Digitale Bibliotheken

Scan-Roboter für die Massendigitalisierung – auch bei empfindlichen Büchern

Scan-Roboter in der Bayerischen Staatsbibliothek; Copyright: Bayerische StaatsbibliothekDr. Markus Brantl; Copyright: Bayerische StaatsbibliothekDr. Markus Brantl, der das Münchener Digitalisierungszentrum leitet, erklärt im Gespräch, wie moderne Massendigitalisierung an der Bayerischen Staatsbibliothek (BSB) funktioniert.

Herr Brantl, im Juli 2007 hat die Bayerische Staatsbibliothek ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Massendigitalisierungsprojekt gestartet. In zwei Jahren sollen fast 37.000 deutschsprachige Druckwerke mit insgesamt über 7,5 Millionen Seiten aus der Zeit von 1518 bis 1600 digitalisiert werden …

Es ist ja insgesamt für die nächsten fünf bis zehn Jahre unser Ziel, den gesamten urheberrechtsfreien Bestand der Bayerischen Staatsbibliothek im Internet frei zur Verfügung zu stellen. Das geschieht zum einen über die Kooperation mit Google, die wir gestartet haben. Zum anderen geschieht das im Rahmen von Drittmittelprojekten, wie zum Beispiel dem, das Sie erwähnen.

Welche Probleme machen Bücher aus dem 16. Jahrhundert beim Scannen?

Es handelt sich um konservatorisch sehr anspruchsvolles Material. 70 Prozent dieser alten Bücher lassen sich nur 90 bis 100 Grad weit öffnen. Will man diese Bücher weiter aufschlagen, bricht der Buchrücken. Als Archivbibliothek haben wir aber den Anspruch unsere Bestände sozusagen für die Ewigkeit zu bewahren. So können wir also mit unseren Werken nicht umgehen – und die Reparatur eines solchen Buchrückens kostet um die 2000 Euro.

Was bedeutet das für den Scanvorgang?

Wenn ich ein Buch nicht 180 Grad weit öffnen kann, kann ich mit den herkömmlichen Buch-Scansystemen immer nur eine Seite pro Scanvorgang aufnehmen. Darum haben wir uns nach einer anderen technischen Lösung umgeschaut.

Scan-Roboter in der Bayerischen Staatsbibliothek; Copyright: Bayerische StaatsbibliothekScan-Roboter in der Bayerischen Staatsbibliothek; Copyright: Bayerische Staatsbibliothek

Jetzt setzen Sie hier Scan-Roboter der Firma TreVentus ein, die in Zusammenarbeit mit Ihrem Digitalisierungszentrum und dem Institut für Buch- und Handschriftenrestaurierung der BSB weiterentwickelt worden sind.

Ja, hier werden die Bücher auf eine Wiege gelegt, auf der sie sehr schonend nur 60 Grad weit geöffnet sind. Der Roboter hat einen dreieckigen Scan-Kopf, an dessen Spitze ein Prisma ist. Mit diesem Prisma fährt der Kopf in die Buchfalz hinein. Mit einem Vakuum saugt er die beiden Seiten an und fotografiert sie beim Hochfahren. Der Vorteil ist für uns: Mit einem Scan können wir zwei Seiten aufnehmen und kommen so bei konservatorisch schwierigem Material zu einer deutlichen Erhöhung des Durchsatzes.

Bei Ihnen sind zurzeit drei Scan-Roboter im Einsatz. Sollen es noch mehr werden?

Scan-Roboter in der Bayerischen Staatsbibliothek; Copyright: Bayerische StaatsbibliothekIm Moment haben wir ein Platzproblem. In unseren Räumen stehen nun 15 Scan-Systeme, mit denen wir Vorlagengrößen bis DIN A0 scannen können, darunter die drei Roboter. Mehr können wir derzeit hier nicht aufstellen.

Wie teuer ist so eine Maschine?

Um die 80.000 Euro – damit liegt der Scan-Roboter etwa im gleichen Preissegment wie andere großformatige Buchscan-Systeme.

Wie viele Seiten schafft so ein Roboter pro Stunde?

Das kann man so pauschal nicht beantworten. Die Leistung ist natürlich abhängig vom Material der Vorlage. Im 16. Jahrhundert haben wir es zum Beispiel mit ganz unterschiedlichem Papier zu tun: von ganz weich bis ganz steif. Mit ganz steifem Papier tut sich der Roboter schwer. Da geht es langsamer oder gar nicht. Wenn das Papier hingegen weicher ist und sich gut ansaugen lässt, so dass es gleichmäßig am Scan-Kopf anliegt, dann können wir bis zu 900 Seiten pro Stunde erreichen. Bei modernen Drucken des 19. oder 20. Jahrhunderts sind es sogar bis zu 1.300 Seiten.

Können alle alten Bücher mit dem Roboter gescannt werden?

Nein. Im 16. Jahrhundert ist jedes Buch anders – allein von der Bindetechnik und Papierbeschaffenheit her. Man braucht eine Vorselektion des Materials. Wir haben in dem Projekt gelernt, dass es auch Bücher gibt, die sich überhaupt nicht öffnen lassen.

Um Ihr ehrgeiziges Projektziel zu erreichen, läuft die Massendigitalisierung am Münchener Digitalisierungszentrum nach einem ausgefeilten Arbeitsablauf …

Scan-Roboter in der Bayerischen Staatsbibliothek; Copyright: Bayerische StaatsbibliothekJa. Vereinfacht gesprochen sieht der Prozess, der auch mit Unterstützung unserer eigenentwickelten ZEND-Software abläuft, so aus: Zunächst sichten die Scan-Operateure die Magazine und stellen fest, welche Bücher roboterfähig sind und welche nicht. Die roboterfähigen Bände gehen weiter zu den Bibliothekaren, die die Scan-Aufträge erstellen und die notwendigen Katalogarbeiten durchführen.

Danach kommen die Bücher ins Scan-Zentrum. Seit April 2008 haben wir hier einen Vier-Schicht-Betrieb – von 7 bis 23 Uhr. Die Buchdeckel werden übrigens in einem separaten Prozess gescannt. Das können die Roboter noch nicht. Wenn der Roboter mit dem Scannen des Buchblocks fertig ist, wird dieser Scan mit dem Buchdeckel zusammengefügt.

Dann geht alles in die Qualitätskontrolle. Von dort werden die Bilder über Nacht durch einen serverseitigen Prozess eingesammelt und verarbeitet, bevor sie – nach der letzten Qualitätssicherung – ins Langzeitarchiv verschoben werden. Diese Prozesse laufen alle automatisch. Dabei werden unter anderem auch die Dateien berechnet, die den Nutzern im Web zur Verfügung gestellt werden. Das sind jpeg-Dateien in zwei verschiedenen Auflösungen und eine pdf-Datei mit dem gesamten Buchinhalt.

Schließlich wird dann das Knöpfchen zur Bereitstellung gedrückt. Ab diesem Moment können Sie das Buch im Internet ansehen oder das PDF herunterladen und es auf Ihrem E-Book-Reader oder auf Ihrem Rechner lesen.

Wie lange dauert der Prozess, den Sie gerade beschrieben haben?

Normalerweise dauert das Ganze – vom Ausheben am Regal bis zur Rückstellung – zwei bis drei Wochen. Oft sind ja in einem Band mehrere Buchtitel zusammengebunden. Wichtig ist es, den Arbeitsablauf so zu gestalten, dass der Zufluss an Büchern zu den Robotern gleichmäßig ist. Schließlich scannen wir derzeit in diesem Projekt ungefähr 300 Titel pro Woche.

Dagmar Giersberg führte das Gespräch.
Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn

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September 2008

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