Dokumente des urbanen Wandels

Wang Qingsong (王庆松), Dream of Migrants (盲流梦), 2005; Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers.
Wang Qingsong (王庆松), Dream of Migrants (盲流梦), 2005; Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers. | Foto: Courtesy of the artist

Fotografen in ganz China nähern sich der Urbanisation aus einer Vielzahl innovativer Perspektiven. Mit ihren Bildern dokumentieren sie die drastischen Veränderungen der urbanen Landschaft.

Die rapide städtebauliche Entwicklung, die in den letzten Jahrzehnten Chinas Städte verändert hat, ist eine bekannte Tatsache, die von den Medien aufgegriffen, von der Wissenschaft analysiert und von den Bewohnern erlebt wurde. Vielleicht weniger bekannt ist hingegen, wie Künstler und besonders Fotografen die unkontrollierte Urbanisation behandeln.

Während viele es bedauern, dass historische Viertel abgerissen und durch seelenlose Gebäudekomplexe ersetzt werden, freuen sich andere über die Verbesserung des Lebensstandards, neue Bebauungsmöglichkeiten und den Ausbau von Metropolen wie Peking und Shanghai zu Städten der Zukunft.

Während der letzten anderthalb Jahrhunderte haben zahlreiche Fotografen die alten Gassen und Straßen Pekings im Bild festgehalten, vom Anfang des 20. Jahrhunderts erschienenen Grundlagenwerk The Walls and Gates of Peking (Mauern und Tore Pekings) des finnisch-schwedischen Kunsthistorikers Osvald Sirén bis zu zeitgenössischen Fotografien von Xu Yong (徐勇) und Feng Jianguo (冯建国).

Diese dokumentarischen Bilder liefern uns Momentaufnahmen des städtischen Lebens in den letzten 150 Jahren und verdeutlichen eindringlich, wie dramatisch sich die gezeigten Städte verändert haben. Das kann jeder, der den heutigen Verkehrsknotenpunkt Xizhimen kennt, sicherlich bestätigen.

Als das Wirtschaftswachstum der 1980er-Jahre den Stadtwandel beschleunigte, begannen Künstler, mit neuen, experimentellen Techniken das Stadtleben zu porträtieren und zu hinterfragen. Die interessantesten Bilderzyklen der letzten Jahrzehnte finden sich wohl im Werk Mo Yis (莫毅), der 1956 in Tibet geboren wurde, in den 1980er-Jahren nach Tianjin übersiedelte und dort mit einem Lebensstil konfrontiert wurde, der sich deutlich von dem in seiner Heimat unterschied. Er versuchte, die trügerische Natur seiner auf Streifzügen durch die Stadt gewonnenen Eindrücke mit der Kamera einzufangen und zu analysieren.

Mit der von ihm auch als Upheaval (骚动, Umbruch) bezeichneten Serie My Illusory City (我虚幻的城市, Meine trügerische Stadt) will er das irreale, zuweilen absurd chaotische Stadtleben und die emotionale Distanz offenbaren, die man empfindet, wenn man sich im modernen städtischen Raum bewegt. Die mehrfach belichteten Fotografien zeigen eine vielschichtige und strukturierte Landschaft, die sich häufig nicht völlig erschließt. Die Bilder mit verzerrter Perspektive und mitunter nicht klar erkennbarem Bildgegenstand lassen den Betrachter unmittelbar in das hektische, unerquickliche und turbulente Treiben inmitten der geschäftigen und boomenden Einkaufsstraßen Tianjins eintauchen.

Mo Yis Bilder unterziehen die Anonymität des Lebens im modernen Tianjin einer scharfen Kritik und schildern das Gefühl, von einer Gesellschaft vereinnahmt zu werden, die einzig und allein auf Fortschritt, Konsum und rasantes Wirtschaftswachstum ausgerichtet ist.

Obwohl die ökonomische Entwicklung in China zahlreiche positive Auswirkungen mit sich brachte, führte sie doch auch zum massenhaften Abriss ganzer Stadtviertel. Die Künstler haben sich dieser Zerstörung auf verschiedene Weise gewidmet, und viele haben das Schriftzeichen für das Wort „Abriss“ (拆) in ihre Arbeiten einfließen lassen. Wang Jinsongs (王劲松) bekannte Fotografie 100 Signs of Demolition (百拆图, 100 Abrisszeichen) ist wahrscheinlich das prominenteste Beispiel hierfür, obwohl auch andere Künstler das Schriftzeichen auf versteckte und offensichtliche Art zum Teil ihrer Werke machten.

Wang Qingsongs (王庆松) Bild Dream of Migrants (盲流梦, Migrantentraum) ist eine inszenierte Darstellung der katastrophalen Wohnsituation zahlreicher Wanderarbeiter. Auf die Wand des maroden, baufälligen Hauses ist das Schriftzeichen chai (拆) gemalt, wodurch das Gebäude zum baldigen Abriss freigegeben ist. Man kann sich vorstellen, wie es durch ein glänzendes, modernes Hochhaus ersetzt wird, das andere Arbeitsmigranten errichten. Diese Menschen, die auf der Suche nach Arbeit von Ort zu Ort ziehen, leben oft in temporären Wohncontainern direkt auf der Baustelle und werden abwertend als „Migranten“ (盲流), „Außenstehende“ (外地人) oder von Wissenschaftlern als „fließende Bevölkerung“ (流动人口) bezeichnet.

Vor ein paar Jahren wurde die Losung „Ohne radikalen Abriss kein neues China (没有强拆,就没有新中国)“ in den chinesischen Medien viel zitiert. Dass Fortschritt mit Zerstörung einhergeht, ist nach Auffassung von Umweltschützern und all jenen, denen die Erhaltung historischer Viertel am Herzen liegt, eine gefährliche Vorstellung. Der Verlust historischer Stätten ist nur eine der negativen Begleiterscheinungen, mit denen sich Städte unter dem Druck der Modernisierung konfrontiert sehen. Ein weiteres Problem sind die Müllberge, die diese Entwicklung mit sich bringt.

Der Pekinger Fotograf Yao Lu (姚璐) ist Dozent am Fachbereich Fotografie der Zentralen Hochschule für Bildende Kunst (中央美术学院) und hat es sich zur Aufgabe gemacht, das städtische Müllproblem auf einzigartige und visuell ansprechende Weise zu thematisieren. Seine digital nachbearbeiteten Aufnahmen setzen sich aus über hunderten von Einzelbildern zusammen, die zu nachdenklich stimmenden, modernen Landschaften zusammengefügt worden sind. Die sorgfältigen Kompositionen sine eine Hommage auf die traditionelle Landschaftsmalerei (山水画) und zeigen die grünen Netze, die auf Mülldeponien und Baustellen in ganz China zur Staubdämmung und damit zur Verringerung der Luftverschmutzung zum Einsatz kommen. Die Bilder sind poetische Spiegelbilder des Schadens, der der Umwelt im Namen des Fortschritts zugefügt wird, und zwingen uns, über die Diskrepanz unserer Vorstellung von einer modernen Stadt und den Wirklichkeiten, die sich allzu oft unseren Blicken entziehen, nachzudenken.

Auch viele internationale Künstler sind nach China gekommen und haben eine erstaunliche Vielfalt exzellenter und höchst faszinierender Arbeiten hervorgebracht. Der US-amerikanische Fotograf Matthew Niederhauser hat den Stadtwandel in China in beeindruckenden Großformaten festgehalten und arbeitet derzeit an einem abendfüllenden Dokumentarfilm mit dem Titel Kapital Creation: A Beijing State of Mind, in dem einige der führenden bildenden Künstler, Musiker und Schriftsteller zu Wort kommen.

In seinem Zyklus Counterfeit Paradises ergründet er die häufig surreale und kitschige Natur der städtebaulichen Entwicklung, deren Konstrukteure immer größere Bauwerke realisieren, die nur ein paar Jahre darauf leer stehen und dem Verfall preisgegeben sind. Seine Fotografien lassen uns das schiere Ausmaß des unkontrollierten Stadtwandels erfassen, der Chinas Metropolen in den letzten Jahrzehnten verändert hat, und erzeugen befremdliche Visionen von einer unheimlichen, im Entstehen begriffenen Zukunft.