolle von Emam Ashour als Bindeglied zwischen Mittelfeld und Sturm – gepaart mit der herausragenden Form von Torhüter Mostafa Shobeir – verschafften der Mannschaft vielfältige offensive und defensive Optionen. Letztlich präsentierte sich das Team taktisch gereifter und trat im Duell mit großen Nationalmannschaften zunehmend selbstbewusster auf. Diese Anzeichen waren nicht nur Beleg für eine Leistungssteigerung, sie stärkten auch das Vertrauen in die Fähigkeit einer der traditionsreichsten Nationalmannschaften der Region, sich bei internationalen Turnieren wieder zu behaupten – noch bevor sich dieser Erfolg zu einem Phänomen entwickelte, das weit über die Stadien hinaus die Fans begeisterte.

Vom sportlichen Sieg zum gemeinsamen Moment

Die ägyptische Nationalmannschaft hat eine besondere Bedeutung, die über ihre Ergebnisse, Meisterschaften und die legendären Persönlichkeiten, die ihre Geschichte geprägt haben, hinausgeht. Es hat seinen Platz im sportlichen Gedächtnis der Region durch Momente gefestigt, die bei den Fans großen Anklang fanden – von historischen Triumphen beim beim Afrika-Cup, allen voran die beispiellosen drei Titel in Folge zwischen 2006 und 2010, bis hin zu bemerkenswerten Leistungen auf der Weltbühne, wie dem Unentschieden gegen die Niederlande bei der Weltmeisterschaft 1990 und dem Sieg über den damaligen Weltmeister Italien beim Confederations Cup 2009. Somit war die Qualifikation für das Achtelfinale der Weltmeisterschaft 2026 nicht nur eine sportliche Leistung, es war ein Moment, der die Fans wieder mit einer Mannschaft verband, die einen wesentlichen Teil der Sportgeschichte der Region verkörpert.

Die Geschichte endete jedoch nicht mit dem Spielergebnis. Nach dem Sieg über Australien schwappte die Feierstimmung von den Rängen auf die Straßen über und breitete sich von Ägypten aus in verschiedene Städte der Region sowie in der Diaspora aus. Bei dieser Solidarität ging es nicht nur um den sportlichen Triumph. Sie speiste sich aus einer Vielzahl von Faktoren, die die ägyptische Nationalmannschaft bei Fans in der gesamten Region beliebt machten – von ihrer traditionsreichen Fußballgeschichte und Ägyptens kultureller und sportlicher Bedeutung bis hin zur symbolischen Kraft bestimmter Momente rund um das Team.

So sorgte etwa die Geste von Cheftrainer Hossam Hassan, während der Feierlichkeiten zur Qualifikation die palästinensische Flagge zu schwenken, in den sozialen Medien für großes Aufsehen. Viele sahen darin ein Zeichen der Solidarität, das über den Sport hinausging und den Feierlichkeiten eine zusätzliche emotionale Dimension verlieh. Auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Argentinien äußerte sich Hassan zu dieser Aktion und bezeichnete sie als natürliche Reaktion auf das Leid der Palästinenser. Er sagte zudem es sei eine „Schande für uns alle, dass wir zulassen, dass Tausende unschuldiger Menschen durch Beschuss sterben“.

Für viele beschränkte sich die Unterstützung der „Pharaonen“ also nicht auf das Geschehen auf dem Spielfeld, sie wurzelte in kulturellen und emotionalen Bindungen, die zum Teil über Generationen hinweg gewachsen waren. Der vielleicht bemerkenswerteste Aspekt dieser Feiern war nicht nur das Ausmaß der Unterstützung, sondern auch die Vielfalt der Menschen, die daran teilnahmen.

Was erklärt diese weitreichende Welle der Solidarität? Sie hat wahrscheinlich mehr als nur den Fußball als Ursprung. Sie entspringt einem Geflecht kultureller und emotionaler Verbindungen, die es bestimmten Sportereignissen ermöglichen, die Grenzen des reinen Wettbewerbs zu überschreiten. Diese Sichtweise beschränkt sich nicht mehr nur auf die Wahrnehmung der Fans, sondern wurde auch von zahlreichen Spielern und Trainern geäußert.

Wenn Sport zur einer Sprache der Zugehörigkeit wird

Während des historischen Erfolgszugs der marokkanischen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2022 betonte Walid Regragui, dass die Unterstützung für das Team weit über die Grenzen Marokkos hinausreichte. Sein Ziel war es, ein würdiges Bild zu vermitteln, das sowohl bei Arabern als auch bei Marokkanern Stolz hervorrufen sollte. Wael Gomaa – ehemaliger Kapitän der ägyptischen Nationalmannschaft und Sportanalyst – ist der Ansicht, dass der Erfolg einer arabischen Mannschaft bei großen Turnieren das weltweite Ansehen des arabischen Fußballs stärkt und den Fans in der gesamten Region seltene Momente gemeinsamen Stolzes beschert. 

Dieses Phänomen hat in der gesamten Region eine zusätzliche Dimension gewonnen. In einer Realität, die oft von vielschichtigen sozialen und wirtschaftlichen Hürden geprägt ist, bietet der Sport dem Publikum seltene Augenblicke kollektiver Freude. Er bleibt einer der wenigen Bereiche, die Menschen durch eine gemeinsame Erfolgsgeschichte vereinen können. Dies zeigte sich etwa beim Sieg des Irak beim Asien-Cup 2007, dem bemerkenswerten Erfolg Algeriens bei der Weltmeisterschaft 2014, dem Sieg Saudi-Arabiens über Argentinien sowie dem Einzug Marokkos ins Halbfinale der Weltmeisterschaft 2022 – Meilensteine, die zu Momenten des Stolzes wurden, welche die Grenzen der jeweiligen Nationen überschritten.

Auch wenn die Szenen nach dem Sieg der ägyptischen Mannschaft über Australien vielleicht keinen Beweis für eine geeinte Identität im politischen Sinne darstellen, so offenbaren sie doch, dass kulturelle und sprachliche Bindungen sowie ein gemeinsames Gedächtnis die Kraft besitzen, die Völker in außergewöhnlichen Augenblicken zusammenzubringen. Dieses Gefühl beschränkte sich zudem nicht nur auf die arabische Welt, die Weltmeisterschaft 2026 hat den Charakter des Turniers als mehr als nur ein Sportereignis unterstrichen: Sie ist ein Raum, in dem Völker zusammenkommen, die Kulturen der anderen entdecken und ihre Vielfalt feiern, ohne dabei ihre eigene Identität aufzugeben. Dies ist womöglich eine Errungenschaft, die in keiner WM-Statistik erfasst wird, sich aber dennoch tief in das Gedächtnis der Fans einprägt – weit über das Ende des Turniers hinaus.

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