Literaturkritik Von Kuschelkartellen und unerbittlichen Attacken

Ob positiv oder negativ: Eine Buchkritik wirkt oft verkaufsfördernd.
Ob positiv oder negativ: Eine Buchkritik wirkt oft verkaufsfördernd. | Foto (Ausschnitt): © Frankfurter Buchmesse

Rezensionen literarischer Werke stehen in Deutschland oft selbst im Mittelpunkt kritischer Betrachtungen. Das ist ein gutes Zeichen für den Zustand der Literaturkritik.

In jüngster Zeit häuften sich in Deutschland wieder die Klagen über den Zustand der Literaturkritik in den etablierten Feuilletons und im Internet. Autoren, Verleger und auch die Kritiker selbst haben sich daran beteiligt. Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff bedauerte 2010 im Feuilleton der Tageszeitung Die Welt: „Warum sind die Kritiken bloß so schlaff?“ Der Verleger Jörg Sundermeier fand Anfang 2015 in einem von der Zeitschrift Buchmarkt veröffentlichten Interview mit einer Polemik gegen die Literaturkritik vielfältige Resonanz: „… manche festangestellten Literaturkritiker können viel mehr über edle Schuhe oder gutes Essen sagen als über die Qualität literarischer Texte.“ Bereits „ein Roman von Haruki Murakami“ scheine „manch einen hochbezahlten und im Betrieb sehr geschätzten Kritiker an die Grenze seines intellektuellen Vermögens zu bringen.“ Vor allem aber fehle der Mut zur Kritik, weil es im Literaturbetrieb „ein elendes Kumpelsystem gibt mit Abhängigkeiten… Da geht es um Macht und um Angst. Hinter vorgehaltener Hand lästern viele, aber in der Öffentlichkeit liegen sich alle in den Armen.“

Von einem „Kuschelkartell“ der „Ja-Sager und Gute-Laune-Kritiker“ schrieb schon zur Buchmesse im Oktober 2013 der Kritiker Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung. Bereits einige Jahre vorher hatte Hubert Winkels, Literaturkritiker und Literaturredakteur beim Deutschlandfunk in der Zeitschrift Volltext bemängelt, es gebe im Feuilleton „kaum noch Verrisse“ und kaum noch eine „Auseinandersetzung um einzelne Bücher“. Hinter solchen Beschwerden steht oft der alte Verdacht, dass Literaturkritik im Dienst vor allem ökonomischer Verlagsinteressen stehe, ein verlängerter Arm ihrer Werbung sei. „Sagt mir, was mir gut tut, und ich kaufe das, kaufe Euch das ab, kaufe Euch. Der Markt ersetzt den Raum der öffentlichen Sinndebatte.“ So formulierte es Hubert Winkels.

Kritische Polemik kontra Werbung?

Diese Gegenüberstellung lässt sich nur zum Teil aufrechterhalten. Wichtiger an der Literaturkritik als die Bewertung eines einzelnen Buches ist Verlegern, Buchhändlern und Autoren zumeist, dass ein Buch überhaupt rezensiert wird. Jede Rezension ist unabhängig von ihrem Inhalt ein wertendes Zeichen, das besagt: Dieses Buch verdient Aufmerksamkeit! Die unausgesprochene Anerkennung, die selbst noch ein Verriss enthält, ist nur einer von vielen Bestandteilen einer Sprache der Aufmerksamkeitsverteilung, die jeder versteht, aber nicht unbedingt durchschaut. Wie umfangreich eine Rezension ist, und wo oder wie sie platziert ist, das Ansehen des Rezensenten oder des Rezensionsorgans und nicht zuletzt die Zahl der Rezensionen, die zu einem Buch erscheinen, gehören dazu. Und die Vielzahl ist zugleich meist eine Vielstimmigkeit, die das Gewicht einer positiven oder negativen Kritik relativiert. Der polemische Verriss ist nur eine Stimme unter vielen, macht neugierig, andere zu hören, provoziert zum Widerspruch und verschafft einer literarischen Neuerscheinung Gehör. Ein Verriss, der Kontroversen auslösen kann, folgt vielfach der Devise des Dichters Gotthold Ephraim Lessing, auf die sich der für seine Verrisse berüchtigte Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki wiederholt berufen hatte: „Einen elenden Dichter tadelt man gar nicht; mit einem mittelmäßigen verfährt man gelinde; gegen einen großen ist man unerbittlich.“

Erfolgreich verrissen

„Verschwinden die Verrisse aus der Literaturkritik?“ Mit der Frage hat der Literaturwissenschaftler und Redaktionsleiter der Online-Zeitschrift literaturkritik.de Jan Süselbeck einen Aufsatz zu dem Thema überschrieben, der 2015 in dem von Heinrich Kaulen und Christina Gansel herausgegebenen Band Literaturkritik heute erschienen ist, in einer kürzeren Fassung auch im Internet. Als ein Gegenbeispiel führt er die polemische Rezension von Georg Diez, Kritiker des Magazins Der Spiegel, zu Christian Krachts Roman Imperium aus dem Jahr 2012 an, die viele empörte Reaktionen zur Folge hatte. Den Erfolg des Romans hat der Verriss nicht verhindert. An jüngeren Beispielen ähnlicher Art gibt es keinen Mangel – von den heftigen Attacken gegen das Gedicht von Günter Grass Was gesagt werden muss bis hin zu der Polemik von Edo Reents gegen Judith Hermanns Roman Aller Liebe Anfang in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Nein, die Verrisse sind aus der Literaturkritik so wenig verschwunden wie die Lobreden. Gerechtfertigt sind sie beide, wenn sie nur glaubwürdig sind. Und das sind sie, solange sie ihre Wertungen überzeugend begründen. Zu prüfen, ob das der Fall ist, Kritik also an der Kritik anderer zu üben, gehört zu ihren Aufgaben. Der andauernde Streit um die Literaturkritik, der so alt ist wie sie selbst, lässt sich als ein Zeichen dafür werten, dass es um ihren Zustand doch nicht ganz so schlecht bestellt ist, wie es manchen erscheint.