Diskussion um ethische Grundsätze für Bibliothekare

Das Thema Berufsethik spielte bei den deutschen Bibliothekaren jahrzehntelang eine sehr untergeordnete Rolle. Dabei wird eine Selbstvergewisserung angesichts der Verantwortung der Bibliothekare in der Informationsgesellschaft immer wichtiger.
Bibliotheken sehen ihre Aufgabe in der demokratischen Gesellschaft traditionell darin, für alle Bürger den freien Zugang zu Information zu sichern. In Anbetracht dieser großen gesellschaftlichen Verantwortung mag es erstaunen, wie wenig die Bibliothekare in Deutschland über die ethischen Grundsätze ihres beruflichen Handelns diskutieren. Schließlich sind die Herausforderungen angesichts von Budgetkürzungen und des Einsatzes neuer Technologien in den letzten Jahrzehnten deutlich gewachsen – beispielsweise, was die Gleichbehandlung aller Bürger oder die Frage des Datenschutzes angeht.
Fehlende demokratische Tradition
Experten sehen die eher stiefmütterliche Rolle, die diesem Thema hierzulande zukommt, in einer Tradition begründet, die die gesamte deutsche Gesellschaft prägt. „Wir leben in einer Gesellschaft, deren kollektives Bewusstsein noch immer auch von der langen obrigkeitsstaatlichen Vergangenheit geprägt ist“, erklärt Hermann Rösch vom Institut für Informationswissenschaft der Fachhochschule Köln. „So haben sich Bibliothekare viele Jahrhunderte lang als verlängerter Arm des Staates verstanden. Sie sahen ihre Aufgabe darin, die kulturellen Schätze der Nation zu bewahren und zu schützen. Ähnlich wie auf Ämtern waren die Kunden in Bibliotheken in Deutschland lange Zeit eher Bittsteller. Erst vor etwa 20 bis 30 Jahren ist hier ein grundlegender Wandel hin zur Benutzer- und Kundenorientierung in Gang gekommen.“
Der Arbeitskreis Kritische BibliothekarInnen (Akribie) sieht in dem Fehlen der Diskussion über ethische Fragen eine Schwäche im demokratischen Berufsverständnis. „Bei allen Fortschritten und Liberalisierungen sind Bibliotheken in Deutschland doch noch sehr stark hierarchisch organisiert“, sagt Frauke Mahrt-Thomsen, eine Vertreterin von Akribie. „Aus unserer Sicht fehlt es deutlich an Reflexion über den gesellschaftlichen Auftrag der Bibliotheken, wie es sie in den angloamerikanischen und skandinavischen Ländern gibt. Dort nehmen die Bibliothekare ihre ethische Verpflichtung sehr ernst und sie übernehmen auch Verantwortung gegenüber der demokratischen Weiterentwicklung der Gesellschaft.“
Noch großer Diskussionsbedarf
In den USA wurde bereits 1938 die erste bibliothekarische Berufsethik verabschiedet. Sie bildet für die Bibliothekare das Fundament zur Selbstvergewisserung ihres Handelns. Sie schafft aber auch Transparenz für die Kunden. Und schließlich hilft sie den Bibliothekaren dabei, selbstbewusst zu agieren – etwa wenn es zu staatlichen Übergriffen kommt.
In Deutschland ist erst knapp 70 Jahre später ein Papier zu ethischen Grundlagen des beruflichen Handelns entstanden. Es wurde im März 2007 vom Dachverband „Bibliothek & Information Deutschland“, kurz BID, auf dem Bibliothekskongress in Leipzig vorgestellt.
Die Vertreter von Akribie kritisieren neben den Inhalten auch das Zustandekommen des Papiers als undemokratisch. „Eine Berufsethik kann nur von unten und in jahrelanger Diskussion entwickelt werden – auf der Basis von Umfragen und internationalen Vergleichen“, sagt Frauke Mahrt-Thomsen. „Unserer Meinung nach fehlen wichtige Aspekte. Eine Berufsethik sollte Leitlinien vorgeben, wie man in Konfliktsituationen handelt. Das können Konflikte mit Zumutungen von außen sein, etwa mit Anfragen von Verfassungsschützern zu Daten von Bibliotheksnutzern. Das können aber auch Konflikte innerhalb der Bibliothek sein, wenn zum Beispiel Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht einverstanden sind mit Entscheidungen der Bibliotheksleitung über den Umgang mit den Beständen oder die Einführung neuer Gebühren.
Aufgaben für die Zukunft
Auch im BID sieht man den Diskussionsbedarf. „Ich sehe es als Aufgabe des BID, das Thema stärker in die bibliothekarischen Verbände hineinzutragen“, erklärt die Vorsitzende Claudia Lux. Dafür wurde vom BID-Vorstand im März 2010 die Arbeitsgruppe „Bibliothek und Ethik“ eingesetzt.
Diese Arbeitsgruppe sollte – so wünscht es sich Hermann Rösch – eine feste Rubrik zum Thema Berufsethik in den Fachzeitschriften haben und regelmäßig auf Konferenzen präsent sein, um aktuelle Themen etwa wie den Einsatz von Filtersoftware zu diskutieren.
„Zudem brauchen wir eine öffentlich zugängliche Datenbank, in der Präzedenzfälle zu kritischen Fragen gesammelt werden. Zum Beispiel: Wie geht man mit den Büchern um, die Scientology den Bibliotheken schenkt?“, erklärt Hermann Rösch. „Dieser Fundus an Beispielen könnte Orientierung geben und zugleich das Bewusstsein darüber stärken, welche Entscheidungen in der Bibliothek Ethik tangieren. Und das sind fast alle.“
arbeitet als freie Publizistin in Bonn.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
September 2010
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Links zum Thema
- BID-Papier „Ethik und Information. Ethische Grundsätze der Bibliotheks- und Informationsberufe“ (PDF)

- „Berufsethik und bibliothekarische Praxis“ – Vortrag von Laura Held/Akribie (PDF)

- IFLA-FAIFE-Liste: Professional Codes of Ethics for Librarians

- Informationsfreiheit als Herausforderung – Hermann Rösch im Gespräch














