Mehrsprachigkeit & Identität

Ergebnisse des Live-Chats mit Fremdsprachenexperten Prof. Dr. Ehlich am 30.11.06

Copyright: Goethe-InstitutAb wann darf ich jemanden duzen? Wie streng muss man den Konjunktiv II handhaben? Was Sie schon immer über den Dativ wissen wollten, und sich nie zu fragen trauten: Am 30.11.2006 hatten Sie Gelegenheit dazu und haben diese fleißig genutzt. Gleich beim ersten Termin einer Reihe von Live-Chats mit ausgewählten Experten aus der Sprachwissenschaft nahmen 60 Chatter aus der ganzen Welt teil. Lesen Sie den Verlauf des Chats mit Prof. Dr. Konrad Ehlich hier nach.

Biografisches zu Die Macht der Sprache-Gastchatter Nummer 1:
Prof. Dr. Konrad Ehlich arbeitet seit 1992 am Institut für Deutsch als Fremdsprache/Transnationale Germanistik der Ludwig-Maximilians-Universität München und ist dessen Vorstand. Er ist Linguist; seine Hauptarbeitsgebiete liegen in den Bereichen Deutsch als Fremdsprache/Zweitsprache, linguistische Pragmatik, Textlinguistik, Sprachsoziologie und Hebraistik. An der Entwicklung der Funktionalen Pragmatik ist er maßgeblich beteiligt. Bevor er an die Ludwig-Maximilians-Universität München berufen wurde, arbeitete er an der Freien Universität Berlin sowie den Universitäten Düsseldorf, Tilburg (Niederlande) und Dortmund. Im März 2000 wurde ihm auf Beschluss der deutschen Abteilung der Aristoteles-Universität Thessaloniki im Rahmen der Feier zum 75jährigen Bestehen deren Philologischer Fakultät die Ehrendoktorwürde verliehen. Von 2001 bis 2004 war er Erster Vorsitzender des Deutschen Germanistenverbandes.

Moderator: Hallo liebe Chatter, willkommen zu unserem live-chat zum Thema "Deutsch als angewandte Fremdsprache". Herr Professor Ehlich freut sich auf Ihre Fragen!

GrammFan: Darf man auf deutsch sagen: "Das grüne Auto ist schöner wie das braune." ???

Beim Chatten: Prof. Dr. Ehlich mit Dr. Manuela Beck von der Online-Redaktion und Magdalena von Angerer vom Internet-Bereich des Goethe-Instituts. Foto: Kerstin Fritzsche Copyright: Goethe-InstitutProf.Dr.Ehlich: Die Frage ist, wo Sie das sagen wollen. Wenn Sie mit Ihren Freunden beim Bier sitzen, klar, warum nicht? Sie werden verstanden. Wenn Sie einen schriftlichen formellen Text schreiben wollen, wäre es besser, Sie verwenden "als".

maxi: Was halten Sie davon, im E-Mail-Verkehr nur Kleinschreibung zu verwenden?

Prof.Dr.Ehlich: Die Frage stellt sich wahrscheinlich besonders für die, die mit dem Tippen nicht ganz so schnell sind. Für die meisten Chat-Zusammenhänge wird es mit der reinen Kleinschreibung keine Verständigungsprobleme geben. Kleinschreibung wurde von großen Linguisten propagiert, z.B. Jacob Grimm. Bertold Brecht schrieb viele seiner Texte in reiner Kleinschreibung. Aber für die "normale" schriftliche Verständigung ist die Großschreibung insbesondere der Substantive normalerweise eine große Erleichterung - für die Leser.

GrammFan: Muss man bei indirekter Rede immer den Konjunktiv I oder II benutzen? Z.B., Er sagt, er habe keine Zeit. ODER: Er sagt er hat keine Zeit. ODER: Er sagt er hätte keine Zeit.

Prof.Dr.Ehlich: Der Konjunktiv I bei indirekter Rede hilft dem Hörer/Leser bzw. der Hörerin/Leserin, gleich zu merken: Hier wird etwas anderes gemacht als im Text vorher oder nachher. Er ist also ein wichtiges Signal, damit keine Missverständnisse entstehen. Auch die einleitende Zitierformel dient dieser selben Aufgabe. Durch die doppelte Markierung kann natürlich auch der Eindruck entstehen, dass hier des Guten ein bisschen zu viel geschieht. Deshalb wird der Konjunktiv I manchmal - besonders in gesprochener Sprache - durch den Indikativ ersetzt.

Prof.Dr.Ehlich: Der Konjunktiv I ist als Form im Deutschen nicht immer klar vom Indikativ unterschieden; dann greift man auf die Form des Konjunktivs II zurück. Z.B.: "Ich komme" kann sowohl als Konjunktiv I wie als Indikativ verstanden werden. Dann weicht man auf "ich käme" aus. Bei der dritten Person Einzahl tritt dieses Problem wesentlich seltener auf; dann ist die Verwendung des Konjunktivs II an Stelle des Konjunktiv I witzlos/überflüssig.

Kalle: Herr Ehlich, ab welchem Alter halten Sie das Lernen von Fremdsprachen für sinnvoll?

Prof.Dr.Ehlich: Wo immer das geht, so früh wie möglich. Man weiß inzwischen ziemlich genau, dass der Kopf des kleinen Kindes zwei Sprachen problemlos parallel lernen kann. Das sah man früher einmal sehr anders. Aus der Zeit stammen noch viele Ängste. Die sind aber unberechtigt.

GrammFan: Meine Schüler möchten gerne Deutsch sprechen, aber sie machen dabei viele, viele Fehler. Soll ich sie immer korrigieren, damit sie besser werden? Damit demotiviere ich sie aber oft.

Prof.Dr.Ehlich: Ihre Frage finde ich sehr berechtigt. Früher wurden Fremdsprachen häufig nur unter dem Gesichtspunkt "richtig"/"falsch" gelernt. Dadurch sind viele Lernende entmutigt worden. Heute sieht man das sehr viel differenzierter. Man soll die Lernenden ermutigen, die Sprache wirklich zu gebrauchen. Natürlich wollen die Lernenden die Sprache auch richtig lernen. Deshalb macht man vielleicht am besten kleine "grammatische Lernblöcke", bei denen man unter Bezug auf die "Fehler", die man z.B. in der vergangenen Viertelstunde beobachtet hat, ausdrücklich die Informationen weitergibt, die die Lernenden auch brauchen. Man kann das richtig als eine Art "Lernspiel" verwenden. Natürlich verlangt das vom Lehrer als Lernberater ein bisschen Übung - aber das klappt schon!

Basia_Polen: Was denken Sie? Ist es besser eine Fremdsprache in der Heimat zu lernen oder ins Ausland zu fahren? Ist es besser, wenn man schon vor dem Auslandsaufenthalt Vorkenntnisse hat? Kann man eine Sprache nur im Ausland lernen und trotzdem grammatisch korrekt sprechen, oder muss man schon vorher einige Regeln kennen?

Prof.Dr.Ehlich: Ich denke, am besten ist eine Kombination. Bei beiden Verfahren ist es auch eine Frage der Zeit, die man aufwenden kann. Eine gewisse Grundlage im Heimatland hilft sehr dabei, einen Auslandsaufenthalt effektiv zu nutzen. Der Auslandsaufenthalt allein bringt's meistens nicht; man sollte dort gezielt auch weiter im Unterricht lernen. Aber das "Sprachbad" hat natürlich einen ganz anderen Erlebnis- und damit auch Lerneffekt.

miro: Guten Abend! Eine Frage, bei der ich Schwierigkeiten hatte: Wo steht das Wort "entweder" richtig? Am Anfang? In der Mitte? Vor dem Verb? Vor dem Subjekt? Vielen Dank!

Prof.Dr.Ehlich: Ihre Frage habe ich nicht ganz richtig verstanden. Entweder reden wir beide jetzt von unterschiedlichen Dingen, oder Sie gebrauchen "entweder" ganz anders als ich. Schreiben Sie mir noch einmal?

kicki: Ab wann darf ich meine Geschäftspartner duzen?

Prof.Dr.Ehlich: Im Deutschen gibt es ein recht differenziertes System der Anrede. Das Duzen hat darin einen besonderen Stellenwert - der sich aber gegenwärtig in der jüngeren Generation etwas verschiebt. Bei den Geschäftsbeziehungen besteht meistens eine recht formelle Form der Kommunikation (so wie auch die Kleidung im Geschäftsleben zunehmend wieder formell wird). Für das Duzen bedeutet das: Man sollte sich an die Regeln halten. Mit einem langjährigen Geschäftspartner ist aber sicher irgendwann bei einem Glas Wein oder Bier nach der harten Verhandlung dann von der einen oder der anderen Seite der Vorschlag gekommen: "Ach, wir kennen uns jetzt schon so lange und haben so gut zusammengearbeitet - da könnten wir doch zum Du übergehen." Ab dann läuft natürlich das Du (und man muss sich merken, dass man sich das letzte Mal doch geduzt hatte...).

Basia_Polen: Ist es einfacher, wenn man schon Deutsch kennt, Holländisch zu lernen oder vermischen sich die beiden Sprachen? Wenn Sie die Sprache kennen, könnten Sie mir bitte sagen, ob sie schwer und kompliziert ist?

Prof.Dr.Ehlich: Ihre Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten, denn meines Wissens haben wir darüber keine konkreten empirischen Erkenntnisse. Aus meiner eigenen Holländisch-Lernerfahrung heraus (aber ich bin ja "native speaker" des Deutschen)ist die Lernerfahrung in der Richtung Deutsch - Holländisch so, dass es da keine allzu großen Verwechslungsgefahren gibt - bis auf die üblichen "falschen Freunde". In der anderen Richtung scheint es mehr Probleme zu geben. Vielleicht probieren Sie es einfach mal aus mit dem Parallelerwerb.

Ihor_Demkiv_Kiew: Herr Prof.Dr.Ehrlich, wie ist die Situation mit der neuen Rechtschreibung? Gibt es doch eine Reform der Reform? :)

Prof.Dr.Ehlich: Ja, lieber Herr (?) Demkiv, mit der Rechtschreibung ist es so eine Sache. Mein Name heißt z.B. "Ehlich" - und nicht "Ehrlich" :). Aber Scherz beiseite: Die ganze Sache mit der Rechtschreibreform ist nach meiner Auffassung gründlich schief gelaufen. Die jetzt gültige Fassung hat immerhin einige der ganz "dicken Hämmer" wieder beseitigt. Hoffen wir, dass der Schreibusus in den nächsten Jahren auch noch einen wichtigen Beitrag leistet und dass wir dann wieder einigermaßen sicher und "vernünftig" schreiben können. Denn in der Rechtschreibung, wie sie sich herausgebildet hatte, steckt mehr Verstand, als bei so manchem übereifrigen Reformer angekommen zu sein scheint.

Adrian_Polen: In Polen gibt es viele Wettbewerben, die mit den Fremdsprachen verbunden sind, gibt es eigentlich in Deutschland eine Entsprechung dafür? Z.B. einen Deutschwettbewerb für Muttersprachler?

Prof. Dr. Ehlich im Chat. Foto: Kerstin Fritzsche Copyright: Goethe-InstitutProf.Dr.Ehlich: Lieber Adrian, der Gedanke der Deutsch-Olympiade ist inzwischen von der "Initiative Deutsche Sprache" aufgenommen worden. Es gab vor kurzem eine große Endausscheidung in Berlin - und diese schöne Wettbewerbsform wird sicher in der nächsten Zeit eine große Zukunft haben.

Komi_PH: Eine Frage in Sachen Dativ: Was halten Sie vom Standpunkt von H. Glinz, nach dem der Dativ eine Zuwendungsgröße bezeichne? Damit wäre der ganze Streit um die vielen Bedeutungen des Kausus zu Ende. Oder?

Prof.Dr.Ehlich: Ich schätze die Arbeit unseres ältesten noch aktiven linguistischen Kollegen sehr. Seine Beschreibung versucht, eine übergreifende Bestimmung der Funktion des Dativs zu geben. Allerdings wird es für viele Zwecke dann natürlich weiter wichtig sein, diese übergreifende Bestimmung in ihre verschiedenen Einzel-Konkretisierungen sozusagen "zu zerlegen" - nicht zuletzt für die fremdsprachliche Vermittlung des Deutschen an Lerner und Lernerinnen aus Sprachen ohne ein Dativsystem. Und dafür kommen dann auch die anderen "Bedeutungen" wieder herein.

Joanna: Ich habe immer Probleme mit der Aussprache der Fremdwörter auf Deutsch. Soll man meistens die originelle Aussprache behalten oder mit den deutschen Regeln aussprechen? Wie soll man zum Beispiel das Wort "Single" aussprechen - mit stimmlosem "s" wie auf Englisch oder so wie auf Deutsch in dieser Position normalerweise?

Prof.Dr.Ehlich: Eine interessante Frage, auf die es nicht einfach nur eine Antwort gibt. Im Übergang fremder Wörter im Deutschen vom "Fremdwort" zum "Lehnwort" verändert sich auch die Aussprache. Aber im Deutschen folgen wir sozusagen auch phonologisch dem Verfahren, das Fremde durchaus noch ein Stück weit als Fremdes erkennen zu lassen. So sagen wir dann "kompjuter", mit "pj" in der Mitte; aber wir sind nicht konsequent, denn dann müssten wir auch die erste Silbe englisch aussprechen - und am Ende ein richtiges schönes amerikanisch-texanisches "R" verwenden. Das tun wir aber nicht. Manchmal freilich gibt es auch sehr merkwürdige Effekte. Zum Beispiel wenn bairisch aus dem "Job" (mit stimmhaftem "dsch" am Anfang)ein "tschop" wird - englisch also "chop".

miro: Ich habe das Gefühl, dass manche Sprachen sich in Hinblick auf die Lernprogression unterscheiden. Z.B. Englisch ist, so scheint mir, anfangs sehr leicht zu lernen, während die Lernschwierigkeiten mit dem Fortschreiten in höhere Stufen progressiv ansteigen. Anders bei Deutsch. Anfangs haben die Leute große Schwierigkeiten, und dann wird es quasi leichter. Ist es in diesem Sinne zweckmäßig, für alle europäischen Sprachen die gleiche Anzahl Unterrichtsstunden pro Stufe anzusetzen? Ich denke mir, gerade als Anfänger braucht man bei Deutsch mehr Zeit, als man z.B. für Englisch bräuchte. Wie denken Sie darüber?

Prof.Dr.Ehlich: Ihre Ausgangsbeobachtung ist völlig richtig. Richtig ist m.E. auch, dass man das für die Progression im Fremdsprachenunterricht umsetzt - und bei der Curriculum-Gestaltung beachtet. Und darüber hinaus: Auch bei der Motivierung der Lerner ist das wichtig. Man sollte sie nämlich nicht unnötig frustrieren mit reinem fehlerorientierten Lehren und Lernen - aber das hatten wir vorhin schon.

GrammFan: In der Zeitschrift "Frühes Deutsch" habe ich gelesen: "was heute unserem Fremdsprachenunterricht fehlt: die Lust, in eine Rolle zu schlüpfen, ein anderer zu sein.“ Aber möchten meine Lerner wirklich ein anderer sein, oder möchten sie sie selbst bleiben, nur eine andere Sprache lernen?

Prof.Dr.Ehlich: Ich vermute eigentlich auch, dass viele LernerInnen vor allen Dingen eine andere Sprache lernen möchten - und darüber ihre eigenen Möglichkeiten zur Kommunikation erweitern, aber auch neue Blicke auf die Wirklichkeit erwerben möchten. Und um ein anderer zu werden: Haben wir da in unserem Alltag nicht alle so manche Möglichkeit?

Edem: "Herr Botschafter, darf ich Sie einladen zur Eröffnungsrede?" - Ist die Stelle vom Verb "einladen" in diesem Satz richtig? Wann darf das Verb nicht am Ende stehen?

Prof.Dr.Ehlich: Was Sie zitieren, ist ein Stück "mündliche Rede"; die "funktioniert" ein bisschen anders als die schriftliche. Ich kann mir durchaus Situationen vorstellen, in denen Ihr kleines Zitat überhaupt nicht als eigenartig oder gar falsch empfunden wird. Die richtige Nutzung der Satzklammer hilft wieder besonders bei schriftlichen Texten. Sie ist dann eine große Hilfe für den Leser, auch komplexe Satzbildungen schnell und ökonomisch zu durchschauen und zu verstehen.

Adrian_Polen: Was glauben Sie, ab wann wird man `ß´ abschaffen?

Prof.Dr.Ehlich: Ich hoffe, gar nicht. Das "ß" hat für viele Zusammenhänge einen großen Nutzen, und auch hier wieder besonders für die LeserInnen; ich denke, das merken manche inzwischen auch für das durch "ss" ersetzte "ß", z.B. bei "dass"/"daß". Wer das "ß" aber partout nicht mag, der hat ja auch eine sehr einfache Lösung: Er lerne einfach die schweizerische Varietät des Schriftdeutschen.

anna: Herr Ehlich, Artikel sind immer ein Problem für mich. Sind sie wirklich so wichtig für die Deutschen?

Prof.Dr.Ehlich: Liebe Anna, ich kenne das Problem von vielen LernerInnen aus dem slavischen Bereich. Leider muss ich aber sagen: Der Artikel ist im Deutschen wirklich sehr wichtig. Die Patentformel, wie man ihn erwerben kann, wenn man aus einer artikellosen Sprache kommt, habe ich aber auch noch nicht gefunden. Allerdings hat die neuere Linguistik manches zur Aufklärung über die Funktionen des Artikels beigetragen (schau doch mal in der Grammatik des Instituts für deutsche Sprache nach). Das beste Lernmittel ist wahrscheinlich immer noch: lesen, lesen, lesen.

elfi: Was halten Sie von Deutschstunden wie der von Bastian Sick? Ist das eine Möglichkeit, die Menschen wieder an ihre eigene Sprache heranzuführen?

Prof.Dr.Ehlich: Ich finde Bastian Sicks mittlerweile drei Bände ebenso nützlich wie amüsant. Er hat einfach eine offensichtliche Marktlücke grandios ausgefüllt - und tut das noch. Der Riesenerfolg seiner mündlichen Auftritte zeigt, wie spannend Sprache für viele ihrer Nutzer und Nutzerinnen ist.

Basia_Polen: Wie viele Fremdsprachen muss man in der heutigen Welt kennen? Was meinen Sie: Ist es besser, nur wenige Fremdsprachen SEHR gut zu sprechen, oder die Grundlagen von vielen zu kennen?

Prof.Dr.Ehlich: Ich glaube, da muss jeder/jede einen eigenen Weg finden. Die Motivation zum Erlernen fremder Sprachen ist sicherlich sehr unterschiedlich verteilt. Für das zukünftige Europa: Wie wär's da mit einer guten Mischung? Also z.B.: Neben der sehr gut beherrschten eigenen Muttersprache zwei Fremdsprachen sehr gut bis gut - und dann, z.B. über Sprachverwandtschaften, noch zwei so, dass man etwas verstehen und etwas lesen kann?

Joanna: Als Polin wollte ich fragen, ob es irgendwelche Lehnworte aus den slavischen Sprachen in der deutschen Sprache gibt. Ich habe schon von "Gurke" gehört.

Prof.Dr.Ehlich: Ja, die gibt es; z.B. habe ich gerade vorhin in einem Aufsatz darauf hingewiesen, dass das deutsche Wort "Grenze" aus dem Slavischen kommt. Die Fremdwörterbücher und das etymologische Wörterbuch von Kluge/Seebold sind da eine richtig spannende Lektüre.

Johannesburg: Was meinen Sie, ist die größte Herausforderung, wenn man deutsch als Fremdsprache lernt?

Prof.Dr.Ehlich: Ich glaube, das hängt ein bisschen von den Sprachen ab, die man schon gut kann, insbesondere natürlich von der eigenen Muttersprache und ihrer Sprachstruktur. Deshalb gibt es auf Ihre Frage eigentlich sehr viele Antworten. Vorhin hatten wir die Frage nach dem Artikel oder die nach dem Dativ. Für jemanden, der/die aus einer artikellosen Sprache kommt, ist der Artikel eine Riesenherausforderung. Für jemanden, in dessen Sprache keine Kasusendungen bestehen, werden die Kasus vielleicht zu einem kleinen Hürdenlauf - und jemand, der aus einem dativlosen System kommt, der muss sich richtig anstrengen, um diesen "komischen" Fall zu lernen - und das gilt auch und schon für SprecherInnen aus dem niederdeutschen Sprachbereich.

ZD-ZA: Herr Professor, Gibt es Hilfen, wann genau man den Konjunktiv II benutzen muss?

Prof. Dr. Ehlich im Chat. Foto: Kerstin Fritzsche Copyright: Goethe-InstitutProf.Dr.Ehlich: Da helfen die Lehrwerke und für die komplexeren Fälle die Grammatiken, glaube ich, doch recht gut. Am besten man nimmt sich mal richtig ein bisschen Zeit, um sich die Hauptregeln ordentlich "reinzuziehen" - und guckt anschließend, ob man bei dem, was man liest und hört, damit schon gut klar kommt. Und für die eigene aktive Verwendung sollte man vielleicht einfach mal bewusst ein paar kleine Experimente machen und schauen, wie die Gesprächspartner das so aufnehmen.

Eva_Mirtschenko_Frankfurt: Was halten Sie von "Lernen im Web"? Zum Beispiel Rechercheaufgaben oder so.

Prof.Dr.Ehlich: Das Lernen im Web ist für viele Zusammenhänge ein nützliches Hilfsmittel. Aber ich finde, das ist eine Baustelle, auf der von den Produzenten der Lernprogramme usw. noch kräftig gearbeitet werden muss.

mano_test: Können alte Menschen Fremdsprachen lernen?

Prof.Dr.Ehlich: Ja!

miro1: Herr Prof. Ehlich, nach dem Siegeszug des praxisorientierten Fremdsprachenunterrichts haben sich, so scheint mir zumindest, die Linguisten auf ihre Türme zurückgezogen und mit ihnen ist ein großes Stück in der Praxis verwertbaren Wissens für die Praktiker, d.h. Lehrer und desgleichen, verloren gegangen. Ist es nicht Zeit, dass die reine Wissenschaft wieder mal mehr für die Praxis tut? Wie kann man Ihres Erachtens die hohen Priester der Wissenschaft wieder für die Praxis gewinnen?

Prof.Dr.Ehlich: Lieber miro1, ich habe den Eindruck, gerade im DaF-Bereich ist die Trennung von Theoretikern und Praktikern gar kein großes Problem. Und verschiedene DaF-Zeitschriften widmen sich genau den Fragen der Verbindung von Theorie und Praxis.

Moderator: Liebe Chatter, die Zeit ist leider um. Vielen Dank für die aktive Teilnahme und die vielen interessanten Fragen. Bis zum nächsten Chat!

Prof.Dr.Ehlich: Ich schließe mich diesem Dank an. Es hat richtig Spaß gemacht!

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion
Dezember 2006

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    Jahr