Bibliotheken in Deutschland – Fachdiskussion

Bibliothekare als Lehrer – die Rolle der Hochschulbibliothekare ändert sich

Wilfried Sühl-Strohmenger; © privatWilfried Sühl-Strohmenger; © privatFür die deutschen Hochschulbibliotheken ist die Vermittlung von Informations- und Medienkompetenz in den letzten Jahrzehnten zur Kernaufgabe geworden. Ein Gespräch mit Dr. Wilfried Sühl-Strohmenger, Leiter des Dezernats Bibliothekssystem der Universitätsbibliothek Freiburg.

Herr Sühl-Strohmenger, das Berufsbild des Bibliothekars hat sich in den letzten Jahrhunderten deutlich gewandelt ...

Ja. Während der Bibliothekar in den vergangenen Jahrhunderten ein Sammler und ein Bewahrer der Kulturtradition war, wird er seit den 1970er- und 1980er-Jahren immer mehr zum Vermittler und Navigator.

Universitätsbibliothek Freiburg; © Universitätsbibliothek FreiburgDas liegt unter anderem daran, dass die Menge der Informationen gigantisch gestiegen ist. Früher hatten selbst die größten Bibliotheken selten mehr als 100.000 Bücher – und damit überschaubare Bestände. Zum anderen hängt es aber auch damit zusammen, dass sich unsere Zielgruppe gewandelt hat. Die Gelehrten, die früher Bibliotheken benutzten, mussten dafür nicht unterwiesen werden. Der Bibliothekar hat lediglich die Quellen für die jeweiligen Studien bereitgestellt. In der heutigen Massenuniversität sieht das ganz anders aus.

Bedarf an Lehrbüchern steigt

Wie hat sich die Einführung der gestuften Studiengänge ausgewirkt?

Ausleihe des IKMZ der BTU Cottbus; © Brandenburgische Technische Universität Cottbus Zum einen hat sich der Sammelauftrag der Hochschulbibliotheken geändert. Heute ist der Bedarf an Lehrbüchern deutlich größer. Zum anderen ist die elektronische Verfügbarkeit wichtiger denn je. Die sechs Semester, die man im Bachelor zur Verfügung hat, sind sehr knapp bemessen. Daher müssen die Studierenden heute rasch an die Medien herankommen. Das bedeutet für uns, dass wir leichte und zugleich vielfältige Informationszugänge bieten müssen.

Darüber hinaus haben wir bei den Studierenden deutliche Defizite bei der Informations- und Medienkompetenz festgestellt. Daher übernehmen die Hochschulbibliotheken nun eine neue Rolle in der Beratung und Schulung von Studierenden.

Schulung in Schlüsselqualifikationen

Wie geschieht das konkret?

Philologische Bibliothek der FU Berlin; © Freie Universität Berlin/Bernd WannenmacherEs gibt an den Hochschulen sehr unterschiedliche Angebote. In Freiburg bieten wir für Studienanfänger Einführungen in die Bibliotheksservices an – zum Beispiel mit ersten Einblicken in die Recherche, die Präsentation elektronischer Angebote und auch etwas Medienkunde.

Im dritten oder vierten Semester bereiten wir die Studierenden auf spezialisiertere Recherchen vor: eine Kompetenz, die sie für ihre Abschlussarbeit brauchen. Hier lernen sie Datenbanken und wissenschaftliche Suchmaschinen, etwa im Rahmen der virtuellen Fachbibliotheken, kennen. Sie üben die Volltextrecherche in elektronischen Zeitschriften oder E-Books – und wir zeigen, wie sie dann konkret an diese Fachliteratur herankommen. Flankiert wird das durch e-Learning-Angebote.

Sind diese Angebote dann fachspezifisch?

Ja, weil wir Informationskompetenz nicht unabhängig von Fach- und Themenzusammenhängen vermitteln können. Und so haben wir eine größere Chance, die Studierenden zu erreichen. Wir haben ja – zumindest an den Unibibliotheken – ein System von Fachreferenten. Diese Bibliothekare versuchen, die jeweiligen Angebote in ihrem Fach zu etablieren. Zum Beispiel bauen sie ihre Schulungen, nach Absprache mit den Hochschullehrern, in ein Fachseminar ein.

Daneben sind die Bibliotheken sehr aktiv beim fächerübergreifenden Angebot im Bereich der Schlüsselqualifikationen. Dort müssen von jedem Bachelor-Studierenden mindestens 20 Credit-Points erreicht werden. In Freiburg bietet unsere Bibliothek Veranstaltungen im Bereich Informations- und Medienkompetenz an. So lassen wir die Studierenden im Team Recherche-Dossiers zu bestimmten Themen erstellen. Besonders gefragt sind auch Schulungen zu den Themen „Wie zitiere ich richtig?“ und „Wie vermeide ich ein Plagiat?“.

Noch keine verbindlichen nationalen Standards

Wer konzipiert die Kurse?

„Leseterrassen“ des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums in Berlin; © Matthias Heyde/Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum BerlinDas machen die Bibliothekare selbst – in Abstimmung mit den Fachvertretern. Hier in Freiburg haben alle Bibliothekare eine Fortbildung im Bereich Hochschuldidaktik absolviert.

Sind die Erfolge der Veranstaltungen messbar?

Wir arbeiten in Freiburg mit Evaluationsbögen und mündlichem Feedback. Doch die Evaluation müsste man eigentlich viel systematischer machen. Dafür fehlen uns zum einen die Kapazitäten und zum anderen belastbar erforschte Methoden, wie man die Fortschritte im Bereich Informations- und Medienkompetenz genau messen kann.

Gibt es nationale Standards für solche Lehrveranstaltungen?

Wir haben die Standards der amerikanischen Association of College and Research Libraries übernommen und an deutsche Verhältnisse angepasst. Diese Standards sind jetzt auch vom Deutschen Bibliotheksverband offiziell verabschiedet. Doch noch sind sie nicht bindend. Sie müssten jetzt in Curricula eingebracht werden, wo dann genauer steht, was inhaltlich mit welchen Methoden gemacht werden soll. Daran arbeiten viele Hochschulbibliotheken zurzeit.

Bibliothek als Lehr- und Lernort

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Fakultäten?

Geplanter Neubau der UB Freiburg; © Universitätsbibliothek FreiburgWir machen bislang gute Erfahrungen. Dafür ist es aber wichtig, dass die Bibliothek aktiv wird, sich Richtung Fakultät bewegt und dort ihre Angebote als Dienstleister sowie als Lehr- und Lernort präsentiert. Heute sind die Lehrkapazitäten fast überall sehr knapp bemessen. Das heißt, dass die Methodenausbildung verteilt werden muss. Und da ist die Bibliothek mittlerweile ein ziemlich wichtiger Faktor.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass Hochschulbibliotheken nicht mehr nur Schatzkammern des Wissens sind, sondern sich als lebendige Lehr- und Lernorte weiterentwickeln und so auch in der Hochschule wahrgenommen werden. Sie sollten offen sein für verschiedene Lernformen und eine fantasievolle, kreative Lernumgebung schaffen. Und ich wünsche mir Bibliothekare, die ihre Rolle als Vermittler, Navigatoren und Förderer der Informationskompetenz annehmen und weiter ausbauen.

Dagmar Giersberg
führte das Gespräch. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
September 2010

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