Im Gespräch mit Aldri Anunciação Der Schmerz der Kolonisierung

Aldri Anunciação
Aldri Anunciação | Foto: Caio Lírio

Für den brasilianischen Dramatiker, Schauspieler und Regisseur Aldri Anunciação gibt es eine thematische Basis aller Schwarzen Kulturen weltweit. Dies zeige sich beispielsweise in der Literatur, im Theater und im Film. In einer Anthologie Schwarzer Fiktion aus den USA, Brasilien oder Europa ginge es allen um „ein gemeinsames Thema“.
 

Aldri Anunciação glaubt, brasilianisches Schwarzes Theater sei schon immer ein Ort des Widerstands gegen den Rassismus im Land gewesen. Für den Dramatiker, Schauspieler und Regisseur ist die brasilianische Identität eine Flickendecke und befindet sich in einer Krise. Seine Geschichten gestaltet er als – wie er es nennt – „Diskussionsdrama“, das afrobrasilianische Identität sichtbar macht und zugleich hinterfragt. Sein Theaterstück Namíbia não! von 2012 war als Spielfilm Medida provisória [internationaler Titel: Executive Order] 2022 der zweitgrößte Kassenerfolg einer brasilianischen Kinoproduktion. Im Interview spricht der Regisseur über Schwarzes Theater, Identität und die Überwindung von Rassismus.

Aldri Anunciação, die Frage der Repräsentanz Schwarzer Bevölkerung in den brasilianischen Künsten stellt sich gerade sehr aktuell. Vor allem in der Dramatik stoßen Schwarze Personen in tragenden Rollen immer noch regelmäßig auf Widerstände. Wie stellt sich Schwarzes Theater in Brasilien für Sie dar?

Theater ist der Bereich, wo Sie das Unbehagen gegenüber der Wirklichkeit, in der Sie sich befinden, zeigen – als Theaterschaffende*r und als Zuschauer*in. Niemand geht ins Theater, nur um sich in seiner Wirklichkeit wohlzufühlen. Die Menschen gehen ins Theater, um zu ergründen, warum sie ein existenzielles, gesellschaftliches oder ästhetisches Unbehagen empfinden. Selbst unter komischen Vorzeichen ist das Theater ein Raum, in dem sich „gescheiterte“ Figuren einfinden, Charaktere, die sich an etwas stören.

Das brasilianische Theater transportiert diese Mischung von kolonisierter Kultur, dieses Unbehagen eines Bewusstseins oder auch Unterbewusstseins der immer noch, ökonomisch wie kulturell, herrschenden Kolonisierung. Das Schwarze Theater vereint, obwohl es längst nicht vollständig akademisch institutionalisiert oder medial sichtbar ist, all diese Eigenschaften. Und das auf einer weiteren Wirkungsebene, denn der Schmerz der Kolonisierung geht über den Schmerz der weißen Brasilianer*innen hinaus und hat mit der Konstruktion des strukturellen und institutionellen Rassismus zu tun, den wir bis heute erleben.
Aus dem Film „Medida provisória“ [„Executive Order“]. Alfred Enoch (links), Taís Araújo und Seu Jorge (rechts) Aus dem Film „Medida provisória“ [„Executive Order“]. Alfred Enoch (links), Taís Araújo und Seu Jorge (rechts) | Foto: Mariana Vianna

Mehr zum Film 

Medida Provisória (engl. Executive Order, dt. etwa Vollzugsanordnung) ist ein Film des Regisseurs Lázaro Ramos, der auf dem Stück Namíbia, Não! von Aldri Anunciação basiert. Der Film spielt in einem dystopischen Brasilien, in nicht allzu ferner Zukunft. Anwalt Antonio verklagt die autoritäre brasilianische Regierung auf Entschädigung für alle Nachkommen von afrikanischen Sklaven. Daraufhin befiehlt die Regierung, dass alle Bürger afrikanischer Abstammung zwangsweise nach Afrika geschickt werden sollen. Diese Anordnung führt zu einer Hetzjagd durch die Polizei und das Militär. Eine Widerstandsgruppe, der sich auch Antonio anschließt, kämpft gegen dieses Unrecht.

„Namíbia Não!“ [dt. etwa: Nicht nach Namibia!] bezieht sich auf eine wichtige Diskussion in Brasilien. Seine Kino-Adaptation als „Medida provisória“ („Executive Order“; 2022) hat dies noch einmal deutlich gemacht. Was sagen Sie über diese Welt, in der „pessoas de melanina acentuada“ [etwa: Personen mit akzentuierter Pigmentierung] gejagt, gefangen und nach Afrika „zurückgeschickt“ werden?

Ich möchte noch einmal die Frage aufwerfen: Wozu ist Fiktion da? Denn sowohl Autor*in als auch Zuschauer*in oder Leser*in empfinden ein Unbehagen gegenüber der Wirklichkeit, in der sie leben. Die Realität ist nicht immer schön und genau deswegen schreiben wir Fiktion. Medida provisória zeigt allegorisch, was wir an verschiedenen Orten in Brasilien und weltweit erleben. Diese „vorläufige Maßnahme“ [wörtliche Übersetzung des Filmtitels] gibt es in Brasilien längst, spätestens, wenn man zum Verlassen bestimmter Orte aufgefordert oder am Betreten anderer gehindert wird. Das ist alles sehr schlimm.

Die Fiktion ist der Raum, in dem sich Krisen zeigen.

Brasilien ist eine Flickendecke unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen, und diese Diversität ist unser kreatives und wirtschaftliches Potenzial. Die mangelnde Inklusion dieser Gruppen und auch Konsument*innen in das wirtschaftliche Gefüge ist aus meiner Sicht nicht besonders schlau. Dieser ökonomische Ausschluss ist ein Synonym für einen erheblichen Mangel an Verständnis und Vernunft. Die „vorläufige Maßnahme“ ist eine Allegorie für all das, all diese kleinen Maßnahmen der Ausgrenzung, die wir im Alltag erleben.

Wie kann die Wiederentdeckung von „Negritude“, „Panafrikanismus“ oder „Panafrikanität“ im Zuge einer Konstruktion von nationaler Identität eines geeinten brasilianischen Volkes afro-brasilianische Identität (oder Identitäten) betonen?

Die Fiktion ist der Raum, in dem sich Krisen zeigen. Schwarze Identität hat ein sehr großes Potenzial für Fiktion, denn sie ist eine Identität in der Krise. Wenn Sie Geschichten der Schwarzen Fiktion der Vereinigten Staaten, Brasiliens, Europas in ein Kompendium packen, eine einzige Anthologie, werden Sie sehen, dass es stets um ein gemeinsames Thema geht, das sich potenziert. Der Film Medida provisória [Executive Order] schafft zum Beispiel die Möglichkeit eines Dialogs mit Drehbuchautor*innen anderer Gegenden. Wir bekamen auf dem Pan African Film Festival den Preis für das beste Drehbuch – und dann versteht man, dass wir alle über dasselbe sprechen, dass es an dieser Stelle ein einzigartiges Potenzial gibt.
Aus dem Film „Medida provisória“ [„Executive Order“]. Alfred Enoch und Taís Araújo Aus dem Film „Medida provisória“ [„Executive Order“]. Alfred Enoch und Taís Araújo | Foto: Mariana Vianna Kann man von afrobrasilianischer Identität und der Überwindung des Rassismus sprechen? Wie behandeln Sie dieses Thema in ihrer Arbeit?

Für mich ist [die afrobrasilianische Gottheit] Exu, die für Kreuzungen und Weggabelungen steht, die emblematischste Figur brasilianischer Identität, eine kulturelle Kreuzung, auf der sich alle Bevölkerungen formativ begegnen. Das heißt, man kann durchaus von einer afrobrasilianischen Identität sprechen, doch nicht im Sinne von Postulaten wie „So oder so ist es“. Das lasse ich in meine Stücke einfließen. Lässt sich nach William Edward Burghardt „W.E.B.“ Du Bois (1868–1963), der von „double consciousness“, einem doppelten Bewusstsein Schwarzer Personen als Schwarz und US-amerikanisch spricht, Doppelbewusstsein im Sinne von „bin ich brasilianisch oder Schwarz“ denken? Man ist beides! Das Brasilianische befindet sich ein Stück weit in dieser Duplizität. Wenn du als Schwarzer über brasilianische und afrikanische Abstammung nachdenkst, lässt sich afrobrasilianische Identität von dieser Duplizität aus verstehen.

Brasilien durchlebt gerade einen besonderen politischen Moment, es gibt extremistische, rassistische und konservative Bewegungen, die hass- und gewaltgetriebene Diskurse und Aktionen befeuern. Wie sehen Sie diese Welle der Aneignung nationaler Symbole, wie etwa der Nationalflagge, durch die extreme Rechte? Wie lässt sich die „nationale Identität“ wiedererlangen?

Ich sehe das als ein Spiel und nicht als „sie haben die Fahne gestohlen“. Genau so hat es sich dargestellt. Brasilien hat diesen Präsidenten [Jair Bolsonaro] demokratisch gewählt. Das heißt, dass die Nationalfahne genau diese Art extremistischer Organisation absegnet. Ich sehe es also nicht als Raub, sondern als Äußerung eines symbolischen Spiels. Symbole konstituieren sich artifiziell oder spontan. Es ist wichtig, ein Teil dieses Spiels zu sein und wieder den Mut zu entwickeln, Grün und Gelb [die brasilianischen Nationalfarben] auf der Straße zu tragen, ohne missverstanden zu werden; sich die Fahne wieder anzueignen, um ihr eine neue Bedeutung zu geben.

Von nun an werden wir neue Geschichte schreiben.

Es geht nicht darum, jemanden des Raubs zu bezichtigen. Sie [Anmerkung: Mitglieder von extremistischen und konservativen Bewegungen] sind auch Brasilianer*innen und dürfen herumlaufen, wie sie wollen. Nun mag man denken: Wie verleiht man diesen Symbolen Kraft? Vielleicht, indem man Personen aufruft, die Fiktion schreiben, und Werke schafft, die mit dieser symbolischen Wiederaneignung in Dialog treten. Von nun an [Anmerkung: der Wahl von Luiz Inácio Lula da Silva zum Präsidenten] werden wir neue Geschichte schreiben. Wir werden Orte und Farben umdeuten. Meine große Hoffnung ist, dass die Krisen Schwarzer Identität ihren Platz in diesen neuen Symboliken findet. Und ich hoffe durch Fiktion dazu beizutragen, dass sich diese Umdeutung mehr und mehr herausbildet.