Bedroht im digitalen Zeitalter? Überlebt die chinesische Schreibschrift?

Immer weniger Menschen können sich die Elemente merken, aus denen chinesische Schriftzeichen zusammengesetzt werden
Immer weniger Menschen können sich die Elemente merken, aus denen chinesische Schriftzeichen zusammengesetzt werden | Foto: © ImagineChina

Obwohl es die chinesischen Schriftzeichen ins digitale Zeitalter geschafft haben, könnten diejenigen, die sie auch handschriftlich zu Papier bringen können, bald in der Minderheit sein. Doch die Generation Internet hat eigene Wege der Spracherneuerung gefunden. 

Verlernen die Chinesen zunehmend ihre eigenen Hanzi-Schriftzeichen? Das Große Diktier-Quiz, eine in letzter Zeit überaus erfolgreiche chinesische Fernsehsendung, lässt das vermuten. So waren 70 Prozent der Erwachsenen im Publikum nicht in der Lage, die Schriftzeichen für das Wort „Kröte“ (laihama, 癞蛤蟆) handschriftlich richtig zu schreiben.

Das chinesische TV-Quiz ist ähnlich gestaltet wie der US-amerikanische Wettbewerb National Spelling Bee, bei dem Schüler gegeneinander beim Buchstabieren schwieriger Wörter antreten. Nachdem es zunächst auf einem unbedeutenden Bildungskanal gezeigt wurde, strahlt es seit kurzem auch der Hauptsender CCTV1 aus, wo die Sendung das Interesse der chinesischen Öffentlichkeit gewonnen und die Aufmerksamkeit auf den Verfall der chinesischen Handschrift gelenkt hat.

Obwohl das chinesische Wort für „Kröte“ fast jedem alphabetisierten Chinesen bekannt ist, bedeutet das nicht, dass er es auch schreiben kann. Chinesische Wörter werden heutzutage meistens am Computer oder auf dem Smartphone über die lateinische Tastatur in einer als Pinyin bezeichneten phonetischen Umschrift eingegeben. Eine Software bietet dann alle passenden Schriftzeichen an. Viele machen dieses System und die nachlassende Verwendung von Papier und Stift verantwortlich für den Niedergang der Handschrift und die zunehmende Unfähigkeit der Chinesen, die Schriftzeichen korrekt zu schreiben.

Die US-amerikanische Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences berichtete im Januar, dass der Einsatz der Pinyin-Umschrift auf elektronischen Geräten die Entwicklung der Lesefähigkeit der Kinder hemme. „Die chinesische Sprache hat die technischen Herausforderungen des digitalen Zeitalters gemeistert, doch die Vorteile der digitalen Kommunikation könnten zu Lasten eines effektiven Erwerbs der chinesischen Schriftsprache gehen.“ Chinesische Schriftzeichen sind bekanntermaßen schwer zu erlernen. Schüler verbringen endlose zermürbende Stunden damit, die Zeichen für verschiedene Wörter zu pauken. Erste Zeugnisse der chinesischen Schrift finden sich auf den in der Provinz Henan entdeckten Orakelknochen (Tierknochen und Schildkrötenpanzer mit eingeritzten Schriftzeichen) aus der Zeit der Shang-Dynastie um 1200 vor Christus. Kurz darauf wurde die Schriftform von Nachbarländern wie Korea, Japan und Vietnam übernommen und hat bis zur Gegenwart überdauert. Heute gilt als alphabetisiert, wer etwa 3000 bis 4000 Zeichen beherrscht. Die letzte Ausgabe des chinesischen Wörterbuchs Yitizi Zidian listet inzwischen jedoch über 100 000 Schriftzeichen auf, deren Einteilung von Piktogrammen und Ideogrammen bis hin zu Phonogrammen und Entlehnungen reicht.

Im Buchstabier-Quiz werden vereinfachte Schriftzeichen verwendet, die als Maßnahme gegen das Analphabetentum in den 1950er-Jahren von der Kommunistischen Partei Chinas durchgesetzt wurden. Hongkong und Taiwan behielten die gewöhnlich aus mehr Strichen bestehenden ursprünglichen Schriftzeichen bei. Das wirft die Frage auf, ob der Prozentsatz derer, die ein Zeichen richtig schreiben können, noch niedriger wäre, wenn man das Publikum bitten würde, die komplizierteren traditionellen Langzeichen zu verwenden. Mit der Quizshow will man die Begeisterung für die Sprache neu entfachen, die als „fünfte große Erfindung, die China der Menschheit geschenkt hat“ gilt. Zu den sogenannten „vier großen Erfindungen“ Chinas zählen normalerweise das Papier, das Schwarzpulver, der Kompass und die Druckkunst. Tatsächlich hält die Regierung Mandarin für einen zentralen einheitsstiftenden Faktoren, um den Zusammenhalt des Riesenreiches zu fördern.

Viele Chinesen greifen zudem auf alte literarische Traditionen Chinas zurück, um Standpunkte der modernen chinesischen Kultur auszudrücken. Ein Beispiel dafür ist der Gebrauch von chengyu (成语) genannten Sprichwörtern. Die meisten chengyu bestehen aus lediglich vier Zeichen, die nicht notwendigerweise den Grammatikregeln des modernen Chinesisch folgen und oft die Kenntnis der klassischen chinesischen Literatur erfordern. Die derzeit bekanntesten Sprichwörter entstehen häufig in Internetforen und -blogs und verbreiten sich dort wie ein Lauffeuer. Ein derzeit beliebtes Sprichwort ist xi da pu ben (喜大普奔), das aus den Anfangszeichen von vier chengyu besteht, die häufig in der offiziellen Sprache der Kommunistischen Partei zur Beschreibung der angeblichen Zufriedenheit des chinesischen Volkes mit der Parteipolitik verwendet werden. Für die Netzbürger ist das Sprichwort jedoch ein ironischer Ausdruck für übertriebenen Enthusiasmus.

Die Verkümmerung der Handschrift mag für Traditionalisten Anzeichen für den Niedergang des Nationalbewusstseins sein, doch chinesische Marken, Internetforen und Blogs erfinden neue Schriftzeichen für neue Gedanken. Die chinesische Sprache wird wohl nicht in nächster Zeit verschwinden, sondern geht einfach mit der Zeit gehen, so wie andere Sprachen auch.