Die Rückkehr der Heimat in die Literatur


Dorf in Sachsen-Anhalt © Ulrike Hansen, Berlin
Altötting und Ambach in Oberbayern, Stein bei Kronach in Unterfranken, Bresekow in Mecklenburg-Vorpommern, Rahnsdorf bei Berlin und viele andere namenlose Dörfer und kleine Ortschaften im Odenwald oder in der Wetterau, in Ostfriesland oder an der polnischen Grenze – sie sind die Schauplätze, an denen auffällig viele der neuen deutschen Romane spielen. Es sind stark autobiographisch geprägte Bücher von Autorinnen und Autoren wie Judith Zander und Jan Brandt, Daniela Krien und Andreas Altmann, Katharina Hacker, Andreas Meier und Julia Franck sowie von literarischen Debütanten wie dem Schauspieler Josef Bierbichler oder dem Filmregisseur Oskar Roehler. Die überschaubare, in sich geschlossene Herkunftswelt ist in diesen Romanen ein Mikrokosmos, der das Große im Kleinen spiegelt, Geschichte in Form von Geschichten behandelt. Gezielt fokussieren die Autoren einen begrenzten Weltausschnitt, um die Existenzbedingungen zu untersuchen, von denen sie erzählen.

Katharina Hacker: „Eine Dorfgeschichte“
© S. Fischer Verlag
© S. Fischer Verlag
Örtlich betäubt – das war die Nachkriegsliteratur
Die wichtigen Bücher des Jahres 2011 – sie rehabilitieren den Hei-
mat-, ja genauer den Provinzroman. Man kann nicht umhin, in dieser Rückwendung auch eine Reaktion auf die Globalisierung zu sehen, von der sich der Einzelne überfordert fühlt. Hochabstrakt sind die Prozesse, die maßgeblich die heutige Wirklichkeit beeinflussen. Entscheidungen, die sehr konkret auf die Lebenswelt von uns allen einwirken, werden auf Ebenen gefällt, die sich der Wahrnehmung weitgehend entziehen. Die zunehmende Anonymität, die Internet und Internationalisierung mit sich bringen, beschert der Literatur ein Formproblem. In Menschen, die gesichtslos bleiben, kann man sich nicht einfühlen. Eine Wirklichkeit, an der starke zentrifugale Kräften zerren, lässt sich kaum noch zwischen zwei Buchdeckel bannen. Wir alle hängen von Bedingungen ab, die nicht mehr durch einzelne Individuen symbolisch repräsentiert werden, die vielmehr überpersönlichen Charakter haben. Wie aber kann man davon erzählen, geht doch Erzählen immer vom Individuum aus? Angesichts der Entfremdung in den verflüssigten Lebensverhältnissen der Gegenwart ist es kein Wunder, dass sich Romanciers wieder verstärkt für Heimat und Herkunft interessieren, dass sie sich mit jenen Gegebenheiten der Existenz beschäftigen, die nicht zur Disposition stehen. Ein neues Bewusstsein für die Unhintergehbarkeit der eigenen Biographie lässt sich bemerken, eine Ahnung, dass das Leben überwiegend aus Prägungen besteht und nicht aus Freiheiten.

Günter Grass: „örtlich betäubt“ © dtv
Der Flurschaden der literarischen Amnesie

Jack Kerouac: „Unterwegs“ ©
Rowohlt Verlag
Rowohlt Verlag
Die deutsche Literatur war traditionell immer eine regionale. Nicht nur als Nation, sondern auch als Sprach- und Kulturgemeinschaft hat sich Deutschland später gefunden als seine europäischen Nachbarn. Der heutige Föderalismus ist Ausdruck einer dezentralen Verfasstheit, in der die Städte und Regionen miteinander konkurrieren. Schiller und Goethe sprachen beide mit starkem Dialekteinschlag, Schwäbisch der eine, Hessisch der andere. Und alle großen Romanciers waren von Landschaft und Mentalität ihrer Herkunft geprägt, Theodor Fontane von Brandenburg, Thomas Mann von Lübeck. Daran hat sich auch nach dem Krieg nichts geändert. Was wäre Uwe Johnson ohne Mecklenburg-Vorpommern, Grass ohne Danzig, Kempowski ohne Rostock und Böll ohne Köln? Und doch sank der mit einem Tabu belegte Heimatbegriff in die Trivial-Kultur ab.
Wird die deutsche Literatur wieder deutscher?
Der sogenannte Heimatfilm bemächtigte sich des Heimatbegriffs. Romantische, idyllisierende und zutiefst eskapistische Phantasien einer heilen Welt wurden da bedient, die Verwerfungen der Geschichte einfach ausgeblendet und verdrängt. Es ist daher kein Zufall, dass es gerade ein Filmregisseur war, der gegen die Vereinnahmung des Heimatbegriffs aufbegehrte. Programmatisch schon der Titel von Edgar Reitz‘ epischer Trilogie: Heimat. Der monumentale Zyklus ist Dorf-Saga und Chronik deutscher Geschichte zugleich. Am Beispiel der fiktiven Gemeinde Schabbach im Hunsrück wird Deutschlands Weg in den Nationalsozialismus und den Krieg, vom Wiederaufbau über das Wirtschaftwunder bis zum Mauerfall geschildert. Reitz lieferte damit eine Vorlage für die aktuelle deutsche Literatur. Diese verklärt die Vergangenheit nicht, aber sie scheut auch nicht davor zurück, in ihr eine mythische Kraft zu sehen.

Oskar Roehler: „Herkunft“ © Ullstein
Verlag
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Dass die Literatur aus Island, dem Gastland der Frankfurter Buchmesse 2011, in Deutschland besonders viele Leser findet, ist daher ebenfalls mit dem wieder erstarkten kulturellen Provinzialismus erklären. Global betrachtet ist Island so etwas wie das kleine Dorf unbeugsamer Gallier aus dem Asterix-Comic, das dem Imperium der Weltwirtschaft trotzt und mit dem man sich gerne identifiziert. Unter der Regierung einer bunt-anarchischen Schar von Künstlern und Quereinsteigern erholt sich die Insel derzeit von der Finanzkrise, besinnt sich auf seinen reichen literarischen Schatz an Sagen und Legenden, während in ihren Tiefen die Vulkane brodeln. Dass unsere Zivilisation nur eine dünne Kruste bildet, die auf kochenden Naturgewalten schwimmt – dieses Wissen um die archaischen Kräfte bestimmt derzeit auch das literarische Klima. Autoren haben die überindividuellen Mächte als Ressource ihres Schreibens wiederentdeckt. In Zeiten, in denen die Zukunft vollends unsicher scheint, ist die Vergangenheit das einzige, was einem keiner nehmen kann. Das isländische Lebensgefühl ist allumfassend geworden.
Text: Christopher Schmidt
Feuilleton-Redakteur der Süddeutschen Zeitung, München
Dezember 2011
Feuilleton-Redakteur der Süddeutschen Zeitung, München
Dezember 2011












