Leben

„Nikolaus und Karneval in einem“

Josef Rabala

Die Prague Pride 2012

„Hätte ich mit jemandem eine Verabredung an der Statue des Heiligen Wenzel, wir würden uns niemals finden." © Josef Rabara

Am 18. August 2012 musste man nicht erst ins Zentrum fahren, um mitzubekommen, dass sich die Hauptstadt für den pompösen Festumzug schick macht, in dem das Prague Pride Festival gipfelt. Regenbogenfahnen, Kostüme, schwule und lesbische Paare, die sich ohne Scham an den Händen hielten, prägten seit den Morgenstunden auch das Straßenbild in Vierteln wie Holešovice oder Žižkov. Und somit war von vornherein klar, dass es bei der „Parade des Stolzes“ um mehr gehen würde als nur das massenhafte Herzeigen von Queer-Requisiten.

Es ist halb eins, und ich gehe vom Hauptbahnhof Richtung Wenzelsplatz. Hätte ich mit jemandem eine Verabredung an der Statue des Heiligen Wenzel, wir würden uns niemals finden. Die zahlreichen Umzugsteilnehmer haben nicht nur den oberen Teil des Platzes komplett gefüllt, sondern den Großteil des gesamten Boulevards in Beschlag genommen. Dicht gedrängt stehen die Menschen auch auf den Bürgersteigen; es ist kaum möglich, von einer Seite auf die andere zu gelangen. Und von oben knallt auf alles und jeden die Sonne. Doch wenn ich mir die Menschenmassen anschaue, die an mir vorbeigehen, sehe ich nur fröhliche Gesichter.

Josef Rabara

Auf dem Transparent: „Schwul zu sein ist ein Gottesgeschenk". © Josef Rabara

„Ich bin sehr froh, dass ich hier bin. Es ist ein einmaliges Ereignis, das zeigt, dass unser Land in punkto Toleranz und Respektierung von Menschenrechten ein gutes Stück vorangekommen ist. Es ist nur schade, dass man nicht jeden Tag so vielen bunten, fröhlichen und offenen Menschen begegnet“, findet der 19-jährige Vojtěch Mýlek, der mit seiner Freundin Barbora Golasowska aus Frýdlant nad Ostravicí nach Prag gekommen ist. „Gleich nach dem Umzug wollen wir per Anhalter nach Paris“, fügt er hinzu.

Was die Buntheit angeht, so muss man Vojtěch Mýlek zustimmen. An dem Umzug nehmen auch mehrere sinnbildlich geschmückte Wagen teil. Darauf posieren zum Beispiel Matrosen, so muskulös wie antike Krieger, oder fünf farbige junge Männer, die bereits im vergangenen Jahr dabei waren. Man sieht auch römische Soldaten in Flipflops oder einen jungen Kerl mit einem Schild „Free hug, Umarmung gratis“. Die Spitze des Umzugs bildet ein Ritter auf seinem Pferd, die Regenbogenfahne in der Hand. Überall fliegen bunte Luftballons umher, und über die Köpfe der Teilnehmer rollt ein riesiger roter Ball hinweg.

„Mein Sohn ist nicht pervers“

Die absolute Mehrzahl der Umzugsteilnehmer kam allerdings, von den Fotografen tendenziell ignoriert, in ziviler Kleidung. Viele halten Transparente in den Händen; man sieht auch eine ganze Reihe Frauen mit Schildern auf denen Sprüche wie „Mein Sohn ist nicht pervers“ stehen. Oft kommt es auch zu Wortgefechten mit religiösen Gegendemonstranten, die auf ihren Transparenten eine „Heilung“ von Homosexualität anbieten. Bemerkbar machen sich auch Anhänger der rechtskonservativen Gruppierung Akce D.O.S.T. Schärfere Auseinandersetzungen oder gar Handgreiflichkeiten finden jedoch nicht statt, viel eher kommt es vor, dass sich Umzugsteilnehmer gemeinsam mit den Gegendemonstranten fotografieren lassen.

Josef Rabara

„Die Menschen tanzen auf den Straßen, es ist einfach höllisch gut. Karneval in Rio und Nikolaus in einem." © Josef Rabara

Es ist ungefähr zwanzig nach Eins, und der Festumzug setzt sich in Bewegung. Es geht jedoch nur ruckweise voran und immer nur um ein paar Meter. Die Menschen sind schweißgebadet, einige tanzen, von den Umzugswagen dröhnt Musik. Die Menschenschlange aus mehreren Tausend Demonstranten ist in kleinere Gruppen zerstückelt. Die Organisatoren sprechen von etwa 10.000 Teilnehmern. Tausende andere begleiteten das Spektakel als Zuschauer. Man winkt, lacht, fotografiert.

„Nikolaus und Rio in einem“

Mit freiem Oberkörper marschiert auch der 22-jährige Student Jakub Krejča mit. Die Pride ist für ihn der bunteste Tag des Jahres. „Eigentlich bin ich hier nur zufällig gelandet. Aber wenn an einem Ort eine solche Menge schöner muskulöser Männer zusammenkommt, dann ist das wie ein Magnet. So eine tolle Atmosphäre habe ich noch nie erlebt. Überall spielt Musik. Die Menschen tanzen auf den Straßen, es ist einfach höllisch gut. Karneval in Rio und Nikolaus in einem“, so der Student. Obwohl Krejča von der Prague Pride schwärmt, macht er sich auch Gedanken darüber, welches Bild von der Community bei den „normalen“ Leuten ankommt. „Manche werden sich vielleicht ein negatives Bild machen. Aber ganz ehrlich, warum sollte man nicht in den Straßen tanzen? Wenigstens an einem Tag. Auch wenn das nichts bringen sollte“, so der 22-Jährige.

Gegen drei Uhr nachmittags erreicht die Spitze des Umzugs – darunter auch Anhänger der inhaftierten Punk-Aktivistinnen von Pussy Riot, die Jungen Sozialdemokraten und Christen – das Ziel, die Moldauinsel Střelecký ostrov (Schützeninsel). Hier beginnt die Party. Es spielen die Bands Toxique, TYP aus Israel und Dara Rollins spielen.

Josef Rabara

„… ganz ehrlich, warum sollte man nicht in den Straßen tanzen? Wenigstens an einem Tag." © Josef Rabara

Das Programm auf der Schützeninsel geht nach 22 Uhr zu Ende. Festivalchef Czeslaw Walek lädt zum Abschluss alle schon mal für das nächste Jahr ein. „Das abschließende Konzert von Dara Rollins war super, insgesamt hat mir die Pride großartig gefallen – das gilt auch und insbesondere für die Ausstellung Transgender Me, die Party im ON und den Brunch im Syntéza. Am Umzug nahm ich mit Freunden aus Israel und der Jüdischen Gemeinde teil“, resümiert Zita Adamová. Gegen elf Uhr steigen noch zwei rosa Luftballons in den Nachthimmel über der Schützeninsel.

Umfrage

  1. Wofür ist deiner Meinung nach die Prague Pride gut?
  2. Glaubst du, dass in Tschechien Homosexuelle diskriminiert werden, und was hälst du von der Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare?
  3. Was möchtest du den Gegnern der Prague Pride sagen?

Anna Cingrošová, 19 Jahre, Prag

  1. Die Prague Pride ist für mich eine Woche, in der ich neue Leute kennenlerne und Partys genieße. Ich habe auch andere Angebote des Festivals genutzt, zum Beispiel die Filmvorführungen. Ich finde das ganze Event positiv. Besonders begeistert bin ich vom Festumzug, das ist einfach konzentriertes Glück und Liebe.
  2. Eine ganze Reihe meiner Freunde sind homosexuell, und ich denke nicht, dass sie bei uns irgendwie auffällig diskriminiert werden. Natürlich kann immer noch alles besser werden. Adoptionen würde ich erlauben. Schon allein deshalb, weil ein Kind mit homosexuellen Eltern sehr viel glücklicher sein wird als ohne Eltern.
  3. Ich habe jetzt keine Lust, ihnen irgendetwas zu sagen. Klasse ist die Aktion Sag es Klaus, die wir im Rahmen des (Queer)-Filmfestivals Mezipatra organisiert haben.

Jakub Krejča, 22 Jahre, Prag

  1. Ich habe daran nicht teilgenommen, hatte keine Zeit.
  2. Ich bin Optimist. Es ist immer ein Einzelner, der diskriminiert, nicht die Gesellschaft. Es gibt hier wirklich viele Leute von vorgestern, aber die meisten haben kein Problem mit uns. Ich bin für Adoptionen durch gleichgeschlechtliche Paare. Ich möchte Kinder haben, möchte mich um sie kümmern, sie zur Schule bringen, mit ihnen lernen. Und ich möchte von ihnen den Satz hören: "Papa, Papa, ich bin wahrscheinlich heterosexuell."
  3. Das ist für mich kein Thema. Wir verändern uns nicht, und die verändern sich auch nicht. Also warum ständig darüber reden? Trotzdem möchte ich gerne auf den Chef der Gruppe Akce D.O.S.T., Michal Semín, reagieren. Der sagte in einem Interview mit dem Nachrichtenserver iDNES.cz, dass die Organisatoren der Prague Pride durch die Propagierung eines bestimmten Lebensstils in ihren Familien Homosexuelle herstellen wollen. Dazu sage ich: Das ist definitiv so. Ich habe nämlich besondere Fähigkeiten, und wenn ich jemanden anschaue, dann wird er schwul.

Roman, 33 Jahre, Fotograf, Prag

  1. Den eigentlichen Umzug habe ich ausgelassen. Ich glaube nicht, dass das notwendig ist, aber die Idee eines solchen Festivals gefällt mir. Bei der Pride kann es auch darum gehen, dass man der Umwelt zeigt, dass die Art und Weise wie man lebt, einzig und allein von einem selbst bestimmt wird.
  2. Persönlich habe ich mit Diskriminierung keine Erfahrung, kann mir aber gut vorstellen, dass es sie gibt. Diese Art der Adoption befürworte ich. Es ist besser, wenn ein Kind in stabilen Verhältnissen bei einem heterosexuellen oder homosexuellen Paar aufwächst als irgendwo in einem Kinderheim. Ich verstehe nicht, wie jemand die Option verurteilt, dass ein Kind von zwei Männern oder zwei Frauen erzogen wird, wenn es gleichzeitig viele Kinder gibt, die von Alkoholikern oder Gewalttätern erzogen werden.
  3. Die Gegner der Pride interessieren mich nicht. Wenn jemand im Zusammenhang mit Homosexualität über eine Wahlmöglichkeit der Orientierung spricht, dann sollte er ein paar Kniebeugen machen, einmal um den Block rennen und eiskalt duschen… und dann bitte noch einmal darüber nachdenken.
ist als Journalist für die Tageszeitung Mladá fronta DNES tätig.
Übersetzung: Ivan Darmlitsch

Copyright: Goethe-Institut Prag
September 2012
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