Berlinale Warum „Bai Ri Yan Huo?“

Bai Ri Yan Huo
Bai Ri Yan Huo | Foto: Black Coal, Thin Ice

Was hat „Bai Ri Yan Huo“ auf der Berlinale zum Goldenen Bären verholfen? Der Erfolg gibt Aufschluss über die Logik von Filmfestivals. Unsere Bloggerin Yun-hua Chen hat sich dazu Gedanken gemacht.

Dass Bai Ri Yan Huo (白日焰火, Schwarze Kohle, dünnes Eis) etwas überraschend den Goldenen Bären auf der Berlinale gewann, zieht eine Diskussion über die Motivation von Filmfestivals nach sich. Tatsächlich zeigten sich die meisten Kritiker von dem Film zunächst unbeeindruckt. Im Großen und Ganzen wurde er für seine Kreativität und den modernen Ansatz des Film noir gelobt, doch wegen seiner zuweilen undurchsichtigen und langatmigen Handlung kritisiert. Und tatsächlich ist der Regisseur Diao Yinan (刁亦男) mit seinem dritten Spielfilm noch nicht auf der Höhe seines filmischen Schaffens angelangt. Die sich zwischen Zhang Zili (張自力) und Wu Zhizhen (吳志貞) entspinnende Liebesgeschichte sowie das Ende könnten durchaus eine Überarbeitung vertragen. Doch es gibt viele gute Momente, die die Begeisterung des Hongkonger Schauspielers und Jurymitglieds Tony Leung (梁朝伟) rechtfertigen. So der spannende Anfang: Er zeigt Leichenteile in Kohleförderwagen und legt vor dem Hintergrund einer grauen, trostlosen Industriestadt eindrucksvoll die düstere Stimmung des Films fest. Mir gefällt auch, wie der Regisseur den Diebstahl des Motorrads des unglückseligen Zhang Zili inszeniert. Das geschieht nach einer eindringlichen Sequenz, in der zwei seiner Polizeikollegen bei der Verhaftung der Mordverdächtigen schnell und kaltblütig ermordet werden. Ohne weitere Erklärungen folgt eine ruhige, lange Einstellung, die von einem Motorrad aus gefilmt ist. Auf Motorradhöhe fällt der Blick langsam auf den betrunkenen Zhang Zili, der im tiefen Schnee am Straßenrand neben seinem Fahrzeug liegt. Die Kamera schwenkt weiter und macht plötzlich kehrt. Die Perspektive des Diebes, der Zhang Zili nun im Schnee zurücklässt und mit dessen schnelleren Motorrad wegfährt, ist äußerst originell und raffiniert.

Wu Ren Qu (无人区, engl. Titel: No Man's Land) definiert den Sino-Western neu; Bai Ri Yan Huo hingegen ergründet das Genre des Film noir mit chinesischen Mitteln. Auch die von Gwei Lun Mei (桂纶镁) gespielte weibliche Hauptrolle ist eine chinesische Version der Femme fatale. Sie ist eine zurückhaltende, ruhige und hübsche Frau, deren sexuelle Anziehungskraft weniger offensichtlich, deren Haltung passiver und deren Schönheit weniger bedrohlich ist als die der klassischen Femme fatale. Der größte Verdienst von Bai Ri Yan Huo ist jedoch, dass es sich um einen ausgewogenen Festivalbeitrag handelt. Im Gegensatz zum direkt gegen die chinesische Zensur gerichteten Werk Lou Yes (娄烨) will der Film nicht mit allen Mitteln provozieren. Gleichzeitig behandelt er ein düsteres Sujet in nahezu dokumentarischem Stil, wie man es auf Filmfestivals von außerwestlichen Beiträgen erwartet. Und so erfüllt Bai Ri Yan Huo alle Anforderungen an einen Festivalbeitrag: Er ist innovativ, aber nicht extravagant, er ist exotisch, aber nicht belanglos, er ist tiefgründig, aber nicht deprimierend, er ist politisch und gesellschaftskritisch, aber nicht unangemessen.

Zudem steht die Art der Filmproduktion für ein gegenwärtiges und zukünftiges Erfolgsrezept, das westliche Investoren und chinesisches Kino vereint. Es ist die erste Zusammenarbeit des US-amerikanischen unabhängigen Produzenten Daniel J. Victor und des chinesischen Unternehmens Jiangsu Xingfu Lanhai Pictures (江苏幸福蓝海影业). Zu weiteren Investoren gehören der Basketball-Star Carmelo Anthony sowie die US-amerikanischen Rapper Eminem und 50 Cent. Der im Wachstum begriffene chinesische Filmmarkt ist weltweit der zweitgrößte nach den USA. Daher ist zu erwarten, dass noch mehr internationales Kapital in die chinesische Filmindustrie fließen wird und mehr chinesische Geschichten für ein breites heimisches und globales Publikum aufbereitet werden.