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Startups
Chinas neue Gründerinnen

Startup Live Vienna
Startup Live Vienna | Foto: Heisenberg Media, CC BY 2.0, via flickr

Wer sich dafür entscheidet, ein Unternehmen zu gründen, ist im Allgemeinen ein risikofreudiger Mensch. Von Neugier getrieben beschreitet man unbekannte, spannende Wege. Bei den Unternehmerinnen ist das nicht anders. Dabei müssen sie eine hohe Anpassungsfähigkeit und Durchsetzungskraft beweisen, um in einem männlich dominierten Dschungel ihren Platz zu finden.

Von Wang Jingjing (王晶晶)

Wir leben zweifellos in einer Gründerzeit. Immer mehr Leute um uns herum ziehen gleichsam über Nacht ihr eigenes Business auf. Sei es in der Gastronomie oder dem Bildungswesen, angefangen von Produkten für Mutter und Kind über intelligente Hardware bis hin zur Taxi-App – in allen Branchen herrscht Goldgräberstimmung. Mit schier unerschöpflicher Energie sucht man nach Lösungen für immer neue Herausforderungen und wächst dabei ständig über sich hinaus. Vor allem die Entrepreneurinnen befreien sich aus dem traditionellen Wertesystem und positionieren sich selbstbewusst gegen alle Widerstände. Immer mehr Unternehmerinnen rücken in das Heer der Selbständigen auf und tragen durch ihre neue Sicht der Dinge zur Vielfalt des Waren- und Serviceangebots bei.

Li Hui, Gründerin von MikeCRM: Mein Bonus der Jugend

„Im Bereich der Unternehmensdienstleistungen findet man Firmengründerinnen mit einem Anteil von etwa zehn Prozent etwas seltener vertreten als in anderen Sparten. Frauen sind auch nicht gerade im Vorteil, denn die rationale Art, mit der Männer die Dinge angehen, eignet sich besser für den Business-Service.“ Li Hui (李卉), Mitbegründerin des Customer-Relationship-Management-Systems MikeCRM (麦客) stellt das von Anfang an klar. Schließlich hat sie die Realität der Branche klar vor Augen. Allerdings sieht sie auch weibliche Stärken: „Was die Unternehmensführung, den Umgang mit den Mitarbeitern oder die Atmosphäre im Team anbelangt haben Frauen ein besseres Händchen.“

Li Hui, 1989 in der Provinz Hunan geboren, stieg noch während ihres Masterstudiums im Fach Intelligente Informationsverarbeitung an der Beijing University of Posts and Telecommunications (北京邮电大学) in die Geschäftswelt ein. „Schon im zweiten Jahr des Studiums habe ich mit der Selbstständigkeit experimentiert. Ich hatte noch nicht einmal meinen Abschluss. Wäre es schief gegangen, wäre es also halb so schlimm gewesen. Ich dachte mir immer, dass ich im Vergleich zu den anderen immerhin zwei Jahre im Vorsprung bin.“ Es war dieser Glaube an den Bonus ihrer Jugend, der ihr im Laufe der Geschäftsgründung geistigen Halt gab.

2013 ging MikeCRM im Internet offiziell an den Start. Das System ist ein einfach zu handhabendes Formulartool, mit dem Unternehmen Informationen sammeln und verwalten können. MikeCRM gibt den Unternehmerkunden und ganzen Teams neue Methoden bei der Verwaltung von Kundenkontakten und im Marketing an die Hand. Neben Li Hui hat MikeCRM noch zwei weitere männliche Mitbegründer. Alle drei kennen sich noch aus der Uni. Dadurch, dass jeder seine Arbeitsbereiche hat und auch aufgrund der geschlechtlichen Unterschiede ergänzen sich die drei Partner in idealer Weise. „Die Männer widmen sich der technischen Seite. Einer ist für die Back-End-Technologie verantwortlich und kennt sich mit der Systemstruktur aus, der andere ist für das Front-End zuständig und macht das integrierte Design. Dadurch sind meine Schwächen bereits gut kompensiert. Während sich die beiden mehr mit dem Produkt und der Technologie beschäftigen, liegen die Unternehmensführung, die Finanzen und das Marketing in meiner Hand.“

Li Huis Experimentierfreudigkeit zeigt sich nicht nur darin, dass sie neben dem Studium ein Unternehmen gegründet hat, man sieht es vor allem auch an ihren häufigen Ortswechseln: Seit der Gründung ist die Firma fast jedes Jahr umgezogen. Und das immer auf Initiative von Li Hui, die auch die Büros aussuchte. „Das erste Jahr waren wir in Peking. Am Ende des nächsten Jahres ging es weiter nach Shanghai. Eigentlich wollten wir uns dort auf Dauer niederlassen, aber dann zog es uns doch wieder zurück in die Hauptstadt. Im dritten Jahr wechselten wir dann nach Chengdu. Weil wir uns dort noch nicht auskannten, hatten wir ein Büro in ungünstiger Lage. Wir mieteten wieder neue Räume. Schließlich wollten wir den Weg zwischen Büro und Wohnung verkürzen und zogen noch einmal um.“ Li Hui konnte das Gründungsteam tatsächlich jedes Mal überzeugen, ihr quer durch das Land zu folgen. Das Team stand immer zu hundert Prozent hinter ihr. Am Standort in Chengdu geht es bei MikeCRM gegenwärtig vor allem um die Weiterentwicklung des Produkts. Die Kosten der Unternehmensgründung haben sie gut in den Griff bekommen. Im zweiten Halbjahr 2014 hat die Firma in Peking nun eine eigene Marketingabteilung eingerichtet, wodurch die Standortnachteile in Chengdu ausgeglichen werden. Wenn sie sich an die Wohnungssuche der vergangenen Jahre erinnert, meint Li Hui: „Ein Büro zu suchen ist für mich eine Routineangelegenheit. Außerdem habe ich bei der Besichtigung einen sicheren Instinkt. Wenn ich zurückdenke, haben die Räume immer unsere wichtigsten Bedürfnisse erfüllt, beispielsweise eine günstige Miete oder eine gute Verkehrsanbindung.“

Li Hui zieht es immer wieder an neue Plätze. Dass sie sich so gut an die jeweilige Umgebung anpassen kann, hat in ihren Augen etwas mit ihrem „familiären Umfeld“ zu tun. Die Grundschulzeit verbachte sie in ihrer Heimat in Hunan. Doch weil ihre Eltern in Shenzhen arbeiteten, ging sie dort später auf die Mittelschule. „Häufige Ortswechsel machen mir nichts aus. Ich finde mich gut in einer neuen Umgebung zurecht. Ich könnte an jedem Ort, ein neues Leben beginnen.“

Chen Anny von Kuaikan Cartoon: Kritik nehme ich gelassen hin

Ende 2014 sorgte Chen Annys Comicgeschichte Sorry, I just live a 1% life (对 不起,我只过1%的生活) auf dem Online-Portal Weibo für Furore. Chen Anny (陈安妮) rückte als Autorin des Videos mit einem Mal ins Licht der Aufmerksamkeit. Gleichzeitig ging die von ihr gegründete App Kuaikan Cartoon (快看漫画) online und wurde noch in den ersten 24 Stunden über 300.000 Mal heruntergeladen. Zwei Wochen später lag die Zahl der Downloads bei einer Million. Unter den großen Zuspruch, den Chen Anny erntete, mischten sich aber auch kritische Stimmen und Schimpftiraden. Inzwischen gibt es die Plattform seit mehreren Monaten und darauf angesprochen, was sich für sie in dieser Zeit verändert hat, muss Chen Anny nicht lange überlegen: „Ich bin reifer geworden. Ich gebe nicht mehr soviel auf die Meinung anderer, sondern mach mein eigenes Ding.“ Und wie geht sie mit Kritik um? „Ich bleibe gelassen. Die meisten kritischen Posts werden mir von Freunden weitergeleitet. Ich habe gar keine Zeit, mich darum zu kümmern.“ Schließlich kam erst im April dieses Jahres die neue Version von Kuaikan Cartoon heraus, wobei Chen Anny inzwischen mit einem Team von dreißig Leuten arbeitet.  

Chen Anny Anny , Jahrgang 1992, hat an der Guangdong University of Foreign Studies (广东外语外贸大学) studiert. Die aus der kantonesischen Region Chaoshan stammende Anny ist in den ersten zwanzig Jahren ihres Lebens nie über Südchina hinausgekommen. Im zweiten Studienjahr lieh sie sich für ein Grafiktablett Geld von Kommilitonen und begann Comics zu zeichnen. Die immer neuen Zeichnungen über das Campusleben waren bald überall bekannt und im April 2014 machte sich Chen Anny in Peking selbständig. Bei ihren Angehörigen, die anfänglich gegen ihr Vorhaben waren, musste sie allerdings erst Überzeugungsarbeit leisten. Doch heute steht die Familie hinter ihr.

Unter den in den 90er Jahren geborenen Unternehmerinnen gibt es viele Talente wie Chen Anny. Zum Beispiel Ma Jiajia (马佳佳), Gründerin des Sexshops Powerful (泡否): „Meiner Meinung nach haben es die Entrepreneurinnen nicht gerade leicht. Sie stehen noch unter einem viel höheren Druck als die männlichen Unternehmer.“ Auch Chen Anny hält es nicht für einen Vorteil, eine Frau zu sein, sondern eher für hinderlich: „Am Anfang ist es schwierig, sich durchzusetzen.“ Auf die Frauen angesprochen, die sich nicht selbständig machen, meint Chen Anny gelassen: „Jeder Mensch hat etwas, was er unbedingt machen will. Eine Unternehmensgründung ist wie jede andere Arbeit auch. Da gibt es keinen großen Unterschied.“

Chen Anny hält sich selbst für risikofreudig. „Das liegt in meinem Charakter. Ich möchte permanent etwas anderes machen, immer wieder etwas Neues ausprobieren“. Das ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass sie sich entschieden hat, ihr eigenes Unternehmen zu gründen.

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