Mehrsprachigkeit & Identität

Navid Kermani: „Ich erlebe Mehrsprachigkeit als einen großen Reichtum“

Der Schriftsteller und Publizist im Gespräch mit Klaus Hübner über sprachliche Heimat, Mehrsprachigkeit und „literarische Patchwork-Identität“.

Herr Kermani, was ist Ihre Muttersprache?

Kermani: Meine Mutter spricht Persisch, und das ist die Sprache, die ich zuerst gehört und gesprochen habe. Aber ich spreche seit meinem vierten, fünften Lebensjahr besser Deutsch als Persisch.

Was heißt eigentlich „Muttersprache“? Ist das ganz wörtlich zu verstehen als „Sprache der Mutter“?

Aus meiner Antwort auf die erste Frage sehen Sie ja schon, dass man das eigentlich nicht so wörtlich nehmen kann.

Gibt es auch für moderne Schriftsteller so etwas wie eine „sprachliche Heimat", oder ist das eine überholte romantische Vorstellung?

Für mich gibt es das, und das ist, ganz klar, die deutsche Sprache, die deutsche Literatur. Ob ich der deutschen Nation angehöre, ist hingegen nicht so eindeutig zu beantworten – aber für mich auch gar nicht so wichtig. Politisch ist Europa für mich eine viel wichtigere Kategorie. Ich bin ganz froh, mit dem Nationalen nicht so viel verbinden zu können.

Die Kommunikation in mehreren Sprachen scheint mit fortschreitender Globalisierung immer selbstverständlicher zu werden. Was aber bedeutet „Mehrsprachigkeit"? Dass man mehrere Sprachen perfekt beherrscht? Oder manche nur ein bisschen? Dass man jederzeit in eine andere Sprache schlüpfen kann? Dass man, vielleicht ganz unwillkürlich, bisweilen produktive Sprach- oder Wortvergleiche anstellen kann?

Ich erlebe Mehrsprachigkeit als einen großen Reichtum. Deutsch und Persisch decken für mich durchaus verschiedene Erfahrungsbereiche ab. Die Vertrautheit mit der einen erzeugt immer auch ein Moment der Fremdheit mit der anderen Sprache, aber das erlebe ich als extrem produktiv, weil man die Chance bekommt, von außen auf die eigene Sprache zu blicken, die eigenen Sprachmechanismen, die Eigenheiten des Deutschen.

Wenn man sich beim literarischen Schreiben für eine bestimmte Literatursprache entschieden hat – inwiefern ist Mehrsprachigkeit dann dennoch hilfreich? Was hat ein Autor, der mehrerer Sprachen mächtig ist, einem Schriftsteller voraus, der immer in seiner Muttersprache verblieben ist?

Ich habe mich ja nicht für das Deutsche entschieden. Weil ich in Deutschland und mit der deutschen Literatur aufgewachsen bin, hätte es für mich kaum eine andere Möglichkeit gegeben. Nur das Deutsche atme ich, nur das Deutsche kann ich formen. Mit dem Persischen ist es anders. Es ist mir vertraut, mir emotional vielleicht sogar näher, aber es liegt mir längst nicht so gut in den Händen. Ich beherrsche es nicht gut genug, um daraus meine eigene Sprache zu schaffen. Aber es hilft mir gelegentlich, so scheint mir hier und dort, die deutsche Sprache zu erweitern, zu formen. Vor allem bei meinen Büchern Vierzig Leben oder Du sollst mag das so gewesen sein. Was da fremd anmutete im Duktus, das war vielleicht auch das Persische – neben vielen anderen und vor allem deutschen Bezugspunkten ...

Navid Kermani: ‚Kurzmitteilung'. Copyright: Ammann VerlagEin wichtiger deutscher Literaturpreis, der renommierte Adelbert-von-Chamisso-Preis nämlich, wird vergeben für „Autoren nicht-deutscher Muttersprache“, die einen „bedeutenden Beitrag zur deutschsprachigen Literatur “geleistet haben. Was halten Sie von diesen Vorgaben?

So einen Preis sollte es geben, warum nicht? So wie es Preise für bestimmte Formen der Literatur gibt oder regional definierte Preise, zumal er nicht mehr den Bonus des Förderpreises für Gastarbeiterliteratur zu haben scheint. Natürlich gibt es Aspekte, die mich mit anderen Schriftsteller nicht-deutscher Herkunft verbinden, so wie es Aspekte gibt, die mich mit Kölner Schriftstellern verbinden, oder andere, rein literarische Aspekte, die mich mit ich weiß nicht wem verbinden. Dass ein Preis sich gezielt auf diese oder jene Gruppe von Literaten richtet, ist normal. Dass man gleichzeitig anderen Gruppen angehört, auch.

Wenn man beobachtet, wie relativ selbstverständlich Autoren wie Sie selbst oder, um vier ganz unterschiedliche Beispiele zu nennen, Ilija Trojanow, Terézia Mora, Emine Sevgi Özdamar oder Feridun Zaimoglu die deutschsprachige Gegenwartsliteratur bereichern und zeitweise sogar dominieren – ist dann nicht die kulturwissenschaftliche Debatte über „literarische Patchwork-Identität“, „postkoloniales Schreiben“ oder „Hybridität“ ein wenig künstlich und im Grunde fast schon obsolet?

Ehrlich gesagt verfolge ich diese Debatte gar nicht so genau. Aber es ist doch auffällig, dass, wenn deutsche Universitäten, Literaturhäuser oder Redaktionen über Goethe oder Hölderlin diskutieren lassen, man auf dem Podium eben doch nur lauter Müllers und Meiers sieht. In den Akademien ist es ähnlich. So selbstverständlich, wie wir es selbst empfinden, scheint unsere Zugehörigkeit zur deutschen Literatur also nicht für alle zu sein. Aber das wird sich ändern, keine Sorge.


Navid Kermani, Jahrgang 1967, lebt als Islamwissenschaftler, Publizist und Schriftsteller in Köln.
Dr. Klaus Hübner
lebt als Publizist und Redakteur der Zeitschrift „Fachdienst Germanistik“ in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juni 2007

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