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Feicheng Wurao
Chinas beliebteste Dating-Show nimmt sich Deutschland vor

Für die Ewigkeit? Liebesschlösser in Heidelberg
Für die Ewigkeit? Liebesschlösser in Heidelberg | Foto: © C.M.Friese Photography, CC BY 2.0 via flickr.

Von der Deutschlandausgabe der Dating-Show Feicheng Wurao heißt es, sie sei „das Auslandsspecial mit der höchsten Vermittlungsquote“ gewesen. Zur Zeit werden die drei Folgen dieser Sendung in China ausgestrahlt. In Chinas Sozialen Medien haben sie eine Diskussion über die Probleme der in Deutschland lebenden Chinesen bei der Partnersuche angestoßen. 

Von Ning Xiaoxiao (宁宵宵)

„Sobald du groß bist läuten die Hochzeitsglocken“

So lautet eine traditionelle Heiratsvorstellung in China. Zur rechten Zeit einen Partner zu finden, gilt als Schlüssel für ein harmonisches und glückliches Familienleben. Aber für Chinesen, die im Ausland studieren oder arbeiten, gestaltet sich die Sache etwas schwieriger und der schicksalhafte Moment lässt, verglichen mit den Altersgenossen in China, oft auf sich warten. Lässt sich das Schicksal vielleicht herausfordern, wenn man den Mut aufbringt, sich einem Millionenpublikum zu präsentieren?

Die populärste chinesische Dating-Show Feicheng Wurao (非诚勿扰, wörtlich: „Lass mich in Ruhe, wenn du es nicht ernst meinst“, Anm. d. Übers.) hat den Bedarf erkannt und organisiert jedes Jahr Auslandsausgaben aus unterschiedlichen Ländern: Das Programmteam wählt zunächst vor Ort die Bewerber und Bewerberinnen aus. Anschließend fliegen die Kandidaten dann für die Aufzeichnung der Sendung zurück nach China. In München hat das Casting nicht nur Chinesen aus Deutschland angelockt, sondern auch Interessierte aus europäischen Nachbarländern wie Dänemark, Holland und Belgien, für die es wohl keine eigenen Sendungen geben wird. Bei den Deutschlandfolgen traten insgesamt 15 männliche Kandidaten an. Acht Mal drückte eine Kandidatin den Buzzer, um ohne Umschweife ihr Interesse an dem Kandidaten zu bekunden und neun Damen konnten schließlich verkuppelt werden. Die Erfolgsquote der Deutschland-Show lag also bei 60 Prozent. Damit ließ man sogar die bis dato führende Neuseelandausgabe hinter sich und wurde so zum „Auslandsspecial mit der höchsten Vermittlungsquote“.

Kommen die Liudehua (留德华), wie sich die in Deutschland lebenden Chinesen nennen, denn wirklich so gut an? Ein paar Eindrücke von der Show geben Aufschluss. 

Worüber reden wir, wenn wir flirten?

Abgesehen von ein paar Filmausschnitten, die den Kandidaten vorstellen und in denen Familie und Freunde zu Wort kommen, räumt die Flirtshow jedem männlichen Kandidaten knapp zehn Minuten ein, sich im Gespräch zu präsentieren. Über was soll man in dieser begrenzten Zeit reden, um möglichst viele der 24 Kandidatinnen für sich zu gewinnen? Für den Großteil der männlichen Teilnehmer schien die Kunst des Flirts zwar eher ein Buch mit sieben Siegeln zu sein, doch trotzdem waren viele von ihnen letztlich erfolgreich. Was war es also, was die Kandidatinnen überzeugen konnte?

Während die Kandidaten normalerweise gerne Süßholz raspeln, veranlasste der gemeinsame Hintergrund eines Lebens im Ausland die Liudehua eher dazu, über ihre Erfahrungen bei der Wohnungssuche, im Job oder bei der Überwindung der Sprachbarriere zu reden. Ma Xiaojun (马晓俊) aus München, ein Kandidat aus der ersten Folge, erzählte von seinen provisorischen Unterkünften und fand damit prompt Zustimmung bei jenen Kandidatinnen, die im Ausland studiert und ähnliche Erfahrungen gemacht hatten.

Liu Changyu (刘昌玉) aus der zweiten Folge ist Doktorand an der Universität Heidelberg, wo er sich in der Disziplin der Assyriologie mit der Kultur des alten Mesopotamiens beschäftigt. Und hätte er nicht so leidenschaftlich von seinem Fach geschwärmt und damit allen gezeigt, dass „in ihm ein Feuer brennt“, hätten bestimmt nur wenige aus dem Publikum verstanden, womit er sich beschäftigt. Doch so erfuhr der Zuschauer, dass das Bier seinen Ursprung nicht etwa in Deutschland hat, sondern – wer hätte es gedacht? – bei den Sumeren zwischen Euphrat und Tigris. Da war selbst die Kandidatin Zhao Xiangdong (赵向东) beeindruckt, die an der TU-München Brauereiwesen studiert, und die Gelegenheit nutzte, dem Publikum verschiedene Biersorten vorzustellen. So wurde sie zu einer Botschafterin der deutschen Bierkultur. Liu Changyus Annäherungsversuche hatten aber letztlich dennoch keinen Erfolg.

Während der Sendung seufzte der Moderator Meng Fei (孟非), als er das Deutschland-Special mit anderen Folgen verglich: „Die können toll über ihren Beruf und ihr Spezialgebiet reden, aber kaum über alltägliche Interessen. Dabei kommt nicht rüber, dass sie hier auf Brautschau sind und um über ihre Gefühle und Liebe zu sprechen.“ Sowohl die männlichen als auch die weiblichen Kandidaten sprachen über ihren Beruf mit größerer Begeisterung als über die Partnerwahl. „Die Kandidaten der Deutschlandausgabe wirkten ernst und steif, als wären sie allesamt Ingenieure oder Philosophen“, meinte Meng Fei. Er habe das Gespräch immer wieder auf die eher lockeren und prickelnden Themen lenken müssen, über die man bei einem Date normalerweise sprechen würde.

Kennt die Liebe kulturelle Grenzen?

Können auch Ausländer in einer Dating-Show wie Feicheng Wurao ihre wahre Liebe finden? Aus sprachlichen Gründen waren die ausländischen Kandidaten meist Sinologen oder hatten für einige Zeit in China studiert oder gearbeitet. So konnten sie die Fragen der 24 Frauen auf der Bühne auf Chinesisch beantworten. Dani aus Frankfurt hat jeweils einige Jahre in Xiamen und Nanjing gelebt. Sein Eindruck von den chinesischen Frauen: „Sie sind herzlich, unschuldig und haben eine gute Figur.“

Doch diese Witzeleien kamen nicht gut an, und so löschten einige Kandidatinnen unmittelbar ihr Licht um den Kreis der Bewerberinnen zu verlassen. Bei den übriggebliebenen Kandidatinnen entfesselte sich eine Diskussion darüber, wie tief und dauerhaft eine interkulturelle Beziehung sein könne. Vielleicht muss Dani erst seine Vorurteile über chinesische Frauen über Bord werfen, um den Menschen zu finden, der am besten zu ihm passt. Um sich bei den Damen auf der Bühne einzuschmeicheln, fasste ein späterer Kandidat die Vorzüge der Frauen beider Länder folgendermaßen zusammen: „Deutsche Frauen sind unabhängig und unkompliziert, chinesische Frauen zärtlich und fürsorglich“. Allerdings bewirkte dieses Schubladendenken lediglich, dass sich nun alle Kandidatinnen verabschiedeten.

Ihre Vorstellung von chinesischen Männern beschrieb die deutsche Kandidatin Diana im Interview nach der Show: „Mir sind die chinesischen Männer sympathisch, weil sie so viel Respekt gegenüber ihren Eltern haben und sich mehr um andere kümmern. Mit einem passenden chinesischen mann hätte ich ein harmonisches Familienleben, wo jeder füreinander da ist.“ Die in Leipzig lebende Druckerin hat Sinologie studiert. Obwohl sie mehrere Kandidaten zu gleich zu Beginn zu ihrer „Traumfrau“ erwählt hatten, war für sie in den ersten beiden Folgen der Richtige noch nicht dabei. Dass sie etwas älter war als die männlichen Kandidaten, sah Diana nicht als Problem: „Viele wirken schon sehr reif und gefestigt, obwohl sie noch nicht einmal dreißig Jahre alt sind. Viele Gleichaltrige aus dem Westen denken da noch nicht an den Ernst des Lebens.“

So kann man sagen, dass sich die Vorstellungen von Deutschen und in Deutschland lebenden Chinesen bei der Partnersuche gar nicht so sehr unterschieden, wie man es hätte vermuten können. In den gut zehn Minuten Präsentationszeit, in denen man sich über Interessen und Hobbys austauscht oder auslotet, was der andere zum Thema Familie denkt, wollte man vor allem eines klären: Will man langfristig in China leben oder sich zusammen weiter im Ausland durchschlagen?

Reality? Show?

Feicheng Wurao ist eine der populärsten TV-Sendungen in China. Von Januar 2010 bis heute hat sie sich im Ranking der Einschaltquoten konstant unter den Top Drei gehalten. Das Geheimrezept für diesen sensationellen Erfolg liegt in der Verbindung der Programmformate von Dating- und Reality-Show. Die 24 Kandidatinnen auf der Bühne sind meist starke Persönlichkeiten und unter ihnen finden sich nicht selten professionelle Models und Schauspielerinnen. So ergeben sich immer kontroverse Gesprächsthemen über Lebenseinstellungen und Wertvorstellungen, bei denen das Publikum sieht, wie unterschiedlich junge Leute über Geld, Liebe, Ehe und Zukunft denken. Die Sendung hält damit der Gesellschaft immer wieder den Spiegel vor und hat so schon manche Diskussion über Materialismus und Partnersuche ausgelöst. Ein Spiegel der Realität ist sie deshalb aber noch lange nicht, denn weder repräsentieren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Show einen Querschnitt der chinesischen Gesellschaft, noch läuten für viele der Paare, die sich in der Show finden später die Hochzeitsglocken.

Dies war auch bei der Deutschland-Ausgabe nicht anders. Der Kandidat Zhang Junjie (张俊杰), beispielsweise, der in der ersten Folge die „göttliche“ Yuchuan Lüye (于川绿野) heimführen durfte, fand sich nach der Sendung nicht im Siebten Himmel, sondern im öffentlichen Streit mit seiner „Auserwählten“, der auf dem Mikroblog Weibo viele Gemüter erregte. Und somit begrenzte sich der „Erfolg“ der Show letztlich doch auf deren Unterhaltungswert für die Zuschauer.

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