Berlin

Interview mit Christoph Meyer, Pressereferent des Berliner Olympiastadions

„Ich glaube, wir sind eines der weltweit größten Stadien, aber wir haben am wenigsten Mitarbeiter, nämlich nur 17 angestellte Mitarbeiter."

©Moxi, Southern Weekly
Christoph Meyer, Pressereferent des Berliner Olympiastadions


Southern Weekly: Welche groß angelegten Umbaumaßnahmen wurden am Berliner Olympiastadion durchgeführt?

Das Berliner Olympiastadion wurde zwischen 1934 und 1936 errichtet und während des Zweiten Weltkriegs zum Glück nur geringfügig beschädigt. Die ersten umfangreichen Umbaumaßnahmen wurden 1974 für die Fußballweltmeisterschaft durchgeführt: Um den Anforderungen eines großen Fußballwettbewerbs entsprechen zu können, wurde das Stadion teilüberdacht. Grundlegend umgebaut wurde es zwischen 2000 und 2004 für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Dieser Umbau kostete insgesamt 224 Millionen Euro, wobei wir in erster Linie die Innenausstattung des Stadions auf den neuesten Stand gebracht haben. Es wurden zum Beispiel die Sitze und Tribünen, aber auch die Einrichtungen für die Sportler erneuert. Das äußere Erscheinungsbild des Stadions hingegen wurde nicht angetastet: Da es unter Denkmalschutz steht, muss das ursprüngliche Aussehen aus dem Jahr 1936 erhalten bleiben. Durch diesen Umbau zählt das Olympiastadion jetzt zu den internationalen Spitzensportstätten.

Im Moment haben wir keine weiteren Umbaupläne, aber je nach den geplanten Wettbewerben und Aktivitäten müssen wir im Stadion gewisse Adaptierungen durchführen. Für die 12. IAAF Leichtathletik Weltmeisterschaften Berlin 2009 werden zum Beispiel Veränderungen des Spielfelds und anderer Einrichtungen notwendig sein.

Southern Weekly: Wie haben Sie es geschafft, während  derart umfangreicher Umbauarbeiten am Stadion auch noch über hundert Veranstaltungen abzuhalten?

Während der Umbauarbeiten hat es immer wieder große Veranstaltungen gegeben. Es nutzt nicht nur Hertha BSC Berlin ständig unser Stadion, sondern wir sind auch Wettkampfstätte des Deutschen Fußballcup. Vor dem Umbau haben wir intensive Gespräche mit den Architekten geführt, die Arbeiten in verschiedene Phasen eingeteilt und Ort und Zeit für jeden einzelnen Umbauschritt genau festgelegt. Natürlich waren jeweils gewisse Teile der Tribünen für das Publikum gesperrt, was aber die Nutzung der anderen Teile nicht beeinträchtigt hat.

Southern Weekly: Wenn wir jetzt einmal von den normalen Aktivitäten wie Fußballwettbewerben absehen: Wo halten Sie Ihre anderen Aktivitäten, zum Beispiel verschiedene Ausstellungen, ab?

Das Olympiastadion wird von der Olympiastadion Berlin GmbH betrieben, einer landeseigenen Holdinggesellschaft. Sie ist nicht nur für das Stadion an sich, sondern auch für die Grünflächen rund ums Stadion zuständig. Was die anderen Teile des olympischen Viertels betrifft, zum Beispiel den Olympischen Park, die Baseballanlage und die Freilichtanlage der Berliner Waldbühne, so unterstehen diese direkt der Stadtregierung von Berlin und deshalb müssen alle dort stattfindenden Aktivitäten von der Stadt Berlin genehmigt werden. Vereinfacht gesagt bespielen wir lediglich die zentrale Sportstätte.

Southern Weekly: In China finanzieren sich die meisten Stadien über die Vermietung ihrer Anlagen. Was ist die Haupteinnahmequelle des Berliner Olympiastadions?

Bei uns ist es im Wesentlichen genauso, die Ausgaben des Olympiastadions belaufen sich pro Jahr auf ungefähr zwei Millionen Euro. Obwohl wir der Landesregierung von Berlin unterstehen, sind wir doch eine selbstständige juristische Person und damit für unsere Gewinne und Verluste verantwortlich. Da das Stadion Eigentum der Stadtregierung von Berlin ist, werden große Investitionen wie zum Beispiel der Umbau oder die Renovierung von der Stadtregierung selbst bezahlt. Unsere Aufgabe besteht darin, das Alltagsgeschäft zu managen, und wir sind für den damit zusammenhängenden Umsatz verantwortlich. In Deutschland ist das so üblich: Der Eigentümer trägt die Verantwortung.

Southern Weekly: Wie hoch sind dann Ihre Jahreseinnahmen?

Konkrete Zahlen kann ich Ihnen leider nicht verraten. Aber da unser Unternehmen erst nach der Beendigung des Umbaus im Jahre 2004 offiziell gegründet wurde und die Fußballweltmeisterschaft für beträchtliche Einnahmen gesorgt hat, kann ich Ihnen versichern, dass unsere Einnahmen die Ausgaben bei weitem übersteigen, auch wenn die Einnahmen in den letzten beiden Jahren etwas gesunken sind.

©Moxi, Southern Weekly
Berliner Olympiastadion
Southern Weekly: An welche Nutzergruppen wendet sich das Olympiastadion eigentlich?

Wir haben insgesamt vier Geschäftsbereiche. Der wichtigste umfasst verschiedene Sportwettbewerbe und Großaktivitäten, Hertha BSC Berlin ist unsere größter Kunde: Jedes Jahr veranstalten sie bei uns 17 Heimspiele und andere Freundschaftsspiele. Der Deutsche Fußball-Bund ist ebenfalls ein wichtiger Kunde, deswegen sind wir auch Austragungsort Nummer eins für die Spiele der deutschen Nationalmannschaft und des Deutschen Fußballcups. Außerdem sind wir seit den 1970er Jahren Hauptaustragungsort für Leichtathletikwettbewerbe wie zum Beispiel die Leichtathletikweltmeisterschaften und verschiedene deutsche Leichtathletikwettbewerbe. Außerdem veranstalten wir 2010 einen Teil der Wettbewerbe der Frauenfußball-WM.

Die häufigsten Großveranstaltungen sind Konzerte oder internationale Feuerwerkswettbewerbe usw. Zum Beispiel haben wir vor kurzem im Rahmen von Madonnas Welttournee ein Konzert veranstaltet.
Wir hoffen sehr, dass solche Großveranstaltungen sich für unser Stadion entscheiden, aber vor allem wünschen wir uns natürlich, dass Berlin in zehn oder zwanzig Jahren oder vielleicht erst noch später die Olympischen Spiele veranstalten kann.

Der zweite Bereich sind - quasi als Pendant zu den Großveranstaltungen – die vielen kleineren Aktivitäten im Stadion. Wir nutzen die Intervalle zwischen den Großveranstaltungen und teilen das gesamte Spielfeld in kleinere Teile auf, die wir an Unternehmen oder auch an Einzelpersonen für verschiedenste Aktivitäten vermieten, zum Beispiel für Feste. Genauso können auch Schulen oder Nachbarschaften, die Fußballspiele veranstalten wollen, einen Teil mieten. Diese Angebote für kleinere Aktivitäten kommen sehr gut an.

Unser dritter Bereich ist der Besucherbereich. Jedes Jahr besuchen ungefähr 300.000 Touristen aus der ganzen Welt das Olympiastadion. Natürlich können wir es nur in absolut spielfreien Zeit für Besichtigungen öffnen.

Southern Weekly: Hat nicht die Weltmeisterschaft im Jahre 2006 noch mehr Besucher gebracht? Wie viele Besucher konnten Sie vergangenes Jahr verzeichnen?

Voriges Jahr konnten wir 276.000 Besucher  verzeichnen. Nach den Fußballweltmeisterschaften haben die Besucher nicht signifikant zugenommen, aber interessant ist, dass 2006, nachdem Italien die Fußballweltmeisterschaften gewonnen hat, sehr viele italienische Touristen extra deswegen gekommen sind. Natürlich kommen auch sehr viele Besucher aus China, Japan oder Hongkong.

Unser viertes Gebiet umfasst die Vermietung: Wir vermieten die Anlage an verschiedene Fernsehstationen oder Werbefirmen, die hier im Stadion Kino- und Fernsehfilme oder Werbespots drehen. Voriges Jahr haben wir die Anlage während 20 Tagen auf diese Weise vermietet. Das ist zwar nicht viel, ist aber sehr lukrativ.

Kanzlerin Merkel ist zu Dreharbeiten für eine Wahlkampfwerbung ebenfalls hier gewesen. Nike, Adidas und andere große Sportartikelfirmen mieten das Stadion ebenfalls sehr oft, um bei uns ihre neuen Werbeclips zu drehen. Es werden auch oft Sequenzen von Fernseh- oder Kinofilmen, die mit deutscher Geschichte zu tun haben, wegen der speziellen Geschichte des Stadions hier gedreht.

Abgesehen von diesen vier Geschäftsbereichen gibt es noch ein paar Aktivitäten, mit denen Sportstätten auf der ganzen Welt ein bisschen Geld verdienen können. Ich denke da vor allem an Kooperationen: Wir haben zum Beispiel mit einem örtlichen Bierproduzenten einen langfristigen Kooperationsvertrag abgeschlossen. Diese Firma darf ihr Bier während der Wettbewerbe verkaufen. Außerdem haben wir auch mit einigen großen Unternehmen Kooperationsbeziehungen. Sie sponsern uns für eine gewisse Zeit oder für eine einzelne Aktivität und bekommen im Gegenzug die Gelegenheit, ihr Logo auf den Eintrittskarten oder auf dem Spielfeld zu platzieren und für sich Werbung zu machen.

Southern Weekly: Wenn eine Großveranstaltunge oder ein Wettbewerb im Stadion stattfindet, wie schaut da der konkrete Ablauf aus?

Zuallererst muss der Organisator der Veranstaltung mit uns einen Mietvertrag abschließen. Dieser Vertrag muss mindestens neun Monate vor der Veranstaltung unterzeichnet werden. Darin werden die konkreten Zeiten, die Arten der Aktivitäten und die Miete festgelegt. Nach der Unterzeichnung des Vertrags kommt der Kunde, um sich das Gelände anzuschauen, und wir diskutieren verschiedene Fragen: Sicherheit, Reinigung, Sound, Koordination mit der zuständige Polizei und Feuerwehr usw. Wir haben hier in erste Linie eine Vermittlungsfunktion inne.

Alle diese Vorbereitungsarbeiten müssen zwei bis drei Monate vor der Veranstaltung abgeschlossen sein. Auch der Ticketverkauf muss bereits im Vorfeld stattfinden: Wenn wir zum Beispiel nächstes Jahr im Juni ein großes Konzert veranstalten, müssen wir bereits jetzt mit dem Kartenverkauf beginnen. Bei hochkarätigen Wettbewerben wie z.B. einem  Spiel Deutschland gegen England (es ist ja kein konkretes gemeint?) muss auch der Deutsche Fußballverband ein Jahr vorher das Stadion mieten und genau den gleichen Prozess durchlaufen.

Im Allgemeinen beginnt die Miete des Geländes eine Woche bis zehn Tage vor der eigentlichen Veranstaltung. In diesem Zeitraum finden die Vorbereitungsarbeiten vor Ort statt. Wenn wir vonseiten des Mieters den Auftrag dazu bekommen, schließen wir Verträge mit Reinigungsfirmen, Sicherheitsdiensten und Transportfirmen ab. Dann erfolgt die Lieferung des Equipments. Als Madonna ihr Konzert hatte, kamen zum Beispiel 80 große Lastwagen!

Während der Veranstaltung sind insgesamt 2000 Arbeiter im Einsatz, inklusive Gastronomie, Sicherheit usw. Bei sehr vielen Veranstaltungen, zum Beispiel bei Konzerten, müssen auf dem Rasen Bühnen aufgebaut werden. Nach der Veranstaltung muss das Gelände sofort wieder geräumt werden: Innerhalb von drei Tagen muss alles abgebaut sein. Innerhalb dieser drei Tage muss auch der Rasen wieder repariert werden. Sollte der Rasen beschädigt worden sein, muss er auf Kosten des Nutzers repariert werden. Die Gesamtfläche des Rasens auf dem Spielfeld macht 8000 Quadratmeter aus. Bei Madonnas Konzert wurde ein Viertel davon genutzt, wobei die Rasenfläche mehr oder weniger stark beschädigt wurde. Alleine die Reparatur hat 40.000 Euro gekostet. Natürlich sind die Veranstalter solcher Events versichert, und die Versicherung kommt für solche Schäden auf. Aber auch wenn es keine Schäden gibt, müssen wir gewisse Wartungsarbeiten durchführen.

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Moxi
führte das Gespräch. Er ist Journalist der Southern Weekly in Guangzhou.
Aus dem Chinesischen von Ingrid Fischer-Schreiber
Copyright: Goethe-Institut China & Southern Weekly Juli 2009
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