Leo Ou-fan Lee über Kafka in China Faszination des Absurden

Illustration: Xiong Liang
Illustration: Xiong Liang | Foto: © The Writers Publishing House (作家出版社)

Kafka und China, diese Verbindung findet wenig Beachtung. Dabei hat Franz Kafkas Werk die zeitgenössische chinesische Literatur entscheidend geprägt, meint der Hongkonger Literaturprofessor Leo Ou-fan Lee.

Seit wann beschäftigt sich die chinesische Literaturwissenschaft mit Franz Kafka?

Ich würde sagen, seit den 1960er-Jahren, als man – oder besser gesagt wir, weil ich zu der Gruppe Wissenschaftler gehörte – in Taiwan auf englische Übersetzungen seiner Kurzgeschichten stieß. Zwei davon, Ein Landarzt und Das Urteil, wurden in der Erstausgabe der Modern Literature (现代文学) abgedruckt. Die Zeitschrift wurde 1960 von meinen Kommilitonen am Institut für Fremdsprachen und Literatur ins Leben gerufen, die später selbst berühmte Schriftsteller wurden. Heute hat das Literaturmagazin Kultstatus. In Festlandchina wurde Kafka erst relativ spät, nämlich Anfang der 1980er-Jahre im Zuge des „literarischen Frühlings“ nach der Ära Mao entdeckt. Einige seiner Texte wurden von Akademikern, die auch andere Werke der Moderne dem chinesischen Publikum bekannt machten, für Zeitschriften des Instituts für fremdsprachige Literatur der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften wie World Literature (世界文学) übersetzt. Daraufhin wurde eine neue Generation von chinesischen Avantgarde-Schriftstellern unmittelbar von Kafka beeinflusst.

Woher kam das Interesse der Literaturwissenschaft?

In den wenigen akademischen Abhandlungen, die ich gelesen habe, wird ein typisches Bild von Kafka als innovativem Schriftsteller der europäischen Moderne gezeichnet, über seinen Hintergrund findet sich jedoch wenig. Aber auf die Generation chinesischer Schriftsteller, die sich nach der Ära Mao hervortat, hatte Kafka einen immensen Einfluss. So stellte für Autoren wie Yu Hua (余华) Kafkas Traumwelt etwas Reales dar, und Kafkas Porträt eines riesigen, anonymen Apparats von Bürokraten, wie ihm Josef K. ausgeliefert ist, lässt vage und auch ziemlich deutliche Erinnerungen an die chinesische Regierung während der Kulturrevolution wachwerden. Yan Lianke (阎连科) führt diese Tradition fort. Übrigens ist mittlerweile das Gesamtwerk Franz Kafkas direkt aus dem Deutschen ins Chinesische übertragen worden, ohne den Umweg über das Englische.

Und was fasziniert Sie persönlich an Kafkas Werken?

Was mich am meisten an Kafka interessiert, sind sein prägnanter Schreibstil und die Art, wie er eine fiktionale Welt erschafft, die Fantasie und Wirklichkeit verbindet. Ich fange gerade an, Deutsch am Goethe-Institut zu lernen. Später möchte ich Kafka gern im Original lesen können. Außerdem ist er, wie allgemein bekannt, einer der großen Meister, ja ein Gründervater der europäischen Moderne. Er ist Teil des „unsichtbaren“ Weltkulturerbes geworden!

Was lernen chinesische Studenten heute über Kafka?

Ich fürchte, dass meine Studenten heutzutage sehr wenig über Kafka lernen. Soweit ich weiß, ist Kafka nicht Bestandteil des generellen Lehrplans oder Gegenstand literaturwissenschaftlicher Untersuchungen, sondern wird nur in Seminaren von Masterstudiengängen behandelt. Ich habe kürzlich eines über „Moderne Klassiker“ gegeben, in dem Kafka neben Schriftstellern wie Cervantes, Poe, Borges und Lu Xun (鲁迅) und anderen eine zentrale Rolle zukommt. Aber selbst mein Seminar ist eine Ausnahme, nicht die Regel. Was junge Menschen in Hongkong, besonders Schriftsteller und Theaterschaffende, an Kafka fasziniert, sind meiner Meinung nach die absurden Situationen, in denen sich seine Charaktere wiederfinden und die eine gewisse „zufällige“ Ähnlichkeit mit dem heutigen Hongkong haben. Das Stück Seven Boxes Possessed of Kafka der Hongkonger Theatergruppe Alice offenbarte, dass Konflikte innerhalb der Familie und beengte Wohnverhältnisse eindeutig zwei Faktoren sind, die die Charaktere in Die Verwandlung und deren Hongkonger Darsteller gemein haben. Ich war überrascht, dass sie vor ausverkauftem Haus spielten. Das zeigt, dass Kafka, entgegen meiner düsteren Prophezeiungen, mittlerweile ein Name in Hongkongs literarischen Kreisen ist.

Kafka und China: In welcher Beziehung standen sie?

Soweit ich weiß, hat niemand mit Ausnahme einiger Wissenschaftler bisher Kafka mit China in Verbindung gebracht. So seltsam das erscheinen mag, erregt Kafkas berühmtes Stück Beim Bau der Chinesischen Mauer kaum Aufmerksamkeit unter Chinas Leserschaft. Selbst wenn es in akademischer Hinsicht eine Verbindung gibt, gilt Kafka als Teil der modernen deutschen Literatur, wenn er auch nicht so ausführlich behandelt wird wie Brecht. Im weiteren Sinne würde ich jedoch sagen, dass es das geteilte Schicksal der Menschheit ist, dass Kafka mit allen Nationen der modernen Welt vereint, China eingeschlossen. Kafkas Dichtung verkörpert die „universalen“ literarischen Werte der Entfremdung, Einsamkeit, Absurdität, et cetera. Während Kafka durch seine Lektüre viel über China erfahren hat, kennen ihn die chinesischen Leser – besonders in den letzten Jahrzehnten – nicht aus dem Unterricht, wie zum Beispiel in Deutschland, sondern hauptsächlich durch Zufallsbegegnungen und das Engagement Milan Kunderas, dessen Werke in China sehr populär sind. Kundera bezeichnet Kafka als tschechischen und mitteleuropäischen Schriftsteller. Deshalb habe ich mich auch zuerst für die tschechische Kultur interessiert und Prag bereits in den 1980er-Jahren bereist, um dort auf Kafkas Spuren zu wandeln. Aber das ist eine andere Geschichte.

In diesem Jahr bekommt der chinesische Romanautor Yan Lianke den Kafka-Preis. Warum hat sich die Jury Ihrer Meinung nach für ihn entschieden?

Da kann ich natürlich nur Mutmaßungen anstellen. Zum einen liegt es wohl an der englischen und vielleicht auch tschechischen Übersetzung von Yans Werken. Die komische Absurdität von Yans fiktiver Welt ist fast ein genaues, nach China verlagertes Abbild der Welt Kafkas. Zum anderen gibt es wohl eine gewisse Verbindung zwischen chinesischen regierungskritischen Schriftstellern – obwohl Yan sich nicht dazu zählt – und tschechischen Schriftstellern und Kritikern seit der Zeit Václav Havels. Meiner Meinung nach verdienen nur zwei chinesische Autoren den Kafka-Preis: Yan Lianke und Yu Hua.
 

Leo Ou-fan Lee wurde in der chinesischen Provinz Henan geboren, wuchs in Taiwan auf und absolvierte seine Ausbildung in den USA. Er promovierte 1970 an der Harvard University. Er lehrte an einer Reihe amerikanischer Universitäten, wie Princeton, Chicago, Indiana, der UCLA und Harvard. Anfang 2004 kehrte er nach seiner Frühpensionierung nach Hongkong zurück, wo er seitdem eine Professorenstelle an der Chinesischen Universität Hongkong innehat. Zu seinen Interessengebieten zählen die moderne chinesische Literatur, Komparatistik, Kulturwissenschaften, Musik und Film. Er ist der Autor von The Romantic Generation of Modern Chinese Writers, Voices of Iron House: A Study of Lu Xun, Shanghai Modern und City between Worlds: My Hong Kong und anderen Büchern. Zudem publizierte er rund 20 Titel über Kulturkritik auf Chinesisch sowie zahlreiche Artikel auf Chinesisch und Englisch.