Deutsche Bibliotheken im Porträt: Sachsen

Zwischen Buch und E-Book – die Deutsche Nationalbibliothek

Deutsche Nationalbibliothek; © Deutsche Nationalbibliothek/ Stephan JockelDeutsche Nationalbibliothek; © Deutsche Nationalbibliothek/Stephan JockelHochhaustürme, ein Prachtbau aus dem frühen 20. Jahrhundert und ein im Bau begriffener Komplex, der diese Elemente verbindet: So unterschiedlich die Bauteile der Deutschen Nationalbibliothek am Standort Leipzig sind, so bewegt ist ihre Geschichte.

Gegründet wurde die Deutsche Nationalbibliothek, die ihren Sitz neben Leipzig in Frankfurt am Main und Berlin hat, 1912 im damaligen Zentrum des Buch- und Verlagswesens Leipzig. Unter dem Namen „Deutsche Bücherei“ machte sie es sich zum Auftrag, die ab 1913 erscheinende Literatur zu sammeln, zu erschließen und bibliographisch zu verzeichnen. Eine Deutsche Nationalbibliographie wurde 1913 erstmals herausgegeben.

Deutsche Nationalbibliothek; © Deutsche Nationalbibliothek/Richard ScopinNach Ende des Zweiten Weltkriegs und mit Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen verlor die Deutsche Bücherei, die in Leipzig und damit im Osten Deutschlands lag, ihre zentrale Funktion als Archivbibliothek. In Westdeutschland füllte man die entstandene Lücke 1947 mit der Gründung der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main.

Nach der Wiedervereinigung wurden die beiden Bibliotheken als Deutsche Bibliothek zusammengeführt. Ihre Bestände ergänzt das Deutsche Musikarchiv Berlin, das seit 1970 zur Bibliothek in Frankfurt gehört.

Neuer Titel, neuer Auftrag

Deutsche Nationalbibliothek; © Deutsche Nationalbibliothek/Klaus-D. SonntagPer Gesetzesneufassung erhielt die Bibliothek 2006 schließlich ihren heutigen Namen. Unter ihrem Dach versammelt die Deutsche Nationalbibliothek über 25 Millionen Medien-Einheiten, davon knapp 14 Millionen Monografien, rund vier Millionen Zeitschriften und Zeitungen, 1,5 Millionen Tonträger und knapp 118.000 Online-Publikationen.

Der Sammelauftrag der Nationalbibliothek schließt alle ab 1913 in Deutschland veröffentlichten Medienwerke ein. Alle Verlage in Deutschland nämlich sind an das Pflichtexemplarrecht gebunden und schicken je zwei Exemplare jeder Neuerscheinung an die Nationalbibliothek. Eines wandert nach Leipzig, das zweite wird in Frankfurt gesammelt.

Netzpublikationen

Deutsche Nationalbibliothek; © Deutsche Nationalbibliothek/Klaus-D. SonntagMit der Namensänderung 2006 geht auch eine Erweiterung des Sammelauftrags einher. Nicht länger sollen ausschließlich Medien in körperlicher Form wie Bücher und Zeitschriften gesammelt, sondern zudem Netzpublikationen archiviert werden. Unter Netzpublikationen fallen etwa elektronische Zeitschriften, E-Books, Hochschulprüfungsarbeiten, Musikdateien oder auch ganze Websites.

Momentan werden solcherlei unkörperliche Medienwerke in der Nationalbibliothek noch behandelt wie jeder andere Neuzugang auch: Jedes einzelne Dokument wird als eigenständiges Werk betrachtet und erschlossen. Derzeit arbeitet man daran, die Erschließung zu automatisieren, um künftig zusammengehörende Objekte, wie etwa vollständige Websites, in Gruppen gebündelt zu erschließen und langfristig zu archivieren.

Kooperationen im In- und Ausland

Logo von Nestor; © Deutsche NationalbibliothekAuf der Suche nach Lösungen, wie die digitalen Bestände langfristig archiviert werden können, engagiert sich die Deutsche Nationalbibliothek federführend im Kompetenznetzwerk nestor, einem deutschlandweitem Zusammenschluss von Institutionen wie der Bayerischen Landesbibliothek, der Humboldt-Universität zu Berlin, dem Landesarchiv Baden-Württemberg und dem Institut für Deutsche Sprache.

Website der Europeana; © europeana.euUm ihre Sammlungsschätze europaweit zu vernetzen, beteiligt sich die Nationalbibliothek, seit 1999 unter der Leitung von Elisabeth Niggemann, außerdem an zahlreichen Kooperationsprojekten auf europäischer Ebene. So arbeitet sie am Aufbau der Europeana mit, einer Sammlung digitalisierter Kulturschätze (Bilder, Texte, Tonaufnahmen und Videos) aus etwa 1.500 Institutionen der Europäischen Union, darunter Museen und Galerien, Archive und Bibliotheken.

Erweiterungsbau Leipzig

Die Bestände der Deutschen Nationalbibliothek wachsen täglich um über 1.700 neue Titel an. Um für die Aufnahme solcher Mengen an Literatur gewappnet zu sein, wurde in Leipzig Ende 2010 der bereits vierte Erweiterungsbau eröffnet.

Deutsche Nationalbibliothek; © Deutsche Nationalbibliothek/Anne-Katrin MüllerDas geschwungene Bauelement, das die Stuttgarter Architektin Gabriele Glöckler entworfen hat, verbindet das Hauptgebäude der Bibliothek aus dem Jahr 1916 mit den „Büchertürmen“, in den Siebzigerjahren entstandenen Hochhäusern, als sogenannte Verbindungsröhre.

Im Innenhof entsteht der Lesesaal des Deutschen Musikarchivs, welches die Entwicklung der Tonträgerproduktion von 1877 bis heute archiviert und von Berlin in den Leipziger Erweiterungsbau umziehen wird.

Buch- und Schriftmuseum

Untergebracht wird in dem knapp 60 Millionen Euro teuren Erweiterungsbau außerdem das 1884 gegründete Deutsche Buch- und Schriftmuseum, das älteste Buchmuseum der Welt. Als Dokumentationszentrum sammelt, bewahrt und erschließt es Zeugnisse der Buch-, Schrift- und Papierkultur.

Seit Juni 2010 werden die über eine Million Museumsobjekte in die erweiterten, klimatisierten Magazine umgezogen. Die neuen Ausstellungsräume öffnen voraussichtlich 2011 mit einer neuen Dauerausstellung für die Besucher. Neben Ausstellungstätigkeiten betreibt das Buchmuseum eine Arbeitsstätte für Buch- und Papiergeschichtsforschung und berät in allen Fragen rund um die Themen Buch, Schrift und Papier.

Während der neue Baukörper architektonische Verbindungsarbeit leistet, verbindet die Deutsche Nationalbibliothek also Tradition und Zukunft, Buch und E-Book, Ost und West, Leipzig, Frankfurt und Berlin.

Verena Hütter
arbeitet als freie Autorin und Redakteurin in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Januar 2011

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