Kultur

Behagliche Teehäuser

Warum das Atelier A1architects auch in Tschechien Teehäuser baut

Foto: © David Maštálka, A1architects.cz
Ein Teehaus mti einem hängenden Garten. Foto: © David Maštálka, A1architects.cz

Lenka Křemenová und David Maštálka sind Gründungsmitglieder des Architekturbüros A1architects. Gemeinsam haben sie an der Prager Akademie für Kunst, Architektur und Design (VŠUP) Architektur studiert. David hatte sich bereits für seine Diplomarbeit das Thema „Teehaus“ ausgesucht, eine Sorte Gebäude, die man in Tschechien nur sehr selten findet. Die Prüfungskommission war von der Themenwahl und von der Diplomarbeit nicht sonderlich begeistert, aber es fanden sich einige interessierte Bauherren, denen der individuelle Zugang der beiden zu diesem exotischen Thema gefiel. Positive Resonanz auf ihre Arbeit gab es auch in Japan, der Heimat der Teehäuser. Für ihr bisher letztes Teehausprojekt von 2012 wurden sie vom Tschechischen Architekturverband mit dem renommierten Grand-Prix ausgezeichnet.

Lenka, das Schlüsselerlebnis für euer Interesse an Teehäusern war deine Reise mit David nach Japan im Jahr 2007. Sollte das ursprünglich eine Urlaubsreise sein oder hattet ihr schon damals Interesse an Teehäusern?

Das Reiseziel war schon ganz bewusst ausgewählt. David hat in dem Jahr sein Studium beendet, und noch vor der Reise hatte er sich auf sein Abschlussthema festgelegt. Es lautete: „Das Teehaus als kleiner Begegnungsraum“. Das Thema hat ihn brennend interessiert, aber bei uns konnte er sich damit nur theoretisch beschäftigen. Es gibt hier zwar einige Nachbauten traditioneller Teeräume, mit dem Thema hat sich hier aber nie jemand richtig beschäftigt. Aus den Büchern, die zu diesem Thema bei uns herausgegeben wurden, hatten wir den Eindruck gewonnen, dass sich auf Teehäuser unzählige strenge Regeln beziehen. Also haben wir uns auf den Weg nach Japan gemacht.

In Japan habt ihr euch mit dem Architekten Terunobu Fujimori getroffen…

Das war auch kein Zufall. Ein Jahr zuvor hatte Fujimori den japanischen Pavillon für die Architektur-Biennale in Venedig gestaltet, und als wir das dort gesehen haben, waren wir gleich begeistert. Bis dahin kannten wir nur sein berühmtestes Werk, das Baum-Teehaus. Eigentlich war das der Anlass, nach Japan zu fahren. Unsere weitere Vorgehensweise war völlig naiv: Wir haben Herrn Fujimoris Namen gegoogelt und stießen dadurch auf seine Email-Adresse. Wir schrieben ihn an, fragten, ob wir ihn in seiner Uni besuchen könnten, um zu sehen, wie in Japan Architektur gelehrt wird. Das klingt alles ganz unwahrscheinlich, aber er hat uns tatsächlich geantwortet und gesagt, dass wir ihn gerne besuchen können!

Foto: © David Maštálka, A1architects.cz
Ein Teehaus in einem herkömmlichen Garten. Foto: © David Maštálka, A1architects.cz

Und wie war das Treffen?

Wir trafen uns gleich am ersten Tag unseres zweimonatigen Aufenthaltes. Herr Fujimori hat uns dann auch noch einen Monat später zu einer Exkursion eingeladen, die er mit seinen Studenten absolvierte. Wir fuhren mit ihm in die Nähe von Nagano, wo das bereits erwähnte Baum-Teehaus steht. Außer weiteren Teehäusern haben wir noch ein paar Klöster gesehen. Ein wirklich einmaliges Erlebnis...

Und was passierte nach eurer Rückkehr?

Wir bauten unser erstes Teehaus in unserem eigenen Garten. Ich wollte in meiner Diplomarbeit den Entwurf unseres eigenen Hauses verarbeiten, in dessen Garten eben jenes Teehaus stehen sollte, das David entworfen hat. Diplomarbeiten sind meistens nur auf Papier, Davis hat das Haus aber tatsächlich gebaut. Es hat nur vier Quadratmeter. Das war für die Verhältnisse an unserer Uni von vornherein eine kontroverse Geschichte. Meistens werden nämlich sehr viel umfangreichere Themen bearbeitet.

Im Zusammenhang mit Teehäusern redet ihr viel über „Orte der Begegnung“. Funktioniert euer Teehaus in diesem Sinne?

Ja! Wir haben Tee sehr gerne, aber Teezeremonien, das beherrschen wir nicht. Wir gehören nicht zu diesen orthodoxen Tee-Freaks, von denen es bei uns relativ viele gibt und die dazu tendieren, sich ein traditionelles Teehaus nachzubauen. Unser Raum stellt hingegen eine ganz persönliche Interpretation dar. Es ist ein Ort der Ruhe, und das haben wir wirklich erst dann realisiert, als wir das Haus gebaut hatten. Da steht nichts drin. Die Leute sitzen in einem kleinen Raum auf dem Boden. Es gibt dann diese Tendenz, sich viel vertraulichere Dinge mitzuteilen als bei jemandem im Wohnzimmer, wo es Dinge gibt, die ablenken können wie Musik oder herumliegende Zeitschriften. Hier gibt es nur eine Feuerstelle, wo der Tee zubereitet wird, man unterhält sich, schaut in den Garten… Es ist wirklich schön, wir hatten sogar die Möglichkeit in unser Teehaus Leute einzuladen, denen wir sonst nie begegnet wären. Wir waren nur zwei Absolventen und dank des Interesses für unser Teehaus konnten wir auf einmal eine Menge interessante Menschen kennenlernen. Das hatten wir nicht erwartet!

Foto: © David Maštálka, A1architects.cz
Lenka Křemenová, Foto: © David Maštálka, A1architects.cz

Was fasziniert euch eigentlich so an einem Teehaus?

Wie schon Fujimori sagte, es geht um die Herausforderung, einen sehr kleinen Raum zu schaffen, in dem sich die Menschen aber dennoch behaglich fühlen. Die erste Assoziation, die ein kleiner Raum bei den meisten Menschen auslöst, ist ein Klohäuschen. Viele Leute haben vor kleinen Räumen Angst. Das Experiment mit diesen limitierten Maßen war für uns sehr bereichernd.

Eines eurer Teehäuser ist lediglich 1,80 mal 1,80 Quadratmeter groß. Ist das das kleinste? Wie legt ihr die Maße fest?

Das kam daher, dass es in dem Garten nicht mehr Platz war. Ansonsten ist es aber unbedingt notwendig, dass man sich in dem Häuschen hinlegen kann. In diesem Fall waren die Auftraggeber eher kleinere Personen, also war das in Ordnung.

Wonach habt ihr entschieden, welche Teehaus-Regeln ihr befolgt und welche ihr ignoriert?

Laut Fujimori gibt es nur zwei unerlässliche Dinge für ein Teehaus: Es muss einen kleinen Eingang und eine Feuerstelle geben. Und das war so befreiend! Nach diesem ganzen Regelkatalog! Die kleine Tür ist einerseits ein Trick – wenn man durch eine kleine Öffnung in einen kleinen Raum kriecht, wird er mir größer vorkommen. Und dann gibt es noch einen historischen Grund: Wenn die Samurais ein Teehaus betreten wollten, mussten sie die Waffen ablegen, um hindurchzupassen. Drinnen waren sich dann alle gleich, das ist das Prinzip eines Teehauses. Und das gilt auch noch heute – normalerweise sitzen wir alle auf Stühlen, hier müssen wir alle unsere Socken präsentieren.

Foto: © David Maštálka, A1architects.cz
Ein Teehaus „Klobou“. Foto: © David Maštálka, A1architects.cz

Eure Teehaus-Kunden, wie sind die auf euch gestoßen? Durch euer eigenes Teehaus?

Ja. Wir finden das nach wie vor unglaublich. Aufgrund der Tatsache, dass über das Haus relativ oft berichtet wurde, meldeten sich sehr bald zwei Kunden. Und es waren keine Snobs oder Sonderlinge, sondern einfach Leute, die die Möglichkeit reizte, sich von der Welt abzuschließen. Auch das ist eine Herausforderung bei einem Teehaus: es muss auch geschlossen funktionieren, ohne Ausblick in den Garten. Unsere Kunden haben uns bei den Projekten sogar völlig freie Hand gelassen.

Veronika Rollová
Übersetzung: Ivan Dramlitsch

Copyright: Goethe-Institut Prag
April 2013

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