Kultur

„Ich flüchte nicht in die Fantasywelt“

Foto: © Tereza MatouškováFoto: © Tereza Matoušková
Foto: © Tereza Matoušková

„Fantasy ist für mich eine Form, die Realität um mich herum zu beschreiben“ sagt Tereza Matoušková. Die 23-jährige Schriftstellerin aus Adamov nannte ihre Fantasiewelt „Podmori“ („Untersee“), und hier spielen alle ihrer Bücher, von denen das neuste „Hladová přání“ („Gierige Wünsche“) heißt. Ihr Werk ist eng verbunden mit ihrem Blog, wo sie sich mit der Zeit eine Fan-Gemeinschaft geschaffen hat. Im Interview spricht sie über ihre Arbeit, die tschechische Fantasy-Community und ihren Blog als Hilfsmittel für junge Autoren.

Tereza, wie lebt es sich als Fantasy-Autorin im Tschechien des 21.Jahrhunderts?

Solange man allein vom Schreiben lebt ist es fabelhaft. Was das Publizieren angeht, ist es meiner Meinung nach heutzutage schwieriger. Das hängt damit zusammen, dass sich innerhalb des Genres Vieles aufs Internet verlagert. Die Konkurrenz unter den jungen Autoren ist groß, weil heute mehr oder weniger jeder schreibt. Das hat auf der anderen Seite den Vorteil, dass man sich zum Beispiel auf das Erstellen von Artikeln über das Schreiben spezialisieren kann, die dann auch gelesen werden. Ich etwa betreibe in Brno (Brünn) eine literarische Werkstatt, in der ich mit meinen Schülern arbeite. Und die Leser dieser Art Literatur sind sehr begeisterte Fans, die das tatsächlich durchleben. Viele von ihnen sind mit der Zeit meine Freunde geworden. Fantasy ist eine sehr kommunikative Angelegenheit, was super ist, weil es etwas Ähnliches vorher nicht gab.

Könnte man also sagen, dass die Fantasy-Community ein eingeschworenes Kollektiv ist?

Diese Community ist sicher stärker als zum Beispiel bei den Leuten, die Detektivgeschichten lesen und schreiben. Da gibt es eine Menge Wettbewerbe, Cons und insgesamt handelt es sich um eine sehr lebhafte Gesellschaft. Man muss aber auch innerhalb der Fantasy-Community Gruppierungen unterscheiden: „young adult fantasy“ zum Beispiel hält sich stark abseits und stellt ein geschlosseneres Kollektiv dar. Das kommt daher, weil die Leserinnen hauptsächlich junge Mädchen zwischen 12 und 18 Jahren sind und miteinander über verschiedene Bücherblogs kommunizieren. Die erwachsene Fantasy-Gefolgschaft ist wieder durch die erwähnten Aktionen verbunden. Ich denke, insgesamt steht es mit der Fantasy-Community sehr gut.

Welche Impulse gab es, dass du mit dem Schreiben von Fantasy-Literatur begonnen hast?

Ich wuchs in einer Familie auf, in der Fantasy gelesen wurde. Deswegen wurde ich ganz natürlich in dieser Richtung geprägt. Als ich klein war las mir meine Mutter den Herrn der Ringe vor, also hatte ich das im Blut. Als ich später anfing, selbst schöpferisch tätig zu werden, kam es mir gar nicht in den Sinn etwas Anderes zu schreiben als Fantasy. Erst als ich mit der Zeit verschiedene Stile ausprobierte, kam ich dazu, vielleicht etwas Realistischeres zu schreiben. Aber die Grundlage von allem ist für mich immer noch das Fantastische- mit seiner Hilfe bin ich gewohnt, meine Erlebnisse und Inspirationen in literarische Texte umzuwandeln.

Fantasy-Autoren erschaffen sich in der Regel ihre eigenen Welten, mit denen sie innerhalb ihres Werkes arbeiten, und mit denen die Leser sich identifizieren. Was charakterisiert die Welt deiner Werke, also „Podmoří“?

Podmoří enthält eine Menge Elemente, die für diese Welt charakteristisch sind. Die dortige Kultur gründet in der frühen Neuzeit einer vorindustriellen Gesellschaft, das heißt es gibt dort bereits primitive Maschinen. Deswegen bewegt diese Welt sich in eine andere Richtung als bei der Fantasy, die vom Mittelalter inspiriert ist. Natürlich ist ein weiterer, besonderer Aspekt, dass die Welt unter dem Meer angesiedelt und komplett künstlich ist. Da gibt es zum Beispiel so eine Steampunk-Sonne, die aus Zahnrädern besteht. Alle Bewegungen, die in unserer Welt natürlich wären, sind in Podmoří nur dank der Maschinen möglich. Ich muss auch erwähnen, dass die Gesellschaft selbst in ein Kastensystem unterteilt ist. An dessen Spitze steht eine Gottheit, darunter gibt es die sogenannten Geweihten, die der Gottheit dienen. Unter ihnen steht eine Art, die für die Geweihten das Land verwaltet, und ganz unten sind die Nichthexer, die arbeiten und den ganzen Mechanismus am Leben erhalten.

Foto: © Tereza Matoušková
Foto: © Tereza Matoušková

Bemühst Du Dich, in Deinen Geschichten die reale Welt widerzuspiegeln, oder distanzierst Du Dich eher von ihr?

Ich sehe keinen allzu großen Unterschied zwischen der Literatur, die die Realität beschreibt und Fantasy, denn es geht immer um die Reflektion der Welt, in der der Mensch lebt. Sogar die realistische Literatur ist nicht vollkommen real, denn auch in ihr wird ein alternatives Universum geschaffen, das die Realität immer so verbiegen muss, wie es die Geschichte verlangt. Ich denke, dass ein Fantasy-Autor sich niemals hundertprozentig von der Realität loslösen kann. Das liegt daran, dass er irgendwie immer das in seine Texte hineinprojiziert, was er erlebt, seine Ansichten, das Umfeld, in dem er lebt und so weiter. Ich denke, das ist eine ganz natürliche Sache. Viele Leute sagen, dass man in die Fantasywelt flieht. Ich empfinde das nicht so, denn Fantasy ist für mich eine Art, die Realität um mich herum zu beschreiben.

Als Autorin wirst Du oft mit Deinem Blog „Cesta do Podmoří“ („Reise nach Untersee“) verbunden, der auf mich inhaltlich sehr abwechslungsreich wirkt. Was kann man dort alles finden?

Ich bemühe mich, ihn auf Literatur auszurichten. Sehr oft schreibe ich Artikel über das Schreiben, zum Beispiel Ratschläge bei Fehlern, die die Autorin häufig machen und auf die ich als Jurorin von Wettbewerben gestoßen bin. Ebenso findet man dort Betrachtungen bestimmter Schreibstile und Genres. Dann selbstverständlich kürzere Erzählungen, die speziell für den Blog und meine Fans geschrieben sind. Es handelt sich dabei um etwas anderes als herkömmliche Geschichten. Die Blog-Erzählung hat ihre Besonderheiten. Sie darf zum Beispiel nicht so viele Beschreibungen enthalten, denn im Internet bevorzugen die Leute kürzere Texte, sie wollen alles verdichtet haben. Über einem Buch sind sie bereit weit mehr Zeit zu verbringen. Natürlich auch Rezensionen, Anmerkungen und aktuelle Begebenheiten wie zum Beispiel Einladungen zu Gesprächsrunden, Artikel über Literatur-Werkstätten, die ich leite, oder Informationen über Geschichten, die ich herausbringe. Allgemein geht es auf meinem Blog einerseits um die Kommunikation mit den Leuten, die mich lesen, andererseits um eine Plattform für Diskussion und das Ausdrücken meiner eigenen Ansichten.

Welche Rolle spielt der Blog für die Präsentation deiner eigenen Arbeiten?

Ich denke, er spielt eine Schlüsselrolle, aber ich denke auch, dass das Bloggen in letzter Zeit geringfügig abnimmt, weil sich alles auf Facebook verlagert. Es zahlt sich immer mehr aus, über Facebook zu werben, weil damit eine größere Besucherzahl garantiert ist. Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass Leute wegen der Verweise auf Facebook auf meinen Blog kommen. So ein soziales Netzwerk kann natürlich nicht alles ersetzen, was ein Blog dem Autor bietet. Ich bemerke aber, dass die Blogger-Szene in der letzten Zeit abnimmt, etwa was die Autorengemeinde auf Blog.cz angeht und die verschiedenen Treffen, die früher sehr häufig waren. Heute ist das zwar immer noch nicht vollkommen verschwunden, aber man kann sehen, dass die Blogger-Szene ihren Höhepunkt schon hinter sich hat.

Im Buch „Gierige Wünsche“ hast Du geschrieben, dass Du für den Schaffensprozess die Leser Deines Blogs konsultiert hast. Wie ging das vor sich?

Gierige Wünsche ist wohl am stärksten mit dem Blog verbunden. Denn das Buch entstand ursprünglich aus der Idee, eine interaktive Erzählung zu machen. Inspiriert hat mich dazu Labyrinth von Pavel Renčín. Die Idee gefiel mir. Ich habe immer einen Teil auf dem Blog veröffentlicht. Darunter waren verschiedene Möglichkeiten aufgeführt, wie die Geschichte weitergehen könnte. Die Leser konnten also eine der Möglichkeiten auswählen und gleichzeitig ihre Meinung zum veröffentlichten Teil zum Ausdruck bringen. Wenn sie also etwas nicht mochten, oder ihnen im Gegenteil etwas gefiel, bekam ich eine unmittelbare Reaktion. So entstanden die neun Teile, die sich in neun Kapitel des Buches verwandelten.

Und was ist eigentlich das Ziel deines Schaffens? Warum schreibst Du überhaupt?

Für mich geht es um eine Form der Selbstverwirklichung. Es ist eine Möglichkeit etwas zu hinterlassen, sich den Leuten ins Gedächtnis zu schreiben und ihnen meine Ansichten zu vermitteln. Das Schreiben ist immer noch der einfachste Weg, den Leuten Gedanken schön von Kopf zu Kopf zu übergeben. Was die Ziele angeht, möchte ich in der Lage sein, ohne Probleme Bücher herausgeben zu können. Gerne hätte ich die Möglichkeit, Untersee als ganze Saga herauszugeben und sie nicht in einzelne Bücher aus unterschiedlichen Zeiträumen zu zerstückeln. Ich würde nicht sagen, dass ich im Augenblick geeignete Bedingungen dazu hätte, eine mehrteilige Saga wie zum Beispiel Das Lied von Feuer und Eis schreiben zu können. Ich möchte das Gefühl erleben, wenn von einem Tag auf den anderen dutzende neuer Leser dazukommen, die aktiv darauf reagieren, wie sich die Saga entwickelt. Unheimlich gut gefallen mir Reaktionen vom Typ: „Er tötet ihn doch nicht, oder?! Diese Gestalt kann er nicht umbringen!“. Das ist an dem Ganzen das Beste, wenn der Leser Angst um die Figur hat.

Das Interview führte Libor Kamenský
Übersetzung: Hanka Sedláček

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
Mai 2014
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