We...Wei...What? #13 Mainstream, Underground und das Internet: Elektronische Musik in China

Electronic Dance Music in China © yì magazìn

China wurde mal als das „gelobte Land elektronischer Tanzmusik” bezeichnet, aber kritische Stimmen meinen, dass der Kommerzdruck in China der Musik schadet. Im Moment scheint es Mainstream und Underground jedenfalls so gut zu gehen wie noch nie. Warum eigentlich?

Mehr DJs, mehr Festivals, mehr Fans und mehr Online-Communitys. In den letzten Jahren hat elektronische Musik in China extrem an Beliebtheit gewonnen und sie begegnet einem mittlerweile überall, online wie offline: auf Live-Events, in Klubs, auf Modenschauen, im Reality-TV, in Filmen und auf Social Media.

Angesichts der zunehmenden Beliebtheit elektronischer Musik in Chinas Großstädten hat DJ Mag, ein bekanntes englischsprachiges Szene-Magazin, 2021 sogar die China Awards ins Leben gerufen. In der diesjährigen Liste mit den besten 100 DJs weltweit finden sich auch acht chinesische DJs, so viele wie noch nie. 2017 hatte es zum ersten Mal ein chinesischer DJ auf die Liste geschafft.

Eine Nebenwirkung der Pandemie ist die wachsende Popularität und ein steigender Bedarf an lokalen DJs. Während Corona den globalen Tanzmusik- und DJ-Markt massiv beeinträchtigt hat, ist die coronabedingte Isolation Chinas für viele lokale Talente in China eine Chance.
Chinesischer DJ Panta Q Chinesischer DJ Panta Q | © DJ Mag 2021 Vor fünf Jahren hat der DJ Spencer Tarring China als das „gelobte Land elektronischer Tanzmusik” bezeichnet. Aber wie steht es aktuell um Chinas Klubs und Szenen?

Von EDM bis „Haoshi”

Zuerst ein paar Begriffserklärungen: Electronic Dance Music oder elektronische Tanzmusik ist eigentlich ein riesengroßer Sammelbegriff für elektronisch erzeugte Musik meist mit perkussiven Elementen, die hauptsächlich für Klubs, Raves, Festivals produziert und von DJs ausgewählt und aufgelegt oder auch live gespielt wird. In Europa spricht man oft einfach von Dance oder Dance Music, dahinter verbergen sich bekannte Sub-Genres wie Techno, House und viele weitere.

Dann gibt es da noch das Akronym EDM. Obwohl EDM eigentlich eine Abkürzung von Electronic Dance Music ist, ist damit nicht das oben beschriebene gesamte Feld elektronischer Tanzmusik gemeint. Der Begriff wurde in den USA für kommerzielle Tanzmusik geprägt und gemeint ist damit der kommerzielle Mainstream elektronischer Musik, der von weltberühmten DJs wie Tiësto, Martin Garrix, Armin van Buren, David Guetta und Co. vertreten wird.

Im Chinesischen gibt es den Begriff diànzǐ yīnyuè (电子音乐), oft abgekürzt zu diànyīn, was übersetzt einfach „elektronische Musik” heißt und auch ein Sammelbegriff ist für jegliche Musik, die mit elektronischen Instrumenten wie Synthesizern oder Sequencern produziert wird.

Die chinesische EDM-DJ Lizzy beim Auflegen Die chinesische EDM-DJ Lizzy beim Auflegen | © Lizzy Wang/Weibo 2021 EDM heißt auf Chinesisch diànzǐ wǔqǔ (电子舞曲) und meint meist kommerzielle elektronische Tanzmusik. Es gibt außerdem eine Reihe phonetischer Übersetzungen, die je nach Kontext manchmal vorkommen, zum Beispiel hàoshì yīnyuè (浩室音乐) für House, tiěkènuò yīnyuè (铁克诺音乐) für Techno oder chūshén yīnyuè (出神音乐) für Trance.

Rewind: Eine (sehr) kurze Geschichte elektronischer Musik in China

Die Geschichte elektronischer Tanzmusik in China beginnt in den frühen 1980er Jahren. Unter Mao noch herrschte strenge Zensur und der Import von Musik aus westlichen Ländern war eingeschränkt. Nach Maos Tod und mit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik wurde modernere westliche Musik immer beliebter unter chinesischen Jugendlichen und viele lokale Musikerinnen fingen an, ihren eigenen Pop, Rock und andere moderne Genres zu produzieren.

Die chinesische New-Wave-Bewegung wurde von der Konzertreihe The Concerts in China vom französischen Musikpionier Jean Michel Jarre im Jahr 1981 mit losgetreten. Jarre trat im Oktober und November 1981 in Peking und Shanghai vor 150.000 Menschen auf.
Zum ersten Mal elektronische Musik in China: Jean Michel Jarre 1981 Zum ersten Mal elektronische Musik in China: Jean Michel Jarre 1981 | © Sohu 2021 Nach den Auftritten von Jarre trat die New-Wave-Bewegung Anfang der 80er Jahre auch zunehmend in chinesischen Musikkonservatorien und Musikschulen in Erscheinung, als chinesische Komponisten anfingen mit elektronischer Musik zu experimentieren. Die Impulse kamen zwar aus dem Ausland, aber viel dieser frühen in China produzierten elektronischen Musik enthielt Elemente traditionelle chinesischer Musik.

Viele Chinesen wurde moderne Musik aus dem Westen in den 1980er und 1990er Jahren langsam vertrauter, einerseits durch vielfach kopierte und getauschte Kassetten und auch durch die Dakou-Szene, die Mitte der 90er langsam aufkam.

Dakou (dǎkǒu 打口) sind CDs, die aus Industrieländern als Plastikmüll nach China exportiert wurden und eigentlich recycelt werden sollten, dann aber ihren Weg in chinesische Städte fanden und auf illegalen Märkten vertrieben wurden.
Eine Dakou-CD mit gestanztem Loch Eine Dakou-CD mit gestanztem Loch | © smzdm.com 2021 Dakou-CDs und auch Kassetten haben ein gestanztes Loch, einen Schnitt oder einen Bruch, um sie als Müll zu markieren und den Wiederverkauf zu verhindern, aber es gab Möglichkeiten, die CDs und Kassetten wiederherzustellen und die Musik trotzdem abzuspielen, zumindest einen Teil davon. Dieser Dakou-Markt hatte einen erheblichen Einfluss auf chinesische Musik-Szenen.

Richtige Klubs gab es in chinesischen Städten erst Anfang der 1990er Jahre. Vielen ging es damals noch nicht ums Geld. Aus dieser Zeit stammt zum Beispiel der chinesische DJ Ben Huang. Der gebürtige Shanghaier hat Tanz und Kunst studiert, bevor er in der Pekinger Musik-Szene aktiv wurde und von dort aus Chinas Klub-Kultur vorantrieb.

Weitere Künstler dieser Generation, oft die „chinesischen Techno-Paten” genannt, sind Mickey Zhang, DJ Youdai, Yang Bing und Weng Weng, Betreiber des Pekinger Techno-Klubs Lantern. Sie sind in unterschiedlichen Konstellationen und Kooperationen über die Jahre für viele der frühen Partys, Festivals sowie Labels verantwortlich.
Rave auf der Chinesischen Mauer 1998 Rave auf der Chinesischen Mauer 1998 | © The Beijinger 2021 Obwohl erste Raves schon Mitte der 90er in verschiedenen Teilen Chinas stattfanden, war der erste große Rave eine 1998 vom Schweizer Kollektiv Cheese organisierte Party auf der Chinesischen Mauer. Vice China schreibt über diese Zeit:

„Was das Magische an der chinesischen Party-Kultur der 1990er war, ist dass sie wie durch ein Wunder unglaublich inklusiv war und sämtliche Subkulturen zusammengeführt hat. Die Leute auf diesen Partys kamen aus völlig unterschiedlichen Kontexten, es gab Ärzte, Anwältinnen, Arbeitslose, Diplomatinnen, Punks und ausländische Studierende auf dem Dancefloor. Niemand sprach über Ideale, über Meinungen, Aktionen oder Probleme, die Leute legten ihre Konflikte für den Moment bei und tanzten einfach.”

Aber insgesamt waren das immer noch Randerscheinungen und viele Menschen in China hatten nach wie vor kaum Berührungspunkte mit elektronischer Musik und verstanden das Phänomen nicht. Als der bekannte britisch-kanadische DJ und Produzent Richie Hawtin in den 90ern in Shanghai auftrat, wunderten sich einige Gäste angesichts der in ihren Augen monotonen Musik mit sich immer wiederholenden Beats, ob irgendwas mit der CD nicht in Ordnung sei oder der Mixer repariert werden müsse.

Der Mainstream: „Tuhai” und Rock-Neid

In den 2000er Jahren öffneten immer mehr kommerzielle Klubs und elektronische Musik-Kultur in China fing an sich in zwei Richtungen zu entwickeln: Mainstream und Underground.

„Und hier bin ich, mittendrin”, meinte der DJ Ben Huang 2009 in einem Interview.

Sein Kommentar ist bezeichnend für einen Markt, in dem elektronische Musik zwar mittlerweile das zweitpopulärste Genre ist, aber die „echten” Fans elektronischer Musik immer noch lamentieren, dass es in der Szene in den letzten Jahren viel zu wenig Fortschritt gegeben habe.

Diskussionen im Internet deuten darauf hin, dass viele die Meinung teilen, elektronische Musik in China sei zu schnell zu kommerziell geworden – es gehe nur noch ums Geld und nicht mehr um die Musik, weshalb der Underground wenig Platz für gesundes Wachstum habe und es keine gewachsenen Strukturen für die lokalen Techno-Szenen gebe.

Im Jahr 2016 zeigte der Sender der Provinz Jiangsu eine Reality-Show über EDM mit dem Titel Heroes of Remix. Die Sendung vermittelte internationale elektronische Musik erstmals einer breiteren Öffentlichkeit und vermischte diese mit chinesischen Elementen. Zwei Jahre später gab es die Reality-Show Rave Now der Video-Plattform Tencent Video, wodurch die Beliebtheit von EDM in China weiter zunahm.

Vor dem Hintergrund dieser immer größeren Beliebtheit von EDM in China mit ständig neuen Klubs im ganzen Land hat der Film Upcoming Summer (2021), in dem es um elektronische Musik geht, EDM noch weiter in den Pop-Mainstream gebracht. Ein Hashtag (#电影盛夏未来#) zum Film hat in den chinesischen sozialen Medien über 650 Millionen Views.
Filmplakat <i>Upcoming Summer</i> (2021) Filmplakat Upcoming Summer (2021) | © Huayi Brothers Media Corporation & Up Picture Ein Teil der Musik, die lokale kommerzielle DJs auflegen, wird als qualitativ so minderwertig empfunden im Vergleich zu „legitimer” EDM, dass dafür extra der Begriff „Tuhai” (土嗨) geprägt wurde – eine phonetische Übersetzung des Englischen „too high”, womit einfacher Kirmes-Techno mit eintönigen Melodien und simplen Rhythmen gemeint ist.

Je mehr elektronische Musik Einzug in den Mainstream hält, desto mehr Widerstand formiert sich auch unter echten Musik-Fans, die deutlich machen wollen, dass EDM nicht repräsentativ ist für authentische elektronische Musik aus China. Sie argumentieren sogar, dass Mainstream-EDM die Entwicklung des gesamten Genres negativ beeinflusse, weil durch die extreme Kommerzialisierung die Musik selbst an Bedeutung verliere.

Das Aufkommen von Tuhai in chinesischen Klubs ist auch eine Nebenwirkung der Pandemie, weil die Klubs ihre Löcher im Booking mit immer mehr lokal DJs füllen müssen, die zum Teil wenig Erfahrung haben. Um das sogenannte „Tuhai-Virus” in China zu bekämpfen, hat der chinesische DJ Carta zusammen mit DJ Luminn und dem Produzenten Unity die „Chinese Bounce Mafia” gegründet, um sich über eintönige Tuhai-Musik lustig zu machen und aktuelle Entwicklungen kritisch zu reflektieren.
Die Chinese Bounce Mafia: Carta, Luminn, Unity Die Chinese Bounce Mafia: Carta, Luminn, Unity | © Chinese Bounce Mafia In einem Interview mit MixMag meint DJ Carta dazu:

„Wir haben mit der Chinese Bounce Mafia angefangen, als wir die ganzen Events mit diesen Typen gesehen haben und auf die Entwicklungen im Markt aufmerksam wurden. Wir haben diese Musik gehasst, dann haben wir uns gesagt, scheiß auf diese Typen, wenn die diese ganzen Gigs kriegen, dann können wir das auch. So ist die Chinese Bounce Mafia unser Versuch, etwas gegen diese in unseren Augen problematischen Entwicklungen im Markt zu tun. Der Name ist nicht ganz ernst gemeint, manche haben tatsächlich geglaubt, wir hätten unsere Ideale verraten und machen nur noch Mainstream-EDM, aber wir spielen eigentlich alles von House über Trance bis zu Big Room und Techno.”

Es ist nicht einfach, gegen den Tuhai-Trend anzugehen, denn die Musik ist nicht nur in chinesischen kommerziellen Klubs allgegenwärtig, sondern auch im chinesischen Internet. Viele kritisieren dort den schlechten Einfluss dieser Mainstream-Musik auf die Qualität des Musikangebots auf gängigen Streaming-Plattformen wie QQ Music, Kugou oder Tencent Music.

Manche Fans elektronischer Musik in China sagen sogar, sie seien neidisch auf die chinesische Rock-Szene. In einem Text von Music Economy, veröffentlicht auf dem offiziellen Weibo-Account (@音乐财经官方微博), heißt es:

„Als Fan elektronischer Musik bin ich ziemlich neidisch [auf die Rock-Szene]. Ich bin neidisch auf ihre Festivals, auf die guten Musiker, auf die guten Fans, und so neidisch bin ich auch nicht erst seit gestern.”

Der Autor von Music Economy argumentiert, dass Rock in China sich trotz anfänglicher Schwierigkeiten seit dem Beginn des Genres wirklich weit entwickelt habe in den letzten vierzig Jahren und mittlerweile von der breiteren Öffentlichkeit anerkannt werde.
Fans bei einem Rock-Konzert Fans bei einem Rock-Konzert | © Music Economy Der Rock-Neid sei angebracht, weil es unter Rock-Fans angeblich echte Liebe zur Musik gebe, die die Fans in die Szene ziehe, während im Bereich der DJ- und Klub-Kultur oft Macht und Geld eine größere Rolle spielen als die Musik. Weil der Kommerzdruck groß ist, werden zu viele Kompromisse gemacht, was minderwertige Musikproduktionen oder mittelmäßige Festivals zur Folge habe.

Ein weiterer Unterschied zwischen Rock-Szene und Klub-Kultur besteht darin, dass Rock-Fans seit Jahrzehnten mit der Musik zu tun haben und ihren Lieblingsmusikern folgen, während die Geschichte elektronischer Musik in China einfach noch zu kurz ist. Der Autor von Music Economy schreibt hierzu:

„Ich weiß, dass Vergleiche zwischen Rock und elektronischer Musik nicht besonders wissenschaftlich sind, aber beides ist importiert und wenn ich sehe, wie Rock langsam aufblüht nach so vielen Schwierigkeiten, dann überkommt mich ein bisschen der Neid. Elektronische Musik in China braucht noch mehr Zeit. Ich würde mir wünschen, dass mehr Musiker*innen sich nicht so viele Gedanken ums tägliche Brot machen müssten und sich auf die Musik konzentrieren, ihren Träumen folgen könnten. Ich hoffe auch, dass mehr Menschen sich stärker mit der Musik selbst auseinandersetzen und tanzen, dass sie Geld ausgeben für Tickets und für Platten und die Organisatoren und ihre DJs und Produzenten unterstützen.”

Außerdem spielt auch die Tatsache eine Rolle, dass Klub-Kultur eben hauptsächlich in Klubs und anderen Unterhaltungsetablissements stattfindet, wo Alkohol und das Soziale für viele wichtiger sind als das, was gerade musikalisch passiert. Chinas kommerzielle Klub-Kultur heute sei kein guter Rahmen für den Fortschritt elektronischer Musik in China, so der Autor weiter.

Der Underground und das Internet: Die Zeit nach Covid

Trotz aller Schwierigkeiten, die Covid der Musikindustrie bereitet, hat die Pandemie auch einige positive Nebenwirkungen auf die chinesische Klub-Kultur. Wegen coronabedingter Einreisebeschränkungen können keine internationalen DJs nach China einreisen. Lokale Talente wird mehr Aufmerksamkeit zuteil und es gibt ein gesteigertes Interesse an lokalen Klub-Szenen.

Als im Frühjahr 2020 weltweit Klubs schließen mussten, fing in China schon langsam die Zeit nach dem Lockdown an und die ersten Klubs konnten wieder öffnen und waren auch gut besucht, weil viele nach langer Pause wieder Lust aufs Ausgehen hatten.

Obwohl es viele Stimmen gibt, die sich besorgt über die Dominanz von EDM in chinesischen Klubs äußern, sind manche auch der Meinung, dass Mainstream-EDM nicht unbedingt schlecht für Underground-Klubs sein müsse, weil durch EDM indirekt mehr Akzeptanz für Genres jenseits des Mainstream und elektronische Musik generell geschaffen werde.

In den vergangenen Jahren sind viele neue Underground-Klubs, Festivals und Labels in China entstanden. In vielen größeren Städten gibt es aktive Klub-Szenen. Peking, Shanghai, Shenzhen, Hangzhou, Wuhan, Kunming und Guangzhou haben alle eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Underground-Klubs und Techno-Szene in China gespielt, doch der Stadt Chengdu und ihrer diversen Szene kommt eine besondere Bedeutung zu.
Klubnacht im TAG Klubnacht im TAG | © TAG/Weibo Einer der vielen Chengduer Klubs ist TAG. Der Klub befindet sich im 21. Stockwerk des Poly Center und wurde von einer kleinen Gruppe aus Musikliebhabern und Unternehmerinnen ins Leben gerufen, die sich von Klubs in Amsterdam und Berlin haben inspirieren lassen. TAG ist die Adresse für Underground-House und Techno in Chengdu und die dortigen Resident-DJs wie Cora und Hao ziehen ein junges, liberales Publikum an.

TAG wurde 2013 gegründet, in demselben Jahr wurde auch das Label SVBKVLT in Shanghai ins Leben gerufen. SVBKVLT hat einen diversen Katalog mit Veröffentlichungen von vielen lokalen Künstlerinnen, darunter das Pekinger Duo Zaliva-D und die Shanghaier Produzentin Wu Shanmin alias 33EMYBW.

Chengdus TAG und das Shanghaier Label SVBKVLT stehen exemplarisch für Chinas florierende Techno-Szenen, viele weitere Akteure in anderen Teilen des Landes spielen ebenso wichtige Rollen, darunter der Techno-Klub ZhaoDai in Peking, die Shanghaier Klubs Elevator und ALL oder das OIL in Shenzhen, wo regelmäßig lokale Künstler wie Slowcook, Yang Yang, Temple Rat, Knopha, Chuan, Max Shen, Luna Li und viele andere in Erscheinung treten.
 Die Shanghaier 33EMYBW beim Live-Gig Die Shanghaier 33EMYBW beim Live-Gig | © 33EMYBW/Weibo Aber Techno-Kultur in China ist mehr als nur Klubs und Festivals – viel spielt sich im chinesischen Internet ab. Obwohl das Ende der Streaming-Plattform Xiami 2021 kurz ein regelrechtes Vakuum für elektronische Musik im chinesischen Internet erzeugt hat, zogen andere Streaming-Dienste wie QQ Music, Netease, Kuwo und Kugou schnell mit ihren Angeboten nach, um die Lücke zu füllen.

Auf den sozialmedialen Plattformen Weibo und WeChat gibt es verschiedene Blogs mit Tausenden Followern, außerdem sind jede Menge Festivals, Klubs, Labels, DJs und Produzenten mit ihren Accounts dort vertreten.

Diskussionen über elektronische Musik in China findet man auch auf der chinesischen Frage-Antwort-Plattform Zhihu.com, den sozialen Netzwerken QQ und Douban oder auf der Video-Plattform Bilibili. In den letzten Jahren sind auch kleinere Communitys wie Moresound oder Abletive entstanden, wo man sich über Klub-Musik und Techno-Kultur austauschen kann.

Obwohl viele im Internet aktuellen Entwicklungen offenbar ziemlich kritisch gegenüberstehen, kann dies auch als Zeichen von Wachstum und zunehmender Reife verstanden werden. Mit Wachstum nehmen eben nicht nur die Chancen zu, sondern auch die Herausforderungen.

Trotz aller anfänglichen Hürden wird Talenten in China nun mehr Aufmerksamkeit zuteil und viele neue Labels entstehen. Covid war anfangs eine große Herausforderung für viele Klubs, hat die lokalen Szenen aber auch neu beflügelt.

Elektronische Musik in China ist weit gekommen, seit Jean Michel Jarre Anfang der 80er erstmals Wellen geschlagen hat. Es scheint eine neue Zeit anzubrechen für diese Musik und die nächsten Jahre werden zeigen, in welche Richtung die Entwicklung gehen wird. Eine Sache ist jedenfalls sicher: So schnell wird die Musik nicht wieder verschwinden, auch wenn sich nicht alle einig sind über die Qualität der Beats, zu denen Wochenende für Wochenende getanzt wird.

In einem Forum über chinesische elektronische Musik fragte mal jemand, wie andere finden, dass der chinesische DJ Panta Q es in die Top 100 des DJ Mag geschafft hat. In den Kommentaren dazu schreibt jemand: „Das ist nur der Anfang. Die Zeit der elektronischen Musik aus China ist gekommen, auch auf der internationalen Bühne.”
Ausgewählte Quellen zum Weiterlesen

Collin, Matthew. 2018. Rave On: Global Adventures in Electronic Dance Music, London: Profile Books.

De Boni, Luka. 2018. “The Rise of China’s Electronic Dance Music Scene: From Underground Culture to Online Communities.” What’s On Weibo, August 26

Li, Qiuxiao. 2018. “Characteristics of Early Electronic Music Composition in China’s Mainland” Contemporary Music Review 37:1-2.

Neocha. 2021. “Sleepless in Chengdu.”, July 5

Yiu, Alex and Damien Charrieras. 2021. “On the Fence: Electronic Dance Music Cultures in Hong Kong and Shenzhen.” In: Sébastien Darchen, Damien Charrieras, John Willsteed (eds), Electronic Cities - Music, Policies and Space in the 21st Century, 223-243. Singapore: Palgrave Macmillan.

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