Nachhaltigkeit in der Architektur Nachhaltiges Bauen ist kein Top-Down-Prinzip
Der Deutsche Pavillon auf der Expo in Osaka stand unter dem Motto „Kreislaufwirtschaft“: Ein Bau mit möglichst hoher Recyclingquote und geringem ökologischen Fußabdruck. Doch die Umsetzung stieß in deutschen Medien auf Kritik. Unsere Autorin Julia Shimura sprach mit Professor und Kurator Axel Sowa über die Bedeutung von Kreislaufwirtschaft und die Herausforderungen nachhaltigen Bauens.
40 Prozent aller weltweiten Treibhausgasemissionen entfällt auf den Bau- und Gebäudesektor. Eine Expo dauert sechs Monate. Ist eine Expo mit dem Thema Nachhaltigkeit schon im Vorhinein dazu verdonnert, eine Farce zu sein?Ihre Frage richtet sich auf das Verhältnis von Zweck und Mittel. In den Wissenschaften vom Bauen spricht man jedoch gerne von der „longue durée“. Wir erwarten im westlichen Kulturkreis, dass die Gebäude dauern, dass sie selbst noch als Ruinen schön sind. Und mit diesem Versprechen verbindet sich die Dauerhaftigkeit von Materialien.
In Japan ist das anders. Der bedeutendste Schrein in Japan wird alle 20 Jahre auseinandergenommen und in Einzelteilen in anderen, weniger bedeutenden Schreinen wiederverwendet. In Japan gibt es seit alters her ein zyklisches Verständnis. Dabei bleibt die Frage natürlich: Mit welchen Mitteln soll denn nachhaltig gebaut werden und mit welchem Energieeinsatz, mit wie viel Recycling und so weiter? Ich glaube, wir sind heute an dem Punkt, wo wir uns fragen müssen, in welchen Zyklen erfolgt das Bauen, wie lange sind diese Zyklen?
Der deutsche Pavillon musste ja genau wegen dieser Fragen sehr viel Kritik einstecken.
Ich möchte hier den Blick nochmal weiten, über die Tagespolitik hinaus. Wir befinden uns in der Architektur und im Bauwesen an einer kritischen Stelle. Ich würde sagen, es wird sehr viel geforscht. Es ist ungefähr klar, wie man sich verhalten kann.
Aber es gibt auch Nutzungen in der Vergangenheit, von denen wir bombenfest geglaubt haben, dass sie Bestand haben werden. So etwas kann sich rapide ändern. Wir müssen heute auch die Vorhersagbarkeit der Nutzung mitdenken, also die Permanenz oder die Nachhaltigkeit des Gebrauchs. Darauf muss die Architektur reagieren und die Expo ist in dem Sinne ein Reallabor.
Dennoch ist die Nachnutzung von Expo-Pavillons in der Vergangenheit immer schwierig gewesen. In Hannover lag der niederländische Pavillon von der Expo im Jahr 2000 über 20 Jahre fast brach. Damals plante man auch schon mit dem Vorsatz, nachhaltig zu bauen. Was hat sich verändert?
Es hat sich nicht besonders viel verändert und Sie müssen auch sehen, dass das Bauen eine Disziplin ist, in der 50 Jahre wie vorgestern ist. Deswegen hatte ich diesen Begriff der „longue durée“ und von Zyklen ins Feld geführt. Es werden schon lange mindestens zwei Möglichkeiten diskutiert, wie Gebäude nutzungsoffen gestaltet werden können, wie man es besser machen kann.
Welche sind das?
Sie gestalten die Architektur so, dass von dem Skelett unterschiedliche Ausfachungen möglich sind. Diese Architekturen sind reversibel, wie das Centre Pompidou, das offene Grundrisse hat, in denen man unterschiedliche Ausstellungen realisieren kann.
Die andere Möglichkeit ist tatsächlich weiter massiv zu bauen und zu überlegen, wie kann ich jetzt ein Gebäude, das vielleicht innerhalb bestimmter Nutzungsmöglichkeiten gebaut ist, doch irgendwie weiter umbauen.
Allerdings schließt sich hier auch die Frage an: Wie gehen wir mit den Vermächtnissen der Fünfziger und Sechziger Jahre um? Im Jahr entstehen Millionen von Tonnen Bauschutt und dafür ist auch die Bauwirtschaft verantwortlich. Das ist tatsächlich der große Elefant im Raum der Nachhaltigkeit.
Der deutsche Pavillon setzte auf Kreislaufwirtschaft als Möglichkeit des Bauens. Der Pavillon soll zu 90-95 Prozent wiederverwendbar sein.
Sehen Sie, die Herausforderung ist, dass das Bauen mit der Industrie immer etwas mit Ausschreibungen, mit Bauvorschriften, mit Details und Planungen zu tun hat. Dabei ist das Problem bei der Wiederverwendung von Altbeständen stets, dass die Materialien im Katalog sehr heterogen sind. Bei recycelten Fenstern zum Beispiel hat man auch Gewährleistungsfristen. Wer aber übernimmt die Gewährleistung und damit die Verantwortung für eine veraltete Wärmedämmung? So etwas verändert das Entwerfen radikal. Denn Sie wissen ja nicht, welche Komponenten Sie zur Verfügung haben. Das heißt, wir sind aktuell an einem Punkt, an dem wir überlegen müssen, mit welchen Verfahren, mit welchen Recyclingtechniken und mit welcher Logistik gehen wir jetzt zu Werke, damit wir aus den Resten das Neue bauen können. Das ist die Herausforderung heutigen Bauens. Und das war auch das Thema der Expo. Das ist nämlich gar nicht so dumm zu sagen: Liebe Leute, denkt doch von Anfang an, wenn ihr entwerft, gleich an die Dekonstruktion.
„Kreislaufwirtschaft“ ist hier das Stichwort. Sie hatten eine Ausstellung dazu in Japan namens Material Flows kuratiert, unweit der Expo in Osaka. Was haben Sie anders gemacht?
Meine Partnerin Murielle Hladik und ich haben diese Ausstellung als Kommentar zu der Expo verstanden. Es geht ja in der Architektur nicht nur darum, einfach den Irrsinn zu kritisieren, sondern Angebote zu machen. Und wir haben versucht konstruktiv zu sein, indem wir gesagt haben, wir trommeln alle zusammen, die mit nachwachsenden Baustoffen, Myzelien, Lehm und anderen Stoffen in der Bauforschung zum Bauen aktuell interessante Beiträge leisten. Und wir zeigen dazu, wie man Gebäude sinnvoll auseinandernehmen oder umbauen kann.
Pilzmyzel wurde auch auf der Expo gezeigt. Was ist das genau?
Myzelien sind ganz feine Wurzelfasern von Pilzen, die sehr schnell nachwachsen. Sie sind im Grunde die Antwort auf die Frage, wie man kompostierbare Komponenten erzeugen kann, die man in den Naturkreislauf zurückgibt, wenn man sie nicht mehr nutzen möchte.
Also diese Paneele könnte man auf den Kompost geben.
Ja, das ist alles kompostierbar. Die Dichte entspricht dann ungefähr der Dichte von Dämmschäumen oder von Mineralwolle, daher kann man sie gut als Dämmmaterial verwenden. Es gibt aber auch Forschungen dazu, wie Myzele als tragende Elemente verwendet werden können oder wie man sie verstärken könnte. Dabei sind wirklich interessante Sachen herausgekommen, die wir in unserer Ausstellung Material Flows in Osaka zeigen durften. Damit könnte man etwa Wärmedämmverbundsysteme in Altbauten einbauen, um sie energetisch aufzuwerten. Die alten Wärmeverbundsysteme werden bald alle zu Sondermüll werden innerhalb von vielleicht zwei oder drei Dekaden.
Auch Klimatisierung wird immer wichtiger werden. Der Deutschen Pavillon hatte im extrem heißen japanischen Sommer keine Klimaanlage. Mit einem passiven Luftstrom wurde der Raum um 6 Grad heruntergekühlt.
Wir kennen das von traditionellen japanischen Architekturen. Die Vorstellung, dass wir in Räumen leben, die stets 20 Grad warm und gut befeuchtet sind, ist ein Standard unserer Moderne. Traditionelle japanische Architektur hingegen verwehrt sich gegen solche Homogenität, sondern sie lebt mit saisonalen Schwankungen. Das heißt, Sie wärmen sich im Winter an einer punktuellen Wärmequelle, einem Kohlebecken oder einem Tisch mit Heizung. Oder Sie haben eben einen zweiten Pullover an.
Wir entdecken wieder Möglichkeiten mit einer unterschiedlichen Klimatisierung der Räume zu arbeiten, um erhebliche Einsparungen zu erzielen. Und diese Lösungen sind kein Top-Down-Prinzip wie bei einer Expo, das von einem Bundesministerium in Auftrag gegeben wird. Probleme wie Klimatisieren sind hartnäckiger und viel umfangreicher als die Expo. Sie macht das nur sichtbar.
Aber die Expo wurde auch auf einer künstlichen Insel aus Bauschutt errichtet, auf der ein Casino geplant ist. Das klingt wenig klimafreundlich. Gleichzeitig stehen sehr viele Häuser in Japan leer. Hätte man nicht besser vom Bestand her denken können?
Genau so haben wir gedacht, als wir uns dagegen entschieden haben, auf die Expo zu gehen, sondern in eine brach liegende Werftindustrie in Osaka. Weil dort diese Transformationsprozesse sichtbar sind. Heute stehen dort Künstlerquartiere, die umgebaut und nachgenutzt wurden, mit einem tatsächlich interessanten und pfiffigen Umbau von Dot Architects. Wir haben in unserer „kleinen Expo“ Projekte zum japanischen „Kaitai“ ausgestellt, Architekturen, die man ohne weiteres abbauen und an anderer Stelle wieder aufbauen kann. Man konnte traditionelle Techniken des Lehmputzes erlernen. Es gab einen Beitrag über ein Dorf in Chiba mit Reetdächern, das von einer Gruppe von Architekt*innen adoptiert wurde. Wenn Sie das klug miteinander verbinden, sind Sie natürlich nicht mehr bei einer Expo auf einem methangesättigten Urgrund aus Bauschutt auf dem ein Casino und Kreuzfahrten Platz haben, sondern sie sind im Kontext einer Stadt.