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Fokus: Stadtwärts! Landwärts!
Ein Jahrhundert und fünf Generationen chinesischer Intellektueller auf dem Land

Ein Jahrhundert lang strömten junge chinesische Intellektuelle scharenweise in die ländlichen Gebiete, und nahezu jeder von ihnen sah sich mit demselben Problem konfrontiert: die unveränderte Rückständigkeit der chinesischen Bauerndörfer. Der Humanwissenschaftler Qian Liqun (钱理群) blickt zurück.

Von Qian Liqun

In der chinesischen Geschichte des 20. Jahrhunderts lässt sich eine geistige Linie beobachten, die über Generationen weitergetragen wurde: Ein fortwährender Aufruf „Geht in die Dörfer!“, der sich über ein ganzes Jahrhundert hinweg durchzieht.

Die Zeit der 4.-Mai-Bewegung

Kerngehalt der „Bewegung vom 4. Mai“ im Jahr 1919, eine geistige Quelle des modernen Intellektuellen, war die „Erweckung und Befreiung des Menschen“; Frauen, Kinder, auch die Bauern wurden als Menschen mit eigenständigem Wert entdeckt und anerkannt. Der chinesische Autor Lu Xun (鲁迅) schrieb im Rückblick auf jene Zeit: „Ich bin in einer städtischen Großfamilie aufgewachsen und war von klein auf unter Anweisung des Lehrmeisters über alte Schriften gebeugt, daher erschien mir die hart arbeitende Masse der Bevölkerung nur als so etwas wie Blumen oder Vögel. (…) Meine Mutter aber kam vom Land, und das gab mir ab und zu die Möglichkeit, mit Bauern in nahen Kontakt zu treten. So begann ich im Laufe der Jahre zu verstehen, wie viel Unterdrückung und Leid diese ihr Leben lang erfahren mussten - so ganz anders als Blumen und Vögel.“ Den Vorreitern des „4. Mai“ war also bereits bewusst, dass die Bauern nicht bloße „Blumen“ waren, sondern eigenständige, ernstzunehmende Menschen.

Ein anderer damaliger Denker, Li Dazhao (李大钊), verband die Befreiung der Bauern mit der Befreiung und Entwicklung des gesamten chinesischen Volkes und schrieb dazu in dem Artikel „Jugend und Landwirtschaftsgebiete“ (青年与农村): „Der größte Anteil der arbeitenden Bevölkerung besteht aus diesen Bauern; ohne sie zu befreien, lässt sich die moderne neue Zivilisation unmöglich von Grund auf in die Gesellschaft einführen, und das geht nicht anders, als dass wir die Intellektuellen und die Arbeiterklasse zu einem Stück zusammenschmieden.“ Daher gab er die Parole aus: „Wir Jugendlichen müssen aufs Land gehen“.

Die 30er Jahre

Während zur Zeit des „4. Mai“ das Ausmaß an Intellektuellen, die „aufs Land gingen“ noch relativ klein war, entwickelte sich die Tendenz in den 30er Jahren zu einer regelrechten Bewegung. Nach dem Scheitern der großen Revolution entwickelte sich die Idee „aufs Land zu gehen“ jedoch in zwei verschiedene Richtungen.

 

Die eine ging von der chinesischen KP und Mao Zedong (毛泽东) aus, welche der Meinung waren, das eigentliche Problem Chinas sei eine Frage des Systems. Es galt daher für sie, zuerst mit einer Revolution die politische Macht zu erlangen und dann das bestehende „halb feudale, halb koloniale Gesellschaftssystem“ von Grund auf umzuwälzen; nur so schien ein neuer Aufbau möglich. Auch die Probleme der Landwirtschaftsgebiete wurden in erster Linie als eine Frage der Landverteilung betrachtet. Die Revolution wiederum musste sich auf die große Masse der Landbevölkerung stützen können, und so startete die chinesische KP schließlich eine „Sowjet-Bewegung“, in der Scharen von Intellektuellen in die Landwirtschaftsgebiete strömten, um die Revolution anzufachen und Stützpunkte zu errichten.

Gleichzeitig gab es eine andere, von Yan Yangchu (晏阳初) und Liang Shumin (梁漱溟) geführte Gruppe von Intellektuellen, die sich in einer großflächigen Bewegung zum „Aufbau der Landwirtschaftsgebiete“ engagierten. Yan Yangchu war der Meinung, das Grundproblem der Agrargebiete Chinas sei die „Unwissenheit, Armut, Schwäche und der Eigennutz“ der bäuerlichen Bevölkerung; daher sei es wichtig, in vierfacher Hinsicht Aufklärung zu leisten: Durch eine „Literarische Aufklärung“ den Analphabetismus überwinden; durch „Aufklärung über den Lebenserwerb“ die wirtschaftlichen Entwicklung voranzutreiben; durch „Hygienische Aufklärung“ und ein Gesundheitssystems aufzubauen; durch „zivile Aufklärung“ ein ethisches Bewusstsein heranzubilden. Im Grunde handelte es sich um eine Idee der Erziehung und Umgestaltung des Menschen. Um diese Ideen zu verwirklichen, brach Yan mit einer Gruppe junger Menschen in die ländlichen Gebiete der Provinz Hebei auf und widmete sich fest ein Jahrzehnt reformistischen Experimenten.

Die 40er Jahre

Im Laufe des großen Exodus der gesamten Bevölkerung während der Japanischen Invasion in den 1940er Jahren brachen zahlreiche Intellektuelle aus den Städten in ärmere ländliche Regionen auf und erwarben dort im direkten Kontakt ein tieferes Verständnis für die Vordringlichkeit der Probleme der chinesischen Landwirtschaftsgebiete. Mao Zedongs Postulat „wenn sich die Intellektuellen nicht mit den Massen der Arbeiter und Bauern vereinigen, werden sie erfolglos bleiben“ fand unter Intellektuellen großen Anklang. Man empfand dies sozusagen als Gebot der Stunde, und nicht zuletzt ging es auch mit einer inneren Notwendigkeit einher – in der Brutalität des Krieges entwickelt der Mensch ein Gefühl von Einsamkeit, und gerade Intellektuelle fühlen sich dabei schwach und machtlos und sehnen sich nach Zugehörigkeit. So wurden denn die bäuerlichen Gebiete zu einem wahren Refugium für die im realen wie im geistigen Leben haltlosen Intellektuellen, und schließlich strömten massenhaft Menschen in die kommunistischen Stützpunktgebiete.

Diese Bewegung hängt klar mit der Tendenz der 1920er und 30er Jahre „aufs Land zu gehen“ zusammen, doch gibt es auch Unterschiede. Insbesondere das Verhältnis zwischen Intellektuellen und Bauern erfuhr eine subtile Verschiebung, denn der aufklärerische Leitgedanke der 20er/30er Jahre wich nach und nach einer Idee der Umformung. Mao Zedong forderte, dass sich „die Intellektuellen den Bauern angleichen“ sollten, was im Klartext bedeutete, dass man die Intellektuellen – und im selben Zuge ganz China – mittels der Mentalität der Landbevölkerung umformen wollte. Damit aber ließ man sich auf ein immenses Risiko ein. Doch immerhin lässt sich sagen, dass die Intellektuellen durch die Erfahrungen auf dem Lande ein vertieftes Verständnis für die Lage der gesamten Nation gewannen, was sie in ihrer Denkweise und auch gefühlsmäßig nachhaltig prägte. Außerdem wirkten sie auch entscheidend mit beim wirtschaftlichen Aufbau der Landwirtschaftsgebiete.

Die 50er und 60er Jahre

Unsere Generation von Intellektuellen mit Jahrgang in den 1950er/60er Jahren besteht durchwegs aus begeisterten Idealisten mit großem Enthusiasmus für den Aufbau des Vaterlandes und einem klaren Bewusstsein für die Notwendigkeit persönlicher Umgestaltung. Unser größter Jugendwunsch bestand darin, in jene Gebiete zu gehen, wo es das Vaterland am dringendsten benötigte und dort an den ärmsten Orten die ganze Kraft unserer Jugend einzusetzen. Dabei lässt sich nicht leugnen, dass die damalige Leitidee „wo die Partei uns hinweist, da gehen wir hin“ gerade die entscheidende Schwachstelle unserer Generation zum Ausdruck bringt: Wir waren alle, bewusst oder unbewusst, zu fügsamen Instrumenten der Partei geworden. So machte ich mich denn auch frohgemut auf den Weg, als ich nach Abschluss der Universität von der Partei-Organisation einer entlegenen Gebirgsregion in der Provinz Guizhou zugeteilt wurde, obschon diese Verschickung auch einen Beigeschmack von Bestrafung hatte (weil ich einen schlechten „familiären Hintergrund“ hatte). Doch dies war die Anordnung der Partei, und außerdem war ich von dem Gedanken getragen, dass „ein rechter Mann sich um die große Welt zu kümmern hat“.

Dort aber wurde ich nicht der untersten Schicht der Landbevölkerung zugewiesen, sondern einer Sonderzone, wo ich in Anshun (安顺) als Lehrer tätig war. Dies aber zog sich gleich ganze achtzehn Jahre hin, und so verbrachte dort die besten Jahre des Lebens, vom 21. bis zum 39. Altersjahr. Dennoch habe ich nichts zu bereuen. Ich konnte die Jahre der großen Hungersnot und das Desaster der Kulturrevolution in den untersten Schichten der chinesischen Gesellschaft miterleben und erlangte durch diese Erfahrungen einen wirklich tiefen Einblick in die chinesische Gesellschaft, der mein Denken und meine akademische Tätigkeit nachhaltig bestimmen sollte. Obschon ich nach der Wiedereinführung der Hochschulprüfung Ende der 1970er Jahre Guizhou verließ und auf die als „höchste Bildungsinstitution“ bekannte Peking Universität kam, ist Guizhou bis heute meine zweite geistige Heimat geblieben.

Die Zeit der Kulturrevolution

In der Kulturrevolution folgten die Jugendlichen dem Aufruf Mao Zedongs und gingen teils freiwillig, teils gezwungenermaßen aufs Land. Dies war die größte und folgenreichste Bewegung von Intellektuellen „auf die Berge und aufs Land“ (上山下乡) des vergangenen Jahrhunderts. Mao Zedong sagte ausdrücklich: „Es ist äußerst wichtig, dass Intellektuelle aufs Land gehen und bei den Bauern der Unter- und Mittelschicht eine neue Erziehung erfahren.“ Die Bewegung war in ihren Leitgedanken von einer stark anti-intellektuellen und populistischen Tendenz geprägt (Mao Zedong wurde nicht müde zu betonen: „Je mehr man liest, desto dümmer wird man“).

Doch bleibt es Tatsache, dass diese Generation durch ihre unmittelbare Sicht auf die „Probleme Chinas“ in den landwirtschaftlichen Regionen gezwungen war, „alles ganz neu zu überdenken und neu zu beurteilen“, einschließlich der grundsätzlichen Frage, „in welche Richtung China gehen soll“. Genau dieses Überdenken bildete denn auch die Basis für die folgende Phase der „Geistigen Befreiung“ und der „Reform und Öffnung“, und außerdem bereitete es auch die personellen Kräfte vor: Zahlreiche der heute tätigen Leitfiguren in unterschiedlichsten Gesellschaftsbereichen haben die „Verschickung aufs Land“ durchgemacht. Die unterschiedlichen Erfahrungen und Lehren, die sie aus dieser Zeit mitgenommen haben, spielen in ihren heutigen Ansichten und Entscheidungen immer noch eine wichtige Rolle. In gewisser Weise lässt sich sagen, dass die großflächige Verschickung Jugendlicher in landwirtschaftliche Regionen einen ganz direkten und tiefgreifenden Einfluss auf die Reformen der letzten zwei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts ausgeübt hat.
 

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