Persimfans-Orchester
Wenn keiner den Ton angibt

„Ursonate“ des Dadaisten Kurt Schwitters
„Ursonate“ des Dadaisten Kurt Schwitters | Foto: Ehring

​Im Jubiläumsjahr der Oktoberrevolution brachte die Tonhalle Düsseldorf die hiesigen Symphoniker mit dem russischen Persimfans-Orchester zusammen. Das Besondere: Die Musikerinnen und Musiker kommen ohne Dirigent aus, getreu den Maximen des originalen Persimfans-Orchesters von 1922. Ein gemeinsames Konzert in Moskau vereint – in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut – die Höhepunkte der beiden Düsseldorfer Aufführungen.

Im Stuhlkreis saßen die beiden Orchester, sie verständigten sich allein über intensiven Blickkontakt. Über den Köpfen des Publikums schwebte eine rote Plastik des russisch-ukrainischen Künstlers Aljoscha. Auf dem Programm stand ein Grundkurs Weltrevolution, eine Feier der Utopien und der Avantgarde, mit Werken von Beethoven, Hindemith, Wyschnegradsky, Mossolow oder auch der „Ursonate“ des Dadaisten Kurt Schwitters: „Rinnzekete bee bee nnz krr müü?“ Nur einer fehlte: der Mann mit dem Taktstock. Niemand hat ihn vermisst.

Konzert in der Tonhalle
Konzert in der Tonhalle | Foto: Ehring

 Wer braucht schon einen Dirigenten?

 „Persimfans“ ist die Kurzform des russischen „Perwy Simfonitscheski Ansambl“, was übersetzt „Erstes symphonisches Ensemble“ bedeutet. Das originale Persimfans-Orchester wurde 1922 in Moskau gegründet, als Experiment des musikalischen Kollektivismus, des „herrschaftsfreien Musizierens“. Im Einklang mit den Idealen der frühen Sowjetzeit wollte es sich keinem Dirigenten mehr unterordnen. Und das Konzept ging auf. „Wenn das so weitergeht, werden wir Kapellmeister uns alle nach einem anderen Beruf umsehen müssen“, scherzte etwa der Dirigent Otto Klemperer angesichts einer makellosen Persimfans-Aufführung von Tschaikowskis „Pathétique“. Doch die Geschichte wollte es anders. Nur zehn Jahre nach der Gründung wurde das Orchester unter Stalin aufgelöst. Es war wohl zu revolutionär für einen Staat, der die Oktoberrevolution zum Gründungsmythos erklärte.

Konzentration
Konzentration | Foto: Ehring
2008 hat sich das Persimfans-Orchester auf Initiative des Pianisten und Klangkünstlers Peter Aidu, Enkel eines Mitglieds des originalen Ensembles, in Russland neu formiert, ganz im Geiste seines historischen Vorläufers. Mit enormem Probenaufwand erarbeiten die Musiker Interpretationen ohne Dirigent. Sie spielen Traditionelles und Avantgarde, bis hin zur experimentellen Klangkunst. Ihr Repertoire besteht ausnahmslos aus Werken, die auch vom ersten Persimfans-Orchester gespielt wurden.

 So klingt die Utopie

In der Düsseldorfer Tonhalle brachte das russische Orchester gemeinsam mit den Düsseldorfer Symphonikern an zwei Abenden die Utopien der Avantgarde nun zum Klingen. Ein außergewöhnliches Zusammenspiel. Im kommenden Winter findet der Gegenbesuch in der Moskauer Tschaikowsky Concert-Hall statt. Das Konzert am 14. Dezember vereint die Höhepunkte der beiden Düsseldorfer Aufführungen.

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