Bibliotheken in Deutschland – Modellprojekte

Gute Ideen überqueren den Atlantik – Die Internationale Bibliothek in Frankfurt am Main

Alphabetisierungskurs; Copyright: Stadtbuecherei Frankfurt am MainDie Bibliotheken reagieren mit zahlreichen Angeboten auf die kulturelle Vielfalt, die die deutsche Gesellschaft ausmacht. Denn sie verstehen sich zunehmend als Orte der Integration.

Dass man das Rad nicht immer wieder neu erfinden muss, ist eine alte Erkenntnis, die in den letzten Jahrzehnten unter dem Label "best practice" eine Renaissance erlebt. Sich an erfolgreichen Beispielen zu orientieren und gute Ideen zu adaptieren, ist eine Strategie, die die deutschen Bibliotheken im Austausch mit Bildungsinstitutionen in der ganzen Welt nutzen, um ihre Angebote weiterzuentwickeln.

Von den Erfahrungen anderer profitieren

Dieser Transfer von Wissen und Know-how wurde von der Bertelsmann Stiftung und BI International mit dem "Internationalen Bibliotheksstipendium" unterstützt. Bibliothekare hatten im Rahmen des 18-monatigen Stipendiums die Möglichkeit, die Arbeitsweise von innovativen Bibliotheken im Ausland kennen zu lernen und die gewonnenen Erfahrungen anschließend in Deutschland umzusetzen.

Birgit Lotz hat diese Chance genutzt. Die Abteilungsleiterin der Dezentralen Bibliotheken der Stadtbücherei Frankfurt am Main verbrachte im Sommer 2001 vier Wochen in New York. Genauer: an der Queens Borough Public Library, dem fünftgrößten Bibliothekssystem der Vereinigten Staaten. Hier erfuhr sie, mit welchen Angeboten die Bibliothek ausländische Mitbürger unterstützt – in einem Stadtteil, in dem Menschen aus mehr als 160 Nationen zusammenleben.

Schnelle Umsetzung der neuen Impulse

Voller Ideen und Enthusiasmus kehrte Birgit Lotz nach Frankfurt zurück und berichtete ihren Kolleginnen und Kollegen von ihren Erlebnissen und Erfahrungen. Ihre neuen Impulse wurden in der Stadtbücherei positiv aufgenommen – und schnell umgesetzt.

Zusammen mit Silke Schumann, der Leiterin der Stadtteilbibliothek Gallus, und in enger Kooperation mit dem Frankfurter Amt für Multikulturelle Angelegenheiten entwickelte Birgit Lotz ein Konzept, das den speziellen Bedürfnissen der neu zugezogenen erwachsenen Migrantinnen und Migranten gerecht wird. Bereits ein halbes Jahr später, Ende April 2002, wurde in der Bibliothek im Gallusviertel, das sich durch einen besonders hohen Ausländeranteil auszeichnet, die "Internationale Bibliothek" eingerichtet.

Unterstützung beim Deutschlernen

Aussenansicht der Stadtbuecherei; Copyright: Stadtbuecherei Frankfurt am Main
Stadtbuecherei
   Frankfurt am Main

Seither wird die"Internationale Bibliothek" beständig weiterentwickelt. Sie hält besondere Angebote bereit, die ausländische Bürgerinnen und Bürger dabei unterstützen, die deutsche Sprache zu lernen. Dafür wurde der Medienbestand zum Thema "Deutsch lehren – Deutsch lernen" erweitert und aktualisiert. Heute stellt die Bibliothek eine große Auswahl an Sprachkursen "Deutsch als Fremdsprache", Wörterbüchern, leichten Lesestoffen und Übungsbüchern bereit. Daneben stehen Selbstlernplätze mit Kassettenrecordern, CD-Spielern mit Kopfhörern und Multimedia-PCs für diejenigen zur Verfügung, die in der Bibliothek lernen und üben wollen – etwa weil ihnen dafür Zuhause der Platz, die Ruhe und die Ausstattung fehlen.

In der Bibliothek fand zudem gleich in der Anfangsphase auch ein Teil der Orientierungskurse statt, die das Amt für multikulturelle Angelegenheiten für neue türkische Mitbürger veranstaltet. In diesen Kursen wurden nicht nur erste landeskundliche Kenntnisse, sondern auch ganz praktische Tipps für den Alltag in der neuen Stadt vermittelt.

Interaktive Bibliothekseinführungen

Im Rahmen der hier stattfindenden Kurse erfahren die Teilnehmer, wie sie die Bibliothek nutzen können. Eigens für die Zielgruppe der erwachsenen Migranten wurde nämlich eine interaktive und handlungsorientierte Einführung konzipiert.

Die Kursteilnehmer lernen die Angebote der Stadtteilbibliothek Gallus kennen und üben mit einem Suchspiel, sich in der Bibliothek zurechtzufinden. Ein bebilderter Würfel hilft ihnen beispielsweise, selbst zu erschließen, welche Unterlagen sie für die Anmeldung bei der Bibliothek benötigen.

Lernstudio zur Alphabetisierung

Volkshochschule Frankfurt am Main; Copyright: Stadtbuecherei Frankfurt am MainDoch die "Internationale Bibliothek" engagiert sich noch auf einem weiteren Feld: im Bereich der Alphabetisierung. So findet in der Bibliothek ein Teil der Alphabetisierungskurse statt, die die Volkshochschule Frankfurt für Einwanderer anbietet.

Seit Sommer 2005 können Zuwanderer in der Bibliothek zudem ein Lernstudio nutzen, um eigenständig lesen und schreiben zu lernen oder zu üben. Dort stehen sechs Computer zur Verfügung, die jeweils mit Software zur Alphabetisierung, zum Schreiben- und Deutschlernen ausgestattet sind, aber auch rund 200 Bildwörterbücher, Lernspiele, Lehr- und Lernmaterialien.

Erfahrungen an andere weitergeben

Die Erfahrungen, die die Stadtbücherei Frankfurt am Main bei der Arbeit mit Migranten gesammelt hat, bringt sie nun auch in die neu gegründete Expertengruppe "Interkulturelle Bibliotheksarbeit" des Deutschen Bibliotheksverbands ein.

Und längst finden die Projekte der "Internationalen Bibliothek" auch in Fachkreisen über die Grenzen Deutschlands hinaus Anerkennung. So nahm die Stadtbücherei etwa an dem internationalen Projekt "Libraries as Gateways to the Integration of Immigrants in the EU" beratend teil, in dessen Rahmen sich Bildungsinstitutionen aus der Tschechischen Republik, aus Dänemark, Polen, den Niederlanden und Schweden um den Transfer von Wissen und Know-how für eine multikulturelle Bibliotheksarbeit bemühten. Denn: Die "Internationale Bibliothek" ist selbst zu einem nachahmenswerten Beispiel geworden.

Dagmar Giersberg
arbeitet als freie Publizistin in Bonn

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April 2007

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