Fokus: Stadtwärts! Landwärts! Ich wurde geboren, um über die Dörfer zu schreiben

Höhlenhaus nahe Yan’an, Shaanxi Provinz
Höhlenhaus nahe Yan’an, Shaanxi Provinz | Foto: © ImagineChina / Zhao Pengfei (赵鹏飞)

In einem Bauerndorf aufgewachsen, steht für Jia Pingwa das Schreiben über die Probleme der Landbevölkerung im Mittelpunkt seines literarischen Schaffens. Sein Werk stellt eine „Geschichte Chinas der vergangenen hundert Jahre“ dar.

Als ich neunzehn Jahre alt war, habe ich mein Dorf verlassen und wurde zu einem Stadtbewohner. Dies war für mich, als würde meine Nabelschnur durchtrennt. Dennoch bin ich natürlich der Sohn meiner Mutter geblieben. In all den Jahrzehnten, während derer ich seither in der Stadt geschrieben habe, drehten sich nahezu alle meine Werke um das Leben auf dem Land. Denn schließlich lebten ja meine Eltern und Geschwister immer noch im Dorf, ich kam häufig zu Besuch, und auch sie haben mich in der Stadt besucht. Die Veränderungen der ländlichen Gebiete kenne ich wie meine Westentasche. Und gerade dadurch, dass ich lange in der Stadt gelebt habe und die bäuerlichen Gebiete auch aus einem städtischen Blickwinkel zu betrachten vermag, kann ich sie umso besser verstehen.

Die chinesische Reformpolitik nahm in den ländlichen Gebieten ihren Anfang, ja im Grunde lässt sich sagen, dass alle Errungenschaften und auch alle Schwierigkeiten der Reformpolitik letztlich aus den ländlichen Regionen hervorgehen. Aus einem städtischen Blickwinkel die ländlichen Regionen zu betrachten (dasselbe gilt auch umgekehrt), bedeutet eigentlich erst, China als Ganzes zu betrachten. In den vergangenen Jahrzehnten habe ich daher eine große Anzahl Bücher geschrieben, darunter anfangs die Ersten Aufzeichnungen aus Shangzhou (商州初录) und die Turbulenzen (浮躁), später Die Leute von Jiwowa (鸡窝洼人家) und Der Himmelshund (天狗), sowie die neueren Werke Alter Herd (古炉), Shaanxi Oper (秦腔) und Mit der Leuchte (带灯). Obschon einige meiner Bücher, wie etwa Ruinierte Stadt (废都)、Glücklich (高兴) und Tumen (土门) in einem städtischen Umfeld spielen, geht es dennoch immer um Geschichten von Menschen, die vom Land stammen. Kritiker haben mein literarisches Werk insgesamt als eine Geschichte Chinas der vergangenen hundert Jahre bezeichnet.

Die Probleme der ländlichen Gebiete drehen sich stets um die Frage der Bodennutzung. In den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, nach der Ausrufung der Volksrepublik durch die kommunistische Partei, verteilte man als erstes den Boden reicher Grundbesitzer an mittellose Bauern. Anschließend wurde aber der gesamte Bodenbesitz wieder eingezogen und verstaatlicht, gleichzeitig führte man die Volkskommunen ein. Noch später wurde der Boden dann von neuem an die Bauern verteilt, welche ihn fortan im Vertragsanbau bewirtschaften konnten; das war zur Zeit der Reformpolitik. Im weiteren Verlauf bis heute durfte der Boden allmählich wieder aufgekauft und von Seiten der Regierung oder von Privatunternehmern kommerziell erschlossen werden. Der Boden, der auf diese Weise in endlosen Revolutionen immer wieder verteilt, eingezogen und von neuem verteilt wurde, blieb nach wie vor der Boden, den die Bauern bewirtschafteten. Die Revolutionen jedoch haben in China große Umwälzungen verursacht, und die Schicksale der ländlichen Bevölkerung waren diesen Veränderungen gänzlich ausgeliefert.

Es darf nicht vergessen werden, dass die chinesische Kultur im Grunde immer eine bäuerliche Kultur gewesen ist; all ihre Vorzüge und all ihre Mängel sind letzten Endes auf die Landwirtschaft zurückzuführen. Vieles, was sich in China ereignet, einschließlich der Art und Weise, wie Angelegenheiten gehandhabt werden, scheint Ausländern oft deshalb schwer verständlich, weil es einer solchen Kultur entspringt. Daher bin ich in drei Jahrzehnten den Spuren der Veränderungen Chinas nachgegangen und habe das wechselhafte Schicksal dieser Zeit aufgezeichnet, indem ich das Leben und Denken der Menschen beschrieb, einschließlich der kulturellen Hintergründe, die den gesellschaftlichen Spannungen und Konflikte zugrunde liegen.

Ausgangspunkt meines Schreibens bildet fast immer mein Heimatdorf, ein Ort namens Shangzhou (商州). Dieser Flecken hat in den vergangenen hundert Jahren sehr wechselhafte Zeiten erlebt, teils mit ergreifend schönen Geschichten, teils mit Geschichten, die zu Trauer und Ohnmacht Anlass geben. Im Laufe der Reformpolitik hat dieser Ort aus tiefer Armut heraus in den Wohlstand gefunden, doch der Wohlstand führte letztlich zu einem immer konfliktträchtigeren Zustand fehlender Ordnung. Es war nicht etwa so, dass materieller Wohlstand und steigende Bildung der Landbevölkerung Ruhe und Stabilität mit sich brachte. Vielmehr sind die Menschen nun immer weniger bereit, die steigende Diskrepanz zwischen Arm und Reich, erlittene Ungerechtigkeiten und die grassierende Korruption noch weiter zu erdulden.

Früher hatte jedes Dorf seine Tempel und Ahnenhallen, es gab eine Dorfregierung und eine Polizeistation, so konnte man sich bei Konflikten außer an Regierung und Polizei auch noch an religiöse Stätten wenden. Im Tempel konnte man vor einer Gottheit ein Gelübde ablegen, in den Ahnenhallen wurde diskutiert, was rechtens sei. Man führte ein Leben in höchster Armut, der Mensch besaß weder Freiheit noch Würde, doch insgesamt herrschte Ruhe und Ordnung. Seit Beginn der Reformen hingegen hat sich im Laufe weniger Jahrzehnte alles verändert. Alle streben nach Macht und Geld, es gibt keinen Glauben mehr, alle ethischen Werte sind abhandengekommen. Zwar lebt man nun im Wohlstand, doch innerlich sind die Bande verlorengegangen.

Während die jungen Leute in die Städte abwandern, bleiben die Dörfer wie leere Hüllen zurück. Der einzige Ausweg aus dieser Problematik bleibt heute der Weg in die Verstädterung der Dörfer, doch wie dies konkret geschehen soll, auf welche Weise aus einem Land mit 80 bis 90 Prozent Bauern in dörflichen Gebieten ein Land mit ebenso vielen Bauern in städtischen Zentren werden soll, das ist eine Frage, der China heute in der weiteren Ausführung der Reformpolitik gegenübersteht. Mein Bemühen gilt daher der Aufzeichnung solcher gesellschaftlichen Konflikte und dem gleichzeitigen Ergründen der damit verbundenen Stärken und Schwächen der chinesischen Kultur.

Dass ich in dieser Epoche lebe und die Umwälzungen der Gesellschaft persönlich erfahren habe, hat mein Schreiben nachhaltig geprägt. Ausgehend von meiner Heimat über die chinesischen Dörfer zu schreiben, und aus diesem Blickwinkel das heutige China zu reflektieren, ist zu meinem schriftstellerischen Schicksal geworden, zu meiner Berufung und meiner Verantwortung. Wenn China später einmal wirklich den Weg in die Verstädterung beschreitet und aus den Bauerndörfern etwas völlig anderes geworden ist, wenn sie noch schöner und wohlhabender sind, mit Menschen, die in Freiheit und Würde leben, oder umgekehrt noch beklagenswerter, dann hat das alles nicht mehr mit mir zu tun, dies zu beschreiben wird dann die Aufgabe nachfolgender Schriftsteller sein. Was ich hoffe ist, dass man später, in fünfzig oder in hundert Jahren, wenn man die Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert rückblickend betrachte, aus meinen Büchern noch die damalige Struktur der chinesischen Gesellschaft herauslesen kann und sieht, was für ein Leben die Menschen in China führten, wie sie dachten und fühlten.