Mit dem BH in die Werkstatt

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Anke Prüstel: „Unterwäsche in guter Qualität lässt sich immer reparieren.“ Foto: © Isabelle Daniel

In ihrer Dessous-Werkstatt „anderwear“ im Berliner Stadtteil Reinickendorf schneidert Anke Prüstel Dessous nach Maß – und repariert abgetragene und fehlerhafte Unterwäsche. Die Werkstatt ist Prüstels Antwort auf die von ihr verhasste Wegwerfgesellschaft.

Im Hinterzimmer ihres kleinen Ladens, der eigentlichen Schneiderei, warten einige Aufträge auf Anke Prüstels Korrektur. An zwei verschiedenen Nähmaschinen arbeitet sich die gelernte Damenmaßschneiderin bis ins letzte Detail vor. Je komplexer, desto besser. „Ich nähe, seit ich 14 Jahre alt bin – aber es macht mir immer noch wahnsinnig viel Spaß!“, sagt Prüstel mit so viel Nachdruck und leuchtenden Augen, dass es nicht schwerfällt, ihr zu glauben.

„Ich bin eher Schneiderin als Designerin. Ich arbeite gern nach dem Prinzip Nachfrage-Angebot. Wenn jemand mit einem Problem zu mir kommt, versuche ich, es zu lösen.“ Ein Beispiel ist alte Unterwäsche, die nicht mehr schön ist, während sich die hochwertige Spitze noch in gutem Zustand befindet. „Die Spitze lässt sich auch an anderen oder neuen Dessous wiederverwerten“, so Prüstel. Gerade arbeitet sie an einem schönen roten Badeanzug, der ein Fehlkauf der Kundin war. „Auch hier gilt: Der muss weder weg noch im Schrank herumliegen. Man kann Körbchen auch kleiner machen.“

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Nachhaltigkeit ist entscheidend

„Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Thema für mich“, sagt Anke Prüstel. Hinter der vermeintlichen Plattitüde steckt ihr unternehmerisches Konzept. Wer sie in ihrer Schneiderei besucht, kann sich davon selbst überzeugen. Zwar macht ein entscheidender Teil ihrer Arbeit das Anfertigen maßgeschneiderter Unterwäsche aus – zum Beispiel, aber keinesfalls ausschließlich, für Frauen mit Übergröße. „Ich verwende nur hochwertige Stoffe aus Europa“, sagt sie. Von den Herstellungsbedingungen will sie sich nach Möglichkeit auch vor Ort überzeugen. Einem ihrer Lieferanten stattete sie einen Fabrikbesuch in Nordsachsen ab, demnächst fährt sie zum selben Zweck nach Dresden.

Prüstels zweites Standbein, das eigentlich nachhaltige, ist jedoch die Reparatur. Die meisten Frauen kommen zu ihr mit BHs, deren Bügel oder Träger erneuert werden müssen. Immer häufiger trifft sie bei ihrer Arbeit allerdings auf Brustkrebspatientinnen, die nach einer Operation Änderungen an ihrer Wäsche brauchen.

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Hochwertige Unterwäsche lässt sich immer anpassen

Prüstel kennt diese Probleme aus eigener Erfahrung. Vor einigen Jahren wurde auch bei ihr Brustkrebs diagnostiziert. Sie überwand die Krankheit, machte nach der Rückkehr an ihren Arbeitsplatz aber ähnlich negative Erfahrungen wie viele ihrer Kundinnen. „Nach Brustoperationen wird Frauen oft gesagt, dass sie jetzt neue BHs brauchen und ihre alten wegwerfen müssten. Das ist Unsinn. Es ist zwar etwas komplizierter, aber Unterwäsche in guter Qualität lässt sich immer anpassen“, sagt Prüstel.

Es geht ihr nicht nur um die Nachhaltigkeit, die hinter der Reparatur steckt, sondern auch um die Psychologie. Denn der Dessous-Markt für Brustkrebspatientinnen sei eher deprimierend. „Ich habe manchmal den Eindruck, von brustoperierten Frauen wird erwartet, dass sie jetzt keine schönen Dessous mehr tragen möchten. Das ärgert mich ungemein.“ In Berlin ist Anke Prüstel wohl die einzige Schneiderin mit einer Spezialisierung auf Dessous für brustoperierte Frauen. Um die 60 solcher Aufträge hat sie im vergangenen Jahr bearbeitet. Derzeit arbeitet sie an ihrer ersten eigenen Kollektion hochwertiger Dessous für krebserfahrene Frauen, die sie demnächst in ihr Sortiment aufnimmt.

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Aufträge gibt es genug

Nach mehreren Jahren als Schneiderin, zwölf Jahren Berufspraxis in einem Sanitätshaus und einer zweijährigen Weiterbildung im Design und Schnitt von Damenunterwäsche machte sich Anke Prüstel selbstständig. Das war vor zwei Jahren, im Mai 2013. Mittlerweile hat sie so viele Aufträge, dass sie es gerade schafft, alle zu bearbeiten.

Prüstel hofft, dass ihr Konzept ein Ansporn für Frauen ist, sich bei der Unterwäsche eher an hochwertige Produkte zu halten. Produkte von Klamotten-Discountern seien oft nicht nachhaltig genug geschneidert, um sie nachträglich verbessern zu können. „Wer gleich beim Kauf auf gute Qualität achtet, hat länger etwas von dem schönen Stück – auch wenn es zwischendurch vielleicht mal repariert werden muss.“


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März 2015

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