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Being a Turker
Die digitale Arbeiterklasse der Crowdworker

The Turk
The Turk | Public Domain, Source: Wikimedia Commons

Outsourcing kennt man. Die Weiterentwicklung dieses Prinzips heißt Crowdsourcing. Arbeit wird nicht mehr in Billiglohnländer outgesourced, sondern an all die Menschen, die sich im Internet rumtreiben – an die Crowd. Im Netz entsteht dadurch ein neuer Niedriglohnbereich, der die Art, wie wir arbeiten, so stark verwandeln könnte, wie die Erfindung des Fließbands vor knapp 100 Jahren. 

Von Sebastian Strube

Sie nennen sich Crowdworker, digitale Mikrojobber oder Turker und es gibt Millionen von ihnen. Sie arbeiten im Internet und recherchieren dort Email-Adressen, sie analysieren Bilder, ohne sie gäbe es die meisten Produktbeschreibungen auf den Websites großer und kleiner Online-Kaufhäuser nicht, sie optimieren Texte so, dass sie von der Suchmaschine google gefunden werden. Viele Crowdworker leben von dieser Arbeit, auch wenn sie nur drei oder vier Euro in der Stunde verdienen. Eine kleine Elite der Crowdworker schafft es allerdings sogar, zehn Euro und mehr zu verdienen und recht gut von ihrer Arbeit zu leben. Die Plattformen, auf denen sie arbeiten, heißen zum Beispiel Amazon Mechanical Turk, hier sind etwa 500.000 Menschen aus 190 Nationen angemeldet. Aber auch in Deutschland arbeiten sie, vor allem auf der Plattform Clickworker. Hier kommt ein Drittel der Arbeiter aus Deutschland, ein Drittel aus Nord- und Südamerika und das restliche Drittel aus europäischen Ländern.

Angefangen hat das Ganze in den USA bereits 2005. Damals ging die Website von Mechanical Turk online. Auf der Seite bietet Amazon Aufgaben an: HITs heißen die dort, Human Intelligence Tasks. Wer die Aufgaben abarbeitet, bekommt dafür Geld. Allerdings nicht sehr viel: Zwei bis fünf amerikanische Cent gibt es in der Regel für einen kleinen HIT wie die Beschreibung eines Bildes.

Crowdworker arbeiten auch in Deutschland

Auch in Deutschland arbeiten Zehntausende Menschen unter ähnlichen Bedingungen wie bei Amazon. Beim größten deutschen Anbieter für Crowdworking Clickworker sind nach Angaben des Geschäftsführers Christian Roszenich etwa 500.000 Menschen angemeldet. Bei kleineren lokalen Plattformen, wie dem Unternehmen Crowdguru aus Berlin, sind etwa 15 000 Menschen angemeldet. Clickworker verfolgt im Grunde das gleiche Geschäftsprinzip wie Mechanical Turk: Auch hier werden Mikrotasks wie Adressrecherche oder Bilderbewertung in hoher Stückzahl für wenige Cents angeboten. Etwas lukrativer sind die Schreibjobs, bei denen man etwa für deutsche Online-Händler Produkttexte verfasst: Zwischen drei und sechs Euro bekommt man ungefähr für einen Text. In Deutschland bewegt sich der Stundenlohn meist im Bereich des Mindestlohns, also etwa zwischen acht und zehn Euro. Allerdings schaffen dieses Einkommen nur geübte Crowdworker, die Zugang zu „besseren“ Jobs haben.

Clickworker nutzt ein Rating-System, um zu klären, wer diese besseren Jobs bekommt. Die Anzahl der positiv erledigten Aufgaben wird gemessen – besser bezahlte Aufgaben gibt es nur dann, wenn man schon viele Aufgaben erfolgreich erledigt hat. Zumindest bei Clickworker wird einem, wenn die Arbeit abgelehnt wurde, kein Geld bezahlt. Gerade bei komplexeren Schreibaufgaben kommt dies öfter vor. Der Grund: Da die Vergütung für die einzelnen Aufgaben nicht besonders hoch ist, muss ein erfolgreicher Clickworker im digitalen Akkord arbeiten, also möglichst schnell möglichst viele Aufgaben erledigen. Fehler und Ungenauigkeiten sind so gerade am Anfang vorprogrammiert. Die Bewertung der Arbeit wird von Clickworker vorgenommen. Firmen, die Arbeit an die Crowd outsourcen wollen, wenden sich an Plattformen wie Clickworker. Dort wird die Arbeit im Microtasks zerlegt, der Lohn für die einzelnen Aufgaben festgelegt und die Arbeit anschließend verteilt und bewertet. Deutsche Crowdworker arbeiten also direkt für ein Unternehmen wie Clickworker. Bei Mechanical Turk ist das anders, Amazon versteht sich als reine Plattform für oft sogar anonyme Auftraggeber, sogenannte requester, die dort Aufträge einstellen. Die Auftraggeber legen den Lohn fest und bewerten die Arbeit anschließend selbst.

Crowdworker aller Länder vereinigt euch?

So unterliegen die Crowdworker bei Mechanical Turk ebenfalls einer ständigen Kontrolle. Da Clickworker sein System von Mechanical Turk übernommen hat, beruht es auf dem gleichen System. Viele positiv bewerteten Jobs bedeuten bessere Bezahlung und bessere Aufträge. Das Problem: Da der Auftraggeber selbst die Bewertung vornimmt und nicht ein halbwegs neutraler Mittler wie Clickworker, ist die Versuchung groß, erledigte HITs abzulehnen. Denn weder müssen die Auftraggeber die Ablehnung begründen, noch müssen sie abgelehnte Aufträge bezahlen, noch können die Crowdworker Widerspruch gegen eine Ablehnung einlegen.

Für die Arbeiter auf Crowdworking-Seiten ist es sehr schwer, sich gegen diese Benachteiligung zu wehren. Erstens sind sie durch das Design von Seiten wie Mechanical Turk als Arbeiter von Anfang an quasi unsichtbar. Zweitens haben sie kaum eine Möglichkeit, sich zu organisieren, da jeder für sich arbeitet und keine Möglichkeit hat, andere Crowdworker kennen zu lernen. Seit kurzem allerdings wehren sich Crowdworker gegen diese Unsichtbarkeit, indem sie öffentlich Briefe an Jeff Bezos, den Chef von Amazon schreiben.

Auf der Seite wearedynamo.org/dearjeffbezos ist so mittlerweile eine große Sammlung von Briefen entstanden, die Einblick in das Leben von Crowdworkern vor allem in den USA und Indien, geben. 

Kristy Milland, die die Briefaktion startete, hat eine weitere Möglichkeit gefunden, sich zu wehren: Unter dem Namen spamgirl organisiert sie das Internetforum TurkerNation. In diesem Forum treffen sich vor allem Powerturker, um sich über ihre Arbeit auszutauschen. Gewarnt wird vor schlechten Auftraggebern, die wenig bezahlen oder viele HITs ablehnen. Da die in den Foren organisierten Powerturker 80 Prozent der Arbeit erledigen, kann Kritik im Forum dazu führen, dass Aufträge deutlich langsamer und schlechter abgearbeitet werden.

Fehlende rechtliche und soziale Absicherung

Die Anonymität, in der die digitalen Mikrojobber arbeiten, hat in Deutschland bisher die Organisation der Crowdworker verhindert. Doch auch in Deutschland gibt es Reglungsbedarf. Jan Marco Leimeister, Professor für Wirtschaftsinformatik in Kassel und in St. Gallen und einer der wenigen Crowdworking-Forscher in Deutschland, betont etwa, dass weder die Frage "einer sozialen noch einer rechtlichen Absicherung" der Crowdworker bisher auch nur ansatzweise geklärt ist. Für die Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft wird es darum gehen, eine Balance zwischen dem niedrigschwelligen Zugang zu Arbeit, die Crowdwork zweifelsohne gerade Menschen bietet, die es auf dem normalen Arbeitsmarkt schwer haben, und fairen Arbeitsbedingungen zu finden. Die Diskussion darüber, wie dieser Ausgleich gelingen soll, hat allerdings gerade erst begonnen. Notwendig ist sie jedoch, denn auch in Deutschland werden die Crowdworker mehr und nicht weniger und auch hier leben Menschen mittlerweile von dem Geld, das sie in der Crowd verdienen.

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