Digitale Bibliotheken

Nationallizenzen für elektronische Medien – Treibstoff für die Wissenstankstellen

Logo Nationallizenzen, Copyright: www.nationallizenzen.deDer Treibstoff, der die Wissenschaft am Laufen hält, ist die Information. Elektronische Datenbanken sind zentrale Wissenstankstellen. Damit möglichst viele sie anzapfen können, gibt es Nationallizenzen.

Über 100 Millionen Euro hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft in die bessere Versorgung mit elektronischer Fachinformation investiert und einen großen Nachholbedarf befriedigt.

Das Prinzip der Nationallizenz ist ebenso einfach wie weitreichend: Für die Nutzung einer elektronischen Datenbank wird einmal eine Lizenz erworben, die für ein ganzes Land und seine Wissenschaftler gilt. Dadurch muss nicht jede einzelne Universität in Verhandlungen mit Verlagen treten und kostspielige Lizenzen erwerben.

Frei zugängliche Datenbanken

Das wird zentral von acht Bibliotheken übernommen. Sie vertreten bestimmte Sondersammelgebiete und zeichnen sich durch ihre Erfahrung in Verhandlungen um Lizenzen aus. Zu der Gruppe dieser Sondersammelgebietsbibliotheken gehören die Staatsbibliothek zu Berlin, die Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt am Main, die Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, die Technische Informationsbibliothek Hannover, die Deutsche Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften Kiel, die Universitäts- und Stadtbibliothek Köln, die Deutsche Zentralbibliothek für Medizin Köln sowie die Bayerische Staatsbibliothek München.

Angeschafft wurden von ihnen rund 160 Nationallizenzen, die den Zugang zu Datenbanken wie Periodicals Index Online erlauben. Hier können Wissenschaftler in circa 4.800 Zeitschriften aus den Geistes- und Sozialwissenschaften recherchieren. Ebenso frei zugänglich dank Nationallizenz ist zum Beispiel die vollständigste Sammlung englischsprachiger Frauenliteratur der Romantik für Anglisten. Oder das Forestry Compendium, eine Zusammenstellung des globalen Wissens zur Forstwirtschaft für Biologen sowie das fachübergreifende World Biographical Information System mit mehreren Millionen Kurzbiografien aus Nachschlagewerken, die vom 16. Jahrhundert bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts erschienen sind.

Die Rundumfinanzierung

Copyright: www.adpic.deDa es zunächst einen großen Nachholbedarf an Nationallizenzen gab, hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) seit 2004 die Lizenzen zu 100 Prozent finanziert. „Es geht um eine Verbesserung der Versorgung in der Breite.“ So umreißt Anne Lipp das Hauptziel der Nationallizenzen. Lipp ist Leiterin der „Wissenschaftlichen Literaturversorgungs- und Informationssysteme“ der DFG.

Wenn eine Datenbank einmal nationallizenziert ist, können sie alle Studierenden und Wissenschaftler eines Landes nutzen. Entweder über die Netzwerke ihrer jeweiligen Universität oder Fachhochschule oder auch von zu Hause aus. Sogar Privatpersonen, die keiner wissenschaftlichen Institution angehören, haben in den meisten Fällen nach einer Registrierung Zugriff auf das Wissen. Einzige Voraussetzung ist ein Wohnsitz in Deutschland. Wie groß die Kostenersparnis für die Nutzer ist, zeigt ein konkretes Beispiel aus der Germanistik: Ein sechsseitiger Aufsatz über die Schriftstellerin Irmtraud Morgner (1933–1990) kostet als Download von der Seite des Verlages 34 Euro. Über die Nationallizenz kostet er nichts.

Das Beteiligungsmodell

Die rund 160 Nationallizenzen, die die DFG von 2004 bis 2010 gekauft hat, kosteten sie circa 110 Millionen Euro. Ab 2011 wird sich die Einrichtung zur Förderung von Wissenschaft und Forschung jedoch nur noch zu rund 25 Prozent beteiligen, „den Rest tragen die Bibliotheken, die Zugang zu diesen Inhalten haben möchten“, so Anne Lipp. Für ein bis zwei Jahre können dann nur die zugreifen, die sich an der Finanzierung beteiligen. Erst nach dieser Sperrfrist – sie wird auch „moving wall“ genannt – wird dann daraus eine Nationallizenz im eigentlichen Sinne.

„Das neue Finanzierungsmodell trägt der Tatsache Rechnung, dass der Nachholbedarf nicht mehr in dem Maß besteht wie 2004, als die Nationallizenzen eingeführt wurden.“ Die Verhandlungen um die Lizenzen bleiben weiterhin in der Hand der acht Sondersammelgebietsbibliotheken. Entwickelt wurde dieses neue Modell unter Mitwirkung der Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen. Mit der Schwerpunktinitiative „Digitale Information“ wollen die dort zusammengeschlossenen Institutionen einen breiten Zugang zu digitalen Publikationen, Daten und Quellen ermöglichen.

Open Access verbessert

Copyright: www.colourbox.comNeben dem Hauptziel des großen Nationallizenz-Engagements, also die Verbesserung in der Breite, gibt es für die DFG aber auch noch „sekundäre Ziele“, wie Anne Lipp erläutert. Das eine sei die Verbesserung von Open Access. Denn der Erwerb von Zeitschriftenlizenzen führe auch dazu, dass Autoren die dort publizierten Artikel „auf ein freies Repositorium ihrer Wahl einstellen können“, also auf einen Server oder ein Fachportal.

Das andere sei schließlich eine Frage der Datensicherung: „Mit der Förderung durch die DFG wird auch das Recht erworben, die Inhalte physisch ausgeliefert zu bekommen.“ Wenn eine Bibliothek zum Beispiel sonst bei einem Verlag eine elektronische Zeitschrift lizenziere, dann erwerbe sie nicht das Recht, die Daten tatsächlich bei sich auf dem Server ablegen zu können. „Das ist bei den Nationallizenzen anders, wir erwerben damit auch ein Hosting-Recht.“ Deshalb werden keine anderen Zugangsschnittstellen angeboten, die Recherche läuft nach wie vor über die Server der Verlage. Aber sollte bei diesen Tankstellen mal der Zapfhahn klemmen, dann ist es gut zu wissen, dass die Tanks der Bibliotheken gut gefüllt sind.

Sabine Tenta
arbeitet als freie Journalistin unter anderem für den Westdeutschen Rundfunk in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Oktober 2010

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