Leben

Willkommen in Prag!

Foto: Charleston's TheDigitel, CC BY 2.0Foto: Schnittke, CC BY-ND 2.0
„Prague drinking team“, Foto (Ausschnitt): Barret Anspach (anspach), CC BY 2.0

All meine Vorbereitungspläne und -lektüren habe ich über einen Haufen geworfen und mich einfach in das Leben hier im „Osten“ gestürzt. Seit vier Wochen bin ich nun bereits in Prag, in der goldenen Stadt an der Moldau.

Ich bin also angekommen. Angekommen in jener Stadt, in der ich seit meinem ersten Besuch im Sommer 2009 für längere Zeit leben wollte. Zugegebenermaßen war mein Kulturschock nicht ganz so groß wie bei meinem ersten längeren Aufenthalt in Tschechien, aber dennoch bin ich noch immer fast täglich erstaunt, was hier so alles anders ist.

Vorne weg sei gesagt: Nein, ich besitze noch kein „Czech drinking team“-T-Shirt, ich habe noch bei keiner organisierten Pub-Crawling-Tour mitgemacht, bei denen man sich für umgerechnet 20 Euro die Kante gibt und ich war auch noch in keinem Strip-Club. Damit habe ich noch kein Prager Touristenklischee (wie eine aktuelle Dokumentation der BBC zeigt) erfüllt und das ist gut so. Und ich habe auch nicht vor, auch nur irgendeins dieser Klischees zu erfüllen.

Ich habe mich hier in das wahre Leben abseits der Touristen gestürzt. Und das ist gar nicht immer so einfach: Die erste Hürde hatte ich bereits bei meiner Ankunft zu meistern. Wer barrierefreie U-Bahn-Stationen mit Lift in jeder Station oder ebenerdige Straßenbahnen im Fünf-Minuten-Takt erwartet, sollte am besten wieder zurück in deutsche oder österreichische Großstädte fahren. Also habe ich meinen riesengroßen Koffer die Treppen hinunter und auf der anderen Seite wieder hinauf geschleppt. (Als Tipp für alle, die eine Reise nach Prag planen: Der Fahrkartenautomat schluckt nur Münzen, wer also mit einem 100-Kronen-Schein bezahlen will, muss Geld wechseln gehen oder hat Pech gehabt.)

Wohnort vs. Heimatort

Erstaunt habe ich ein paar Tage später festgestellt, dass es so etwas wie eine Meldepflicht am Wohnort für Tschechen nicht gibt. Auch wenn man bereits seit Jahren nicht mehr bei den Eltern lebt oder bereits in einer anderen Stadt arbeitet, ist man am Heimatort gemeldet. Als Ausländerin muss ich aber trotzdem zur Fremdenpolizei. Die Einzelheiten dieses bürokratischen Aufwandes erspare ich euch, irgendwie klappt ja irgendwann doch alles. Unnötig zu erwähnen, dass bei der Fremdenpolizei niemand Englisch spricht. Warum denn auch? Und wer braucht denn schon die paar Nerven mehr?

„Unnötig zu erwähnen, dass bei der Fremdenpolizei niemand Englisch spricht.“

Die ersten Tage an der Uni waren recht entspannt, viele Kurse sind ausgefallen, weil die Professoren bei Gastvorträgen im Ausland waren (nichts Neues für mich!). Die Gebäue und die Hörsäle sind manchmal alt, manchmal neu – kein großer Unterschied zu Österreich. Auffallend ist jedoch der „neueste Modetrend“ hier: Professoren wie Studenten tragen Wanderhosen in allen Farben und Formen an der Uni.

Mittagessen geht man an der Uni schon zwischen 11 und 12 Uhr – anders kann ich es mir nicht erklären, dass mich tschechische Studenten fragen, ob wir uns nach dem Mittagessen, also um 12:30 Uhr, treffen können.

Die größte Verwunderung erlebe ich jedoch tag täglich in Kneipen, Restaurants oder Bars. (Fast) überall gibt es gratis WLAN, hier besser bekannt als Wifi (Für mich als Österreicherin ist das doppelt verwirrend, da als Wifi bei uns ein Weiterbildungsinstitut bezeichnet wird). Die Möbel können noch so alt und kaputt, der Gehsteig davor noch so voller Löcher sein, in den Kneipen muss man keine Angst haben, von der Online-Welt getrennt zu werden. Vorsicht aber, wenn ihr die Toiletten benutzt: Noch immer kann man die meisten nicht zusperren – eine geschlossene Klotüre bedeutet somit besetzt, eine offene naja, das ist ja jetzt wohl klar, oder? (Ich hoffe, euch dadurch peinliche Momente wie ich sie erlebt habe, zu ersparen.)

Foto: Charleston's TheDigitel, CC BY 2.0
Wifi: Österreicher denken dabei an ein Weiterbildungsinstitut. Foto: Charleston's TheDigitel, CC BY 2.0

Geschminkte Mädels und freigiebige Jungs

Meine abschließende Beobachtung teilen auch tschechische Studentinnen, die längere Zeit in Deutschland gelebt haben (weil sie gegenteilige Erfahrungen gemacht haben): „Ich habe das Gefühl, dass die Frauen und Mädchen in Tschechien femininer sind als in Österreich und in Deutschland“, hat mir erst neulich eine tschechische Bekannte gesagt. Warum? Mädels tragen hier Röcke und Kleider. Fast immer und egal, wie kalt es gerade ist. Sie sind auch gestylter und auffälliger geschminkt als das Durchschnittsmädel in Österreich (und ich vermute auch in Deutschland). Es wird auch erwartet, dass der Mann bei einem Date die Rechnung bezahlt. Das ist wohl bei uns durchaus auch üblich, zumindest in meinem Freundeskreis wird das aber nicht von vornherein als selbstverständlich angenommen.

Welche Erfahrungen ich mit tschechischen Lebensmitteln und der Mentalität der Tschechen gemacht habe, erzähle ich euch demnächst. Ich halte euch weiter auf dem Laufenden...Ahoj!



Magdas Erasmus-Blog #1
Becherovka, Bier und der unbekannte Rest
Magdas Erasmus-Blog #3
Wahlspektakel

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
Oktober 2013

    Magdas Erasmus-Blog

    Magdalena ist gebürtige Oberösterreicherin. Sie lebt seit 2008 in Wien und hat dort Journalismus studiert. Derzeit ist sie im Rahmen ihres Bohemistik-Studiums in Prag und schreibt regelmäßig über ihre Eindrücke.

    #1 Becherovka, Bier und der unbekannte Rest

    #2 Willkommen in Prag!

    #3 Wahlspektakel

    #4 Neonazis und Karnevalsfiguren

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