„Bibliotheken treiben den Zugang zu Wissen voran“ – IFLA-Präsidentin Ellen Tise im Gespräch

Seit August 2009 ist Ellen Tise Präsidentin International Federation of Library Associations and Institutions (IFLA), dem internationalen Verband der bibliothekarischen Vereine und Institutionen. Goethe.de sprach mit der Direktorin der Bibliotheks- und Informationsdienste an der Universität von Stellenbosch (Südafrika) über die Ziele ihrer Präsidentschaft.
Frau Tise, Sie haben Ihre Präsidentschaft unter das Motto „Bibliotheken treiben den Zugang zu Wissen voran“ gestellt. Was bedeutet das für Sie?
Für mich bedeutet dies im Wesentlichen, die unerlässliche, aktive Rolle von Bibliotheken als treibende Kraft bei der Bereitstellung zu Wissen für alle Menschen, unabhängig von Herkunft und Status, herauszustellen und zu verdeutlichen. Bibliotheken müssen einen gerechten Zugang zu Wissen sicherstellen und sich gleichzeitig für die dafür notwendigen Ressourcen einsetzen.
Als Wissensinstitutionen anerkannt werden
„Zugang zu Wissen“ ist nicht das gleiche wie „Zugang zu Informationen“. Was sind die Aufgaben und Herausforderung, denen sich Bibliotheken als Wissensinstitutionen gegenübersehen?
Ich glaube, eine der Hauptherausforderungen für Bibliotheken ist, überhaupt als „Wissensinstitutionen“ anerkannt zu werden. Bekanntlich können Bibliotheken angesichts der Fülle von Informationen, die in vielen Fällen frei über das Internet und andere Medienformate zur Verfügung stehen, nicht mehr länger für sich in Anspruch nehmen, die Hauptanbieter für Wissenszugang zu sein. Und sie stehen mit neuen Medien oder Wissensgeneratoren in ständigem Wettbewerb.
In Anbetracht dessen ist die andere große Herausforderung der Bibliotheken, die von ihren Benutzern benötigten oder erwarteten Wissensressourcen zu beschaffen. Insofern müssen Bibliotheken sich neuen Aufgaben und Rollen zuwenden: etwa denen, selbst zum Wissensgenerator zu werden, indem sie in allgemein zugänglichen Foren publizieren, digitale Bibliotheken und institutionelle Online-Archive entwickeln und Open Acess als alternative Methode zur Verbesserung des Zugangs zu Wissen vorantreiben.
„Bibliotheken müssen soziale Räume werden“
In Ihrer Antrittsrede sprachen Sie über „‚Wow‘-Umgebungen und Erfahrungen“. Könnten Sie uns ein Beispiel geben?
Ich bezog mich da speziell auf ein neues und innovatives Konzept der Bibliothek als Raum oder Ort – und auf die Tatsache, dass Bibliotheken, jetzt, da sie mit so vielen anderen Wissensforen im Wettbewerb stehen, auch soziale Räume, Communities und kulturelle Zentren, Unterhaltungszentren usw. werden sollten. Die zu schaffende Umgebung sollte einladend, auch technisch modern, entspannend und ansprechend für verschiedenste Benutzergruppen sein.
Wie wichtig ist dies für die Zukunft von Bibliotheken?
Diese neue Umgebung ist sehr wichtig für die Zukunft der Bibliotheken, weil sie die Menschen zurück in die Bibliothek locken wird, und damit gewährleistet, dass diese ihre Bedeutung behält. Gleichzeitig wird damit auch die notwendige Unterstützung für die Fortführung solch einer grundlegenden und geschützten öffentlichen Ressource sicher gestellt.
Open Access ist wichtig
Das Motto Ihrer Vorgängerin Claudia Lux war „Bibliotheken auf die Tagesordnung“. Ist das immer noch ein Thema?
Das ist angesichts der globalen Wirtschaftskrise und großer Budgetkürzungen bei Bibliotheken sogar ein größeres Problem geworden. In einigen Ländern kündigen Bibliotheken viele ihrer Zeitschriftenabonnements, einige Firmenbibliotheken in Südafrika haben geschlossen, viele Stellen werden nicht mehr besetzt. Aus diesen Gründen müssen Bibliotheken in der Tat überall auf politischer Ebene und bei Entscheidungsträgern auf der Tagesordnung bleiben.
Was hoffen Sie in den nächsten zwei Jahren zu erreichen?
Ich hoffe, die Mitgliedschaft bei IFLA auf Länder ausdehnen zu können, die bisher bei uns noch nicht aktiv waren. Zudem möchte ich sicherstellen, dass IFLA eine viel stärkere Führungsrolle bei der Förderung von Open-Access-Initiativen übernimmt. Dies sowohl durch Verstärkung unseres Einsatzes bei der Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO), was Einschränkungen und Ausnahmen für Menschen mit Leseschwäche betrifft, als auch durch Beteiligung an Informations-und Kommunikationstechnologiebestrebungen im weiteren Sinne und an Initiativen zu A2K (Access to Knowledge).
Schlüsselrolle in der Wissensgesellschaft
Welche Aktivitäten sind schon geplant?
Zur Förderung meines Anliegens wird das IFLA Presidential Meeting im Februar 2010 zusammen mit dem Stellenbosch University Library Annual Symposium die erste große Veranstaltung sein. Ersteres hat die Verbreitung des präsidialen Themas zum Ziel, und deshalb haben wir „Wissen ist nicht genug: Beteiligung an der Wissensgesellschaft“ als Titel für dieses Treffen gewählt.
Das Goethe-Zitat „Es ist nicht genug, zu wissen, man muss es auch anwenden“ ist bezeichnend für unsere Verpflichtung, unsere Schlüsselrolle in der Wissensgesellschaft mit verschiedenen Mitteln aktiv zu verfolgen. Hierbei ist das Ziel, den Zugang zu Wissen voranzutreiben, wahrscheinlich das bedeutsamste.
Welchen Anstoß erhoffen Sie sich von Ihrer Präsidentschaft für die Bibliotheken in aller Welt?
Ich hoffe, Inspiration und den festen Glauben zu vermitteln, dass das Bibliotheks- und Informationswesen lebendig und dynamisch ist, Bestand haben kann und sich bewähren wird. Bibliothekaren und Bibliothekarinnen will ich Zuversicht vermitteln: für Veränderungen und neue Strategien, aber auch zur Entwicklung neuer Rollen für Bibliotheken in Zusammenarbeit mit anderen Wissens-, Kultur- und Kulturerbeinstitutionen.
stellte die Fragen. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.
Übersetzung aus dem Englischen: Roberta Gradl.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2010
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