Digitale Bibliotheken

Die Bayerische Staatsbibliothek lässt ihre Bücher von Google digitalisieren

Bayerische Staatsbibliothek, Muenchen,  Digitalisierstrasse; Copyright: BSB/Foto: Hans-Rudolf SchulzCopyright: GIDie Bayerische Staatsbibliothek stellt Google mehr als eine Million Bücher aus ihren Beständen zur Digitalisierung zur Verfügung. Wir haben mit Dr. Klaus Ceynowa, dem Stellvertreter des Generaldirektors der Staatsbibliothek, über diese in Deutschland einzigartige Kooperation gesprochen.

Herr Ceynowa, die Bayerische Staatsbibliothek kooperiert als erste deutsche Bibliothek mit dem Suchmaschinenanbieter Google. Sind Sie an Google oder ist Google an Sie herangetreten?

Dr. Klaus Ceynowa; Copyright: Bayerische StaatsbibliothekGanz ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht mehr, weil wir als BSB auch in anderem Rahmen eine ganze Reihe von Kontakten zu Google unterhalten. Ich kann jedoch sagen, dass wir als BSB die Gespräche aus einem massiven Interesse an einer solchen Kooperation sehr aktiv vorangetrieben haben.

Welche Vorteile versprechen Sie sich von dieser Kooperation?

Ganz grundsätzlich: Es ist als Bibliothek unsere Aufgabe, Menschen und Informationen zusammenzubringen. Als internationale Forschungsbibliothek haben wir keinen Auftrag, der sich auf eine spezifische Nutzergruppe richtet, sondern wir sind mit unserem einzigartigen Bestand Forschung und Lehre, Studium und Wissenschaft weltweit verpflichtet. Insofern ist das Internet gerade für uns als traditionelle Forschungsbibliothek quasi das natürliche Medium. Eines unserer maßgeblichen Ziele ist es, unseren Bestand – soweit es urheberrechtlich zulässig ist – möglichst rasch auf digitalem Wege weltweit zur Verfügung zu stellen.

Die Digitalisierung eines solch großen Bestandes ist öffentlich-rechtlich allein nicht finanzierbar, es sei denn, wir schleppen ein solches Projekt über 20, 30 oder 40 Jahre hinweg. Mit der Public-Private-Partnership kriegen wir das innerhalb weniger Jahre hin – und Google trägt die gesamten Kosten der Digitalisierung.

Zudem haben wir als Landes- und Archivbibliothek des Freistaates Bayern die Verpflichtung, unsere Bestände langfristig zu sichern. Mit der Digitalisierung können wir das dringende Problem der Informationssicherung bei den vom Papierzerfall bedrohten Beständen gleichsam miterledigen.

Bei den Büchern, die Google einscannt, handelt es sich durchgehend um Veröffentlichungen, die keinem Urheberschutz mehr unterliegen – das heißt, dass die Autoren bereits 70 oder mehr Jahre tot sind. Nach welchen Kriterien wird die Auswahl der Bücher getroffen?

Bayerische Staatsbibliothek, Muenchen,  Digitalisierstrasse; Copyright: BSB/Foto: Hans-Rudolf SchulzDas Ziel ist, unseren gesamten urheberrechtsfreien Bestand zu digitalisieren. Ausnahmen sind Handschriften und Inkunabeln, sehr wertvolle oder bereits stark beschädigte Materialen, für die wir weiterhin die bewährten Wege der Digitalisierung über DFG und EU-Förderprogramme gehen. Es wird also keine Auswahl nach inhaltlichen, sondern lediglich nach konservatorischen und restauratorischen Kriterien getroffen.

Haben Sie Einfluss auf die Art der Digitalisierung und Erschließung, die Google vornimmt?

Ja. Die Metadaten der Titel, die digitalisiert werden, liegen ja bereits in unserem Hause vor. Wir haben ein großes Interesse daran, dass diese qualitativen Daten von Google genutzt werden.

Zudem legen wir gemeinsam mit Google die konservatorischen Kriterien für die Digitalisierungsfähigkeit fest. Dabei sind wir immer wieder angenehm überrascht, mit welcher Sensibilität Google auf diese Thematik zugeht.

Ihre Bibliothek ist bekannt für ihre Leistungen auf dem Gebiet der Digitalisierung. Tut es Ihren Mitarbeitern nicht in der Seele weh zu wissen, dass Google die Bücher nur auf den OCR-Scanner legt?

Nein. Außerdem, was heißt hier "nur". Das Verfahren, das Google verwendet, nutzen wir selber in ganz vielen Projekten. Es ist keineswegs so, dass hier zwei Welten bestehen: auf der einen Seite die Verfahren, mit denen unser Münchner Digitalisierungszentrum arbeitet, und auf der anderen Seite die böse Google-Welt, die eine – so wurde ja bösartig gesagt – McDonald's-Digitalisierung betreiben.

Welches Verfahren gewählt wird, hängt vielmehr von der Technologie und den Materialien ab und natürlich auch ganz grundsätzlich von dem Ziel eines jeden Projektes. Wenn Sie sich um einen sehr begrenzten Bestandsausschnitt kümmern, dann können Sie ein Verfahren wählen, in dem jede Seite zweifach abgetippt und dann von Hand nachkontrolliert wird. Aber dann kommen Sie eben auch auf Kosten von 50 Cent pro 1.000 Zeichen. Sobald Sie sich der Aufgabe der genuinen Massendigitalisierung stellen, ist so ein Verfahren einfach nicht mehr finanzierbar.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft will ab 2008 jährlich 10 bis 20 Millionen Euro für die Digitalisierung der Bestände wissenschaftlicher Bibliotheken ausgeben. Reicht das aus, um weiteren Kooperationen mit Wirtschaftsunternehmen den Anreiz zu nehmen?

Nein, das reicht selbstverständlich nicht, um auf Public-Private-Partnership verzichten zu können. Dennoch sind wir sehr glücklich darüber und nehmen das zunächst auf fünf Jahre angelegte Programm auch in Anspruch. Die DFG fördert die Digitalisierung in ganz bestimmten Bereichen. Das Programm ist weitgehend auf deutsche Drucke bis 1800, archivalische Findmittel und ausgewählte Sondersammelgebiete der DFG beschränkt. Zudem richtet es sich natürlich nicht nur an die großen Universalbibliotheken, sondern an alle deutschen wissenschaftlichen Bibliotheken – hier wird es also auch zu einer gewissen Streuwirkung des Mitteleinsatzes kommen.

Doch unsere Kooperation mit Google schafft der DFG Luft. Denn, was hier bereits gemacht wird, muss die DFG nicht ein zweites Mal finanzieren.

Erhält Ihre Bibliothek eine Kopie der Digitalisate, die Sie von Ihrem Bibliotheksportal oder auch von übergeordneten nationalen Portalen aus zugänglich machen können?

Ja, wir erhalten einen Kopie und wir haben vertraglich das Recht, die Digitalisate nicht nur über unsere Website anbieten zu können, sondern – via der Metadaten – auch in Verbunddatenbanken, in der Deutschen Digitalen Bibliothek und in der geplanten Europäischen Digitalen Bibliothek.

Dürfen Sie diese Kopie dauerhaft nutzen, wie Sie es wollen?

Ja, die Kopie ist Eigentum der BSB. Wir können sie dauerhaft, frei und uneingeschränkt über unsere Angebote zur Verfügung stellen – und wir können und dürfen dies auch kostenfrei tun.

Agnès Saal, die Vizepräsidentin der Bibliothèque Nationale de France, zeigte sich enttäuscht über Ihre Entscheidung, mit Google zusammenzuarbeiten. Sie hält die Bedingungen von Google für inakzeptabel und kritisiert undurchsichtige Verträge. Wie begegnen Sie dieser Kritik?

Mit drei Argumenten. Der permanente Hinweis darauf, dass die Verträge undurchsichtig sind, nervt uns allmählich. Wir haben es hier nun einmal nicht mit einem öffentlich-rechtlichen Projekt zu tun und bei Public-Private-Partnerships sind Vertraulichkeitsvereinbarungen halt gang und gäbe. Wen das stört, der hat schlicht das Wesen dieser Partnerschaften nicht begriffen.

Zudem unterstellt man uns, dass wir mit unserer Kopie der Digitalisate so gut wie nichts tun dürfen. Das entspricht jedoch keineswegs unserer vertraglichen Vereinbarung.

Und: Die Bibliothèque Nationale de France befürchtet eine kulturhegemoniale Überfremdung durch angelsächsisches Schrifttum, da Google angeblich englischsprachige Publikationen favorisiert. Das stimmte bereits für die ersten Kooperationsvereinbarungen, die Google Bibliotheken in den USA und Großbritannien geschlossen hat, nicht. Analysen haben gezeigt, dass nur 49 % der Titel, die dort vorhanden sind und digitalisiert werden, englischsprachig sind. Wir haben das Gefühl, das hier insgesamt ein relativ unreflektierter antiamerikanischer und antikommerzieller Impuls vorliegt, den man versucht, politisch zu verwerten. Aber die Sachargumente sind ziemlich dürftig.

Das Gespräch führte Dagmar Giersberg.
Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn

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Mai 2007

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