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Nicht mehr anders, sondern eins

 
Sound Acts Performance Festival in Athens, 2017 | © Manos Kapa

Alex Alvina Chamberland ist Performancekünstlerin und Autorin und sprach mit uns über Transidentität, die Anziehungskraft von Transfrauen auf Männer, Gender-Studies und über queere Allianzen.

Von Silvan Hagenbrock

Goethe-Institut: Alex Alvina Chamberland, was wünschen Sie sich von Menschen?
 
Mehr Empathie, mehr Intensität, mehr Verletzlichkeit, weniger Angst vor diesen Eigenschaften, kritisches Mitgefühl, den Willen, sich zu engagieren, zu lernen, Wissen mit emotionaler Intuition zu kombinieren, sowohl Fakten also auch Fake-Fakten zu hinterfragen, mehr lange Briefe voller Liebe und Tiefe zu schreiben, weniger kurze Textnachrichten „Hey, was geht“ auf WhatsApp zu schreiben, Beiläufigkeit durch magische Verbundenheit zu ersetzen, zu reflektieren und zuzuhören und dazubleiben, und zu reagieren und zu handeln, wenn es nötig ist, aufmerksam und voll da zu sein, sich weniger um konventionelle Schönheit zu kümmern und mehr um die schönen Momente, die der Ewigkeit Konkurrenz machen, sich in Melancholie und Freude hinein zu entspannen und die Verletzlichkeit zu wagen, im Herbst über ein Drahtseil zu balancieren.

Heidi Klum startete im Herbst 2019 eine neue Show namens Queen of Drags, die von der erfolgreichen US-Fernsehsendung RuPaul's Drag Race inspiriert ist. Die Fans von RuPaul's Drag Race waren schockiert, als ProSieben seine Pläne ankündigte, und Kritiker*innen erklärten, dass der Ansatz dieser Show mehr ist als „kulturelle Aneignung“ – nämlich „kultureller Missbrauch“. Wie bewerten Sie den Diskurs (über das Mainstreaming von Intersektionalität)?
 
Ich habe RuPaul’s Drag Race nie wirklich mitverfolgt, daher fällt es mir schwer, diese Frage zu beantworten. Auf der einen Seite ist es schön, dass Drag-Kultur nicht an den Rand der Gesellschaft gedrängt wird, auf der anderen Seite ist es recht typisch, dass die Unterhaltungsaspekte von Queer-Kultur gefeiert werden. Und viel von der Politik und den tieferliegenden Problemen in diesem Prozess der Neoliberalisierung verdrängt wird …

Auf der Bühne verwenden Sie Ihre eigenen Texte, Stimme und Tanzelemente. Vor kurzem haben Sie bei der Wienwoche – einem Festival gegen die Norm politischer und sozialer Unterdrückung – Ihr Stück über Ihren eigenen Zugang zu Transidentität, Heal the world or die trying/Witches decide/My (trans)femininity/Danse Sacrale/No title only tidal wave, präsentiert. Ihr Auftritt fand standortspezifisch im Otto-Wagner-Hospital statt, einem Ort, an dem Frauen und Kinder im Zweiten Weltkrieg pathologisiert und umgebracht wurden. Was bedeutet die Entpathologisierung von Transidentitäten heute für Sie?
 
Nun, zunächst geht es in dem Stück nicht wirklich um Transidentität – das ist nur ein Aspekt seiner allgemeineren Botschaft von Weiblichkeit, Selbstaufopferung, Fürsorge, Empathie und intensiver Auseinandersetzung mit der Welt. Aber generell geht es bei der Entpathologisierung von Transidentitäten um genau das, uns uns selbst sein zu lassen, aber dieses Selbst wiederum auch mehr als nur die Transidentität sein zu lassen. Ich verabscheue diese stark vereinfachten Darstellungen, bei denen „man selbst sein“ damit gleichgesetzt wird, sich zu erlauben, sein Transsein zum Ausdruck zu bringen. Das ist nur ein Aspekt des Selbst, ein Aspekt, der leider stigmatisiert und unterdrückt wurde, aber man selbst zu sein ist eine Frage ohne eindeutige Antwort, denn selbst wenn wir uns weniger als Fluss und mehr als ruhigen See sehen, fließt auch bei einem See noch neues Wasser hinein und hinaus, verdunstet und regnet als Regen oder Schnee ab. Was ich damit meine, ist, dass meine Berufung, das, was ich der Welt geben möchte, poetische Prosa und Kunst sind, die das Dasein erweitern – mein Transsein ist dabei zweitrangig, auch wenn die Einschnitte in meinem Dasein, die von sexuellen und hasserfüllten Zuschreibungen verursacht wurden, für meine Arbeit ebenfalls zentral sind. Ich glaube, das Politischste, was ich mit meinem Schreiben tun kann, ist, die vollen, heiklen, emotionalen, komplexen und manchmal peinlichen Wahrheiten meines Lebens zu erzählen und so hoffentlich über Identitätsgrenzen hinweg eine Verbundenheit mit anderen aufzubauen, ohne auch nur einen Moment lang Kompromisse einzugehen.
 
Ein weiteres wichtiges Element dieser Frage ist, zu begreifen, dass es Trans-Menschen schon immer gegeben hat. Es ist eine koloniale, reingewaschene, ahistorische und gefährliche Idee, dass Trans eine Art „neuer Trend“ ist. Was relativ neu ist, sind Hormonersatztherapie und Chirurgie, aber diese sollten nicht der Brennpunkt von Transsein sein, auch wenn sie bestimmte Aspekte unserer Realität verändern.
Performance im Rahmen der Wienwoche von Alex Alvina Chamberland in Wien Performance im Rahmen der Wienwoche von Alex Alvina Chamberland in Wien | © Silvan Hagenbrock
Sprechen Sie ein Zielpublikum an und was würden Sie mit Ihrem Stück gerne erreichen?
 
Ich hatte bei nichts, was ich jemals gemacht habe, wirklich ein Zielpublikum. Meine Aufgabe ist es, so ehrlich und offen zu sein wie möglich und zu allen zu sprechen, die sich veranlasst fühlen, zuzuhören. Wenn ich auftrete, ist mein Ziel, so tief in mich selbst zu gehen, dass ich mir meiner selbst oder meines Publikums nicht mehr bewusst bin. Es ist eine Einladung und eine tiefgreifende Form des Teilens, die für uns Menschen eine seltene Art des Miteinander-Verbunden-Seins ist – in einer Nacktheit, die nichts mit Kleidung zu tun hat. Für mich ist das auf jeden Fall kathartisch und eine kurzlebige Flucht aus der Einsamkeit, und ich kann nur hoffen, dass sich das auf das Publikum überträgt – wer immer es sein mag. Natürlich hoffe ich auch, dass ich das Leben für andere Trans-Mädels ein bisschen erträglicher, ein bisschen verständlicher, ein bisschen magischer machen kann, aber wenn sie die einzigen wären, denen meine Arbeit etwas bedeutet, würde ich mich als Autorin/Künstlerin/Seele/Mensch/Qualle/Catwoman gedemütigt fühlen. Zum Glück scheint das aber nicht der Fall zu sein. Und auch wenn meine Arbeit sehr politisch ist, hängt sie keiner Politik an, die versucht, das Abstrakte und Unbekannte zu ermorden. Politisch möchte ich gerne etwas in den Teilen in uns in Bewegung bringen, denen wir keine Aufmerksamkeit geschenkt haben, die Welt eröffnen und sie offenhalten, bis wir vor unserer eigenen Verletzlichkeit keine Angst mehr haben.  

Allerdings ist das eine Balance, die ich mir für die ganze Welt wünsche, nicht nur für uns, und solange diese Balance nicht erreicht ist, bin ich dann doch lieber auf der Seite derjenigen, die mehr geben.

Wie können grenzübergreifende Queer-Allianzen die Pathologisierung von Transgender-Menschen bekämpfen?
 
Ob es Trans-Femmes an vorderster Front der Stonewall-Krawalle sind oder Paola Revenioti, die die ersten Athener Pride Festivals mit ihrem als Sexarbeiterin verdienten Geld finanzierte, Trans-Frauen waren häufig die Mütter der Queer-Bewegung und die Initiatorinnen von Rebellion und radikalem Wandel. Und dennoch finden wir uns immer noch am untersten Ende der Skala wieder, sowohl bei den Frauen als auch bei den LGBTs. Vielleicht ist es höchste Zeit, dass wir endlich so viel zurückbekommen, wie wir gegeben haben... Allerdings ist das eine Balance, die ich mir für die ganze Welt wünsche, nicht nur für uns, und solange diese Balance nicht erreicht ist, bin ich dann doch lieber auf der Seite derjenigen, die mehr geben.

Und wie können Cisgender-Menschen Teil einer Allianz mit Ihnen werden?
 
Uns nicht mehr als anders, sondern als eins sehen. Offen unsere Freunde und Liebhaber sein, uns nicht als hypersexuell oder als asexuell sehen. Verstehen, dass Trans-Sein häufig spirituelles wie politisches Wissen mit sich bringt, das für uns alle relevant ist. Uns Chancen geben, an andere Jobs als Sexarbeit zu kommen, und gleichzeitig die Rechte von Sexarbeiterinnen unterstützen.

Sie haben die Anziehungskraft von Trans-Frauen auf Männer erwähnt und welches Potential sie mit sich bringt, für heterosexuelle Männer eine Position der Verletzlichkeit herzustellen. Könnten Sie das genauer erläutern?
 
Darüber könnte ich ganze Romane schreiben. Innerhalb der Pornoindustrie ist allgemein bekannt, dass Trans-Pornos bei heterosexuellen Männern das sich am besten verkaufende Porno-Genre sind. Seit ich vor 5-6 Jahren angefangen habe, mein Leben ganz als Trans-Frau zu leben, ist mir zunehmend klar geworden, dass ein Großteil der heterosexuellen Männer sich stark zu Trans-Frauen hingezogen fühlt und dass viele Männer außerhalb der westlichen Welt in dem Verständnis ein gutes Stück weitergekommen sind, dass ihr Hingezogensein zu Frauen auch Trans-Frauen umfasst. Nur, solange diese Anziehung im Verborgenen bleibt, verliert sie ihr radikales Potential und verstärkt die Stigmatisierung von Trans-Frauen als etwas Schmutzigem. Aber falls und wenn es zu etwas Offenem und Undramatischem wird, bringt es Hetero-Männer in eine seltene, verletzliche Position, und das eröffnet die Möglichkeit, zu verändern, wie wir Sexualität und Gender sehen, und kann, was noch wichtiger ist, dabei helfen, Binaritäten, die Vormachtstellung des Normalseins und missbrauchende Männlichkeit zu demontieren. Da es Trans-Frauen in so vielen verschiedenen Formen gibt – viele nehmen Hormone, manche haben eine Vagina, andere haben einen Penis, manche sehen mehr wie Cis-Frauen aus als die meisten Cis-Frauen, viele haben lange Beine und die Körperproportionen weiblicher Models (was ohnehin kein Schönheitsideal sein sollte) –, fühlen sich im Prinzip alle Männer, die sich zu Frauen hingezogen fühlen, zumindest zu manchen Trans-Frauen hingezogen, unabhängig davon, ob sie wissen, dass sie trans ist oder nicht. Und es ist Bigotterie, die diese einfache Wahrheit verstellt, die ergründet werden muss.
 
Sie haben an der Södertörn-Universität Gender Studies mit Schwerpunkt Trans-Gender und Intersektionalität studiert. Was würden Sie Studierenden empfehlen, die darüber nachdenken, Gender Studies zu studieren? Versetzt der Studiengang Studierende in die Lage, die Gesellschaft zu verändern?
 
Schwer zu sagen, es gibt so viele verschiedene Gender-Studies-Studiengänge, und einige davon lehren auf eine Art, die für meinen Geschmack viel zu dogmatisch und unkreativ ist, die uns in saubere kleine Schubladen steckt, ohne darüber nachzudenken, wie man sie öffnen könnte. Andere Gender-Studies-Studiengänge liefern bemerkenswerte Werkzeuge zur Analyse und Dekonstruktion komplexer intersektionaler Machtdynamiken, die man, wenn man sie einsetzt, natürlich verwenden kann, um die Gesellschaft zu verändern. Ich persönlich habe Gender Studies studiert, weil ich das Gefühl hatte, dass mein körperlich vorhandenes Wissen im Hinblick auf gesellschaftliche Strukturen von der Weiterentwicklung profitieren könnte, die das Lesen eines breiten Spektrums von Studienliteratur bietet. Das unterscheidet sich von meiner Meinung zur Kunst, die ich nie an der Universität studiert habe, weil ich in meinen Inspirationen und verschiedenen Mentoraten so frei wie möglich sein wollte, zwischen Clarice Lispector, Arundhati Roy, Violette Leduc, Marina Zwetajewa und Diamanda Galás hin und her zu springen, ohne irgendwo eingeschrieben zu sein. Ich glaube, ich habe das Gefühl, dass Kunst und Schreiben nicht wirklich in der Schule gelehrt werden können. Zumindest nicht vorwiegend. Was wiederum dazu führt, dass ich mich immer wie eine Versagerin fühle, wenn ich versuche, Kurse in „Kreativem Schreiben“ zu unterrichten. Ich denke, die Tatsache, dass ich bei jeder Lektion heule, während wir Auszüge aus meiner Lieblingsliteratur lesen, ist das wichtigste, was ich meinen Studierenden mitgebe. Sei verletzlich, nimm dich nicht zurück, erlaube dir, endlos zu fließen, und sag scheiß drauf zur professionellen Rolle des „Lehrers“, oder, wenn wir schon dabei sind, des „Schriftstellers“ oder „Künstlers“, und dann machst du vielleicht deine ersten kleinen Schritte hin zu etwas wirklich Interessantem.
 
Welche Attribute und Eigenschaften sind für Sie erforderlich, um eine inspirierende Performancekünstlerin zu sein?
 
Hm, die Frage ist, ob wir inspirierend sein müssen? Was einen interessanten Künstler ausmacht, lässt sich sowieso nicht wirklich beantworten, auch wenn Tiefgang, Aufrichtigkeit und eine Prise Humor (vorzugsweise schwarz) wichtige Attribute sind, die man (als Mensch) haben sollte. Es gibt so viele Formen von Intensität, ein lautes Kreischen und absolute Stille sind für mich gleichwertig, und beide sollten in Performances ebenso wie im täglichen Leben mehr Raum erhalten. Oh je, ich kann diese Frage nicht beantworten. Aber es ist wunderbar, wenn man spürt, dass ein Darsteller/Schriftsteller/Künstler etwas kreiert, weil es für seine oder ihre Lebenskraft wesentlich ist, ein Blutstrahl, der sich nicht stoppen lässt.

Fragen von Silvan Hagenbrock und Jeanne Schmidt.

Das originale Interview auf Englisch finden Sie hier.

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