Fotografie und Ethik Immer neue Fragen

Eins der bekanntesten Bilddokumente aus dem Vietnamkrieg: Der Polizeichef von Saigon erschießt im Februar 1968 auf offener Straße ein Vietcong-Mitglied.
Eins der bekanntesten Bilddokumente aus dem Vietnamkrieg: Der Polizeichef von Saigon erschießt im Februar 1968 auf offener Straße ein Vietcong-Mitglied. | Foto: Eddie Adams © picture alliance/AP Images

Was darf man zeigen? – Diese ethische Grundfrage beschäftigt die Fotografie, seit technische Reproduktionsverfahren die massenhafte Verbreitung von Fotos möglich gemacht haben. Gesellschaftliche Tabus, künstlerische Freiheit und journalistischer Dokumentationswille sind dabei wesentliche Elemente einer stets neu geführten Diskussion.

Vor allem technische Aspekte waren es, die die Debatte rund um das 1839 bekannt gemachte Lichtbild bestimmten. Gefragt wurde anfangs nicht: Was darf die Fotografie? – im Sinne einer Ethik des neuen bildgebenden Verfahrens. Die Frage war: Was kann das Medium jetzt und wozu wird es demnächst in der Lage sein?

Erst die Erfindung der Autotypie als Druckverfahren (1882) und in der Folge das Aufkommen einer illustrierten Massenpresse mobilisierte ein Nachdenken auch über die ethischen Grenzen einer Technik, die längst industrielle Dimensionen angenommen hatte. Erst mit dem massenhaft publizierten und rezipierten Bild begann die Auseinandersetzung um die ethischen Grenzen des Fotografierens. Längst entschieden war zu diesem Zeitpunkt die Frage nach einem Autor in der Fotografie, die eben kein rein selbsttätiges und damit objektives Verfahren war, sondern durchaus eine subjektive Seite hatte, einen Urheber, der im Zweifel verantwortlich war, sollten die Grenzen des ethisch Vertretbaren überschritten worden sein.

Dass diese ethischen Grenzen durchaus fließend waren und sind – je nach Kulturkreis, Zeitpunkt oder Gegenstand – liegt auf der Hand. Als die beiden Hamburger Fotografen Max Priester und Willy Wilcke 1898 unerlaubt Bilder des soeben verstorbenen Otto von Bismarck auf dem Totenbett machten, provozierten sie einen Skandal, wurden angeklagt und ihre Bilder konfisziert. Rund fünfzig Jahre später brachte die Frankfurter Illustrierte eines der Motive – seitenfüllend und ohne Anstoß zu erregen. Vor allem nicht autorisierte Aufnahmen von Verstorbenen, von Kriegs- oder Unfallopfern, aber auch Aktaufnahmen sowie erotische Motive heizten und heizen die Debatte an.

Konnte der britische Fotograf David Hamilton noch in den 1970er-Jahren seine gesofteten Farbaufnahmen leicht bekleideter Kindfrauen problemlos kommerzialisieren – hätte er heute angesichts der Debatten um kindliche Nacktheit und Pädophilie Probleme. Was in den 1980er-Jahren bestenfalls getadelt wurde, beschäftigt mittlerweile die Justiz – etwa die inszenierten Kinderakte der französischen Fotografin Irina Ionesco oder die Strandszenen des US-amerikanischen Fotografen Jock Sturges, die entblößte Frauen und Mädchen zeigen. Pädophilie ist das sittliche Tabu unserer Tage und schon der Verdacht bleibt nicht ohne Folgen.

Schmerzgrenze

Wo endet die künstlerische Freiheit, wo beginnt die Blasphemie und bis zu welchem Punkt darf man provozieren, ohne die religiösen Gefühle gläubiger Zeitgenossen zu verletzen? Fragen, denen sich der italienische Werbemann Oliviero Toscani in den 1980er-Jahren mit seiner Kampagne für die Bekleidungsfirma Benetton stellen musste. Fotos, die beispielsweise einen im Sterben liegenden Aidskranken oder die blutverschmierte Kleindung eines gefallenen Soldaten zeigten, führten zu gesellschaftlichen Debatten über die ethischen Grenzen der Werbefotografie. Ähnliches erlebte der US-amerikanische Künstler Andres Serrano: Dessen Arbeit mit dem herausfordernden Titel Piss Christ Ende der 90er-Jahre die Gemüter in den USA erhitzte.

Vor allem Pressebildern wird vor dem Hintergrund einer vagen Ethik des Bildjournalismus wahlweise der Vorwurf einer Ästhetisierung des Elends oder einer Überzeichnung bis hin zum Schockfoto gemacht: Musste der US-amerikanische Fotograf Todd Maisel die abgerissene Hand eines Opfers in Nahsicht und in Farbe zeigen, um dem Alptraum der Anschläge auf das New Yorker World Trade Center am 11. September 2001 angemessen zu begegnen? War hier eine Schmerzgrenze überschritten oder war es Aufgabe der Presse eine Katastrophe auf drastische Weise öffentlich zu machen? Anders gesagt: Eine Ethik der Fotografie tangiert die Produktion von Bildern ebenso wie deren Kommunikation. Darf man, soll man, muss man die aktuellen Horrorbilder des IS weiterreichen? Oder macht man sich dadurch zur verlängerten „Pressestelle“ eines internationalen Terrorismus?

Das Leiden anderer betrachten, hat Susan Sontag eines ihrer letzten Bücher überschrieben. Darin die Erkenntnis: Schauen kann Empathie erzeugen, aber ebenso gut in blanken Voyeurismus münden. In erster Linie haben Nachrichtenbilder die Aufgabe zeitnah zu informieren. Auf lange Sicht stiften sie Erinnerung. Wie verhält es sich also mit Fotos, die Kriegsreporter wie die US-Amerikanerin Margaret Bourke-White oder Brite George Rodger in den befreiten Konzentrationslagern aufgenommen haben: Zurschaustellung der Opfer? Beweismittel für den Völkermord? Oder unverzichtbarer Bestandteil immerwährenden Erinnerns über Bilder?

Inszenierung und Bildmanipulation

Geschmacklos könnte man David E. Schermans Foto der nackten Lee Miller in Adolf Hitlers Badewanne nennen, aufgenommen im April 1945 in München, kurz nach Hitlers Selbstmord. Ein zudem inszeniertes Bild, das wiederum das weite Feld manipulierter oder in einen fragwürdigen Kontext gerückter Aufnahmen tangiert. Immer schon wurden Bilder – aus unterschiedlichen Gründen – gefälscht. In der Retusche, dem Tilgen von Menschenleben mittels Schere, Pinsel oder Stift, hatten es Jodsef Stalins Helfer bekanntlich zu besonderer Meisterschaft gebracht. Sie retuschierten missliebig gewordene Personen aus historisch bedeutsamen Bildern, um diese Personen so aus dem öffentlichen Bewusstsein zu entfernen.

Im digitalen Zeitalter bietet das sogenannte Photoshoppen ungeahnte Möglichkeiten – von der schlichten Bildbearbeitung bis hin zur handfesten, computergestützten Bildmanipulation. Das fotografische Bild hat seine Glaubwürdigkeit verloren. Auch fehlt das Negativ als Referenz. Selbst beim renommierten World-Press-Photo-Award scheint man ohne „Digital-Forensiker“ nicht mehr auszukommen – zu groß ist die Versuchung, Fotos zu bearbeiten, etwa um deren Wirkung zu verstärken. Journalistische Berufsverbände wie Freelens fordern eine neue Ethik des Bildermachens um das Vertrauen in den Fotojournalismus wiederherzustellen: kein nachträgliches Hinzufügen oder Tilgen von Bildinhalten, keine bewusste Manipulation.

Persönlichkeitsrecht in der globalen Gemeinde

Künstlerisch tätige Fotografen wiederum verunsichert ein zunehmend restriktiv gehandhabtes Persönlichkeitsrecht, das der Gattung Street-Photography mittelfristig ein Ende bereiten dürfte. Die berühmte Aufnahme „Rue Mouffetard“ des französischen Fotografen und Magnum-Mitbegründers Henri Cartier-Bresson aus dem Jahr 1954 würde heute als nicht autorisiertes Porträt eines mit Alkohol hantierenden Minderjährigen die Justiz beschäftigen.

Andererseits wird gerade im öffentlichen Raum so viel fotografiert wie nie. Selbsternannte „Bildreporter“ stellen ihre Bilder ins Netz und erreichen so eine globale Gemeinde. Was zählt, sind Reichweite und Geschwindigkeit – nicht guter Geschmack oder gar „Moral“. Eine gesetzte Ethik der Fotografie, soviel scheint sicher, eine sittlich begründete und allgemein akzeptierte Handlungsanweisung gibt es nicht. Es gibt allenfalls – je nach Umstand, Bildgattung oder Intention – immer neue Fragen. Und es gibt die Gewissheit, dass das Thema Ethik im digitalen Zeitalter mit seiner unendlichen Verfügbarkeit von Bildern an Brisanz gewonnen hat.
 
  • Stettin, 2007 Foto und © Ulrich Weichert
    Stettin, 2007
  • Stettin, 2007 Foto und © Ulrich Weichert
    Stettin, 2007
  • Belgrad, Oktober 2002 Foto und © Ulrich Weichert
    Belgrad, Oktober 2002
  • Berlin, Kreuzberg 1974 Foto und © Ulrich Weichert
    Berlin, Kreuzberg 1974
  • Berlin, Kreuzberg, 1974 Foto und © Ulrich Weichert
    Berlin, Kreuzberg, 1974
  • Berlin, Kreuzberg. Erwachet, am Görlitzer Bahnhof, 1974 Foto und © Ulrich Weichert
    Berlin, Kreuzberg. Erwachet, am Görlitzer Bahnhof, 1974
 

Menschen in alltäglichen Situationen: auf der Straße, bei der Arbeit, in Momenten der Muße. Es scheint, als habe Ulrich Weichert seine Kamera immer dabei. Scheinbar unspektakuläre Motive, in Schwarz-Weiß-Fotografien legen mit hintergründigem Humor die oftmals absurden Szenen unseres Lebens offen. Weichert, 1949 in Tübingen geboren, wurde 1980 Photokina‐Preisträger. Bis 2013 war er Leiter der Bildreaktion im Bundespresseamt.

Das Historische Museum Bamberg zeigt bis zum 1. November 2015 die Ausstellung Italien! Italien? Italien. Fotografien von Ulrich Weichert.