Heilende Wunden? Psychotherapie und die Aufarbeitung der Kulturrevolution

Propaganda-Poster der Kulturrevolution: Rote Garden mit „Mao-Bibel“
Propaganda-Poster der Kulturrevolution: Rote Garden mit „Mao-Bibel“ | Foto: ©ImagineChina

Einige chinesische Psychotherapeuten wenden heute psychoanalytische Theorien an, um den traumatisierten Opfern der Kulturrevolution zu helfen. Auch deutsche Forscher gehen der Frage nach, auf welche Weise die Kulturrevolution das seelische Leben der Chinesen über Generationen hinweg untergründig beeinflusst.

Ein Psychotherapeut lässt einen Mann mittleren Alters das eigene Leben durchgehen, als würde er ein Videoband vor- und zurückspulen. Dabei soll er dasjenige Ereignis aufspüren, das ihn am tiefgreifendsten beeinflusst hat, den „Knotenpunkt“, wie es die Psychotherapeuten nennen. Allmählich öffnen sich die Pforten der Erinnerung: Zuerst erinnert sich der Mann an eine Szene, als er zehn Jahre alt war und vom Vater mit einem Gürtel geschlagen wurde. Bei seiner Schilderung beginnt der Mann am ganzen Körper zu zittern und kann die Tränen nicht mehr zurückhalten. Als der Psychotherapeut nachfragt, ob weitere Bilder auftauchen, findet seine Vorstellung zurück ins Alter von fünf Jahren; auf einmal verändert sich die Körperhaltung, und während er mit unkontrollierten Bewegungen die Augen bedeckt, ruft er in einem fort mit einer plötzlich ganz infantilen Stimme: „Angst, Angst!“ Gefragt, was er vor sich sehe, schildert er, wie zur Zeit der Kulturrevolution die Roten Garden in sein Haus stürmen, seinen Vater, den er stets als starke Autorität erlebt hatte, in den Hof zerren, ihn auf die Knie zwingen und mit einem Ledergurt mit Metallschnalle verprügeln.

Dies ist nur ein alltäglicher Fall unter den zahlreichen Konsultationen, die der Psychologe Shi Qijia (施琪嘉) im Jahr 2010 vorgenommen hatte. Seit zehn Jahren versucht der Leiter des Instituts für Psychohygiene in Wuhan, die Frage zu beantworten, auf welche Weise die Kulturrevolution, deren Ende bald vier Jahrzehnte zurückliegt, bis heute untergründig das seelische Leben der Chinesen beeinflusst. Diese Arbeit ließe sich mit dem Wort „Einsamkeit“ umschreiben: Stets im Untergrund arbeitend, konnte er diesbezüglich kaum wissenschaftliche Arbeiten publizieren und auch höchst selten an öffentlichen Diskussionen teilnehmen; die Forscher in seinem Feld waren an den Fingern abzuzählen. Die einzige Unterstützung, die der kleinen Gruppe chinesischer Wissenschaftler zukam, kam aus Deutschland. Gemeinsam versuchten chinesische und deutsche Forscher, die Folgen der Kulturrevolution anhand psychoanalytischer Theorien zu betrachten, und die bald zwanzig Jahre andauernde Forschungszusammenarbeit brachte zutage, dass die Psychotraumata der Kulturrevolution nicht allein die unmittelbar Betroffenen beeinflussen, sondern sich auch auf deren Kinder und sogar auf weitere Generationen auswirken. „Die Kulturrevolution ist eine Wunde der gesamten Volksgemeinschaft die noch immer eitert und deren Schmerzen bis heute nicht verheilt sind. Dieses Gedächtnis muss unbedingt eine heilende Behandlung erfahren“, hält Shi fest.

Freud: Von der Berliner Mauer zur Kulturrevolution

„Die zahlreichen Studien zu Überlebenden aus der Zeit vom Zweiten Weltkrieg bis zum Bau der Berliner Mauer geben uns eine gewisse Erfahrungsbasis zur Beobachtung ähnlicher Fälle aus der Zeit der Kulturrevolution“, meint Antje Haag. Im Jahr 1988 kam Haag zum ersten Mal als Dozentin nach China. Es fiel ihr auf, dass ein Teil ihrer Studenten aus Männern über fünfzig bestand – Psychotherapeuten, die ihren Beruf während der Kulturrevolution nicht hatten ausüben dürfen – während die anderen alle noch unter dreißig waren. Diese deutliche Jahrgangslücke rührte daher, dass viele Hochschulen während der Kulturrevolution geschlossen worden waren. Die deutsche Psychoanalytikerin war sehr berührt von dem großen Interesse, das die Studierenden der Freud’schen Psychoanalyse entgegenbrachten.

Für die Studierenden war es ein wichtiges Anliegen, das Gelernte sobald als möglich anzuwenden, um die Wunden ihrer Zeit zu heilen. Im Jahr 1982 hatte Margarete Haaß-Wiesegart, später Gründerin der Deutsch-Chinesischen Akademie für Psychotherapie, in Peking, Chengdu und Shanghai psychiatrische Anstalten besucht und festgestellt, dass die meisten Insassen schwere Psychosen hatten, deren Wahnvorstellungen und Halluzinationen von politischen Kampagnen herrührten. Im Jahr 1997, als das Chinesisch-Deutsche Fortbildungsprogramm für Psychotherapeuten offiziell startete, wurde mit deutscher Hilfe die Psychoanalyse in die Studien kulturrevolutionärer Psychotraumata mit einbezogen. Im Jahr 1999 begann Antje Haag, die sich in Deutschland mit Psychotraumata der Sinti und Roma beschäftigt hatte, zusammen mit sechs chinesischen Studierenden mit der Erforschung kulturrevolutionärer Psychotraumata.

„Somatisierung“ und Gedächtnisviren   

1980 hatte der amerikanische Mediziner und Ethnologe Arthur Kleinman in der Provinz Hunan hundert Patienten mit Nervenschwäche konsultiert. Dabei war ihm aufgefallen, dass die meisten Schädigungen in der Kulturrevolution entstanden waren, durch die Zerstörung von Familien, Arbeitslosigkeit, Verlust eigener Kinder und vieles andere mehr. Einige der Betroffenen wiesen körperliche Schmerzen wie Migräne, Gastralgien oder Herzkreislaufprobleme auf. Kleinman bezeichnete solche Schmerzen als „Somatisierung“ – wenn der Schmerz des Einzelnen nicht gelöst werden kann, äußert er sich auf der Ebene des Körpers. „Somatisierung ist für die Menschen jener Generation zum hauptsächlichen Ausdruck des durchlebten Leids geworden.“

Abgesehen davon entdeckte der Psychoanalytiker Tomas Plänkers in China, dass ältere Menschen über mehrere Jahrzehnte mit ihrer Vergangenheit zu kämpfen haben: Ständige Schuldgefühle, Angst, Nervosität oder Panikzustände aufgrund körperlicher Gewalt brachten sie dazu, einen Teil ihres Gedächtnisses auszublenden. „Solche Traumata sind wie Viren im Computer; sie lauern irgendwo im System und brechen aus, sobald sich eine Gelegenheit ergibt; außerdem können sie andere Computer mit infizieren“, beschreibt Plänkers die Eigenschaft des psychotraumatisierten Gedächtnisses. „Niemand weiß, wann es zu einem plötzlichen Kollaps kommt.“

Generationsübergreifende Infektionen 

„Traumata sind ein Erbe.“ In seiner langjährigen Forschungsarbeit kam PD Dr. Alf Gerlach zu dem Schluss: Kollektive Traumata verbleiben keinesfalls nur bei den direkt Betroffenen, sondern werden an deren Kinder und auch an nachfolgende Generationen weitergegeben. „Kinder von Überlebenden wachsen in einer doppelten Realität auf, ihrer eigenen und derjenigen der traumatisierten Vergangenheit ihrer Eltern.“

E. war ein deutscher Patient Alf Gerlachs. Sein Vater hatte bei den Nationalsozialisten gedient und sich für den Kampf gegen die Sowjetunion begeistert, seine Mutter war ebenfalls Nationalsozialistin. Diese Vergangenheit belastete E. in Form von unlösbarer Schande und Verzweiflung. Verletzung und Schmach des Vaters gaben ihm das Gefühl, von klein auf „auf schmerzliche Weise abgewiesen zu werden“. Daher sah er sich als den hoffnungslosesten Menschen, wurde neurotisch und aggressiv.

Der Vater hatte seine psychische Bürde auf den Sohn übertragen – diesen psychologischen Mechanismus nennt Alf Gerlach eine „intergenerationale Autorisierung“, deren traumatische Folgen bei den Nachfahren am deutlichsten in einer Beeinträchtigung der Denk- und Memorationsfähigkeit auftreten. „In Deutschland wie in China treten Kinder in die Falle der elterlichen Vergangenheit, reproduzieren deren Verletzungen und vermögen somit keine echte Anerkennung ihrer Selbst zu gewinnen“, erklärt Gerlach.

Das Erbe von Traumata und Gewalt wird über Generationen hinweg unmerklich weitergegeben. Die Psychologin Wu Li (吴莉) sagt, sie habe in ihrer Beschäftigung mit der Kulturrevolution gelernt, mit dieser Geschichte und dem latenten Trauma ihres verstorbenen Vaters umzugehen und stellt fest: „Im Grunde therapiere ich mich selbst.“