Kultur

Rausfrauen

Münchens neue Masche

Verziertes Stoppschild  Foto: © Die Rausfrauen
Verziertes Stoppschild Foto: © Die Rausfrauen

Zwei junge Frauen ziehen nachts durch die Stadt und hinterlassen Graffitis aus Wolle. Mit ihren Strickereien werben die Rausfrauen für die Rückeroberung des öffentlichen Raums und die Wertschätzung von Handarbeit.

Eiligen Passanten bleibt vieles verborgen. Im vergangenen Juni trug das Straßenschild in der Münchner Dultstraße, Ecke Sendlinger Straße, einen wollenen Überzug. Er hat dieselbe Farbe wie das Schild. Weiße Schrift auf blauem Grund. In der beschwingten Schreibschrift wirkt der Straßenname wie das Etikett auf Omas selbstgemachter Marmelade. Gemütlich, heimelig, wohnlich. Und statt Dultstraße steht da Duldstraße. Vielleicht, weil die Bewohner so lange warten mussten auf diese hübsche Idee. Auffälliger ist die Bronzeplastik eines Mädchens auf einer Schildkröte im Oberanger. Für kurze Zeit trägt die dunkle Brunnenfigur einen gehäkelten rosaroten Bikini und eine gleichfarbige Haarschleife. Ein Stoppschild auf dem Tollwood-Festival hat einen gehäkelten Rand und sieht aus wie eine Blume. Ein kleiner Anhänger an jeder Woll-Installation nennt die Urheberinnen der Aktionen: Die Rausfrauen.

Die U-Bahn als gemütliches Wohnzimmer

Eine Brunnenfigur im Bikini  Foto: © Die Rausfrauen

Eine Brunnenfigur im Bikini Foto: © Die Rausfrauen

Seit einem guten Jahr bestricken und behäkeln Sissi und Hermine ihre Stadt. Nachts ziehen sie mit ihren Stricksachen um die Häuser und kleiden München neu ein. Am nächsten Tag sehen die beiden nach, ob ihre Werke noch da sind und wie die Leute darauf reagieren. Weil vieles nur von kurzer Dauer ist, dokumentieren Sissi und Hermine alles in ihrem Blog Die Rausfrauen. „Wir wollen mit unseren Interventionen ein Denkmal setzen gegen Alltag und Routine“, sagt Sissi. „Wenn man tagtäglich eine Straße entlanggeht, zur Arbeit, zur Schule, zum Einkaufen, sieht man irgendwann nicht mehr, was einen dort überhaupt umgibt. Wir verpassen einem Stromkasten ein Blümchendeckchen und ein Buch und plötzlich sehen die Passanten, dass da was ist. Oder die U-Bahn: Tagtäglich benutzt man sie, aber wer fragt sich denn jemals, wie es darin aussehen soll. Durch schnell angebrachte Gardinen und Kakteen als Fensterbild verwandelten wir die U-Bahn in ein gemütliches Wohnzimmer. Das verändert die Wahrnehmung.“

Gestrickter Protest

Ähnliche Strick-Projekte gibt es auch an anderen Orten, von Stockholm bis Neuseeland. Am häufigsten fällt der Begriff „Guerilla Knitting“, analog zum Guerilla Gardening, bei dem städtische Brachflächen heimlich bepflanzt werden. Auch Guerilla Knitting hat einen politischen Anspruch. Die Wiener Strickistinnen zum Beispiel protestieren mit ihren Aktionen immer wieder gegen die Benachteiligung von Frauen. Oft stellt die Knitting Guerilla die Frage nach dem öffentlichen Raum: Wem gehört er? Wer darf ihn nutzen? Und wie? Der New Yorker Soziologe Richard Sennett beklagt in seinem Buch Civitas, moderne Städte seien keine Orte der Begegnung mehr wie im antiken Griechenland. „Die von Menschen erfüllten Räume der modernen Stadt inszenieren den Konsum (…) oder sind dem touristischen Erleben vorbehalten“, schreibt Sennett. Das eigentliche Leben spiele sich hinter Mauern ab. Moderne Städte schüren die Angst davor, sich preiszugeben.

Trafostation mit Deckchen  Foto: © Die Rausfrauen

Trafostation mit Deckchen Foto: © Die Rausfrauen

Für Sennett sind moderne Städte „nichtssagende, neutralisierende Räume“, die eine „Bedrohung durch sozialen Kontakt ausschalten“. Eben diesen verschwundenen öffentlichen Raum machen die Rausfrauen auf ihre Art sichtbar. „Wir möchten auch die Aufmerksamkeit darauf lenken, wie man den öffentlichen Raum nach eigenen Vorstellungen gestalten kann. Es soll nicht immer alles als gegeben hingenommen werden“, sagt Hermine. „Der öffentliche Raum gehört allen. (…) Und es liegt auch immer in der Verantwortung jeder und jedes einzelnen, wie unsere Straßen aussehen“, heißt es im Manifest der Rausfrauen. „Wichtig ist uns, dass wir Bestehendes nicht zerstören“, ergänzt Sissi. „Wir fixieren unsere Arbeiten lediglich mit Knoten und Schleifen. So ergibt sich eine demokratische Nutzung des öffentlichen Raums. Wem unsere Arbeiten nicht gefallen, der darf sie auch wieder entfernen.“

Raus, aus dem Haus!

Mitte Dezember 2011 grüßte ein kleiner – weiblicher – Schneemann aus Wolle von einem Eisenpfosten am Münchner Kurfürstenplatz. Viele Passanten schmunzelten. Manche blieben stehen. Vielleicht dachten sie auch darüber nach, wie man dieses weibliche Schneemännchen wohl nennt: Schneefrau? Oder Schneemännin? Es wäre ganz im Sinne der Rausfrauen. Das Wortspiel aus Raus und Hausfrau verweist auf ein weiteres Anliegen von Sissi und Hermine: „Wir bringen hausfrauliche Arbeiten in die Öffentlichkeit und wollen ihnen so Bedeutung und Wertschätzung bringen. Jahrhunderte lang haben Männer ‚Kunst‘ gemacht, und Frauen ‚Handarbeit‘. Wir holen diese Tätigkeiten, Fertigkeiten und Materialien raus aus dem privaten Raum und stellen sie mitten unter die Architekten und Bildhauer.“

Die Dult(d)straße in München  Foto: © Die Rausfrauen

Die Dult(d)straße in München Foto: © Die Rausfrauen

Die Rausfrauen beschränken sich nicht auf Häkeln und Stricken. Für jede „hausfrauliche“ Handarbeit ist Platz im öffentlichen Raum. Fragt man Sissi und Hermine, woher ihre Leidenschaft kommt, reagieren sie verwundert: „Etwas herzustellen macht glücklich, wie wir finden. Und Spaß an der Handarbeit ist nicht ungewöhnlicher, als wenn eine Malerin Spaß am Pinseln hat, oder eine Schriftstellerin an den Worten. Es ist eigenartig, dass Textilien da in eine so völlig andere Denkkategorie zu fallen scheinen. Uns inspirieren vor allem die unglaubliche Flexibilität des Materials und der eindeutige Kontext, in den es gebracht wird, und den wir mit unseren Methoden wieder zu brechen versuchen.“

Jonny Rieder

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Februar 2012
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