Neureiche in China Tuhao: wenn Landeier zu Reichtum kommen

„Tuhao“ (土豪) - ein neues Internet-Meme, an dem sich Statusunterschiede festmachen, ist in China in letzter Zeit in aller Munde
„Tuhao“ (土豪) - ein neues Internet-Meme, an dem sich Statusunterschiede festmachen, ist in China in letzter Zeit in aller Munde | Foto: ©ImageChina

„Tuhao“ (土豪) - ein neues Internet-Mem, an dem sich Statusunterschiede festmachen, ist in China in letzter Zeit in aller Munde. Huzi (胡子), außerordentlicher Professor an der Peking-Universität und bekannter Kommentator, hat die Neureichen beobachtet und analysiert das in dem Begriff der „Lokaltyrannen“ zum Ausdruck kommende gesellschaftliche Phänomen.

Schon 2012, als der „Tuhao“ (土豪) noch nicht zum Modewort avanciert war, wurde mir das Phänomen des chinesischen Geldadels in Madrid äußerst plastisch vor Augen geführt. Zwar war ich davor schon viel in Nord- und Südamerika oder Europa herumgekommen, aber meine dürftig entlohnten Vorlesungs- und Schreibprojekte hatten mich stets an Orte geführt, die Chinesen lediglich als unterentwickelte Städte dritten oder vierten Rangs, oder sogar als Kaff bezeichnen würden. Vielerorts gab es nicht einmal ein ordentliches Kaufhaus, ganz zu schweigen von speziellen Läden für Luxusartikel. So hatten sich bei meinen früheren Einkaufserlebnissen im Ausland keinerlei Schnittpunkte mit den berüchtigten chinesischen Neureichen auf Fernreise ergeben. Letztes Jahr in Madrid allerdings sah die Sache etwas anders aus.

Chinesische Neureiche in Spanien

Eigentlich war ich auf einer Lesereise durch einige Kleinstädte in Südspanien gewesen, und nun hatte ich vor meiner Rückreise nach China in Madrid einen Tag Aufenthalt. Da bei uns demnächst der Klapperstorch vorbeischauen sollte, wollte ich etwas Markenspielzeug besorgen, das erstens nach etwas aussieht und zweitens – anders als in China – gesundheitlich unbedenklich sein sollte. Also steuerte ich den Flagship-Store der Warenhauskette El Corte Inglés an, angeblich der beste in der Stadt. Doch kaum hatte ich den Laden betreten, stellte sich bei mir ein starkes Déjà-vu-Erlebnis ein. Ich hatte das Gefühl, als würde ich in das Jahr 2011 in irgendeine Kreisstadt im Reich der Mitte zurückgebeamt, in der nach dem Erdbeben von Fukushima Hamsterkäufe getätigt wurden. Im Il Corte Inglés drängten sich meine Landsleute. Ihre fiebernden Augen und heroischen Minen drückten aus, dass sie zu allem entschlossen waren. Mit Kennerblick griffen sie sich aus dem Geschäft, in dem es mehr Menschen als Waren gab, ein Produkt nach dem anderen heraus. Erst als ich mich wieder etwas gesammelt hatte, bemerkte ich, dass das Erdgeschoss des Flagship-Stores aus einer Ansammlung von Luxusboutiquen bestand. Von Hermès über Louis Vuitton bis zu Gucci und Prada waren hier alle prestigeträchtigen Marken des chinesischen Geldadels vertreten. Ich sah auf die Uhr: erst kurz nach zehn. Eigentlich eine Zeit, zu der der zum Müßiggang neigende Spanier sich gerade für einen Espresso im Bett aufsetzte. Doch hier herrschte bereits ein Hochbetrieb wie auf der Ringlinie der Pekinger U-Bahn. Mir fiel auf, dass in jeder Markenboutique einige chinesisch aussehende Shopping-Scouts bereit standen, um den Chinesen das Geldausgeben zu erleichtern. „Keine Selbstbedienung, ich bin gleich bei Ihnen!“, riefen die Damen lauthals. Doch das war noch nicht der Gipfel. Als ich das Spielzeug für meinen Nachwuchs gekauft hatte und mir im Untergeschoss einen Beleg für die Rückerstattung der Mehrwertsteuer holen wollte, stellte ich zu meiner Überraschung fest, dass El Corte Inglés für die chinesischen Schnäppchenjägerinnen eine spezielle Zone für die Steuerrückerstattung eingerichtet hatte. Durch Hinweise auf Chinesisch und einem Service auf Mandarin wurde es einem hier wirklich leicht gemacht. Doch auch an dieser Theke drängte sich eine Traube von Chinesen, weil keiner gewillt war, sich ordentlich anzustellen. Ein jeder versuchte sich, mit Tüten jeder Größe beladen, geräuschvoll Gehör zu verschaffen. Gerade so, als würde es nicht darum gehen, eine Steuerbescheinigung zu bekommen, sondern als drängte man sich zur Reisewelle des Frühlingsfestes am Einlass des Pekinger Westbahnhofs. Nur dass man anstatt der typischen Peking-Ente oder eines Fuling-Jiabing Artikel von Hermès oder Louis Vuitton in der Hand hielt.

Damals dachte ich, ich hätte nun genug gesehen, was mein Weltbild erschüttert, aber am nächsten Tag wurde ich am Flughafen Madrid-Barajas eines Besseren belehrt. In der Lebensmittelabteilung des Duty-free-Shops beobachtete ich einen Typ in langen Unterhosen, die Hosenbeine hochgekrempelt. Er schob einen großen Einkaufswagen vor sich her und verlud bei jedem Regal, ohne auf Namen und Preise der Produkte zu achten, direkt den ganzen Regalinhalt an Schokolade, Schinken und Käse in seinen Einkaufswagen. Als er auf diese Weise einige Regale leergefegt hatte, manövrierte er den voll beladenen Einkaufswagen zur Kasse und forderte lautstark auf Chinesisch: „Maidan!“ („Zahlen!“) Die Kassiererin versuchte dem Chinesen abwechselnd auf Spanisch und Englisch zu erklären, dass sich unter den Artikeln auch unverkäufliche Muster befänden, die er doch bitte zurück ins Regal stellen sollte. Der Raffzahn deutete an, kein Wort zu verstehen, und wurde wieder laut: „Quatsch nicht, kassier ab!“ Ich konnte das beim besten Willen nicht weiter mitansehen und machte dem Raffke das Anliegen der Verkäuferin klar, worauf der die Muster auch anstandslos zurück ins Regal stellte: „Und ich dachte, die macht so einen Aufstand, weil sie meint, ich könnte mir den ganzen Krempel nicht leisten“, meinte der Chinese zu mir. „Was bilden die sich eigentlich auf diese Bruchbude ein!“. Aus seiner Hosentasche zog er ein dickes Bündel Banknoten: „Guck mal, die 30.000 hat man mir am Flughafen gerade in bar zurück erstattet. Wo ich die Kohle schon in der Tasche habe, wollte ich für meine Nachbarn irgendwelche essbaren Mitbringsel kaufen.“ Ich bin zwar keine Leuchte im Kopfrechnen, aber als ich hörte, dass der Typ allein 30.000 Euro Mehrwertsteuer zurückbekommen hatte, schienen mir sogar seine bis über die Knöchel hochgekrempelten Unterhosen plötzlich golden zu glänzen.

Die Statusängste hinter dem Tuhao-Phänomen

Als im Jahr 2013 der Begriff des Tuhao zum Internet-Mem wurde, kamen mir sofort die shoppingwütigen chinesischen Hausfrauen aus dem El Corte Inglés und der Raffzahn vom Flughafen in den Sinn. Mir ist natürlich klar, dass Tuhao ein ziemlich dehnbarer Begriff ist. Er bezieht sich nicht einfach nur auf chinesische Neureiche, die ihr Geld zum Fenster rausschmeißen. Vielmehr steht das Wort dafür, dass der Geldadel mittels seines rasant steigenden pekuniären Einflusses in der öffentlichen Sphäre einen dominanten Diskurs prägt, in den er seine typisch chinesischen Ambitionen und Machenschaften, seinen Geschmack und die eigene Weltanschauung einfließen lässt. Das Tuhao-Phänomen infiltriert (oder verunreinigt), erneuert (oder überlagert) aber nicht nur die Sprache flächendeckend, sondern auch das zunehmend paradoxe emotionale Befinden und Werturteil von Bevölkerungsgruppen der unterschiedlichen Schichten, einschließlich derer, die sich selbst als Tuhao verstehen.

In diesen Jahren finden sich unter den Modewörtern, die im Internet kursieren, immer wieder solche, die Statusunterschiede und Klassentrennung zum Ausdruck bringen. Die Häufigkeit, mit der sich dieses Vokabular austauscht und erneuert, steht in einem proportionalen Verhältnis zu dem Tempo, in dem die Schichten in China immer weiter auseinanderdriften. Es besteht jedoch ein noch direkterer Zusammenhang zu der Sensibilität und Heftigkeit, mit der die Bevölkerung diese Separierung realisiert und auch akzeptiert. Innerhalb dieser Welle von Neologismen rund um das Phänomen der sozialen Schichtung bringt die Bezeichnung des Tuhao meiner Meinung nach das komplexe Spannungsverhältnis zwischen Statusängsten und moralischer Einstellung bis jetzt am besten zum Ausdruck.Zum einen lassen sich in den Begriff des Tuhao alle möglichen Klassenbezeichnungen, wie die der sogenannten Gaoshuaifu (高帅富, „großgewachsene, attraktive und reiche Männer“) und der Baifumei (白富美, „hellhäutige, reiche und schöne Frauen“) sowie die „Kinder der Reichen“ (富二代, Fu’erdai) und die „Kinder der Kader“ (官二代, Guan’erdai) problemlos integrieren. Der erste Teil des Wortes, „tu“ (土, „Boden, lokal“), unterstreicht, dass die diversen Erscheinungsformen des Geldadels auf einem lokal chinesischen und damit ganz legitimen Nährboden gedeihen. Zusammen mit der Staatsparole von der „chinesischen Besonderheit“ und dem explodierenden nationalen Selbstbewusstsein bildet das lokale Tuhao-Phänomen ein strahlendes Dreigestirn. Der zweite Teil des Wortes, „hao“ (豪, „Tyrann“), betont die allgemeine Einschüchterung durch eine Klasse der Profiteure. Durch den enormen Druck, der in diesem Wort mitschwingt, wird das Gefühl der Hoffnungslosigkeit auf eine Durchlässigkeit zwischen den Klassen noch deutlicher.

Während früher der Diaosi (屌丝) den „Großen, Attraktiven und Mächtigen“ mit einer Mischung aus Neid, Eifersucht und Hass begegnete, kommt durch populäre Sprüche wie, „sei mein Freund, Tuhao“, nun etwas anderes zum Ausdruck: „Die Schicht derer, die sich selbst als Diaosi identifiziert, zieht den Stil, das Denken und die Dominanz der Neureichen zwar durch den Kakao, neigt aber gleichzeitig dazu, sich mit ihnen zu versöhnen, ja sogar vor ihnen zu kuschen. Die parodistische Katharsis, die früher in den Modewörtern des Sozialprestiges mitschwang, ist, nachdem man Zeit und Umstände erwogen hat, allmählich einem opportunistischen Gehorsam gewichen. Diese moralische Haltung, die zwischen Spott und Unterordnung und sogar der Hoffnung auf Ebenbürtigkeit schwankt, hat womöglich eine bestimmte Funktion: Indem man die Statusängste zum Ausdruck bringt, zerstreut man sie auch gleichzeitig. Vielleicht deutet sich hier aber auch eine große Hoffnungslosigkeit an: Wenn aus Landeiern Neureiche werden, bleibt dir ein wirklich befreiendes spöttisches Lachen verwehrt, denn dein kritischer Enthusiasmus wird sogleich durch deine schmeichelnden Augenaufschläge konterkariert.