Leben

Eltern trotz Handicap

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Familie Scharf mit ihrer Betreuerin von der Organisation Lebenshilfe, Foto: © Janna Degener

Können geistig behinderte Menschen ein eigenes Kind versorgen? „Auf jeden Fall“, sagen die Eltern des zehnjährigen Holger, die beide von Geburt an teilbehindert sind. „Mit viel Unterstützung vielleicht“, meint ihre Betreuerin von der Lebenshilfe.

Als Frau Scharf von ihrer Schwangerschaft erzählte, gab es einen großen Krach. „Das schaffst du doch nie! Und was machst du überhaupt, wenn das Kind auch behindert ist?“, sagte ihre Schwester. „Natürlich schaff ich das. Ich würde auch ein behindertes Kind akzeptieren, die Herausforderung nehme ich an“, erwiderte Frau Scharf. Sie und ihr Mann wollten ein Kind. Eine Abtreibung kam sowieso nicht infrage. „Weil ich getauft und in der Kirche bin“, erklärt Frau Scharf.

Noch heute, zehn Jahre später, bekommen Herr und Frau Scharf ein Leuchten in den Augen, wenn sie sich an Holgers Geburt zurückerinnern: „Er war 56 Zentimeter groß, wog 4.470 Gramm, hatte einen Kopfumfang von 37 Zentimetern und war gesund“, erzählt Frau Scharf stolz. „Als wir zu Hause waren, meinte die Hebamme, dass wir eine schlechte Nacht haben werden. Aber Holger hat sich erst um halb acht bemerkbar gemacht. Er war immer schon ein pflegeleichtes Kind“, fügt ihr Mann lächelnd hinzu.

Hilfe bei Haushaltsführung und Kindererziehung

Schon vor Holgers Geburt hatte Frau Scharf vom Sozialpsychiatrischen Dienst Unterstützung bei der Haushaltsführung bekommen. „Weil sie unter einer geistigen Teilbehinderung leidet und nach der Trennung ihres damaligen Lebensgefährten den Haushalt nicht mehr gemacht hat“, erklärt Frau K., die Frau Scharf seitdem betreut. Nach Holgers Geburt übernahm Frau K. dann auch die Erziehungshilfe, die vom Jugendamt empfohlen wurde.

Frau Scharf war zunächst nicht begeistert, dass sich das Jugendamt in ihre Erziehung einmischen wollte. „Die Frau vom Sozialpsychiatrischen Dienst hatte denen gesagt, dass ich schwanger bin und dass ich das sicher nicht allein schaffe. Die haben also ohne unsere Erlaubnis und ohne dass wir dabei waren, über uns geredet“, erzählt sie. Als dann die Idee mit der Erziehungshilfe aufkam, war Frau Scharf erleichtert: „Sonst hätte man noch veranlasst, dass das Kind uns weggenommen und in einer Pflegefamilie untergebracht wird. Immerhin kannte ich Frau K. ja schon, und ich wusste, dass ich mit ihr zurechtkomme.“

Was tun bei Schulproblemen?

Im Kindergarten brauchte Holger eine Frühförderung. Dann wurde er zurückgestellt, weil „seine emotionale Entwicklung nicht so ausgeprägt“ war. In der Schule stellte sich heraus, dass er wenig ehrgeizig und konzentriert war und unter einer Lese-Rechtschreib-Schwäche litt. „Eine Förderschule kam für die Eltern nicht infrage, und der Antrag auf einen Einzelfallhelfer wurde zweimal abgelehnt. Dann gab es einen echten Kampf, bis der Antrag vor dem Verwaltungsgericht durchkam“, sagt Frau K. Jetzt wird Holger in der Schule durch den Einzelfallhelfer unterstützt, seine Hausaufgaben macht er in einer Tagesgruppe. Und wenn er nach Hause kommt, ist Frau K. da.

Holgers Probleme in der Schule rührten auch daher, dass seine Eltern bestimmte Ziele nicht konsequent durchsetzten, sagt Frau K. „Manchmal streiten sie sich darüber, wie lange Holger abends aufbleiben darf, oder sie lassen ihn einfach machen, was er will. Dabei vergessen sie dann ihre eigene Verantwortung“, so K. Die geistige Behinderung spiele da gewiss eine Rolle, aber solche Probleme treten natürlich ebenso in anderen Familien auf.

„Dass meine Eltern behindert sind, interessiert mich nicht“

Ob es um Kita oder Schule, Kleidung oder Essen, Freizeitgestaltung, den Umgang mit anderen Kindern oder Arztbesuche geht: Als Erziehungshelferin unterstützt Frau K. das Ehepaar Scharf dabei, all das zu erkennen, was Holger im Laufe seiner Entwicklung braucht. Kurz nach der Geburt war sie 15 Stunden pro Woche in der Familie, inzwischen sind es fünf.

Holger findet das in Ordnung und man sieht auf den ersten Blick, dass er Frau K. ins Herz geschlossen hat. Dass seine Eltern behindert sind, ist für ihn bisher kein Thema gewesen. „Darüber habe ich noch nicht so oft geredet. Ich meine, eigentlich gar nicht. Das interessiert mich nicht, und ich wusste auch lange gar nicht, dass die behindert sind.“

Fortschritte und Rückschläge im Familienalltag

Wenn es um die Bewältigung der Alltagsprobleme geht, gibt es in der Familie Scharf immer wieder kleine Fortschritte. „Als der Einzelfallhelfer da war, hatte Holger innerhalb von einem Jahr nur noch Zweien und eine Eins in Religion“, erzählt Herr Scharf stolz. Einen Nachteilsausgleich bekomme er nur in Deutsch. In anderen Fächern brauche er solch eine Unterstützung überhaupt nicht. „Und wenn man ihn einkaufen schickt, weiß er genau, wie er mit dem Geld umgehen muss.“

Doch Frau K. sieht auch die neuen Baustellen, die im Familienleben der Familie Scharf immer wieder auftauchen und versichert: „So lange Holger nicht wirtschaftlich selbstständig ist, wird die Familie diese Form der Unterstützung bekommen.“ Schließlich gebe es auch Familien, in denen die Kinder trotz aller Unterstützung nicht bleiben können. „Es ist oft eine Gratwanderung, aber wenn Eltern zum Beispiel aus Ohnmacht und Hilflosigkeit ihre Kinder schlagen, müssen die Kinder anders untergebracht werden.“

In der Familie Scharf spielt Gewalt zum Glück überhaupt keine Rolle, und im Großen und Ganzen nimmt Frau Scharf die Ratschläge von Frau K. immer gerne an. Sie ist anderseits jedoch fest überzeugt, dass sie Holgers Erziehung auch so voll und ganz im Griff hätte. Und manchmal träumt sie sogar von einem zweiten Baby.

Janna Degener

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
Januar 2015

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