Treffpunkt mit meditativem Zentrum: die Bibliothek der Zukunft

Schon heute verstehen sich Bibliotheken nicht mehr vorrangig als Ort der Buchausleihe. Sie wollen ihren Besuchern neue Erfahrungen mit Medien aller Art vermitteln. Die Bibliothek der Zukunft wird immer mehr zum Ort der Begegnung werden, der auch optisch neue Akzente setzt. Der Trend geht zur Bücher-Lounge mit meditativem Zentrum.
Christiane Becker kommt regelmäßig in die Stadtbücherei Siegburg. Hier hält sie nach neu erschienenen Romanen Ausschau. „Bücher sind teuer, ich möchte erst testen, ob mir ein Buch auch gefällt, bevor ich es kaufe“, sagt die junge Frau. „Darum leihe ich mir neue Bücher zunächst einmal aus.“
Im Eingangsbereich der Bibliothek wird Becker fündig. Ein Drehständer präsentiert die wichtigsten Bücher der Bestsellerlisten. Viele Zeitschriften, DVDs, Hörbücher und CD-Roms sind frontal ausgestellt und nicht mit ihren Rücken im Regal. Lust aufs Lesen und Verweilen machen unterschiedliche Sitzmöbel, die in den lichtdurchfluteten Räumen auf die Besucher warten. Zum Schmökern können sie sich in bequemen Sesseln niederlassen oder sich an einen gut ausgestatteten Computerarbeitsplatz setzen, um im Internet zu recherchieren oder zu schreiben.
In Siegburg will man Besucher wie Christiane Becker dazu animieren, in attraktiv gestalteten Räumen zu verweilen. Ein reiner Aufbewahrungsort für Bücher: das war die Bibliothek von gestern.
Anregende Atmosphäre
Über Besucherschwund kann die Siegburger Bibliothek nicht klagen. Der allseits prophezeite Niedergang der Büchereien durch PC und Internet blieb aus. Das liegt nicht nur an einem attraktiven Medienangebot. Moderne Büchereien gewinnen Publikum auch durch ihr optisches Erscheinungsbild und eine angenehme Umgebung. Das bestätigt auch Andreas Ptack vom Bibliotheksservice ekz in Reutlingen, der das Gros der deutschen Bibliotheken einrichtet. „Besucher wünschen sich heute eine ästhetisch ansprechende, anregende Atmosphäre“, sagt Ptack, „Sie soll zum Entspannen ebenso einladen wie zum konzentrierten Arbeiten oder zum Treff und Austausch mit anderen.“
Aus diesem Grund rief die ekz in einem Wettbewerb Architekten und Designer auf, bis Ende Januar 2009 Entwürfe für eine „Bibliothekseinrichtung der Zukunft“ einzureichen. Eine Jury sichtet nun die Wettbewerbsbeiträge, von denen die ekz auch Innovatives zum Umgang mit Licht und Farbe in der Inneneinrichtung von Bibliotheken erwartet. Zudem sollten die Planer eine flexible Raumgestaltung berücksichtigen. „In modernen Bibliotheken werden Räume nämlich über den Tag unterschiedlich genutzt“, erläutert Ptack. „Wo morgens Senioren am Computer lernen, treffen sich nachmittags Schüler, um gemeinsam Hausaufgaben zu machen. Und abends gibt es an gleicher Stelle vielleicht noch eine Lesung.“
Orte der Begegnung
Die Bibliothek als Begegnungsort wird immer wichtiger, weiß auch Professor Wolfram Henning von der Hochschule der Medien in Stuttgart. Bestimmte Bereiche heutiger Bibliotheken haben seiner Meinung nach Lounge-Charakter – und sind damit überaus erfolgreich. „Die Besucher wünschen sich Orte für zwanglose Kommunikation“, sagt Henning. „Von Studenten weiß man beispielsweise, dass sie unter anderem deshalb in die Unibibliothek gehen, weil sie dort Leidensgenossen treffen.“
Die Bibliothek des Goethe-Instituts Los Angeles führt die „Lounge“ sogar im Namen. 2005 wurde sie als Medien-Lounge eröffnet. Sie offeriert ein breites Medienangebot, das unter anderem Auskunft über den deutschen Alltag gibt. Schwerpunkt aber ist der deutsche Film. Ein einheitliches Design der Wände im frischen Goethe-Grün gibt der Medien-Lounge ein unverwechselbares Erscheinungsbild. In Regalbuchten sind die vorhandenen Medien ausgestellt und fordern zum Zugreifen auf. An Computern können die Besucher Filme schauen, ebenso im großen Veranstaltungssaal. Er lockt mit einem Event-Programm, das ganz auf das Genre Film zugeschnitten ist: ein Treffpunkt für das filmbegeisterte Publikum am Rand von Hollywood.
Kreativ lernen – und meditieren
Die Medien-Lounge des Goethe-Instituts Los Angeles ist erfolgreich als Spezialbibliothek für eine klar umrissene Klientel. Auf Offenheit in alle Richtungen setzt hingegen das Konzept für die neue Stadtbücherei Stuttgart. 2011 soll der vom koreanischen Architekten Eun Young Yi konzipierte Bau eröffnet werden. Auf neun Etagen möchte das Haus im neuen Stadtviertel „Stuttgart 21“ ein Ort des ganzheitlichen Lernens werden. Es will ein Bogen spannen vom klassischen Buch zu den neuen digitalen Medien, ihren Textformen und dem kritischen Umgang damit. Neue Medien-Erfahrungen sollen Besucher alleine oder in Gruppen machen und dazu Arbeits-, Experimentier- und Lernräume nutzen. Ein Multimediastudio wird sie einladen, selbst kreativ zu werden.
Kultur und Literatur wollen die Stuttgarter unter anderem auch durch visuelle Präsentationen erlebbar machen, ebenso wie durch Künstlerbegegnungen und Veranstaltungen. Den Kern des Hauses bildet aber ein großer, leerer und vom Architekten „Herz“ genannter Raum. In diesem meditativen Zentrum können die Besucher sich zurückziehen, die vielfältigen Eindrücke sacken lassen und neue geistige Kraft tanken.
ist Kunsthistorikerin und arbeitet als freie Journalistin und Autorin in Neunkirchen-Seelscheid.
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März 2009
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