Stadtgeschichten: Berlin Metropole der Veganer

Vegan

Berlin gilt als Vegan-Hauptstadt Europas. Mittlerweile haben selbst Eckkneipen und Döner-Läden Veganes im Angebot.

Eigentlich ist der Weiße Hirsch eine Berliner Eckkneipe, wie sie typischer nicht sein könnte. Das Mobiliar ist schon seit mehreren Jahrzehnten aus der Mode, das Bier ist nicht besonders lecker, aber billig, und schon mittags sitzen die Stammgäste an der Theke und plaudern mit der Wirtin.Vor ein paar Wochen tauchte genau vor dieser Kneipe ein Schild auf: „Wir haben auch veganen Kuchen“ stand darauf. Da wurde mir klar, dass die Veganer in der Mitte dieser Stadt angekommen sind.

Veganer – wer es noch nicht weiß – sind Leute, die auf tierische Produkte verzichten. Sie essen weder Fleisch, Eier noch Milch, tragen keine Lederschuhe und achten darauf, dass der Wein, den sie trinken, nicht durch Fischblasen gefiltert wurde. Die meisten, die sich für eine solche Lebensweise entscheiden, wollen nicht länger Tiere für ihre eigenen Bedürfnisse ausgebeutet wissen. Zudem halte sie ihre Ernährung für gesünder.

Moment? Gesünder? Bekommt man keine Mangelerscheinungen, wenn man auf so viele Lebensmittel verzichtet? „Bei einer veganen Ernährung sollte eine breite, vollwertige Lebensmittelauswahl erfolgen, um die Zufuhr potentiell kritischer Nährstoffe sicherzustellen“, sagt Markus Keller, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Vegetarierbunds Deutschland. Es zeige sich aber, dass Veganer mit vielen Nährstoffen durchschnittlich besser versorgt seien als die Allgemeinbevölkerung.

Dennoch: Keine Bratwurst? Keine Wollpullover? Kein Honigbrot? Das klingt, als sei dieser Trend für eine absolute Minderheit gemacht. Doch in Berlin scheint er omnipräsent.

Genaue Zahlen gibt es zwar nicht. Doch allein die Anzahl an veganen Restaurants spricht dafür, dass die deutschen Medien Recht damit haben, dass sie Berlin als vegane Metropole Europas bezeichnen. Die Internetseite happycow.net, die weltweit vegane Restaurants auflistet, zählt in London gerade mal 16, in Paris 12 und in Peking 6). In Berlin sind es 27. Hinzu kommen Cafés und Restaurants, die zusätzlich zum normalen Angebot auch vegane Speisen auf der Karte haben. In hippen Innenstadtbezirken wie Kreuzberg, Friedrichshain oder Prenzlauer Berg haben mittlerweile sogar Dönerläden oder Eckkneipen wie der Weiße Hirsch Entsprechendes im Angebot.

So steht man auch als jemand, der nicht vegan lebt, permanent vor der Frage: Will ich meinen Kaffee wirklich mit Kuh- oder doch lieber mit Sojamilch? Schmeckt ein veganer Käsekuchen nicht genau so gut? Und ist ein Seitan-Steak nicht viel gesünder als eins direkt aus der Massentierhaltung?

Allein die Auswahl erklärt wohl auch den zunehmenden Erfolg des Veganismus. In den zwei Berliner Filialen des veganen Supermarkts Veganz gehören veganer Truthahn, veganer Schinken und vegane Sahnetorte zum Sortiment. „Mit meiner Geschäftsidee will ich den Menschen zeigen, dass reine Pflanzenkost absolut nichts mit Verzicht zu tun hat“, sagt Jan Bredack, Gründer des Ladens. Vor drei Jahren hat er ihn in Prenzlauer Berg eröffnet. Mittlerweile hat sich nebenan ein Schuhladen angesiedelt, der lederfreie Treter verkauft, die sich rein optisch kein Stück von ihren tierischen Verwandten unterscheiden. Und auch die vegane Kleidung, die dort ebenfalls angeboten wird, geht nach der neuesten Mode und ist damit das Gegenteil des sackförmigen Öko-Schicks, den man dem Klischee gemäß dort erwartet.

Nur eine Einschränkung gibt es: man muss sich das Ganze auch leisten können. Denn all die Ersatzstoffe, die den Veganern von heute das Leben so einfach machen, sind oft teurer als ihre tierischen Vorbilder. „Beim Discounter ist das aber billiger“, erklärte unlängst ein älterer Herr, den ich gemeinsam mit seiner Frau vor den Regalen des veganen Supermarkts beobachtete.

Doch in den Berliner Szenebezirken, wo die Bewohner Wert darauf legen, dass ihr Gemüse biologisch angebaut wurde und wo aus ökologischen Gründen das Auto durch ein Kastenfahrrad ersetzt wird, kommt es darauf nicht so sehr an. Hier versuchen Mensch, die es sich leisten können, alles ein wenig besser zu machen – zugunsten der Umwelt und anderer Lebewesen. In Berlin sind sie mit dieser Einstellung auf dem Vormarsch. Die Stadt stellt sich darauf ein, sogar in ihren Ur-Berliner Eckkneipen.